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Archive for September 2010

Segen

Keinen Tag soll es geben, an dem ihr sagen müsst,
niemand ist da, der uns schützt.
Keinen Tag soll es geben, an dem ihr sagen müsst,
niemand ist da, der uns hilft.
Keinen Tag soll es geben, an dem ihr sagen müsst,
wir halten es nicht mehr aus.
So segne euch der barmherzige Gott.

Kategorien:spiritualität Schlagwörter:

Einen Menschen lieben

26. September 2010 3 Kommentare

Einen Menschen lieben,
heißt ihn so zu sehen,
wie Gott ihn gemeint hat.
Fjodor M. Dostojewski

In diesem Satz von Dostojewski steckt eine tiefe Weisheit, denn dem, was Gott für seine Welt und für seine Menschen will, entspricht dieser liebevolle Blick auf die Mitmenschen. Jesus hat uns vorgelebt, was es heisst, Menschen so zu sehen, wie Gott sie gemeint hat. Deshalb hat er nicht gerichtet, sondern aufgerichtet, nicht verurteilt, sondern zur Umkehr eingeladen, nicht ausgegrenzt, sondern Gemeinschaft geschenkt. Davon leben wir und das sind wir einander schuldig.

Kategorien:Liebe Schlagwörter:

Vertraut den neuen Wegen

1. Vertraut den neuen Wegen,
auf die der Herr uns weist,
weil Leben heißt: sich regen,
weil Leben wandern heißt.
Seit leuchtend Gottes Bogen
am hohen Himmel stand,
sind Menschen ausgezogen
in das gelobte Land.

2. Vertraut den neuen Wegen
und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen
für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten
das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten,
wo er uns will und braucht.

3. Vertraut den neuen Wegen,
auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen.
Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen
in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen.
Das Land ist hell und weit.

aus: Reformiertes Gesangbuch der Schweiz Nr.843
Text: Klaus Peter Hertzsch 1989

Kategorien:Lieder und Gedichte Schlagwörter:

Glaubensfreiheit und Toleranz

16. September 2010 3 Kommentare

„Einen Menschen töten, heisst nicht eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten“. Sebastian Castellio hat diesen Satz vor gut 450 Jahren geschrieben, ein französischer Humanist und Anhänger der Reformation, der zunächst in Strassburg und Genf mit dem grossen Reformator Johannes Calvin zusammenarbeitete und später, als er sich die Gegnerschaft Calvins zugezogen hatte, in Basel lebte und wirkte. Gemünzt war der Satz auf Calvin, der wortreich und leidenschaftlich die Verbrennung des spanischen Arztes Michael Servet verteidigt hatte als notwendig zur Bewahrung der Ehre Gottes und der reinen christlichen Lehre.

Warum erinnere ich an diese alte Geschichte? Natürlich nicht nur, weil ich vor einiger Zeit ein faszinierendes Buch über Castellio gelesen habe, sondern weil ich überzeugt bin, dass sie für den Dialog und die Begegnung der Religionen hilfreich und nützlich ist. Die schmerzhafte Erinnerung daran, dass in unserer eigenen Tradition Menschen verfolgt und getötet wurden um der Reinheit der Lehre und der Reinheit des Glaubens willen, kann uns bewusst machen, welch kostbares Gut die Toleranz im Glauben ist. Und der so kurze und einfache Satz des Sebastian Castellio enthält einen ganz entscheidenden Kern jeglicher Toleranz: es ist der Respekt vor dem Menschen als Menschen. Erst wo ich den Menschen als Menschen sehe – und eben nicht als Vertreter einer Lehre, einer Nation oder was auch immer – erst da ist Toleranz wirklich möglich. Toleranz bedeutet nicht, dass ich alles für richtig halten müsste, aber sie bedeutet, dass ich im anderen zuerst einmal den Menschen sehe, den ich achte und respektiere und erst dann vielleicht den Verteidiger einer Lehre oder einer Kultur oder einer Lebenseinstellung, der ich durchaus kritisch begegnen kann und die ich sogar für falsch halten mag. „Einen Menschen töten, heisst nicht eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten“. Es ging Sebastian Castellio nicht um die Richtigkeit der Lehren des Michael Servet. Die hielt er selber für falsch. Aber den Menschen musste er dennoch verteidigen, sein Recht auf Anderssein.

