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Noch einmal – Gedanken zur Sarrazin-Debatte

Immer wieder ist zu lesen, dass die Argumente und Thesen Thilo Sarrazins von einer medialen Öffentlichkeit geradezu niedergeknüppelt würden, die sich zum Anwalt einer fragwürdigen Political Correctness mache. In den letzten Tagen und Wochen frage ich mich aber zunehmend, ob nicht eher das Gegenteil der Fall ist und sich das gesellschaftliche Klima nicht nur aber auch auf dem Hintergrund dieser Debatte auf beunruhigende Weise verschärft.

Die zunehmenden Wähleranteile rechtspopulistischer und integrationsfeindlicher Parteien in Europa sind nicht erst seit Sarrazin zu beobachten. Vergangene Woche wurde in den Niederlanden eine Minderheitsregierung vereidigt, die sich auf die islamfeindliche und xenophobe Partei von Geert Wilders stützt. In der Schweiz wurde im vergangenen Jahr ein Verbot von Minaretten per Volksabstimmung in der Verfassung verankert und bald schon steht eine Ausschaffungsinitiative zur Abstimmung, die zumindest in Spannung zu Teilen des Völkerrechts steht und nach Meinungsumfragen gute Chancen hat, angenommen zu werden. Der bayrische Ministerpräsident will die Zuwanderung aus der Türkei und arabischen Ländern generell stoppen und findet in den Unionsparteien in Deutschland kaum Widerspruch. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, die kürzlich die Äusserungen von Sarrazin noch als wenig hilfreich kritisiert hat, wird heute in der Presse mit der Feststellung zitiert, Multikulti sei absolut gescheitert.

Selbstverständlich bedeutet Integration nicht nur fördern, sondern auch fordern und setzt den Integrationswillen und die Integrationsbemühungen derer voraus, die integriert werden sollen. Das ist eine Binsenweisheit und das darf und soll auch unterstrichen werden. Wenn dabei allerdings ein Klima entsteht, das Migranten zuerst einmal dem Verdacht aussetzt, sie seien generell nicht integrationswillig oder gar tendenziell kriminell, dann ist das Ziel nicht bessere Integration, sondern Ausgrenzung und Abwehr. Manches in der Debatte der letzten Wochen deutet für mich in diese Richtung und das ist in meinen Augen extrem beunruhigend.

Ja, man darf die Dinge beim Namen nennen. Nur darf dies nicht dazu führen, religiöse oder ethnische Gruppen unter Generalverdacht zu stellen. Und die Erkenntnis, dass eine multikulturelle Gesellschaft wesentlich anspruchsvoller ist als manche Romantiker sich das vorgestellt haben, macht es noch lange nicht wahr, dass die multikulturelle Gesellschaft gescheitert sei. Wir haben multikulturelle Gesellschaften und es kommt darauf an, das Zusammenleben in diesen multikulturellen Gesellschaften so zu gestalten, dass der Friede gewahrt bleibt und ein Zusammenleben auf der Basis gemeinsamer grundlegender Werte gelingt. Es ist zu billig, dass jeder nach seiner Fasson selig werden kann. Es braucht die Akzeptanz gemeinsamer grundlegender Werte, die auch eingefordert werden darf. Wer aber Multikulti für absolut gescheitert erklärt – auch wenn damit ein bestimmtes romantisches Multikultimodell gemeint sein sollte, weckt damit die Illusion, es gäbe einen Weg zu einer homogenen Gesellschaft. Und genau diese Illusion gebiert immer wieder fremdenfeindliche Tendenzen.

Als Nachtrag noch ein Link zum Blog des Zeit-Redakteurs Jörg Lau, der sich auf Angela Merkels Absage an den Multikulturalismus bezieht: http://blog.zeit.de/joerglau.

