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Archive for November 2010

Kirche leiten

29. November 2010 4 Kommentare

Isolde Karle verdanke ich einen wunderbaren kleinen Textfund aus der Praktischen Theologie von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher: „Es ist also auch gar nicht so schwer die Kirche zu regieren, wenn man nur nicht zu viel regieren will“.

Kirchenleitungen sind durchaus nicht zu beneiden und ich habe grossen Respekt vor allen, die sich dieser Aufgabe stellen. Beherzigenswert finde ich Schleiermachers Hinweis dennoch. Protestantische Kirchen sind Netzwerkkirchen, die nicht Top-Down gemanagt werden können. Das bedeutet aber auch, dass wir die Verantwortung für die Kirche nicht einfach an „die da oben“ abschieben können.

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Richte unsere Füsse auf den Weg des Friedens – Zum 1. Advent

28. November 2010 3 Kommentare

Die Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums beginnt mit dem wunderbaren Magnificat, dem Lobgesang der schwangeren Maria und mit dem Lobgesang des Zacharias. Zacharias endet mit der Bitte „…und richte unsere Füsse auf den Weg des Friedens.“ Wie aber kann uns die Weihnachtsgeschichte dazu helfen, unsere Füsse auf den Weg des Friedens zu richten? Indem sie uns die Augen öffnet für das, was wirklich wichtig ist und uns frei macht von dem Irrglauben, es käme immer darauf an sich zu behaupten und sich durchzusetzen. Wieviel Unheil und Unfrieden kommt immer wieder daher, dass wir meinen, recht behalten zu müssen, Stärke beweisen wollen und nur keine Schwäche zeigen. Und so wird jede Auseinandersetzung zum Machtkampf – nicht nur in der Politik – sondern auch und gerade in Beziehungen, Familien und Nachbarschaften. Das wehrlose und bedürftige Kind in der Krippe, der Mann Jesus, der sich ohne Gegenwehr verhaften lässt, zeigt uns, wie sinnlos und destruktiv diese Haltung ist. Stark ist in Wahrheit, wer auch Schwäche zeigen, nachgeben, die Hand zur Versöhnung reichen kann. Stark ist, wer dem Anderen Raum lässt und ihn nicht in seine eigenen Vorstellungen hineinzwingen will. Stark ist, wer den anderen nicht zur Unterwerfung zwingt, sondern ihm sein Recht lässt, ihm zuhört und ihn respektiert.

 Richte unsere Füsse auf den Weg des Friedens. Diese Bitte bedeutet auch, dass wir den Blick nach vorn richten und nach Wegen suchen, die wir gemeinsam gehen können und uns nicht immer wieder in vergangenen Geschichten verlieren, die uns vielleicht voneinander trennen und die wir nicht loslassen können. Es kommt nicht darauf an, dass wir am Ende recht behalten, sondern dass wir miteinander weitergehen können.

 Die weihnachtliche Friedensbotschaft hat aber nicht nur eine private, sondern auch eine gesellschaftlich-politische Seite. Wer seinen Glauben auf den baut, der die Niedrigen ansieht und erhöht und die Mächtigen vom Thron stürzt, der wird das Wohl einer Gesellschaft auch daran messen, ob sie sich um die sorgt, die am Rand stehen, um die Niedrigsten und Geringsten. Damit meine ich nicht nur, dass wir unseren Sozialstaat nicht preisgeben sollten. Es geht mir auch darum, welche Haltung wir diesen Menschen gegenüber einnehmen, ob wir sie am Liebsten aus den Augen haben wollen und sie für ihre Situation einfach selber verantwortlich machen oder ob wir fähig sind zum Verständnis und Mitgefühl und zu persönlicher Zuwendung. Das heisst nicht, einfach alles zu verstehen und zu akzeptieren. Manchmal ist ein Nein hilfreicher als wohlwollendes Verständnis, aber – und das ist für mich die weihnachtliche Botschaft – es muss getragen sein von einem Ja zu diesem Menschen, denn Gott sagt zu jedem von uns Ja.