In der Bergpredigt findet sich ein ganz wichtiger Satz. Er ist in vielen Bibelausgaben als „Goldene Regel“ überschrieben: „Also: Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten.“ Wie wollen wir, dass die Leute mit uns umgehen? Natürlich wollen wir, dass sie uns Respekt entgegenbringen, dass sie uns fair behandeln. Ich denke auch, dass wir möchten, dass andere unsere Schwächen nicht ausnützen und uns, wenn wir uns irren oder Fehler machen, nicht fallen lassen und verurteilen. Vor allem aber, denke ich, dass jedes von uns sich wünscht, zuerst einmal wahrgenommen zu werden, wahrgenommen zu werden als Mensch, als Mensch mit Fähigkeiten und Grenzen, mit Bedürfnissen, Sorgen und Hoffnungen, mit einem Glauben und Lebenszielen. Wir wünschen uns Menschen, die uns offen begegnen. Und genau darin liegt der entscheidende Punkt. Wenn wir Jesu goldene Regel zum Massstab unseres Handelns machen wollen, dann werden wir den Menschen, die anderen Religionen und Kulturen angehören, zuerst einmal offen von Mensch zu Mensch begegnen. Dann werden wir in ihnen nicht zuerst eine Bedrohung unserer Kultur, unserer Religion oder unseres Wohlstands sehen, sondern Menschen mit Hoffnungen und Ängsten, mit ihren Traditionen und deren Begrenzungen.

Solche Offenheit und Bereitschaft zum Dialog ist nicht einfach selbstverständlich. Die Angst vor dem Fremden ist – wie uns die Evolutionsbiologie lehrt – tief in uns verwurzelt. Sie hilft uns ja auch, uns vor Gefahren zu schützen und das Eigene vom Anderen zu unterscheiden und eine Identität zu gewinnen. Aber es ist gut, wenn wir lernen, mit dieser Angst vor dem Fremden umzugehen und bereit sind, uns auch zu öffnen. Es gibt im Matthäusevangelium (15,21-28) eine Geschichte, in der Jesus selbst lernen muss, Grenzen zu überwinden. Es ist irritierend, wie Jesus die kanaanäische Frau behandelt. Er antwortet ihr zunächst mit keinem Wort. Als sie keine Ruhe gibt, weist er sie ab, weil sie keine Israelitin ist. Aber die Frau gibt nicht auf. Sie ist zum Glück schlagfertig, hartnäckig, selbstbewusst und bescheiden zugleich. So erreicht sie Jesu Herz und er hilft ihr. Kann Nachfolge Jesu auch bedeuten, dass wir uns auf den Weg machen, uns von unseren Vorurteilen befreien zu lassen und uns auf neue Begegnungen einzulassen, weil Jesus selbst es lernen musste, seine Vorurteile und Abgrenzungen zu überwinden? Ja, Jesus begegnet uns als einer, der es uns nicht einfach abfordert, auf Vorurteile zu verzichten, sondern als der, der darum weiss, dass wir das nur in der Begegnung mit Anderen und Fremden lernen können.

