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Archive for Juni 2010

Freiheit und Angst

In einem Interview der ZEIT mit Joachim Gauck, dem heute unterlegenen Kandidaten für das deutsche Bundespräsidentenamt, finden sich einige Passagen, die treffend etwas von dem ausdrücken, warum ich mich in der jüdisch-christlichen Tradition beheimatet fühle. Er sagt: “ Mir standen auf verschiedenen Etappen meines Lebens Worte zur Verfügung, die Menschen dazu brachten, den eigenen Kräften neu zu vertrauen oder sich von Ängsten zu verabschieden.“ So möchte ich unsere Tradition, meinen Glauben ins Spiel bringen – in Worten, die Ängste vertreiben und Kräfte freisetzen.

Auf die Frage, was für ihn konservativ heisse, antwortet Gauck: „Ich stehe in einer Tradition, wonach die Menschen, seit es die Schrift gibt – vielleicht sogar noch länger –, darüber Rechenschaft abgelegt haben, was der Sinn des Daseins ist. Als ein glaubender Mensch übernehme ich diese Werte aus einer jüdisch-christlichen Tradition. Das habe ich nicht erfunden, das hat keiner der Gegenwärtigen erfunden.“

Was das für ihn heisst, beschreibt er dann so: „Ich glaube, dass Menschen überhaupt nicht davon satt werden, wenn sie nur materiell satt gemacht werden. Sie werden glücklich – und das meine ich in diesem Falle mit »satt« –, wenn sie sich als Bezogene definieren, wenn sie Freiheit als Freiheit für etwas und zu etwas definieren.“ Weil es Sinn nicht einfach gibt, sondern Sinn immer neu entsteht, wo wir uns in Beziehung erleben, zu Gott und zu den Menschen, darum ist echte Freiheit niemals absolute, beziehungslose Freiheit, sondern immer die Freiheit, sich an etwas zu binden und in Beziehung zu treten, für etwas Verantwortung zu übernehmen. Sinn entsteht nicht dadurch, dass ich mir alle Optionen offenhalte, sondern dadurch, dass ich Optionen ergreife, weil sie für mich Sinn machen.

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Selbstvertrauen und Dankbarkeit

30. Juni 2010 2 Kommentare

Ich preise dich, dass ich so herrlich,

so wunderbar geschaffen bin;

wunderbar sind deine Werke,

meine Seele weiss dies wohl.

Psalm 139,14

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„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ (Bonhoeffer)

28. Juni 2010 10 Kommentare

Dieser Satz aus den Gefängnisbriefen Dietrich Bonhoeffers verdeutlicht, wie sehr wir am Geheimnis des Göttlichen vorübergehen, wenn wir uns in Debatten über seine Existenz verlieren. Über Gott lässt sich durchaus vernünftig diskutieren, aber das göttliche Geheimnis lässt sich nicht in Lehrsätzen erfassen. Wenn Menschen über Gott reden, dann machen sie sich immer schon ein Gottesbild – und dies widerspricht dem Bilderverbot, auch wenn wir gar nicht anders können, als uns Bilder zu machen. Das Göttliche nicht in unseren Bildern einfangen, sein Geheimnis hüten – das ist das Entscheidende. Rechthaberei und Absolutheitsansprüche trennen uns von Gott. Die Tradition der Mystik hat sich um die Wahrung des göttlichen Geheimnisses bemüht. Mystik ist nicht unvernünftig, aber sie denkt die Grenzen der Vernunft mit und bewahrt uns davor, unsere vermeintlichen Gotteserkenntnisse mit Gott zu verwechseln.  Einen lesenswerten Beitrag zu dieser Thematik hat Karen Armstrong in der ZEIT geschrieben http://www.zeit.de/2010/26/Modernes-Gottesbild?page=all .

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Glück

Glück

Was sind all die Schätze dieser Welt verglichen mit dem Glück, einen Menschen zu finden, dem ich vertrauen kann? Was sind die die grossartigsten Gedankengebäude im Vergleich zu einem Menschen, der mich umarmt? Was sind die herausragendsten Leistungen angesichts dessen, der mich gegen das Unrecht verteidigt? Was sind alle Genüsse dieser Welt im Vergleich zu einem vertrauten Gespräch unter Freunden? Was sind die stolzesten Traditionen angesichts eines Menschen, der bereit ist, mit mir etwas Neues zu wagen?

Einfache Fragen – naheliegende Antworten. Und doch vergessen wir sie in unserem Lebensalltag so oft. Was auch immer wir erreichen wollen, welche Ziele wir auch verfolgen – nie dürfen wir vergessen, dass es die Menschen sind, auf die es ankommt, nicht die, die uns nützlich sind, sondern die, die uns brauchen. Denn die nützlichen Menschen nützen oft nichts mehr, wenn wir sie wirklich brauchen. Und wenn wir andere unter dem Aspekt ihres Nutzens betrachten, werden wir die Menschen übersehen, die wirklich wichtig für uns sind. Wichtiger als alle Gedankengebäude und Erkenntnisse, ja wichtiger noch als unsere religiösen Erkenntnisse und Glaubenssätze sind die Menschen.

