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Brauchen wir mehr Sarrazins?

Anlässlich eines Artikels der Schriftstellerin Thea Dorn in der Zeit (http://pdf.zeit.de/2010/40/Meinungsfreiheit.pdf) äussere ich mich heute zu einem gesellschaftspolitischen Thema. Dieser Artikel drückt in meinen Augen am Beispiel der Sarrazin-Debatte eine wachsende Stimmung aus, die sich auf den Nenner bringen lässt: Irgendwie stellt er ja doch die richtigen Fragen und wir brauchen mehr Leute, die so klare Positionen vertreten. Diese Stimmung finde ich beunruhigend.

Der Artikel von Thea Dorn ist erfrischend geschrieben und beim flüchtigen Lesen verdient Einiges Zustimmung. Tatsächlich hätte Luther, wie Dorn zu Beginn ihres Artkels schreibt, heute kaum Chancen zum EKD-Ratsvorsitzenden gewählt zu werden und dass ein Mangel an kantigen, meinungsfreudigen und profilierten Persönlichkeiten herrscht und zu viele sich übervorsichtig am Mainstream orientieren, ist kaum zu bestreiten. Mehr Mut, eine eigene Meinung poinitiert zu vertreten – diesem Anliegen kann ich nur zustimmen und es mag jeder zunächst sich selbst danach befragen.

Beim genaueren Hinsehen schleicht sich bei mir aber auch ein grosses Unbehagen ein. Um zuerst einmal beim pointierten Einstieg von Thea Dorn zu bleiben: ich würde mir heute nicht unbedingt einen Luther mit seinen unversöhnlichen und im Alter z.T. auch verbitterten Zügen als EKD-Ratsvorsitzenden wünschen, von seinen antijudaistischen Aussagen ganz zu schweigen (auch wenn ich dabei natürlich den historischen Abstand in Rechnung stelle und Luther heute sicher in vielem anders reden und schreiben würde). Und wenn bei Erwähnung aller Unterschiede ein Thilo Sarrazin dann doch zum Musterbeispiel einer solchen meinungsstarken Persönlichkeit wie in seiner Zeit ein Luther erklärt wird, dann bleibt mir nur noch Kopfschütteln. Ist das nicht selbst ein Beispiel der kritisierten Stromlinienförmigkeit, wenn die Meinungsfreudigkeit von Sarrazin gerühmt wird, wobei die Autorin vermutlich von sich weisen würde, mit den Inhalten dieser Meinungen von Sarrazin identifiziert zu werden? Es ist ja zu einer beliebten Haltung geworden, dass Sarrazin gewiss in vielem übertreibt, aber irgendwie doch recht hat. Das erspart das vertiefte eigene Nachdenken und zugleich kann man selber im Versteck bleiben. Und sollen wir uns wirklich einen Berserker wie Franz-Josef Strauss zurückwünschen – nur aus einer diffusen Sehnsucht nach starken Persönlichkeiten mit klaren Positionen?

Auch wenn ich die Kritik an einer diffusen Unverbindlichkeit teile und mir wünsche, dass Menschen auch meinen, was sie sagen und ihre Positionen klar vertreten, bin ich doch auch überzeugt, dass Kompromisslosigkeit und Meinungsfestigkeit nicht schon an sich ein Wert sind. Sie können auch Zeichen von Engstirnigkeit und Unbelehrbarkeit sein (siehe Sarrazin).

In Kirche, Politik und Gesellschaft brauchen wir mutige Leute, die klare Positionen vertreten. Aber wir brauchen zugleich deren Besonnenheit, Gesprächsbereitschaft und Kompromissbereitschaft. Die Sehnsucht nach dem starken Mann (oder auch wahlweise der starken Frau) ist keine Lösung für die heutigen Herausforderungen. Und vielleicht ist eine gewisse Rücksicht auf den Mainstream, der ja auch ein Rest von gesellschaftlichem Konsens sein könnte, der Preis, den wir für den gesellschaftlichen Frieden zu zahlen haben.

Allerdings steigt mit zuviel Mainstream und Political Correctness das Unbehagen und der gesellschaftliche Frieden gerät ebenfalls ins Wanken. Was es braucht sind aber nicht mehr Sarrazins, sondern mehr mutige Leute, die den Sarrazins nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Argumenten widersprechen und Menschen, die die Ängste verunsichern, mit denen Sarrazin spielt, ernstnehmen und nicht zum Schweigen bringen.

Kategorien:Islam, Politisches Schlagwörter:
  1. 16. Oktober 2010 um 17:53

    „Auch wenn ich die Kritik an einer diffusen Unverbindlichkeit teile und mir wünsche, dass Menschen auch meinen, was sie sagen und ihre Positionen klar vertreten, bin ich doch auch überzeugt, dass Kompromisslosigkeit und Meinungsfestigkeit nicht schon an sich ein Wert sind. Sie können auch Zeichen von Engstirnigkeit und Unbelehrbarkeit sein.“

    Wunderbar gesagt!

    Herzlichen Gruß an dich.
    Stefan

  2. auguste
    25. Dezember 2010 um 11:44

    „Political Correctness“ und „Mainstream“ setzt eine homogene Masse voraus – die bei irgendwelchen Autoritäten oder Vorbildern denken lässt und das Nachgebetete als eigene Meinung ausgibt. Mit welchem Recht benutzen Sie diese Kategorie und für wen?

    Argumente gegen Sarrazin? Was ist für Sie ein Argument? Und wie wollen Sie argumentieren gegen jemanden, der auf Volksverhetzung und den dazu notwendigen Missbrauch von Tatsachen baut? Zum Argumentieren gehören zwei und wäre mit Sarrazin zu argumentieren, dann hätte er mit Argumentieren angefangen. Argumentieren können höchstens die Leser untereinander – über die Methode und darüber, was sie unter – nein, nicht „political correctness“, sondern korrektem = sauberem und sachangemessenen Argumentieren verstehen. Und das ist mittlerweile (Weihnachten) oft genug geschehen.

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