 Nicht zuletzt bedeutet für mich die weihnachtliche Friedensbotschaft, dass wir Frieden schliessen dürfen mit uns selber. Wir dürfen unser Leben so annehmen wie es ist. Wir dürfen uns die heilsame Befreiung von Weihnachten gefallen lassen: uns ist ein Kind geboren, ein Kind, das uns nahe ist in all unserer Bedürftigkeit und Unvollkommenheit, ein Kind, das sich mit uns freut am Gelingen, ein Kind, das uns nahe ist in Schmerzen und Trauer, in Kummer und Sorgen. Wir sind nicht allein und gerade da, wo wir schwach sind und Hilfe nötig haben, steht Gott an unserer Seite und gibt uns neue Kraft.

Kategorien:Bibelzitate, Predigt, Weihnachten Schlagwörter:

Kern des Evangeliums

Kürzlich stellte sich der neue Ratsvorsitzende der EKD Nikolaus Schneider im Chat auf evangelisch.de zahlreichen Fragen. Seine Antwort auf meine Frage nach dem Kern des Evangeliums hat mich beeindruckt, weil sie schlicht und einfach und zugleich theologisch durchdacht ist.

atemhaus: Sehr geehrter Präses Schneider, wie würden Sie den Kern des Evangeliums kurz umschreiben?

PraesesSchneider: Kurz und knapp: Du bist ein von Gott geliebter Mensch, musst Dir Deine Würde nicht erarbeiten und kannst sie auch nicht verlieren. Das gilt auch für das Himmelreich! Gott ist in allen Höhen und Tiefen des Lebens an Deiner Seite.

atemhaus: Danke für diese wunderbare Formulierung. Ich glaube es lohnt sich, Menschen dazu zu ermutigen, das in und an ihrer eigenen Lebensgeschichte durchzubuchstabieren – und das natürlich auch selber zu tun.

Banalisierung religiöser Symbole

26. November 2010 1 Kommentar

Unter dem Titel „Das Abendmahl als Lachnummer“ schreibt der Theologe und ehem. Bischof von Berlin-Brandenburg und Ratsvorsitzende der EKD in der neuen Ausgabe der ZEIT (Nr. 48 v. 25. November) über die Verhöhnung dessen, was Christen heilig ist, in zeitgenössischen Operninszenierungen. „Der bewusste Tabubruch trägt seinen Wert anscheinend in sich selbst. Die Banalisierung religiöser Symbole ist keineswegs auf eine plausible Interpretation angewiesen“, schreibt Huber.

Es ist schon auffällig, dass einerseits mit der Begründung der Religionsfreiheit religiöse Symbole aus der Öffentlichkeit verdrängt werden, und gleichzeitig religiöse Symbole unter dem Vorzeichen hoher Kultur verhöhnt werden. Wohlgemerkt – ohne jegliche aufklärerische Absicht, sondern primär um den Unterhaltungswert zu steigern. Religionssatire als Angriff auf religiöse Bevormundung und religiöse Selbstverabsolutierung hatte ihr Recht und hat es heute noch, wo sie in aufklärerischer Absicht erfolgt. Es gibt durchaus auch heute noch Anlässe, religiöse Tendenzen mit Tabubrüchen zu entlarven. Und – wie Ulrich Schnabel einmal geschrieben hat – ist es nicht das schlechteste Kriterium, eine Religion daran zu messen, ob sie auch über sich selber lachen kann. Das ist aber etwas völlig anderes als die Verhöhnung dessen, was Menschen heilig ist.