Meister Eckhardt hat es wunderbar formuliert:
„Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenübersteht, das notwendigste Werk ist stets die Liebe.“

Und nicht weniger treffend die grossartige Lyrikerin Rose Ausländer:

Die Menschen

Immer sind es
die Menschen

Du weisst es

Ihr Herz
ist ein kleiner Stern
der die Erde
beleuchtet

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Sehnsucht nach Liebe

Sehnsucht nach Liebe

Jeder Mensch sehnt sich nach Liebe, nach einer Liebe, die nicht an Bedingungen geknüpft ist, nach einer Liebe, die nicht immer aufs Neue gefährdet ist und nur auf Widerruf gilt. Wir spüren die Sehnsucht nach Liebe, die zu uns gehört und uns menschlich macht und zugleich erfahren wir, dass wir solche Liebe einander nicht geben können. Ja, mehr noch, wir müssen erkennen, dass je mehr wir von einander die Erfüllung unserer Sehnsucht nach Liebe erwarten, wir einander überfordern und die Liebe, die wir suchen, oft gerade gefährden. Denn dann machen wir den anderen für unsere Enttäuschungen verantwortlich, sehen sie als Zeichen, dass der andere uns zuwenig liebt oder aber, dass wir eben nicht liebenswert sind. Doch kaum etwas kann die Liebe stärker gefährden als Vorwürfe und Forderungen nach Liebesbeweisen. Liebe lässt sich nicht einfordern oder erzwingen.
Muss sich dann aber unsere Sehnsucht nach Liebe nicht auf etwas richten, das unsere menschlichen Beziehungen übersteigt? Gibt es einen solchen Ort, ein solches Wesen, eine solche Kraft, wo diese Sehnsucht nach Liebe gestillt wird, wo ich mich wirklich bedingungslos geliebt wissen darf? „Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ heisst es im 1. Joh.
Unser Glaube ist Vertrauen auf eine bedingungslose Liebe, die uns von allem Anfang an und bis in alle Ewigkeit gilt, auf ein Ja, das all unserem Tun vorausgeht. Wir dürfen unser Lebensschiff festmachen in dieser Liebe. Dann wird die Liebe derer, die uns wichtig sind, entlastet davon, meine Existenz, mein Selbstwertgefühl, meinen Lebenssinn allererst begründen zu müssen. Liebe kann dann freier werden von Erwartungen und Ansprüchen. Enttäuschungen stellen dann nicht mehr alles in Frage. Und wer vom anderen nicht alles erwartet, wird freier, ihm offen zu begegnen. Glauben heisst: Vertrauen auf Gottes bedingungslose Liebe und loslassen: Erwartungen, Forderungen, Ansprüche. Wer loslassen kann, kann sich als freier Mensch auf diese Welt einlassen, auf eine Liebe die menschenmöglich ist, auf Scheitern und Neubeginn, auf dankbar erlebtes Glück und auf den Schmerz unausweichlicher Verletzungen. Wer dieser bedingungslosen Liebe vertraut, kann Liebe geben und Liebe empfangen. Und darin tun wir Gottes Willen.
Wie solche Liebe sich auf unser Leben auswirkt, das können wir nur ausprobieren und das kann jeder und jede für sein eigenes Leben nur selber entdecken. Ich möchte deshalb nur mit einigen Fragen einladen, sich auf diesen Entdeckungsweg zu begeben.
1. Angenommen, du würdest tatsächlich bedingungslos geliebt – was würde sich dadurch in deinem Leben verändern?
Wen oder was könntest du dann vielleicht in einem neuen Licht sehen? Dich selbst oder einen anderen Menschen oder bestimmte Erfahrungen, gegenwärtige oder längst vergangene?
2. Wenn Gottes bedingungslose Liebe dich tatsächlich frei machen würde, Erwartungen und Ansprüche loszulassen – welche Erwartungen und Ansprüche würdest du dann zuerst loslassen? Und wer würde das als erstes merken und woran? Woran würdest du selber erkennen, dass du loslassen kannst? Wo und wann ist dir das vielleicht schon gelungen?
3. Worin könnte sich in deinem gegenwärtigen Leben die Liebe zu Gott zeigen? Welchem Menschen möchtest du dich neu zuwenden? Welche Schritte tust du dabei konkret?

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Willkommen im Atemhaus

  

  

   

Willkommen im Atemhaus

  

Mein Blog wünsche ich mir als ein Atemhaus – in Anlehnung an ein wunderbares Gedicht von Rose Ausländer -, ein Atemhaus, in dem viel Luft und Raum ist und sich unsichtbare Brücken spannen aus Worten und Gedanken. Als reformierter Theologe und Pfarrer bin ich beheimatet in der christlichen Tradition. Ich schätze an dieser Tradition die Offenheit für für vielfältige Formen spiritueller Suche. Im Atemhaus finden Menschen Denkanstösse, die sich auf eine spirituelle Suche einlassen und die sich bereichern lassen wollen durch unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Sichtweisen. Und hoffentlich entsteht hier ein Gespräch, das geprägt ist von einem offenen und achtsamen Umgang miteinander, wo wir Gemeinsames entdecken und Trennendes respektieren können.  

 

IEin m Atemhaus

   

  

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