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„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ (Bonhoeffer)

Dieser Satz aus den Gefängnisbriefen Dietrich Bonhoeffers verdeutlicht, wie sehr wir am Geheimnis des Göttlichen vorübergehen, wenn wir uns in Debatten über seine Existenz verlieren. Über Gott lässt sich durchaus vernünftig diskutieren, aber das göttliche Geheimnis lässt sich nicht in Lehrsätzen erfassen. Wenn Menschen über Gott reden, dann machen sie sich immer schon ein Gottesbild – und dies widerspricht dem Bilderverbot, auch wenn wir gar nicht anders können, als uns Bilder zu machen. Das Göttliche nicht in unseren Bildern einfangen, sein Geheimnis hüten – das ist das Entscheidende. Rechthaberei und Absolutheitsansprüche trennen uns von Gott. Die Tradition der Mystik hat sich um die Wahrung des göttlichen Geheimnisses bemüht. Mystik ist nicht unvernünftig, aber sie denkt die Grenzen der Vernunft mit und bewahrt uns davor, unsere vermeintlichen Gotteserkenntnisse mit Gott zu verwechseln.  Einen lesenswerten Beitrag zu dieser Thematik hat Karen Armstrong in der ZEIT geschrieben http://www.zeit.de/2010/26/Modernes-Gottesbild?page=all .

Kategorien:Gottesbilder, Mystik, Theologie Schlagwörter: , ,
  1. Rosmarie
    29. Juni 2010 um 20:04

    Das Göttliche nicht in unseren Bildern einfangen-sein Geheimnis hüten !
    Können wir über Gott reden ohne unsere eigenen Bilder?
    Mehr allein oder zusammen schweigen? Weniger aktiv sein?

    Glück? Besser als meister Eckehardt könnte ich es nicht sagen.

    Sehnsucht nach Liebe: den Entdeckungsweg finde ich schwierig.Sich darauf ein zu lassen braucht Zeit und Hilfe ev. durch Auslegung von Bibeltexten.

    • 29. Juni 2010 um 20:27

      Liebe Rosmarie,

      danke für deinen Kommentar – den ersten im Atemhaus. Das göttliche Geheimnis hüten wir, denke ich, wenn wir unsere Bilder als Bilder erkennen und daneben Raum lassen für andere Bilder. Ohne Bilder kommen wir tatsächlich nicht aus, aber wo diese Bilder absolut gesetzt werden, zu Dogmen erstarren, da werden die Bilder zum Götzen. Vielleicht sollten wir tatsächlich mehr Raum für das Schweigen und Empfangen lassen – nicht zuletzt in unseren wortlastigen Gottesdiensten – oder auch für das Singen, den Klang. Aber auch der Austausch über unsere bilder des Göttlichen ist wichtig.

      Herzliche Grüsse

      Bernd

  2. 30. Juni 2010 um 15:25

    Lieber Bernd,
    wie schön dass ich nun auch von Deinem Blo,g weiss! Das ist grossartig.
    Dieser Artikel spricht mir so aus der Seele. Ich bin auch mit Gottesbildern versöhnt, weil ich spüre wie begrenzt sie sind. Indem ich ihre Grenzen und ihre Ohnmacht anerkenne, sind sie gar kein „Frevel“ mehr, und sie bieten auch keinen Anlass für Dogmatismus oder Fanatismus. Ich kann diese Bilder berühren und mich berühren lassen, und weiss doch im Herzen dass jenseits davon das Göttliche schimmert. Deswegen kann es auch, glaube ich, nicht darum gehen Gottesbilder kategorisch abzulehnen. Aber ihre Begrenzung zu erkennen, das ist wichtig. Das heutige Gottesbild vieler freier Spiritueller, das sich radikal von dem väterlichen personalen Gott trennt, hat ja auch seine Berechtigung – unwohl wird mir nur dort wo es sich eben nicht als Gottesbild erkennt, und genau diese Verwechslung vornimmt vor denen uns die Mystik warnt.
    Ich würde also auch meinen wir brauchen nicht unbedingt neue Gottesbilder, sondern mehr Erkenntnis ihrer Begrenztheit und mehr Mut jenseits der Bilder Erfahrungen zu machen.
    Viele liebe Grüße
    Giannina