Huber hat durchaus Recht, wenn er feststellt, dass heilig das Gegenteil von egal ist und Christen auffordert, ihre eigenen religiösen Überzeugungen und Gefühle wieder ernst zu nehmen. Dann könnte eine neue Diskussion in Gang kommen, was Menschen heilig ist und mit Respekt behandelt werden sollte. Und diesen Respekt einzufordern ist keinesfalls Humorlosigkeit, sondern sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Dabei geht es nicht um neue rechtliche Regelungen oder Blasphemieparagraphen. Worum es mir geht, ist ein Nachdenken über eine angemessene Kultur des Umgangs mit religiösen Symbolen und religiösen Gefühlen. Treffend schliesst Huber: „Der Islam kann schliesslich nicht zur einzigen Religion werden, mit der man in Deutschland respektvoll umgeht – und das auch noch aus Angst.“

Kategorien:Kultur Schlagwörter: ,

Glaube und Schrift

24. November 2010 6 Kommentare

Die folgenden Überlegungen sind entstanden aus einer Diskussion, in der jemand behauptete, es sei Unsinn aus historischen Dokumenten eine Religion abzuleiten. Das hat mich veranlasst, ein paar Gedanken zum Verhältnis von Glauben und Schrift zu formulieren.

Judentum, Christentum und Islam sind allesamt Schriftreligionen. Aber sind diese heiligen Schriften nicht allesamt menschliche Dokumente in bestimmten geschichtlichen Kontexten? Wieso haben sie aber dann eine Sonderstellung gegenüber anderen historischen Texten und in welchem Sinn können wir uns darauf berufen?

Die Religion kommt vor der Schrift und gelebter, historisch sich wandelnder Glaube kommt vor der Verschriftlichung in Glaubensdokumenten.  Die Verschriftlichung ist ein sekundärer Akt, der auch mit der Vergemeinschaftung religiöser Erfahrungen zu tun hat. In einem gewissen Stadium beziehen sich viele Religionen auf zentrale religiöse Schriften.

Umstritten ist nun, in welchem Sinne diesen autoritative Geltung zukommt. Wer sie als göttlich gegeben und bis in den Wortlaut hinein unfehlbar ansieht, muss sich mit dem Problem auseinandersetzen, dass es auch in heiligen Schriften Widersprüche gibt und dass er das Wort über den Geist stellt und seinen Glauben gegenüber seiner Gegenwart und seinen Alltagserfahrungen abschottet.

Mein Weg ist ein anderer: ich sehe – in meinem christlichen Glauben – die biblischen Schriften als menschliche Glaubensdokumente, die also erforschbar und kritisierbar sind. Ihre Sonderstellung ist historisch gewachsen. Die Kanonbildung beruht auf menschlichen Entscheidungen. Aber sie sind der gemeinsame Bezugspunkt derer, die im Christentum beheimatet sein wollen. Darin besteht ihre Verbindlichkeit und Autorität. Christlicher Glaube kann nicht an der Schrift vorbei expliziert werden. Aber im Dialog mit der Schrift kommt den heutigen Erfahrungen, Einsichten und Gefühlen ein eigenständiges Gewicht zu.

Mit historisch-kritischer Forschung kann ich besser verstehen, welchen Ursprungssinn diese Texte haben und in welchem Umfeld sie beheimatet waren. Das kann einerseits meinen Glauben bereichern und zu einem besseren Verständnis beitragen. Es kann aber auch eine Hilfe sein, biblizistisch-fundamentalistischen Bibelgebrauch mit Argumenten zu kritisieren. Und jede Argumentation mit der Bibel sollte sich erstens fragen, ob der herangezogene Text im Einklang mit dem Geist der Schrift steht (für Luther hiess das: „was Christum treibet“), muss sich zweitens mit Vernunftargumenten auseinandersetzen und sich drittens stets fragen, welche Auswirkungen die jeweilige Deutung hat (was für mich mit dem ersten Punkt zusammenhängt).

Der Preis eines solchen Verständnisses ist, dass ich mich nicht einfach autoritativ auf die Schrift berufen kann und mit vielfältigen Deutungen leben muss. Eigene Erfahrungen und biblische Texte stehen ständig in einem kritischen Dialog, und ebenso eigene Erfahrungen und Deutungen und die Deutungen anderer. Aber genau das ist bereichernd und bewahrt davor, den eigenen Glauben absolut zu setzen.

