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Archive for September 2010

Segen

Keinen Tag soll es geben, an dem ihr sagen müsst,
niemand ist da, der uns schützt.
Keinen Tag soll es geben, an dem ihr sagen müsst,
niemand ist da, der uns hilft.
Keinen Tag soll es geben, an dem ihr sagen müsst,
wir halten es nicht mehr aus.
So segne euch der barmherzige Gott.

Kategorien:spiritualität Schlagwörter:

Einen Menschen lieben

26. September 2010 3 Kommentare

Einen Menschen lieben,
heißt ihn so zu sehen,
wie Gott ihn gemeint hat.
Fjodor M. Dostojewski

In diesem Satz von Dostojewski steckt eine tiefe Weisheit, denn dem, was Gott für seine Welt und für seine Menschen will, entspricht dieser liebevolle Blick auf die Mitmenschen. Jesus hat uns vorgelebt, was es heisst, Menschen so zu sehen, wie Gott sie gemeint hat. Deshalb hat er nicht gerichtet, sondern aufgerichtet, nicht verurteilt, sondern zur Umkehr eingeladen, nicht ausgegrenzt, sondern Gemeinschaft geschenkt. Davon leben wir und das sind wir einander schuldig.

Kategorien:Liebe Schlagwörter:

Vertraut den neuen Wegen

1. Vertraut den neuen Wegen,
auf die der Herr uns weist,
weil Leben heißt: sich regen,
weil Leben wandern heißt.
Seit leuchtend Gottes Bogen
am hohen Himmel stand,
sind Menschen ausgezogen
in das gelobte Land.

2. Vertraut den neuen Wegen
und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen
für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten
das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten,
wo er uns will und braucht.

3. Vertraut den neuen Wegen,
auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen.
Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen
in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen.
Das Land ist hell und weit.

aus: Reformiertes Gesangbuch der Schweiz Nr.843
Text: Klaus Peter Hertzsch 1989

Kategorien:Lieder und Gedichte Schlagwörter:

Glaubensfreiheit und Toleranz

16. September 2010 3 Kommentare

„Einen Menschen töten, heisst nicht eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten“. Sebastian Castellio hat diesen Satz vor gut 450 Jahren geschrieben, ein französischer Humanist und Anhänger der Reformation, der zunächst in Strassburg und Genf mit dem grossen Reformator Johannes Calvin zusammenarbeitete und später, als er sich die Gegnerschaft Calvins zugezogen hatte, in Basel lebte und wirkte. Gemünzt war der Satz auf Calvin, der wortreich und leidenschaftlich die Verbrennung des spanischen Arztes Michael Servet verteidigt hatte als notwendig zur Bewahrung der Ehre Gottes und der reinen christlichen Lehre.

Warum erinnere ich an diese alte Geschichte? Natürlich nicht nur, weil ich vor einiger Zeit ein faszinierendes Buch über Castellio gelesen habe, sondern weil ich überzeugt bin, dass sie für den Dialog und die Begegnung der Religionen hilfreich und nützlich ist. Die schmerzhafte Erinnerung daran, dass in unserer eigenen Tradition Menschen verfolgt und getötet wurden um der Reinheit der Lehre und der Reinheit des Glaubens willen, kann uns bewusst machen, welch kostbares Gut die Toleranz im Glauben ist. Und der so kurze und einfache Satz des Sebastian Castellio enthält einen ganz entscheidenden Kern jeglicher Toleranz: es ist der Respekt vor dem Menschen als Menschen. Erst wo ich den Menschen als Menschen sehe – und eben nicht als Vertreter einer Lehre, einer Nation oder was auch immer – erst da ist Toleranz wirklich möglich. Toleranz bedeutet nicht, dass ich alles für richtig halten müsste, aber sie bedeutet, dass ich im anderen zuerst einmal den Menschen sehe, den ich achte und respektiere und erst dann vielleicht den Verteidiger einer Lehre oder einer Kultur oder einer Lebenseinstellung, der ich durchaus kritisch begegnen kann und die ich sogar für falsch halten mag. „Einen Menschen töten, heisst nicht eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten“. Es ging Sebastian Castellio nicht um die Richtigkeit der Lehren des Michael Servet. Die hielt er selber für falsch. Aber den Menschen musste er dennoch verteidigen, sein Recht auf Anderssein.