Den Menschen als Menschen wahrzunehmen mit seinen Hoffnungen und Ängsten und eben auch mit seinem Glauben, seiner Religion, bedeutet für mich auch, ihm so weit als möglich Raum zu geben, seinem Glauben gemäss zu leben und seine Religion auszuüben. Die Religionsfreiheit ist eine der grössten Errungenschaften unserer Kultur. Gerade Christen sollten entschieden für das Recht der Anderen auf Ausübung ihrer Religion eintreten. Das schliesst die kritische Auseinandersetzung mit problematischen Seiten anderer Religionen gewiss nicht aus. Noch einmal: Toleranz bedeutet nicht, dass wir alles für richtig halten müssen. Wir werden hoffentlich unsere Fragen stellen zum Frauenbild mancher islamischer Kreise – aber auch mancher fundamentalistischer Kreise im Christentum. Wir werden hoffentlich Klartext reden, wenn im Namen der Religion zu Gewalt gegen sogenannte Ungläubige oder vom rechten Glauben Abgefallene aufgerufen wird. Aber wir werden dabei hoffentlich auch nicht vergessen, dass solche Züge auch in der christlichen Religion nur in einem langen Kampf überwunden worden sind und sich manchmal heute noch zeigen. Die Stimme des Sebastian Castellio bleibt uns eine Mahnung: „Einen Menschen töten, heisst nicht eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten“.  Im Glauben darf es keinen Zwang geben, aber im Glauben kann es auch nicht einfach einen neutralen Standpunkt über den Religionen geben. Deshalb meint die Einladung zum Dialog und zur Begegnung der Religionen auch nicht, dass wir unseren eigenen Glaubensstandpunkt aufgeben sollten zugunsten einer Art Allreligiosität. Vielleicht kann die Begegnung mit anderen Religionen sogar ein Anstoss dazu sein, tiefer zu bedenken, was wir eigentlich glauben und worauf wir vertrauen. Aber gerade dann, wenn wir ganz fest in unserem eigenen Glauben verwurzelt sind, sollten wir nicht vergessen, dass auch unser Glaube Wandlungen erfahren hat und mit einer Geschichte verbunden ist, die eben unsere ist. Das macht uns hoffentlich sensibler für die Möglichkeit, dass Gott vielleicht doch für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Wege des Glaubens und der Religion vorgesehen hat. Es kann uns empfänglicher machen für die Möglichkeit, dass wir in unseren Glaubensansichten auch irren können und wir aus der Begegnung mit anderen für unseren Glauben dazulernen und bereichert werden können. Ein Glaube, der sich beständig abschotten muss, um ja nicht ins Wanken zu geraten, kann letztlich keine tragfähige Kraft sein. Die goldene Regel Jesu ist ein guter Leitfaden gerade auch für die Begegnung mit Menschen anderer Religionen und Kulturen: „Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten.“

Kategorien:Bibelzitate, Freiheit, Glaube

Wenn ich könnte …

 

Wenn ich könnte,

 gäbe ich jedem Kind

 eine Weltkarte…

 Und wenn möglich,

 einen Leuchtglobus,

 in der Hoffnung,

 den Blick des Kindes

 aufs äusserste zu weiten

 und in ihm

 Interesse und Zuneigung zu wecken

 für alle Völker,

 alle Rassen,

 alle Sprachen,

 alle Religionen!

 Dom Hélder Câmara, Der Traum von einer anderen Welt

Stille

9. September 2010 1 Kommentar

 

Stille ermöglicht uns Grenzerfahrungen. Sie führt uns über die Grenzen des Egos zum Selbst.

Stille ist nicht Einsamkeit, sondern ein Wegweiser nach innen zur Essenz des Seins, ein Wegweiser in eine mit dem Intellekt nicht fassbare, noch viel grössere Stille hinein.

In uns hineinzuhören, uns auch auf uns zu besinnen, gewährt auch den Respekt vor dem Anderen. Darin liegt für mich die ganz grosse Faszination der christlichen Botschaft.

Die Intimität von Stille weist auf die mögliche Nähe mit unserer Umgebung hin.
Das bedarf der Hingabe und Demut, Hingabe an mein Leben und Demut vor meiner Umwelt.

Stille ist ein Wunder, das es zu entdecken gilt. Jeden Tag aufs Neue.
Erst wenn wir still sind, sind wir bereit, Grösseres zu erleben.

Franz Welser-Möst

Die Zitate stammen aus einer Predigt, die der Dirigent Franz Welser-Möst im November 2008 in der Evanglischen Kirche in Vaduz gehalten hat und die im Band „Ortswechsel. Vaduzer Predigten 1997-2008“, hg. v. André und Karin Ritter, veröffentlicht wurde.

