Dankbarkeit

„Und wenn wir Menschen nicht so blind und der Güter Gottes so überdrüssig und unachtsam wären, so wäre freilich kein Mensch auf Erden, er habe noch so viel Besitz; wenns zum Tausch kommen sollte, so nähme er kein Kaisertum noch Königreich dafür, wenn er dafür der (uns allen eigenen) Güter beraubt wäre. Denn was kann ein Königreich für ein Schatz sein im Vergleich zu einem gesunden Leibe. … Wenn die Sonne einen Tag nicht schiene, wer wollte nicht lieber tot sein? Oder was hülfe ihm all sein Gut und Herrschaft? Was wäre aller Wein und Sekt in aller Welt, wenn wir einen Tag des Wassers ermangeln sollten? Was wären alle hübschen Schlösser, Häuser, Samt, Seide, Purpur, goldenen Ketten und Edelsteine, alle Pracht, Schmuck und Hoffart, wenn wir ein Vaterunser lang die Luft entbehren sollten? – Solche Güter Gottes sind die grössten und (zugleich) die allerverachtetsten und deshalb, weil sie allgemein sind, dankt niemand Gott dafür, sie nehmen sie und brauchen diesselben täglich immer so dahin, als müsste es so sein …; fahren dieweil zu, haben was uns am Herzen liegt zu tun, sorgen, hadern, streiten, ringen und wüten um überflüssiges Geld und Gut, um Ehre und Wollust und in Summa um das, welches solchen obengenannten Gütern nicht das Wasser reichen könnte.“
aus: Martin Luther, Das schöne Confitemini (zu Ps 118), 1530
 

Sehen wir einmal von der etwas altertümlichen Sprache Luthers ab, so irritiert uns vielleicht immer noch der moralisierende Unterton. Aber ich denke, dass es viel zu kurz greift, wenn wir die wunderbaren Gedanken Luthers einfach als moralischen Appell: „Gib dich zufrieden mit dem, was du hast“ verstehen würden, zumal das leicht in eine falsche Selbstzufriedenheit umschlagen kann. Aber Luthers Vergleiche können uns helfen, die Dinge wieder ins richtige Verhältnis zu setzen. Es mag uns motivieren und antreiben, immer höhere Ziele zu erreichen, aber all dies kann nichts von dem ersetzen, was zu unseren elementaren Lebensgrundlagen gehört. Und  diese elementaren Lebensgrundlagen hat Gott allen Menschen zugedacht und es gibt keine Rechtfertigung dafür, sie zu privatisieren und anderen vorzuenthalten.

Kategorien:christliche spiritualität Schlagwörter:
  1. theodora
    28. Oktober 2010 um 12:04

    Lieber Bernd!
    Ich habe im www ein Dankgebet vom Pastor der Michaeliskirche in Hamburg, Helge Adolphsen, gefunden:

    „Manchmal erfüllt mich Dankbarkeit so, dass ich singen und tanzen, die ganze Welt umarmen und mich verströmen möchte. Wenn sie mich überkommt, bist Du mir näher als meine Haut. Mein Gott, ich danke Dir für dieses Geschenk.
    Aber oft ist mir Dankbarkeit so fern wie Du selbst. Oft verschließe ich mich davor, in den kleinen Dingen meines Lebens Zeichen Deiner Güte zu entdecken. Ich bitte Dich, dass meine Dankbarkeit in mir wächst und größer wird, auch auf einsamen Wegen und tiefen Tälern; dass mein Blick nicht von der Finsternis in meinem Herzen gebannt wird. Ich bitte Dich, dass ich mich an das Schöne in meinem Leben halten kann, und Du mich aufschließt zu tieferer Dankbarkeit.
    Noch vermag ich Dir nicht zu danken für das, was meine Dankbarkeit am Reifen hindert: für alles Beschwerliche, Bedrängende und Leidvolle. Noch bin ich arm an jener Demut, die mich mutig macht, mich Dir ganz anzuvertrauen.
    Aber manchmal spüre ich, dass der Tag kommen wird, an dem ich Dir für alles danken werde, für das Schöne und alles Schwere, das Helle und das Dunkle, die Stunden meiner Armut und die Stunden meines inneren Reichtums.“

    • 30. Oktober 2010 um 14:59

      Liebe Theodora,

      danke für dieses schöne Gebet.

      herzliche Grüsse

      Bernd

    • Bernd H.
      10. November 2010 um 12:08

      Wunderbarer Text! Herzlichen Dank dafür…! Werd ich mir aufheben. Werde mal nachsehen müssen ob es noch mehr von diesem wunderbaren Menschen gibt.

      Einen sehr schöner Vortrag zum Thema Dankbarkeit existiert irgendwo in den unendlichen Weiten des Internet. Er stammt von Prof. Dr. Günter Sauder, hat mich ebenfalls sehr beeindruckt. Leider finde ich im Augenblick keinen Link dazu.

  2. theodora
    28. Oktober 2010 um 12:11

    Ich habe gerade gelesen: Helge Adolphsen ist ehemaliger Hauptpastor des Michel; bis 2005….

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