In der Bergpredigt findet sich ein ganz wichtiger Satz. Er ist in vielen Bibelausgaben als „Goldene Regel“ überschrieben: „Also: Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten.“ Wie wollen wir, dass die Leute mit uns umgehen? Natürlich wollen wir, dass sie uns Respekt entgegenbringen, dass sie uns fair behandeln. Ich denke auch, dass wir möchten, dass andere unsere Schwächen nicht ausnützen und uns, wenn wir uns irren oder Fehler machen, nicht fallen lassen und verurteilen. Vor allem aber, denke ich, dass jedes von uns sich wünscht, zuerst einmal wahrgenommen zu werden, wahrgenommen zu werden als Mensch, als Mensch mit Fähigkeiten und Grenzen, mit Bedürfnissen, Sorgen und Hoffnungen, mit einem Glauben und Lebenszielen. Wir wünschen uns Menschen, die uns offen begegnen. Und genau darin liegt der entscheidende Punkt. Wenn wir Jesu goldene Regel zum Massstab unseres Handelns machen wollen, dann werden wir den Menschen, die anderen Religionen und Kulturen angehören, zuerst einmal offen von Mensch zu Mensch begegnen. Dann werden wir in ihnen nicht zuerst eine Bedrohung unserer Kultur, unserer Religion oder unseres Wohlstands sehen, sondern Menschen mit Hoffnungen und Ängsten, mit ihren Traditionen und deren Begrenzungen.

Solche Offenheit und Bereitschaft zum Dialog ist nicht einfach selbstverständlich. Die Angst vor dem Fremden ist – wie uns die Evolutionsbiologie lehrt – tief in uns verwurzelt. Sie hilft uns ja auch, uns vor Gefahren zu schützen und das Eigene vom Anderen zu unterscheiden und eine Identität zu gewinnen. Aber es ist gut, wenn wir lernen, mit dieser Angst vor dem Fremden umzugehen und bereit sind, uns auch zu öffnen. Es gibt im Matthäusevangelium (15,21-28) eine Geschichte, in der Jesus selbst lernen muss, Grenzen zu überwinden. Es ist irritierend, wie Jesus die kanaanäische Frau behandelt. Er antwortet ihr zunächst mit keinem Wort. Als sie keine Ruhe gibt, weist er sie ab, weil sie keine Israelitin ist. Aber die Frau gibt nicht auf. Sie ist zum Glück schlagfertig, hartnäckig, selbstbewusst und bescheiden zugleich. So erreicht sie Jesu Herz und er hilft ihr. Kann Nachfolge Jesu auch bedeuten, dass wir uns auf den Weg machen, uns von unseren Vorurteilen befreien zu lassen und uns auf neue Begegnungen einzulassen, weil Jesus selbst es lernen musste, seine Vorurteile und Abgrenzungen zu überwinden? Ja, Jesus begegnet uns als einer, der es uns nicht einfach abfordert, auf Vorurteile zu verzichten, sondern als der, der darum weiss, dass wir das nur in der Begegnung mit Anderen und Fremden lernen können.