Kategorien:Mystik, Stille Schlagwörter: , , , ,

Unser Vater

7. September 2010 1 Kommentar

Das Unser Vater – oder Vaterunser, wie es in der lutherischen und katholischen Tradition heisst – ist das wichtigste und bekannteste Gebet der Christenheit. Es geht vermutlich auf Jesus selbst zurück. Während es für viele mit dem Gefühl kirchlicher Heimat verbunden ist und Ausdruck ihres Glaubens, ist es manchen auch durch jahrhundertelangen kirchlichen Gebrauch suspekt geworden. Worte, die mehr aus Gewohnheit gesprochen werden, die sich abgenutzt haben, die vielleicht auch in manchem Widerspruch erregen. Ist die Vateranrede nicht Ausdruck eines patriarchalen Gottesbildes, dem wir heute zu Recht mit Zurückhaltung begegnen? Haben wir nicht mit Reichen unsere schlechten Erfahrungen gemacht? Sind uns nicht Worte wie „erlöse uns von dem Bösen“ eher fremd geworden und das tägliche Brot für uns Mitteleuropäer eine Selbstverständlichkeit (was ja auch hier längst nicht für alle gilt!)?

Die Sehnsucht nach etwas Ursprünglicherem, Tieferem hat mit dazu geführt, dass das sog. aramäische Vaterunser eine beträchtliche Popularität erlangt hat. Aramäisch ist die Sprache Jesu. So erweckt das aramäische Vaterunser für manche den Eindruck des Originalen, Jesuanischen. Aber natürlich ist es nichts anderes als die Rückübersetzung des griechischen Vaterunsers für den Gebrauch durch die aramäisch sprechenden Christen. Mag sein, dass der Klang eines aramäisch gesungenen Unser Vater uns innerlich berühren kann. Ein Beispiel ist das folgende Video http://www.youtube.com/watch?v=MAEIrp4MFBE, das auf You Tube fast 400’000 Mal abgerufen wurde.

Da in unseren Breitengraden kaum jemand Aramäisch beherrscht, gelangten dazu „Übersetzungen“ in Umlauf – die bekanntesten stammen von Neil Douglas Klotz und von Joachim Ernst Berendt – die den Eindruck erwecken, das Unser Vater sei ursprünglich näher an esoterischen Lehren gewesen als an kirchlichen Lehrbildungen oder sei fast schon buddhistischen Texten verwandt. Allerdings sind diese Fassungen sehr freie Übertragungen und keinesfalls wörtliche Übersetzungen. Zwar bin auch ich des Aramäischen nicht mächtig, aber mit Hebräischkenntnissen und einem kurzen Blick ins aramäische Wörterbuch lässt sich leicht feststellen, dass der in unseren Kirchen gebräuchliche Text des Unser Vater wesentlich näher am aramäischen Text ist als diese freien Übertragungen. Und näher am ursprünglichen Gebet Jesu ist das aramäische Unser Vater auch nicht.

Fehlt uns also etwas, weil wir das Original nicht haben? Ich denke nicht, denn dieses Gebet gewinnt seine Bedeutung durch seine Kürze und Tiefe – in welcher Sprache auch immer. Aber es gewinnt diese Bedeutung nur, wenn wir es uns aneignen.

Was ich damit sagen will? Das Unser Vater, so wie wir es kennen, lenkt unseren Blick in aller Kürze und Tiefe auf das (oder den oder die …), was höher ist als alle Vernunft und es lenkt im zweiten Teil unseren Blick auf uns selbst, unsere Mitmenschen, unsere soziale Verantwortung. Mehr Nähe zu Jesus braucht es gar nicht. Aber manchmal ist uns der Blick dafür verstellt, weil uns dieses Gebet zu vertraut ist, weil wir schon erlebt haben, dass es einfach heruntergeleiert wurde oder weil wir vielleicht den Institutionen gegenüber skeptisch sind, zu deren Liturgie dieses Gebet gehört.