Kategorien:Bibelzitate, Glaube, Theologie Schlagwörter: ,

Zum Ewigkeitsonntag II

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde“ heisst es in der Offenbarung. „Und Gott selbst wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Siehe, ich mache alles neu!“

Was für eine wunderbare und tröstliche Vision: eine neue Welt ohne Leid, ohne Tränen, ohne Tod. Eine Welt, in der alles, was hier zerbrochen und unvollendet bleibt, heil und ganz ist, wo aller Streit überwunden ist, alle Schuld vergeben, aller Hader und Groll abgelegt. Eine Welt, in der uns nicht mehr genommen wird, was uns so lieb und kostbar ist, wo Krankheit und Leid nicht mehr erbarmungslos zuschlagen. Eine Welt auch, in der Menschen einander nicht mehr Leid zufügen, wo niemand mehr das Leid anderer zur Schau stellen kann, wo die Gier nach Macht, der Hass, die Intoleranz, die Zerstörung im Namen vermeintlicher Ideale keinen Raum mehr haben. Eine wunderbare Vision – oder doch nur ein schöner Traum?

Können uns diese Worte ermutigen, aufrichten, Hoffnung machen, wenn Trauer und Verzweiflung uns überwältigen beim Abschied von einem lieben Menschen oder dann, wenn beim Abschied so vieles ungesagt und ungelöst bleibt? Können wir leben und uns trösten mit der Hoffnung auf den neuen Himmel und die neue Erde oder sind das für uns nur leere, belanglose Worte – eben nur ein schöner Traum angesichts unserer Trauer, zu schön um wahr zu sein?

Jedenfalls ist es eine Utopie, eine Utopie im eigentlichen Sinn des Wortes – etwas, das in dieser Welt keinen Ort hat, etwas das wir nicht durch unser Planen und Machen erreichen und verwirklichen können. Ein neuer Himmel und eine neue Erde. Kein Fortschritt, keine kontinuierliche Entwicklung, schon gar nicht die Überwindung von Leid, Krankheit und Tod durch medizinische Forschung. „Der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen“, heisst es in der Offenbarung. Es gibt keinen Weg von hier nach dort. Solange diese Erde besteht, werden Menschen ihre Toten beweinen, werden Krankheiten und Schicksalsschläge Menschen treffen, werden Menschen einander Leid zufügen, wird es Kriege, Hass, Neid und Gewalt geben. Diesen Realismus lehrt uns die Bibel – von Kain und Abel bis hin zu den bedrückenden Bildern der Offenbarung. Und der Tod mag zwar gerecht sein, weil, wie das Sprichwort sagt, das letzte Hemd keine Taschen hat, aber er ist furchtbar ungerecht in der Auswahl seiner Opfer und er ist fast immer ungerecht für den, dem ein lieber Mensch genommen wird. Aber – noch einmal – was kann uns dann die biblische Utopie vom neuen Himmel und der neuen Erde helfen, wenn sie doch nicht von dieser Welt ist?