Kategorien:Islam Schlagwörter:
  1. theodora
    19. Oktober 2010 um 19:42

    Wir brauchen nicht mehr Sarazins, sondern Menschen aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis, die den Mut haben, kritische Äußerungen zu tun, wie Hamad Abdel-Samad in seinem Buch „Der Untergang der islamischen Welt“.
    Er sagt u.a.:“Die arabisch-islamische Welt hat den Zug der Moderne verpasst, und ihr bleibt nichts anderes übrig, als auf dem Gleis zu stehen und auf den Lokführer -den Westen- zu fluchen.“
    Durch die starren moralischen Gesetze bleibt die Spiritualität des Islams völlig im Hintergrund.So ist es kein Wunder, dass diese Religion Angst und Abwehr im Westen erzeugt.
    Ein Interview mit Abdel-Samad ist in „Welt online“ zu lesen:

    http://www.welt.de/politik/ausland/article9500423/Der-Islam-wird-als-Kultur-untergehen.html

    Herz-liche Grüße und vielen Dank für die guten Gedanken hier!

    • 19. Oktober 2010 um 20:24

      Hallo Theodora,

      danke für deinen Kommentar. Kollektive Lernprozesse brauchen Zeit und es ist nicht so einfach, auf den Zug der Moderne aufzuspringen. Es braucht mutige Leute in allen Religionen, die ihren Glauben auch zu hinterfragen wagen und Engstirnigkeit und Gesetzlichkeit beim Namen nennen. Aber es braucht wohl auch einen kritischen Umgang mit der sog. Moderne. Und vor allem sollten wir mutige Leute wie Abdel-Samad nicht einspannen als Kronzeugen unserer vermeintlichen westlichen Überlegenheit. Bei Dir habe ich diesen Verdacht auf keinen Fall, aber bei den Welt-Autoren bin ich da nicht mehr so sicher und die Kommentarspalte zum Welt-Artikel ist zum Teil für mich von erschreckender Häme – genau der Abgesang auf Multikulturalität, der das Klima vergiftet!

      Herzliche Grüsse

      Bernd

  2. Rosmarie
    20. Oktober 2010 um 08:11

    Ich habe persönlich noch einmal darüber nachgedacht. Sind wir nicht zu verwöhnt und egoistisch geworden um Fremdes ein zu lassen? Was würde ich tun wenn ein verfolgter Fremder oder Fremde bei mir anklopfen würde und um Einlass bäte?…und mein Eigenleben dadurch ganz durcheinander käme? Würde ich gegen meinen Widerstand christlich handeln ?

    In der Politik wird viel geredet und auch machtvoll auf gewiegelt und Egoismus gestärkt.Und es geht vorläufig alles noch nicht so nah,fordert nicht unbedingt eigene Entscheidungen.

    Als Christ brauche ich Gleichgesinnte,die mich im Nötigen und Guten bestärken und ermutigen.Haben wir nicht in unserer verflachten Gesellschaft die Stimme des Gewissens und des Mutes nötigenfalls gegen den Strom zu schwimmen neu dringend nötig?
    Dein Blog ist mir auf diesem Weg eine Hilfe. danke Bernd!!!

  3. Bernd H.
    10. November 2010 um 12:30

    Zustimmung! Zu diesem Thema habe ich in unserer Regionalpresse kürzlich folgenden Leserbrief veröffentlichen lassen:
    —————————

    Integrationsdebatte – Multikulti ist nicht tot!

    Ebenso geschickt wie durchsichtig Dumpf nutzen unsere Bundes- und Landespolitiker die unsägliche Integrationsdebatte um ihrem Image einen konservativen Anstrich zu verleihen (vermutlich weil sie eine Sehnsucht nach dem „Konservativen“ im Volk ausgemacht zu haben glauben, vielleicht auch einfach nur weil sie endlich ein Thema gefunden haben um von der anhaltenden Schwäche der schwarz-gelben Regierungskoalition abzulenken).