Allerdings kann uns die Popularität des aramäischen Unser Vater bei Menschen, die spirituell offen sind, aber keinen Zugang zum kirchlichen Christentum finden, darauf hinweisen, dass wir in unseren Kirchen dieses Suchen ernst nehmen müssen. Es geht nicht darum, kirchliche Lehren und Texte zu verteidigen, sondern danach zu fragen, wo sie unsere Existenz in ihrer Tiefe brühren, zum Leben ermutigen und helfen, mit dem Fragmentarischen und der Verletzlichkeit unseres Lebens zurecht zu kommen. Deshalb wünsche ich mir einen offenen Dialog mit anderen Religionen und den spirituell Suchenden aller Denk- und Glaubensrichtungen. Denn die christliche Tradition verfügt über reiche sprituelle Schätze. Diese zu heben kann aber nicht gelingen, in dem wir andere spirituelle Einsichten bekämpfen, sondern indem wir sie mit ihren Fragen und Antworten wahrnehmen. Es braucht aber auch die intellektuelle Redlichkeit und den kritischen Blick für das, was fragwürdig und irreführend ist. Das gilt für manches, was dem aramäischen Unser Vater unterlegt wird, aber nicht für die Fragen und Sehnsüchte, dei sich damit verbinden.

Kategorien:Esoterik, Gebet Schlagwörter: , , ,

Vertrauen

5. September 2010 1 Kommentar

24 „Niemand kann gleichzeitig zwei Herren dienen!

Entweder wird er den einen hassen

und den anderen lieben.

Oder er wird dem einen treu sein

und den anderen hintergehen.

Ihr könnt nicht gleichzeitig Gott

und dem Geld dienen!

25 Darum sage ich euch:

Macht euch keine Sorgen

um euer Leben –

was ihr essen oder trinken sollt.

Oder um euren Körper –

was ihr anziehen sollt.

Ist das Leben nicht mehr als Essen und Trinken?

Und ist der Körper nicht mehr als Kleidung?

26 Seht euch die Vögel an!

Sie säen nicht,

sie ernten nicht,

sie sammeln keine Vorräte:

Und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.

Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?

27 Mit allen Sorgen,

die ihr euch macht:

Wer von euch kann sein Leben dadurch

auch nur um eine Stunde verlängern?

28 Und warum macht ihr euch Sorgen

was ihr anzieht?

Seht euch die Wiesenblumen an:

Sie wachsen,

ohne zu arbeiten

und ohne sich Kleider zu machen.

29 Ich sage euch:

Nicht einmal Salomo in all seiner Pracht

war so schön gekleidet wie eine von ihnen.

30 Gott macht die Wiesenblumen so schön.

Und dabei gehen sie an einem Tag auf

und werden am nächsten Tag im Backofen verbrannt.

Darum wird er sich noch viel mehr um euch kümmern.

Ihr habt zu wenig Vertrauen!

31 Macht euch also keine Sorgen!

Fragt euch nicht:

Was sollen wir essen?

Was sollen wir trinken?

Was sollen wir anziehen?

32 Um all diese Dinge

dreht sich das Leben der Heiden.

Euer himmlischer Vater weiß doch,

dass ihr das alles braucht.

33 Strebt vor allem anderen

nach seinem Reich

und nach seinem Willen –

dann wird Gott euch das alles schenken.

34 Macht euch also keine Sorgen um den kommenden Tag –

der wird schon für sich selber sorgen.

Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat.“

Matthäus 6,24-34 (Übersetzung: Basis Bibel)

Saitensprung

2. September 2010 2 Kommentare

Manchmal – nicht nur mit dem Alter – müssen Menschen erfahren, dass sie nicht mehr über ihre gewohnten Kräfte verfügen, dass Dinge, die einmal selbstverständlich waren, nicht mehr möglich sind.  Als Pfarrer bekomme ich dann gelegentlich ein resigniertes „Was bin ich denn überhaupt noch wert?“ zu hören. Es hat meist etwas sehr Destruktives und Entmutigendes, wenn wir uns mit anderen vergleichen, die Dinge besser können, wenn wir mit eigenen früheren Möglichkeiten vergleichen. Es ist ein entscheidender Unterschied, ob wir über unsere Grenzen und unsere gescheiterten Versuche klagen oder ob wir staunen können über das, was möglich ist. In einer Saemann-Kolumne hat Lorenz Marti dazu eine wunderbare kleine Geschichte erzählt, die ich hier weitergeben möchte (mit einem Dank an ihn für die Erlaubnis):

Saitensprung

   Ich habe mich einmal, lange ist’s her, mit einer Geige abgemüht. Ich war ein Kind und sollte ein Instrument spielen lernen. Die Geigenlehrerin hatte es schwer mit mir: Ich habe kaum geübt. Ich kam unvorbereitet in die Stunde und strich mit dem Bogen lustlos über die Saiten. Es tönte falsch, manchmal blieb ich auch stecken. Du musst besser üben, ermahnte mich die Lehrerin, selber eine bekannte Geigerin. Ich übte nicht besser. Ich übte gar nicht. Es war ein Fiasko. Irgendeinmal haben wir uns getrennt, die Geigenlehrerin, die Geige und ich.

