Archiv

Archive for Juli 2010

Ultreia

25. Juli 2010 2 Kommentare

Ultreia – weiter, so heisst das Lied der Jakobspilger nach Santiago de Compostela. Heute, wie immer, wenn der Jakobstag, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt, war der Internationale Jakobspilgertag. Mit einer kleinen Gruppe waren wir unterwegs von Schwarzenburg nach Tafers, wo Pilger aus der ganzen Schweiz einen ökumenischen Gottesdienst als Abschluss feierten. Eine Teilnehmerin aus unserer Gruppe hatte sich für den heutigen Tag etwas Spezielles ausgedacht: einen mobilen Gebetskiosk – ein aufklappbarer Karton, wo in verschiedenen Fächern kleine Zettel mit Gebeten zu finden waren. Aus diesem Gebetskiosk durfte sich unterwegs jeder bedienen, der wollte, nicht nur aus unserer Gruppe. Wie ich finde, eine wunderbare Idee: Gebete, derer man sich bedienen kann – ohne jeden Zwang, Sprache die wir uns leihen dürfen, als kleine Gesprächshilfen für das Gespräch mit mir selber und mit Gott.

Kategorien:Gott, Lebenssinn, Lieder und Gedichte Schlagwörter: ,

Sommerpause im Atemhaus

Bis Mitte August macht der Atemhaus-Blog Sommerferien. Allfällige Kommentare werde ich voraussichtlich erst dann freischalten.

Bis dahin wünsche ich allen einen schönen Sommer.

Bernd

Geh aus mein Herz und suche Freud
In dieser schönen Sommerzeit
An deines Gottes Gaben
Schau an der schönen Gärtenzier
Und siehe wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben

Die Bäume stehen voller Laub
Das Erdreich decket seinen Staub
Mit einem grünen Kleide
Narzissen und die Tulipan
Die ziehen sich viel schöner an
Als Salomonis Seide

Die Lerche schwingt sich in die Luft
Das Täublein fliegt auf seiner Kluft
Und macht sich in die Wälder
Die hochbegabte Nachtigall
Ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg Hügel Tal und Felder

Die Glucke führt ihr Völklein aus
Der Storch baut und bewohnt sein Haus
Das Schwälblein speist die Jungen
Der schnelle Hirsch das leichte Reh
Ist froh und kommt aus seine Höh
In´s tiefe Gras gesprungen

Die Bächlein rauschen in dem Sand
Und malen sich an ihrem Rand
Mit schattenreichen Myrten
Die Wiesen liegen hart dabei
Und klingen ganz vom Lustgeschrei
Der Schaf´ und ihrer Hirten

Text: Paul Gerhardt – 1656, (1607 – 1676)

Kategorien:Uncategorized

Der Weg der Liebe

  1. Korintherbrief, Kapitel 13

1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen rede, aber keine Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz, eine lärmende Zimbel. 2 Und wenn ich die Gabe prophetischer Rede habe und alle Geheimnisse kenne und alle Erkenntnis besitze und wenn ich allen Glauben habe, Berge zu versetzen, aber keine Liebe habe, so bin ich nichts. 3 Und wenn ich all meine Habe verschenke und meinen Leib dahingebe, dass ich verbrannt werde, aber keine Liebe habe, so nützt es mir nichts.