    Tatsächlich wirken die im Gange befindlichen Veränderungen in unserer Gesellschafft bizarr und verstörend: Da soll auf der einen Seite Beziehern von Sozialtransfers mit Gutscheinen, Reglementierungen und Sanktionsdrohungen bis ins Essgefach hineinregiert werden, während sich auf der anderen Seite Lobbyisten der Industrie im Hinterstübchen die passenden Gesetze selbst schreiben. Man fragt sich gelegentlich (angelehnt an Bestsellerautor Precht) „Wer vertritt hier wen und wenn ja haben wir überhaupt eine Wahl wenn wir Wählen gehen?“

    Während die Mittelschicht unter der Last der Transfers (nach oben und nach unten) ächzt, greift gleichzeitig die Angst um sich, vielleicht der nächste zu sein dem Verlust von Wohlstand, Arbeit und Einkommen droht. Ausgehend von dieser massiven Verunsicherung der Menschen und den latent immer noch schwelenden Krisen nicht nur in Finanz- und Währungswelt ist der Ruf vieler nach „Werten“ und „Kultur“, nach Halt und Führung zu verstehen. Nicht zu verstehen ist der (auch von unseren Politikern geschürte) teilweise religiös motivierte Fremdenhass der sich in dieser Debatte in ungewöhnlicher Schärfe breitmacht.

    Ich war Stolz auf unsere Weltoffenheit, auf die Fähnchen an den Autos während der Weltmeisterschaft, auf das kurze aufflimmern von etwas das man (wenn auch immer noch mit einer kurzen Pause vor dem aussprechen des Wortes) „Nationalstolz“ nennen konnte. Nach all den Jahren, ein Stückweit Heilung, Normalität. All dies wird nun rücksichtslos einer Debatte geopfert, die aus einem bunten „WIR“ ein randscharf schwarzweiß trennendes „UNS“ und „EUCH“ macht.

    Mir tut dies nicht nur unendlich Leid, mir tut dies weh. Besonders deswegen weil seit Jahren die Missstände von vielen an der Basis und in den Brennpunkten tätigen Menschen berichtet und gemeldet werden. Geschehen ist wenig, tatsächlich werden Mittel gekürzt, die Maßnahmen zusammengestrichen oder gar ganz eingestellt.

    Mit anderen Worten: Die Missstände werden oben raumgreifend diskutiert, während die klammen Kassen gleichzeitig nach unten in die Kommunen hinein delegiert werden. Am Ende bleibt nicht viel mehr übrig als ein „Wir können zwar nicht viel machen, aber es war gut das wir mal darüber geredet haben“.

    Immerhin korrigiert unsere Regionalpresse das einseitige Bild vermeintlich misslungener Integration: Frauen die aktive Integrationshilfe leisten und dabei bereit sind selbst dazuzulernen, Schulen die für herausragende Leistungen in Sachen Integration ausgezeichnet werden uvm.

    Gerade deshalb finde ich es so wichtig das die mediale Berichterstattung nicht die Ausnahmen zur Regel erhebt (wie dies oft im Boulevard und in Talkshows zu beobachten ist) sondern im Gegenteil das sie die Regel zum leuchtenden Beispiel für die Ausnahmen werden lässt.

    Insofern: Multikulti ist nicht tot, wie uns Kanzlerin Merkel wahlkampfwirksam glauben machen will, tatsächlich ist es nur unser Bild einer multikulturellen Gesellschaft, das sich -auch durch diese Debatte- von einem romantisierenden nebeneinander hin zu einem realistischen Miteinander wandelt. Alle müssen sich aufeinander zubewegen. Nur wenn es uns gelingt anderen Kulturen offen, neugierig und unvoreingenommen gegenüberzutreten – und nur wenn es uns gleichzeitig gelingt Auswüchse, Missbrauch und Intoleranz zu unterbinden.