Wenn einem die Decke auf den Kopf fällt, dann tut es gut, wenn man aus dem Haus geht, hinaus an die frische Luft. Wenn man sich in den immer gleichen ausweglosen Grübeleien verheddert, tut es gut, wenn jemand einem auf andere Gedanken bringt, die Dinge in ein anderes Licht rückt. Ich glaube, dass die Utopie des heutigen Predigttextes genau diese Funktion hat, frische Luft in das Haus unserer Trauer hineinzubringen, die lähmenden Gedanken, die uns plagen in das Licht einer anderen Wirklichkeit zu stellen. Stell dir vor wie das wäre: eine Welt ohne Leid und Tod. Stell dir vor, keine deiner Tränen ist vor Gott vergessen, er wird sie abwischen. Stell dir vor, der Tod, die Verzweiflung, die Trauer – sie haben nicht das letzte Wort. Jenseits dieser Grenze, die für uns so unwiderruflich, so bitter und schmerzhaft ist, da ist noch etwas, oder besser gesagt, da ist noch einer, der uns erwartet, der uns trägt, der uns tröstet und hält und dessen Liebe zu uns stärker ist als der Tod. Das dürfen wir hoffen, das dürfen wir glauben. Ob es uns die Trauer leichter macht? Ob es uns geschenkt ist, die Welt und unser Leben gerade auch in dunklen Stunden in diesem Licht einer neuen Welt zu sehen, das weiss Gott allein. Erzwingen können wir es nicht, nicht bei uns selbst und nicht bei anderen. Aber wenn Gott uns dieses Licht, diese Sicht schenkt, dann verändert sich etwas, dann kann der Dank für das Gewesene stärker werden als die Trauer über das Verlorene, dann können wir loslassen, den schmerzlichen Verlust, die unüberwindbare Grenze akzeptieren, weil jenseits dieser Grenze nicht das Nichts ist, sondern die grenzenlose Liebe Gottes. In diesem Licht können auch unausgeräumte Missverständnisse, Schuld, Groll oder Hader ihre lähmende Macht verlieren, weil wir uns dem anvertrauen können, der unser Leben heil und ganz macht – nicht in dieser Welt, nicht in diesem Leben, aber dann, wenn unser Leben heimkehrt zu Gott. Wo der neue Himmel und die neue Erde in unser Hoffen und Denken einziehen, da empfangen wir die Kraft zum Loslassen, da kann neue Hoffnung und neuer Lebensmut in unseren Herzen aufkeimen und wachsen.

Den Tod können wir nicht überwinden, wir können nicht einmal diesseits der Todesgrenze eine friedliche Welt schaffen, ja oft nicht einmal in unseren engsten Beziehungen. Aber im Licht des neuen Himmels und der neuen Erde, die Gott uns verheisst, können wir mit unseren Möglichkeiten Tränen abwischen, denen die Kummer haben, verständnisvoll zuhören, einander in den Arm nehmen und trösten. Wir können das Leid nicht überwinden, aber wir können einander helfen, Schweres zu tragen, auszuhalten und behutsam wieder neue Hoffnung zu wagen. Und das ist schon ungeheuer viel. Und wir können einander vergeben und verzeihen, können Vergangenes ruhen lassen, weil wir es in Gottes Hand legen dürfen.

Siehe, ich mache alles neu, sagt der auf dem Thron. Gott macht alles neu, nicht wir. Aber er tut es. Er schenkt uns hier und jetzt neue Kraft. Und er heilt und vollendet das Ganze unseres Lebens. Darauf hoffen wir. Daran glauben wir. Davon leben wir.

Kategorien:Sterben, Tod

Zum Ewigkeitssonntag

Die Dichterin Mascha Kaléko hat einmal geschrieben: „Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,/ Doch mit dem Tod der anderen muss man leben.“ Wir müssen leben damit, dass jemand einfach nicht mehr da ist. Wir müssen leben mit all den Gefühlen, die der Tod eines Menschen bei uns auslöst. Wir müssen leben mit Trauer und Schmerz, mit Enttäuschungen und vielleicht auch Schuldgefühlen. Und jeder und jede kann das letztlich nur selber tun. Wir können einander diese Aufgabe zwar erleichtern, aber wir können sie dem anderen nicht abnehmen. Trotzdem ist es gut, wenn wir einander hie und da sagen: Du musst nicht nur, du kannst und darfst leben. Und wenn der Mensch, der gestorben ist, dich wirklich geliebt hat, hätte er oder sie bestimmt gewollt, dass du auch wieder lachen und dich freuen kannst, dass du dein Leben lebst – mit dem Bild des geliebten Menschen in deiner Seele.