    • 30. Juni 2010 um 15:56

      Liebe Giannina,
      über Deine zustimmenden und vertiefenden Gedanken freue ich mich.
      Ich denke, dass nicht nur unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Gottesbildern finden und einander damit bereichern können. Auch bei mir selbst finden sich verschiedene Bilder, die einander ergänzen, manchmal aber auch in Spannung zueinander geraten. So sind mir in Bezug auf das Göttliche zuerst einmal energetische Bilder (Kraft, Quelle, Lebensatem, Geist, …) viel näher als personale Gottesbilder. Zugleich aber ist es für meinen glauben, meine Spiritualität unverzichtbar, in Jesus die menschlich Seite Gottes wahrzunehmen und mich von dieser konkreten Person berühren zu lassen, darin die Menschenfreundlichkeit Gottes zu entdecken. Und beim Gebet brauche ich die Vorstellung eines Gegenübers, eines Du, an das ich meine Worte oder auch mein Schweigen richte – also ein personales Gottesbild.
      Keines dieser Bilder ist einfach das Richtige, keines ist falsch. Vielleicht sind sie einfach die Krücken, die wir brauchen, um mit dem Geheimnis des Lebens in Beziehung zu treten. Dass die Gottesbilder der freien Spirituellen ihre Berechtigung haben, sehe ich auch und sie weisen auf Schattenseiten eines dogmatisch verengten Christentums hin. Aber vielleicht entsteht dann auch wieder Raum für hilfreiche personale Gottesbilder, Raum für einen offenen Dialog. Ausserdem sehe ich es auch so, dass wir mehr Mut brauchen, jenseits der Bilder Erfahrungen zu machen, denn Bilder sind ja verdichtete Erfahrungen und nicht die Instrumente, mit denen wir unsere Erfahrungen normieren und zensieren sollten.

  3. 2. Juli 2010 um 15:49

    Zitat: Einen lesenswerten Beitrag zu dieser Thematik hat Karen Armstrong in der ZEIT geschrieben“

    Dazu:

    „Fundamentalistisch sind religiöse oder politische Bewegungen genau dann, wenn sie ihren „Mythos“ zu rationalisieren versuchen; wenn dieser als „Logos“ [griech.: Wort bzw. das rationale, logische oder wissenschaftliche Denken] einer wissenschaftlichen Wahrheit oder einer rationellen Ideologie verstanden wird.

    Wer als Christ (oder Jude oder Muslim) meint, die Glaubensinhalte seiner Religion seien so etwas wie Wahrheit, oder wer als Jude (oder Christ oder Muslim) glaubt, seine Religion („Mythos“) zu säkularen Zwecken („Logos“) einsetzen zu können, der ist ein Fundamentalist. […]

    Alle diejenigen, die von ihrem Glauben, welcher er auch immer sei, überzeugt sind und ihn mit Wahrheitsanspruch verteidigen, sind Fundamentalisten und somit potentielle Terroristen. So einfach ist die Lösung. […]

    Mythos muss Mythos bleiben, das ist das Fazit des Buches [Armstrong, Karen: Im Kampf für Gott. Fundamentalismus in Christentum, Judentum und Islam. Siedler Verlag, München 2004]. Und in der Trennung jedes mystischen Mythos von dem strengen wissenschaftlichen Denken, dem „Logos“, liegt das Heil unserer manichäistischen Welt.“

    Quelle: (Prof. Dr. Friedrich Niewöhner, 4. Oktober 2004, Philosophiehistoriker, Lust und Leid der Sekundärquelle, Armstrong, Karen: Im Kampf für Gott, Feuilleton Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2004, Nr. 231 / Seite 37)

    • 2. Juli 2010 um 16:13

      Lieber Michael,

      grundsätzlich kann ich dir bzw. Prof. Niewöhner durchaus zustimmen. Mythos und Logos dürfen nicht verwechselt werden. Trotzdem bin ich wesentlich zurückhaltender mit dem Fundamentalismusvorwurf. Gehört es nicht zum Wesen einer religiösen Überzeugung, dass der/ die Glaubende von ihrer Wahrheit überzeugt ist? Zum Fundamentalismus wird in meinen Augen diese Überzeugung dann, wenn sie als unabänderlich angesehen wird und keinen Raum lässt für die Wahrheitsansprüche anderer religiöser Überzeugungen, wenn sie meint, andere Überzeugungen im Namen der eigenen Wahrheit bekämpfen oder gar vernichten zu müssen. Im Bereich des Glaubens gilt eben nicht die Entweder-Oder-Logik, sondern der spannende und spannungsolle Dialog von Perspektiven auf das, was sich als nicht feststellbares Geheimnis zeigt. Wenn wir jede religiöse Überzeugung, die mit Wahrheitsansprüchen verbunden wird, gleich als fundamentalistisch bezeichnen und in die Nähe des Terrorismus rücken, dann wird unser Denken intolerant, weil es nur noch einen liberalen Mainstream und weitgehende Indifferenz in Glaubensfragen zulässt.

      Mit herzlichen Grüssen

      Bernd

  4. 3. Juli 2010 um 11:42

    Ich stimme Dir zu. Soweit ich weiß ist der Satz vom Autor kritisch gemeint:

    „Alle diejenigen, die von ihrem Glauben, welcher er auch immer sei, überzeugt sind und ihn mit Wahrheitsanspruch verteidigen, sind Fundamentalisten und somit potentielle Terroristen. So einfach ist die Lösung.“

    Damit wird ja genau das kritisiert was Du angesprochen hast. Aber es gibt wohl auch theologisch interessierte Kreise die gerne sehen, dass genau diese Frage offen gelassen wird. Warum auch immer.