   Und jetzt lese ich von einem der bekanntesten Geiger und staune: Itzhak Perlman hat unter schwierigsten Umständen zu wahrer Grösse gefunden. Er wurde 1945 in der israelischen Hafenstadt Jaffa geboren. Als Vierjähriger erkrankte er an Polio, ist seither behindert, trägt Stützen an beiden Beinen und geht an Krücken, oft unter grossen Schmerzen. Schon als Kind hatte er eine grosse Leidenschaft: die Geige. Ganz für sich alleine erprobte er die Möglichkeiten dieses Instruments. Er übte unermüdlich und brachte es so weit, dass er in die Musikakademie von Tel Aviv aufgenommen wurde. Damit begann ein kometenhafter Aufstieg. Innert weniger Jahre wurde Perlman zum grossen Star unter den Geigern. Er zog in die USA und füllt dort bis heute die Konzertsäle.

   Bei einem Konzert in New York passierte ihm einmal ein Missgeschick. Er hatte eben die ersten Akkorde gespielt, als eine Saite riss. Es wurde ganz still im Saal. Perlman wartete, schloss für einen Moment die Augen und bat dann den Dirigenten, noch einmal zu beginnen. Das Orchester setzte ein, und der gebrechliche Geiger spielte mit so viel Leidenschaft und Hingabe, dass sich das Publikum am Schluss erhob und minutenlang applaudierte. Es soll eines seiner besten Konzerte gewesen sein.

   Eigentlich ist es gar nicht möglich, ein Violinkonzert mit drei Saiten zu spielen. Itzhak Perlman wollte sich dieser Unmöglichkeit  nicht beugen. Er erfand das ganze Stück neu, veränderte es und entlockte seinem Instrument Töne, wie er sie noch nie gespielt hatte. „Wissen Sie“, meinte er am Schluss, „manchmal ist es die Aufgabe eines Künstlers herauszufinden, wie viel Musik man noch machen kann mit dem, was einem übrig geblieben ist.“ (Hervorhebung von mir)

   Auch wenn ich mit der Geige gescheitert bin, auch wenn ich sonst im Leben einiges nicht geschafft oder verloren habe – dieser eine Satz zeigt, dass das alles nicht so wichtig ist. Musik kann man immer machen. Sogar mit nur drei Saiten.

 Lorenz Marti   (erschienen in der Rubrik „Spiritualität im Alltag“ in der Zeitschrift saemann im Juni 2007)

Das zweite Buch von Lorenz Marti mit dem Titel „Mystik an der Leine des Alltäglichen“ ist kürzlich als Herder-Taschenbuch erschienen.

Das Flüstern eines sanften Windhauchs und das Toben der Fanatiker

Im letzten Beitrag habe ich die Geschichte des lebensmüden Elia unter dem Ginsterstrauch erzählt. Was hat aber den Propheten Elia in diese tiefe Krise geführt? Dazu muss ich kurz die Geschichte in Erinnerung rufen, die vorausgeht und auf die sich Kap. 19 bezieht: Isebel, die Königin, hatte den Kult der Baalsgötter in Israel eingeführt und den alten Glauben bekämpft und seine Priester ermordet. Elia stellte sich ihr entgegen und versuchte, das Volk zum Glauben an den Gott der Mütter und Väter zurückzuführen und die Baale nicht anzubeten. Auf dem Berg Karmel, so wird erzählt, kommt es zu einer dramatischen Entscheidung: Elia steht alleine 450 Baalspriestern gegenüber. Zwei Opferaltare werden aufgebaut und es wird vereinbart, dass dessen Gott sich als der wahre erweisen solle, der sich dazu bewegen liesse, das Opfer durch Feuer vom Himmel zu entzünden. Mit Tänzen, Gebeten und martialischen Ritualen rufen die Baalspriester ihre Götter an – aber ohne Erfolg. Elia aber lässt seinen Opferaltar sogar noch mit Wasser übergiessen und auf ein einfaches Gebet hin fängt sein Opfer Feuer. Der Gottesbeweis – so legt es die Geschichte nahe – ist erbracht und Elia – so wird uns erzählt –führt die Baalspriester zu einem Bach und schlachtet sie dort ab. Nun aber trachtet die Königin Isebel dem Elia erst recht nach dem Leben.