4 Die Liebe hat den langen Atem, gütig ist die Liebe, sie eifert nicht.
Die Liebe prahlt nicht,
sie bläht sich nicht auf, 5 sie ist nicht taktlos,
sie sucht nicht das ihre,
sie lässt sich nicht zum Zorn reizen,
sie rechnet das Böse nicht an, 6 sie freut sich nicht über das Unrecht, sie freut sich mit an der Wahrheit.
7 Sie trägt alles,
sie glaubt alles,
sie hofft alles,
sie erduldet alles.
8 Die Liebe kommt niemals zu Fall: Prophetische Gaben – sie werden zunichte werden; Zungenreden – sie werden aufhören; Erkenntnis – sie wird zunichte werden. 9 Denn Stückwerk ist unser Erkennen und Stückwerk unser prophetisches Reden. 10 Wenn aber das Vollkommene kommt, dann wird zunichte werden, was Stückwerk ist. 11 Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, überlegte wie ein Kind. Als ich aber erwachsen war, hatte ich das Wesen des Kindes abgelegt. 12 Denn jetzt sehen wir alles in einem Spiegel, in rätselhafter Gestalt, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich ganz erkennen, wie ich auch ganz erkannt worden bin. 13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Die grösste unter ihnen aber ist die Liebe.
Übersetzung: Neuze Zürcher Bibel

Das Geheimnis des Lebens

Damit Liebe Liebe bleibt,
braucht sie immer auch das Geheimnis der Liebe.
Wenn Menschen wie ein offenes Buch füreinander sind,
geht die Liebe verloren.

Ich denke, das gilt auch für die Liebe zum Leben.
Das äusserliche Funktionieren des Lebens,
die Naturgesetze, sind eine Seite des Lebens,
eine wunderbare und zum Staunen einladende auf jeden Fall,
aber eine Seite, die nach Gesetzen und Regeln geordnet ist
und für die ich Gott nicht als Lückenbüsser brauche –
weder im Sinne des Kreationismus noch eines Intelligent Design.
Was wir in Bezug auf die Naturgesetze nicht erklären können,
darüber können wir nur schweigen.

Es gibt aber auch die Innenseite,
das Geheimnis des Lebens,
das nicht nach Gesetzen und Regeln zu erfassen ist.
Das Vertrauen, dass das Leben gut ist.
Das Staunen über die Schönheit und Vielfalt des Lebens.
Die Liebe zum Leben.
Das Wunder, dass etwas ist und nicht nichts.
Das Wunder der Liebe, der Begegnung, unserer Schaffenskraft.
Die Welt unserer Emotionen.
Das Unerwartete, Unberechenbare.

Gott steht für mich für dieses Geheimnis des Lebens,
seine Innenseite.
Die Seite desselben Lebens, die sich nicht einfach in Gesetze und Regeln fassen lässt.
Die Seite des Lebens, die Sinn entstehen lässt, Sinn, der sich jeweils mir zeigt.
Es gibt nicht einen Sinn des Lebens unabhängig von den Lebenden.
Aber es ist auch nicht so, dass ich den Sinn des Lebens mache.
Es ist wieder wie mit der Liebe:
der Mensch, den ich liebe, ist für mich der Wichtigste.
Er ist das nicht an und für sich, sondern für mich,
weil ich ihm diese Bedeutung gebe.
Sinn gibt es nicht objektiv und feststellbar,
er entsteht immer durch und in Beziehungen,
zu Menschen, zum Leben, zu Gott.
Sinnzuschreibungen entstehen aber auch nicht einfach willkürlich.
Sie entstehen, wo ich von etwas betroffen,
in meinem Innersten berührt bin.
Und das, was mich berührt, ist etwas ausser mir.
Ich kann es nicht feststellen, exakt beschreiben und erklären,
aber ich kann seiner Spur folgen
in der – manchmal schwankenden – Gewissheit,
dass ich in dieser Spur Sinn finde.

Demut und schöpferische Kraft

Wenn ich deinen Himmel sehe, das Werk deiner Finger,

den Mond und die Sterne, die du hingesetzt hast:

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,

und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

Du hast ihn wenig geringer gemacht als Gott,

mit Ehre und Hoheit hast du ihn gekrönt.