    „Was an der Fundamentalismusdiskussion indes bedenklich stimmt, ist eine oft geradezu irrationale Angst vor jeder Art von unbedingten Wahrheitsansprüchen und Glaubensgewissheiten. Als Gefahr für die liberale Gesellschaft gilt vielfach nicht nur, wer dem anderen seine Überzeugungen aufzwingen will, sondern schon, wer überhaupt welche hat. Der Papst ist offenbar ein besonders schwerer Fall.“

    Quelle: (DIE ZEIT, Glaubenswahn. Was ist Fundamentalismus?, Jan Ross DIE ZEIT Nr. 40, 2001)

    • 3. Juli 2010 um 12:49

      Lieber Michael,

      wenn Du mit den theologisch interessierten Kreisen z.B. den ZEIT-Redakteur Jan Ross meinst und sein Zitat als Beleg, dann muss ich Dir widersprechen. Zwar bin ich mit ich mit Papst Benedikt XVI. in manchem uneinig, lehne als Protestant das Unfehlbarkeitsdogma und den Herrschaftsanspruch des Papstes konsequent ab und finde wenig Gefallen daran, wenn Benedikt XVI. bei jeder Gelegenheit vor der Diktatur des Relativismus warnt. Aber der Aussage von Ross kann ich nur zustimmen – und er befindet sich da durchaus in guter Gesellschaft. Auch Jürgen Habermas, gewiss kein Fundamentalist, betont inzwischen, dass starke religiöse Überzeugungen ihr Recht und ihre Wichtigkeit für den gesellschaftlichen Diskurs haben, solange sie nicht alleinige Gültigkeit und Allgemeinverbindlichkeit beanspruchen.

      Herzliche Grüsse

      Bernd

  5. 27. November 2010 um 15:16

    Angenommen…

    …es gäbe winzigste Teilchen, die Energie als Trägermaterial benutzen. Diese Teilchen könnten bedingt „denken“. Sie möchten sich mit anderen Teilchen austauschen und von diesen Informationen übernehmen. Also „lernen“. Die Teilchen schließen sich zu Gruppen zusammen und trennen sich wieder, aber ihr Ziel ist es ein komplexes Gebilde zu erschaffen. Winzig klein, aber doch so stark, um beispielsweise die Gedankenströme in unserem Gehirn zu beeinflussen. Diese winzigsten Teilchen nenne ich: Isoboten.

    Ein einzelnes Isobotum hat das ständige Bestreben ein anderes zu finden und sich mit diesem auszutauschen. Die Lebenszeit der Isoboten ist abhängig von ihrem Träger. Da man bisher noch nicht festlegen kann, wie vergänglich Energie ist, hält wohl auch ein Isobotum annährend ewig.

    Würde ich eine Ansammlung von Isoboten im menschlichen Körper beschreiben müssen, so würde ich sie vielleicht Seele nennen. Würde der Körper sterben, was werden die Isoboten tun? Sie schließen sich zusammen oder versuchen wenigstens zusammen zu bleiben. Sind genügend beieinander geblieben entsteht etwas, dass ich Geist oder Gespenst nennen könnte. Löst sich das Gebilde wird es zu Licht und fährt auf in das große Ganze.

    Manchmal bleiben kleine Teile des Isobotengebildes zusammen. Treffen sie dann auf Isoboten mit annäherend gleichen Erinnerungsbildern, können sie sich wieder vereinen. Für den Menschen entsteht ein Déjà Vu oder auch eine Erinnerung an ein früheres Leben.

    Wie würden wir anhand dieser Beschreibung das große Ganze nennen? Gott?

    • 27. November 2010 um 16:28

      … ein interessantes Gedankenexperiment – an dem mich allerdings die allererste Annahme schon stört („es gäbe winzigste Teilchen“). Isobotum/Isoboten ist – so verstehe ich das – in diesem Gedankenexperiment ein Stellvertreter für Seelenfunken/die Seele, deren Wesen Unvergänglichkeit und Sehnsucht nach Beziehung und Angenommensein ist. Genau das aber lässt sich in meinen Augen nicht im Begriff eines Teilchens – und sei es noch so winzig – materialisieren. Vielleicht müsste man anhand dieser Beschreibung das grosse Ganze tatsächlich Gott nennen. Aber – und darauf weist Bonhoeffers Satz hin – dieses grosse Ganze existiert nicht in dem Sinn wie die Dinge existieren. Gott ist für mich der Grund meiner Existenz und meines Angenommenseins und meiner Verbundenheit mit allem Lebendigen. Dieses Göttliche in und zwischen und jenseits von uns lässt sich nicht positiv in Begriffe fassen.

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