Den Menschen als Menschen wahrzunehmen mit seinen Hoffnungen und Ängsten und eben auch mit seinem Glauben, seiner Religion, bedeutet für mich auch, ihm so weit als möglich Raum zu geben, seinem Glauben gemäss zu leben und seine Religion auszuüben. Die Religionsfreiheit ist eine der grössten Errungenschaften unserer Kultur. Gerade Christen sollten entschieden für das Recht der Anderen auf Ausübung ihrer Religion eintreten. Das schliesst die kritische Auseinandersetzung mit problematischen Seiten anderer Religionen gewiss nicht aus. Noch einmal: Toleranz bedeutet nicht, dass wir alles für richtig halten müssen. Wir werden hoffentlich unsere Fragen stellen zum Frauenbild mancher islamischer Kreise – aber auch mancher fundamentalistischer Kreise im Christentum. Wir werden hoffentlich Klartext reden, wenn im Namen der Religion zu Gewalt gegen sogenannte Ungläubige oder vom rechten Glauben Abgefallene aufgerufen wird. Aber wir werden dabei hoffentlich auch nicht vergessen, dass solche Züge auch in der christlichen Religion nur in einem langen Kampf überwunden worden sind und sich manchmal heute noch zeigen. Die Stimme des Sebastian Castellio bleibt uns eine Mahnung: „Einen Menschen töten, heisst nicht eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten“.  Im Glauben darf es keinen Zwang geben, aber im Glauben kann es auch nicht einfach einen neutralen Standpunkt über den Religionen geben. Deshalb meint die Einladung zum Dialog und zur Begegnung der Religionen auch nicht, dass wir unseren eigenen Glaubensstandpunkt aufgeben sollten zugunsten einer Art Allreligiosität. Vielleicht kann die Begegnung mit anderen Religionen sogar ein Anstoss dazu sein, tiefer zu bedenken, was wir eigentlich glauben und worauf wir vertrauen. Aber gerade dann, wenn wir ganz fest in unserem eigenen Glauben verwurzelt sind, sollten wir nicht vergessen, dass auch unser Glaube Wandlungen erfahren hat und mit einer Geschichte verbunden ist, die eben unsere ist. Das macht uns hoffentlich sensibler für die Möglichkeit, dass Gott vielleicht doch für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Wege des Glaubens und der Religion vorgesehen hat. Es kann uns empfänglicher machen für die Möglichkeit, dass wir in unseren Glaubensansichten auch irren können und wir aus der Begegnung mit anderen für unseren Glauben dazulernen und bereichert werden können. Ein Glaube, der sich beständig abschotten muss, um ja nicht ins Wanken zu geraten, kann letztlich keine tragfähige Kraft sein. Die goldene Regel Jesu ist ein guter Leitfaden gerade auch für die Begegnung mit Menschen anderer Religionen und Kulturen: „Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten.“

Kategorien:Bibelzitate, Freiheit, Glaube

Wenn ich könnte …

 

Wenn ich könnte,

 gäbe ich jedem Kind

 eine Weltkarte…

 Und wenn möglich,

 einen Leuchtglobus,

 in der Hoffnung,

 den Blick des Kindes

 aufs äusserste zu weiten

 und in ihm

 Interesse und Zuneigung zu wecken

 für alle Völker,

 alle Rassen,

 alle Sprachen,

 alle Religionen!

 Dom Hélder Câmara, Der Traum von einer anderen Welt

Stille

9. September 2010 1 Kommentar

 

Stille ermöglicht uns Grenzerfahrungen. Sie führt uns über die Grenzen des Egos zum Selbst.

Stille ist nicht Einsamkeit, sondern ein Wegweiser nach innen zur Essenz des Seins, ein Wegweiser in eine mit dem Intellekt nicht fassbare, noch viel grössere Stille hinein.

In uns hineinzuhören, uns auch auf uns zu besinnen, gewährt auch den Respekt vor dem Anderen. Darin liegt für mich die ganz grosse Faszination der christlichen Botschaft.

Die Intimität von Stille weist auf die mögliche Nähe mit unserer Umgebung hin.
Das bedarf der Hingabe und Demut, Hingabe an mein Leben und Demut vor meiner Umwelt.

Stille ist ein Wunder, das es zu entdecken gilt. Jeden Tag aufs Neue.
Erst wenn wir still sind, sind wir bereit, Grösseres zu erleben.

Franz Welser-Möst

Die Zitate stammen aus einer Predigt, die der Dirigent Franz Welser-Möst im November 2008 in der Evanglischen Kirche in Vaduz gehalten hat und die im Band „Ortswechsel. Vaduzer Predigten 1997-2008“, hg. v. André und Karin Ritter, veröffentlicht wurde.

Kategorien:Mystik, Stille Schlagwörter: , , , ,

Unser Vater

7. September 2010 1 Kommentar

Das Unser Vater – oder Vaterunser, wie es in der lutherischen und katholischen Tradition heisst – ist das wichtigste und bekannteste Gebet der Christenheit. Es geht vermutlich auf Jesus selbst zurück. Während es für viele mit dem Gefühl kirchlicher Heimat verbunden ist und Ausdruck ihres Glaubens, ist es manchen auch durch jahrhundertelangen kirchlichen Gebrauch suspekt geworden. Worte, die mehr aus Gewohnheit gesprochen werden, die sich abgenutzt haben, die vielleicht auch in manchem Widerspruch erregen. Ist die Vateranrede nicht Ausdruck eines patriarchalen Gottesbildes, dem wir heute zu Recht mit Zurückhaltung begegnen? Haben wir nicht mit Reichen unsere schlechten Erfahrungen gemacht? Sind uns nicht Worte wie „erlöse uns von dem Bösen“ eher fremd geworden und das tägliche Brot für uns Mitteleuropäer eine Selbstverständlichkeit (was ja auch hier längst nicht für alle gilt!)?