Psalm 8,4-6

Kategorien:Bibelzitate Schlagwörter: , ,

Sein dürfen

8. Juli 2010 3 Kommentare

Burn-out ist ein Phänomen, das in den letzten Jahren massiv zunimmt. Die Ursachen dafür sind umstritten. Wichtige Faktoren dürften sicher die zunehmende Bedeutung der Arbeit für das Selbstwertgefühl der Menschen sein, die ständige Erreichbarkeit durch moderne Kommunikationsmittel, aber auch der Verlust von festen kollektiven Lebensrhythmen und sozialen Bindungen. Auch die abnehmende Bedeutung von Vereinen und Verbänden, Kirchen, Parteien oder Gewerkschaften spielt dabei eine Rolle, machten sie doch früher einen wichtigen Teil der Identität vieler Menschen aus. Burn-out dürfte zum Teil aber auch die Kehrseite der modernen Freiheitsgewinne sein. So heisst es in einem Beitrag zum Thema in der ZEIT: „Egal, ob Männer oder Frauen, ob Arbeiter- oder Akademikerkinder: Sie können ihr eigenes Leben führen. Sie können studieren, Karriere machen, Kinder kriegen oder es bleiben lassen. Es liegt an ihnen, und das ist das Problem. Der französische Soziologe Alain Ehrenberg hat es vor wenigen Jahren in seinem Buch Das erschöpfte Selbst beschrieben: Wo alles erreichbar, alles möglich scheint, steigen die Ansprüche. Dafür sinkt die Zahl akzeptabler Entschuldigungen. Am Ende liegt das Scheitern nur am eigenen Ich. Wenn aber jeder selbst für sich verantwortlich ist, dann muss auch jeder selbst die Last des Erfolgszwangs tragen. Und manche brechen darunter zusammen.“ (aus: Arbeiten, bis der Arzt kommt. Der Burn-out wird zur Volkskrankheit. Woran liegt das? Eine Erkundung in der Arbeitswelt, von Kolja Rudzio und Wolfgang Uchatius, in: Zeit Nr.28 v. 8.7.2010)

Es kann und darf nicht darum gehen, diese Freiheitsgewinne rückgängig machen zu wollen. Aber ich denke, dass wir dabei nicht vergessen dürfen, wie wichtig es für unser Menschsein ist, dass wir einfach sein dürfen. Wenn wir nicht begreifen, dass wir mehr sind als das, was wir aus uns machen, wenn wir nicht glauben können, dass wir nicht das sind, was wir leisten, dann laufen wir Gefahr, dass wir an unserer Freiheit zugrunde gehen. Wir brauchen Räume, wo wir einfach sein dürfen. Wir brauchen Rhythmen, denen wir uns anvertrauen, Rituale, in denen wir uns bergen können. Was bei Martin Luther die „Rechtfertigung allein aus Gnade“ war, nämlich die befreiende Erkenntnis, dass wir uns die Gnade Gottes nicht verdienen müssen, das ist heute die befreiende Erkenntnis, dass wir nicht abhängig sind von dem, was wir leisten und aus uns machen. Mit all unseren Brüchen und Begrenztheiten  dürfen wir sein, unser Leben empfangen und nicht erst herstellen. Wenn Leben Gnade ist und nicht Leistung, dann können wir auch lernen, es in seinen Grenzen anzunehmen – mit den Glücksmomenten und Erfolgen, aber auch mit den Momenten des Scheiterns und den schmerzlichen Enttäuschungen. Wenn ich begreife, dass ich Ganzheitlichkeit und Identität gar nicht erreichen kann, aber auch nicht erreichen muss, dann kann ich glauben, dass das Leben mit all seinen Licht- und Schattenseiten einfach sein darf, dass es geschenkte Existenz ist, zuerst Gabe und erst danach Aufgabe.

Wenn wir uns einüben wollen in dieses Vertrauen in das gegebene, anvertraute Leben, dann helfen uns Rituale wie Meditation, Gottesdienst oder Gebet, dann hilft uns die Verbindung mit einer Gemeinschaft, der Austausch und das Gespräch, dann hilft uns die alltägliche Sensibilität für die Botschaft unseres Herzens, für die Signale unseres Körpers und die Achtsamkeit für die leisen Töne und die unscheinbaren Dinge, die unser Leben kostbar machen.

