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Sein dürfen

Burn-out ist ein Phänomen, das in den letzten Jahren massiv zunimmt. Die Ursachen dafür sind umstritten. Wichtige Faktoren dürften sicher die zunehmende Bedeutung der Arbeit für das Selbstwertgefühl der Menschen sein, die ständige Erreichbarkeit durch moderne Kommunikationsmittel, aber auch der Verlust von festen kollektiven Lebensrhythmen und sozialen Bindungen. Auch die abnehmende Bedeutung von Vereinen und Verbänden, Kirchen, Parteien oder Gewerkschaften spielt dabei eine Rolle, machten sie doch früher einen wichtigen Teil der Identität vieler Menschen aus. Burn-out dürfte zum Teil aber auch die Kehrseite der modernen Freiheitsgewinne sein. So heisst es in einem Beitrag zum Thema in der ZEIT: „Egal, ob Männer oder Frauen, ob Arbeiter- oder Akademikerkinder: Sie können ihr eigenes Leben führen. Sie können studieren, Karriere machen, Kinder kriegen oder es bleiben lassen. Es liegt an ihnen, und das ist das Problem. Der französische Soziologe Alain Ehrenberg hat es vor wenigen Jahren in seinem Buch Das erschöpfte Selbst beschrieben: Wo alles erreichbar, alles möglich scheint, steigen die Ansprüche. Dafür sinkt die Zahl akzeptabler Entschuldigungen. Am Ende liegt das Scheitern nur am eigenen Ich. Wenn aber jeder selbst für sich verantwortlich ist, dann muss auch jeder selbst die Last des Erfolgszwangs tragen. Und manche brechen darunter zusammen.“ (aus: Arbeiten, bis der Arzt kommt. Der Burn-out wird zur Volkskrankheit. Woran liegt das? Eine Erkundung in der Arbeitswelt, von Kolja Rudzio und Wolfgang Uchatius, in: Zeit Nr.28 v. 8.7.2010)

Es kann und darf nicht darum gehen, diese Freiheitsgewinne rückgängig machen zu wollen. Aber ich denke, dass wir dabei nicht vergessen dürfen, wie wichtig es für unser Menschsein ist, dass wir einfach sein dürfen. Wenn wir nicht begreifen, dass wir mehr sind als das, was wir aus uns machen, wenn wir nicht glauben können, dass wir nicht das sind, was wir leisten, dann laufen wir Gefahr, dass wir an unserer Freiheit zugrunde gehen. Wir brauchen Räume, wo wir einfach sein dürfen. Wir brauchen Rhythmen, denen wir uns anvertrauen, Rituale, in denen wir uns bergen können. Was bei Martin Luther die „Rechtfertigung allein aus Gnade“ war, nämlich die befreiende Erkenntnis, dass wir uns die Gnade Gottes nicht verdienen müssen, das ist heute die befreiende Erkenntnis, dass wir nicht abhängig sind von dem, was wir leisten und aus uns machen. Mit all unseren Brüchen und Begrenztheiten  dürfen wir sein, unser Leben empfangen und nicht erst herstellen. Wenn Leben Gnade ist und nicht Leistung, dann können wir auch lernen, es in seinen Grenzen anzunehmen – mit den Glücksmomenten und Erfolgen, aber auch mit den Momenten des Scheiterns und den schmerzlichen Enttäuschungen. Wenn ich begreife, dass ich Ganzheitlichkeit und Identität gar nicht erreichen kann, aber auch nicht erreichen muss, dann kann ich glauben, dass das Leben mit all seinen Licht- und Schattenseiten einfach sein darf, dass es geschenkte Existenz ist, zuerst Gabe und erst danach Aufgabe.

Wenn wir uns einüben wollen in dieses Vertrauen in das gegebene, anvertraute Leben, dann helfen uns Rituale wie Meditation, Gottesdienst oder Gebet, dann hilft uns die Verbindung mit einer Gemeinschaft, der Austausch und das Gespräch, dann hilft uns die alltägliche Sensibilität für die Botschaft unseres Herzens, für die Signale unseres Körpers und die Achtsamkeit für die leisen Töne und die unscheinbaren Dinge, die unser Leben kostbar machen.

Diese Achtsamkeit und Sensibilität macht uns nicht einfach frei von den Zwängen und Ansprüchen unserer modernen Arbeitsgesellschaft, aber sie schafft ein Gegengewicht, verleiht uns Widerstandskraft, weil wir dann spüren, dass unser Lebenssinn jenseits aller Leistungsbilanzen und Erfolge liegt, einfach in unserem Da-Sein und in der Verbundenheit mit dem Leben. „Ich danke dir, Gott, dass ich wunderbar gemacht bin; alle deine Werke sind Wunder, das erkennt meine Seele.“ (Psalm 139,14)

 

  1. Rosmarie
    15. Juli 2010 um 22:05

    Heisst das auch im Sein-dürfen offen sein, sich beschenken lassen ,danken,vertrauen und sich noch nicht um die daraus erwachsene Aufgabe kümmern müssen?

    Sein-DUERFEN,nicht Sein-Ertragen müssen.Sein-dürfen ist ein Geschenk aus der Stille.In schwierigen Zeiten häufen sich manchmal eigene und fremde Sorgen und man rennt unruhig davon.

    Welche Gnade,loslassen zu können-sein zu dürfen

  2. 15. Juli 2010 um 23:29

    Liebe Rosmarie,

    „Sein-dürfen ist ein Geschenk aus der Stille“ – das finde ich eine wunderbare Formulierung. Wir sind ja so aufs Machen fixiert, dass wir oft gar nicht bemerken, dass wir das, was wirklich wichtig ist und unserem Leben Sinn und Tiefe verleiht, nicht machen, sondern nur wahrnehmen und empfangen können.
    Loslassen können empfinde ich auch als Gnade, als Geschenk. Frei werden von dem Zwang, etwas aus mir machen zu müssen, Erwartungen und Bildern gerecht werden zu müssen. Wenn ich vertrauen kann, dass ich meine Sein als Geschenk annehmen darf und nicht zuerst etwas aus mir machen muss, dann ist das befreiend.
    Unserem Sein geht ein Ja voraus, in der Sprache meines Glaubens das JA Gottes. Ich bin mir nicht sicher wie du das meinst, ob wir uns „noch nicht um die daraus erwachsene Aufgabe kümmern müssen“. Mir ist wichtig, dass jeder Aufgabe, jeder Verantwortung dieses JA vorausgeht, ich in diesem Sinne sein darf, dass ich nicht über mein Können, meine Möglichkeiten hinaus verpflichtet bin und ich in meinen Aufgaben, meiner Verantwortung mich getragen weiss von einer Kraft, die nicht nur meine eigene ist. Auch denke ich, dass Aufgaben haben, sich kümmern können, Verantwortung tragen, zum Sein-Dürfen dazu gehören, auch wenn sie uns manchmal zur Last werden können. Denn ich trage diese Verantwortung nicht einsam und allein.

    Herzlich

    Bernd

  3. Rosmarie
    17. Juli 2010 um 18:16

    Lieber Bernd,

    Ich meine mit“sich noch nicht um die Aufgaben sorgen müssen“die Stille in der Meditation,im Gebet.Daraus wächst wie von selbst,auch wiederum ein Geschenk,Aufgaben und Verantwortung für die Andern und für sich selbst und die Kraft dazu.

    Herzlich
    Rosmarie

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