Man kann Elia wegen seines Mutes, der ganzen Schar der Baalspriester entgegenzutreten, bewundern. Er begibt sich um seines Glaubens willen in Gefahr, verhaftet und getötet zu werden. Er ist sich seines Glaubens und seines Auftrags so sicher, dass er nicht daran zweifelt, dass sein Gott sich als der Stärkere erweisen würde. Trotzdem hoffe ich sehr, dass wir mindestens ebenso sehr erschrecken über das Blutbad, das er am Ende anrichtet, darüber, wie seine Glaubensgewissheit umschlägt in religiösen Fanatismus und Gewalt. Wir dürfen uns diesem Entsetzen nicht entziehen und nicht vergessen, dass sich auch in der Geschichte unseres christlichen Glaubens eine Spur der Gewalt zeigt, die die Folge von religiösem Eifer und Fanatismus ist.

Ich denke, dass die Bibel – obwohl wir kein ausdrückliches Wort der Kritik an Elia finden – mit unserem Predigttext diesen Fanatismus des Elia in ein kritisches Licht rückt. Ich glaube sogar, dass es gerade dieser vermeintliche Gottesbeweis und der darauf folgende Blutrausch ist, der Elia in die Krise stürzt. Denn welcher Kontrast könnte grösser sein als der eines Gottes, der seine Macht erweist, indem er Feuer vom Himmel herabfallen lässt und es scheinbar gutheisst, dass die Baalspriester abgeschlachtet werden und dem Gott, der Elia seinen Boten sendet und ihn mit Brot und Wasser stärkt, dem Gott, der Elia ausdrücklich nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und auch nicht im Feuer begegnet, sondern im Flüstern eines sanften Windhauchs.

Könnte es nicht sein, dass gerade die fanatische Glaubensgewissheit, die auf vermeintlichen Gottesbeweisen aufbaut und allen Unglauben und Irrglauben kompromisslos zu bekämpfen trachtet, hier umschlägt in tiefste Verzweiflung? Und könnte es nicht sein, dass gerade deshalb sich Gott nun Elia ganz anders zeigt? Gerade die Gegenüberstellung der machtvollen Phänomene Sturm, Erdbeben und Feuer zum sanften Flüstern eines Windhauchs zeigt uns eindrücklich, wo wir die Gegenwart Gottes erfahren können und wo nicht. Sie macht auch die Geschichte vom vermeintlichen Gottesbeweis auf dem Karmel zumindest fragwürdig. Und auf jeden Fall setzt sie den Blutrausch des Elia, religiösen Fanatismus und religiöse Gewalt definitiv ins Unrecht. Das Flüstern eines Windhauchs verträgt sich nicht mit Fanatismus, Gewalt, Angstmacherei und Zwang. Ja, vielleicht ist die Geschichte von Elia unter dem Ginsterstrauch und seiner anschliessenden Gottesbegegnung am Horeb eine Bekehrungsgeschichte – die Bekehrung des Elia von religiösem Fanatismus und dem Weg der Gewalt. Ist Karmel sogar der unheilige Berg des religiösen Fanatismus, wo sich die Absolutheitsansprüche in einer fast grotesken Szene austoben und in einem Blutrausch enden, während der Horeb der heilige Berg einer ganz anderen Gotteserfahrung ist, des Flüsterns eines leisen Windhauchs  – einer Erfahrung, die bezwingt indem sie anrührt? Ich jedenfalls kann an dem vermeintlichen Sieg Jahwes auf dem Karmel keine Freude haben. Der Gott, dem ich vertrauen kann, zeigt sich in den leisen Tönen, in der Stille, in der unscheinbaren Begegnung.