Im Matthäusevangelium steht das Gleichnis von den 10 Jungfrauen. Eingeladen zum grossen Hochzeitsfest gehen sie mit ihren Lampen dem Bräutigam entgegen. Das grosse Hochzeitsmahl ist ein Bild für das Himmelreich, die Gegenwart Gottes ist ein Fest. Doch der Bräutigam und damit das Fest lässt auf sich warten. Und als er um Mitternacht endlich kommt, haben 5 von ihnen keine Ölvorräte mehr. Immer schon habe ich mich über die anderen 5 geärgert, die nicht bereit sind zu teilen und ich war etwas ratlos und entsetzt über die Härte des Bräutigams, der die Tür verschliesst und sagt: Zu spät! Gilt auch hier: „Das Leben ist nicht fair“ und „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“?

Wenn es wahr ist, dass Jesus uns hier und heute in unseren Mitmenschen begegnet, dann ist dieses Gleichnis auch eine Aufforderung, unser Zusammenleben so zu gestalten, dass wir uns um unsere Ölvorräte kümmern. Denn jeder Tod eines Menschen zeigt uns schmerzlich: die Zeit, in der wir einander Gutes tun, ein gutes Wort sagen können, die ist begrenzt. Jede Gelegenheit zur Liebe, zur Zärtlichkeit, zum Verzeihen ist unwiderbringlich und irgendwann sind alle Gelegenheiten vorüber. Ja, ich denke, dass dieses Gleichnis eine Einladung ist, die Gelegenheiten zur Liebe, zum Miteinander, zum Verzeihen und zum Neuanfang nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Seid bereit: nicht nur für den Moment, wo ihr euer Leben als Ganzes vor Gott legen werdet, sondern hier und heute in den unzähligen Gelegenheiten zur Liebe und zur Mitmenschlichkeit. Sorgt euch nicht nur um die materiellen Dinge oder um Ehre und Anerkennung. Sorgt euch vielmehr um das, was am Ende bleibt: Glaube, Hoffnung und Liebe. Auch der Tod eines lieben Menschen kann eine solche Gelegenheit sein, sich bewusst zu machen, was wirklich zählt, worauf es wirklich ankommt. Die Liebe, die wir in unseren Herzen tragen, hilft uns, das Bild des Verlorenen in unseren Herzen zu tragen und weiterzugehen in neue offene Lebensräume. Der Glaube, dass Gott unser Leben und unser Sterben umfasst, kann uns die Kraft geben, einen geliebten Menschen loszulassen ohne zu verzweifeln oder uns selber aufzugeben. Das Vertrauen auf Gottes grenzenlose Liebe kann uns befähigen zu verzeihen und ruhen zu lassen, was uns angetan wurde und es kann uns auch versöhnen mit uns selbst, wenn wir unsere Schuldgefühle unserem Gott anvertrauen. Das sind die Ölvorräte, die wir brauchen, die uns auch gegen Mitternacht, im tiefsten Dunkel unseres Lebens Licht geben. Gewiss: es gibt Zeiten in unserem Leben, wo unsere Lampen nur noch schwach glimmen, wo unser Glaube schwankt und wir kaum mehr sehen und kaum mehr glauben können. Dann dürfen wir – davon bin ich überzeugt – entgegen dem Gleichnis hoffen, dass es Menschen gibt, die uns durchtragen und uns etwas von ihren Vorräten abgeben. Und vor allem kann ich mir auch heute noch nicht vorstellen, dass der, auf den wir hoffen, jemandem so hartherzig die Tür weist, wie der Bräutigam im Gleichnis. Denn der Gott der Bibel ist ein Gott des Erbarmens und der Güte. Er will uns nicht zurücklassen in unserer Trauer. Er führt uns in neue , weite Räume und zuletzt in jenen Raum, in den uns die Verstorbenen vorausgegangen sind, wo alles Leid und alle Tränen abgewischt werden und der Tod seine Macht verloren hat.

Kategorien:Glaube, Gott, Lebenssinn, Sterben, Tod Schlagwörter: , , , ,