Diese Achtsamkeit und Sensibilität macht uns nicht einfach frei von den Zwängen und Ansprüchen unserer modernen Arbeitsgesellschaft, aber sie schafft ein Gegengewicht, verleiht uns Widerstandskraft, weil wir dann spüren, dass unser Lebenssinn jenseits aller Leistungsbilanzen und Erfolge liegt, einfach in unserem Da-Sein und in der Verbundenheit mit dem Leben. „Ich danke dir, Gott, dass ich wunderbar gemacht bin; alle deine Werke sind Wunder, das erkennt meine Seele.“ (Psalm 139,14)

 

„Ich bin im Kerker als Fussballer auferstanden“

Dieser Satz stammt aus einem Beitrag von Bartholomäus Grill, der in der ZEIT Nr. 27 v. 1.7.2010 erschienen ist und im Internet  bei profil.at (http://www.profil.at/articles/1023/560/270725/das-glueck-5760-minuten) nachzulesen ist. Er stammt von Mark Shinners, einem Apartheidsgegner, der 22 Jahre auf der Gefangeneninsel Robben Island zubringen musste, wo auch Nelson Mandela inhaftiert war. Ihm war es zusammen mit anderen Häftlingen gelungen, nach zahlreichen erfolglosen Versuchen von der Gefängnisleitung eine Spielgenehmigung für Fussballspiele zu erlangen. Der erste Ball war aus Putzlappen zusammengeflickt, doch mit der Zeit entstand auf Robben Island eine dreizügige Liga mit 21 Mannschaften, die nach den Fifa-Regeln spielten.

Grill schildert, wie die Gefangenen auf der Kerkerinsel seelisch gebrochen werden sollten und von den Wärtern nur als dreckige Kaffern angesehen wurden. 1000 Häftlinge schauten beim ersten Spiel im Dezember 1967 zu. Nelson Mandela wurde dies als Schikane der Gefängnisbehörde verboten, die unablässig versuchte, wie Mandela  in seiner Autobiographie schreibt (zit. nach Grill), „jenen Funken auszutreten, der jeden von uns zu Menschen macht“.

Für Shinners war der Fussball das Gegenmittel, das diesen Funken am Leben hielt. Und mit der Zeit verschaffte dies den fussballspielenden Häftlingen auch etwas mehr Respekt bei den Wärtern und das Spiel stärkte ihre Widerstandskraft und gab ihnen innere Freiheit. Diese Erfahrung führt Mark Shinners zu dem Satz: „Ich bin im Kerker als Fussballer auferstanden.“

Jenseits aller theologischen Diskussionen um den Auferstehungsglauben ist das für mich eine beachtliche Auferstehungsbotschaft. Könnte es sein, dass wir erst dann erahnen können, was Auferstehung meint, wenn wir sie zuerst einmal mit solchen Alltagserfahrungen verbinden? Wenn ich die Geschichte von Mark Shinners lese, dann kommt mir die Aussage, dass die Kraft der Auferstehung im Fussball erfahrbar ist, gar nicht mehr so verwegen vor.

Alles, was wir mit Leidenschaft tun, was uns mit Sinn erfüllt und Lebensfreude schenkt, unsere Widerstandskräfte stärkt, lässt uns ein Stück Auferstehung erfahren.  So ist es zunächst einmal nicht entscheidend, was wir über das Leben nach dem Tod denken, sondern ob wir überhaupt an das Leben glauben und auch unter widrigen Umständen Sinnerfahrungen machen können, ob es für uns etwas gibt, für das es sich zu leben lohnt. Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zu dem Vertrauen, dass das Leben bleibt und dass unsere Zeit in Gottes Händen steht und da etwas ist, das bleibt, auch wenn unser Leben vergeht. Ohne solche Erfahrungen aber bleibt die Auferstehungsbotschaft eine leere Behauptung, über die man zwar disputieren, mit der man andere zu Ketzern erklären kann, die aber letztlich kraftlos bleibt.