  4. Medienschau
    25. Dezember 2010 um 01:07

    Da hat er leider ja so,so doll recht.
    Wir als Normalos erkennen immer mehr das wir in einer Scheindemokratie leben, siehe auch den Umgang mit Wikileaks, und die Macht haben die Bankbesitzer in dieser Diktatur der Gelderzeuger die von Politikmarionetten dann umgesetzt wird.
    Es geht um Profit,Herrschen,Manipulieren und der Mensch ist eine Zahl,ein Kostenfaktor und Humankapital. Mann muss diese Diktatur in der wir Leben mit der Nazizeit vergleichen, denn es ist nichts anderes. Reichstagsgebäude unter Hitler und jetzt. Was hat sich geändert? NICHTS! (Ausser das dass Hakenkreuz fehlt. Desshalb sind es meiner Meinung keine Parlamentsabgeordnete sondern Reichstagsabgeordnete.
    Ich zähle sicherlich nicht zu den Nazis sondern eher in Links-Mitte.
    Sarrazin hat in seinem Buch mit Sicherheit zu 80% Recht, die anderen 20% sind nur Geschwafel um sein Buch besser verkaufen zu können.

    • 25. Dezember 2010 um 07:57

      Nein, da hat er nicht recht und es ist genau diese Ansammlung von Halbwahrheiten in Sarrazins Buch verbunden mit einer ebenfalls zum Teil nachvollziehbaren Politikverdrossenheit, die momentan zu den grössten Gefahren der Demokratie gehört und geschickteren und machtbewussteren Populisten den Weg bereiten könnte. Wenn Sarrazin sich nun als das Opfer von Medien und Politik stilisiert, dann ist das eine Verweigerung der Debatte und eine intellektuelle Bankrotterklärung. Wenn Sarrazin tatsächlich zu 80% Recht hätte mit seinem Buch, dann wäre das für seinen Anspruch eine ziemlich magere Quote und er müsste eigentlich wissen, dass genau die 20 %, mit denen er nicht recht hat – nämlich die Pauschalisierungen und generellen ethnischen Zuschreibungen (ganz abgesehen von seiner absurden Laiengenetik) – in der Öffentlichkeit die stärkste und problematischste Wirkung entfalten. Wenn das halt Verkaufspolitik ist, dann gibt es nichts mehr dazu zu sagen ausser „Nein, danke!“.

  5. auguste
    25. Dezember 2010 um 11:57

    @medienschau
    Hannah Arendt (Jüdin, Philosophin) hat nach dem 2. Weltkrieg Deutschland bereist und kam in ihrem Résumée zu den Schluss, das Beunruhigende an Deutschland sei, dass man dort zwischen Tatsachen und Meinungen nicht unterscheiden könne.

    Tatsache = von jedem nachprüfbares Faktum
    Meinung = persönliche Schlussfolgerung daraus.
    Wenn Sarrazin z.B. die TATSACHE, dass muslimische Familien im Schnitt mehr Kinder als andere haben und die TATSACHE, dass muslimische Familien häufiger als die aus anderen sozialen Gruppierungen auf den untersten Stufen der Einkommenshierarchie zu finden sind, den Schluss zieht, diese Immigranten zögen durch die Vererbung eines niederen Intelligenzquotienten das Leistungsniveau der Deutschen nach unten, dann ist diese MEINUNG faschistisch.

    • 25. Dezember 2010 um 12:44

      Mit dem Faschismusvorwurf wäre ich etwas zurückhaltender und Ihre Wiedergabe der Schlussfolgerungen von Sarrazin halte ich für etwas verkürzend, aber genau so wird er leider von vielen, die ihm zustimmen, verstanden und das ist beängstigend.

  6. auguste
    27. Dezember 2010 um 22:09

    Stimmt, so ein Gedanke allein ist noch nicht faschistisch, aber es ist einer, über den sich Faschisten freuen würden. Nennen wir ihn rassistisch, das ist ja schon schlimm genug.

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