Die Sehnsucht nach etwas Ursprünglicherem, Tieferem hat mit dazu geführt, dass das sog. aramäische Vaterunser eine beträchtliche Popularität erlangt hat. Aramäisch ist die Sprache Jesu. So erweckt das aramäische Vaterunser für manche den Eindruck des Originalen, Jesuanischen. Aber natürlich ist es nichts anderes als die Rückübersetzung des griechischen Vaterunsers für den Gebrauch durch die aramäisch sprechenden Christen. Mag sein, dass der Klang eines aramäisch gesungenen Unser Vater uns innerlich berühren kann. Ein Beispiel ist das folgende Video http://www.youtube.com/watch?v=MAEIrp4MFBE, das auf You Tube fast 400’000 Mal abgerufen wurde.

Da in unseren Breitengraden kaum jemand Aramäisch beherrscht, gelangten dazu „Übersetzungen“ in Umlauf – die bekanntesten stammen von Neil Douglas Klotz und von Joachim Ernst Berendt – die den Eindruck erwecken, das Unser Vater sei ursprünglich näher an esoterischen Lehren gewesen als an kirchlichen Lehrbildungen oder sei fast schon buddhistischen Texten verwandt. Allerdings sind diese Fassungen sehr freie Übertragungen und keinesfalls wörtliche Übersetzungen. Zwar bin auch ich des Aramäischen nicht mächtig, aber mit Hebräischkenntnissen und einem kurzen Blick ins aramäische Wörterbuch lässt sich leicht feststellen, dass der in unseren Kirchen gebräuchliche Text des Unser Vater wesentlich näher am aramäischen Text ist als diese freien Übertragungen. Und näher am ursprünglichen Gebet Jesu ist das aramäische Unser Vater auch nicht.

Fehlt uns also etwas, weil wir das Original nicht haben? Ich denke nicht, denn dieses Gebet gewinnt seine Bedeutung durch seine Kürze und Tiefe – in welcher Sprache auch immer. Aber es gewinnt diese Bedeutung nur, wenn wir es uns aneignen.

Was ich damit sagen will? Das Unser Vater, so wie wir es kennen, lenkt unseren Blick in aller Kürze und Tiefe auf das (oder den oder die …), was höher ist als alle Vernunft und es lenkt im zweiten Teil unseren Blick auf uns selbst, unsere Mitmenschen, unsere soziale Verantwortung. Mehr Nähe zu Jesus braucht es gar nicht. Aber manchmal ist uns der Blick dafür verstellt, weil uns dieses Gebet zu vertraut ist, weil wir schon erlebt haben, dass es einfach heruntergeleiert wurde oder weil wir vielleicht den Institutionen gegenüber skeptisch sind, zu deren Liturgie dieses Gebet gehört.

Allerdings kann uns die Popularität des aramäischen Unser Vater bei Menschen, die spirituell offen sind, aber keinen Zugang zum kirchlichen Christentum finden, darauf hinweisen, dass wir in unseren Kirchen dieses Suchen ernst nehmen müssen. Es geht nicht darum, kirchliche Lehren und Texte zu verteidigen, sondern danach zu fragen, wo sie unsere Existenz in ihrer Tiefe brühren, zum Leben ermutigen und helfen, mit dem Fragmentarischen und der Verletzlichkeit unseres Lebens zurecht zu kommen. Deshalb wünsche ich mir einen offenen Dialog mit anderen Religionen und den spirituell Suchenden aller Denk- und Glaubensrichtungen. Denn die christliche Tradition verfügt über reiche sprituelle Schätze. Diese zu heben kann aber nicht gelingen, in dem wir andere spirituelle Einsichten bekämpfen, sondern indem wir sie mit ihren Fragen und Antworten wahrnehmen. Es braucht aber auch die intellektuelle Redlichkeit und den kritischen Blick für das, was fragwürdig und irreführend ist. Das gilt für manches, was dem aramäischen Unser Vater unterlegt wird, aber nicht für die Fragen und Sehnsüchte, dei sich damit verbinden.

Kategorien:Esoterik, Gebet Schlagwörter: , , ,