Startseite > Bibelzitate, Glaube, Theologie > Glaube und Schrift

Glaube und Schrift

Die folgenden Überlegungen sind entstanden aus einer Diskussion, in der jemand behauptete, es sei Unsinn aus historischen Dokumenten eine Religion abzuleiten. Das hat mich veranlasst, ein paar Gedanken zum Verhältnis von Glauben und Schrift zu formulieren.

Judentum, Christentum und Islam sind allesamt Schriftreligionen. Aber sind diese heiligen Schriften nicht allesamt menschliche Dokumente in bestimmten geschichtlichen Kontexten? Wieso haben sie aber dann eine Sonderstellung gegenüber anderen historischen Texten und in welchem Sinn können wir uns darauf berufen?

Die Religion kommt vor der Schrift und gelebter, historisch sich wandelnder Glaube kommt vor der Verschriftlichung in Glaubensdokumenten.  Die Verschriftlichung ist ein sekundärer Akt, der auch mit der Vergemeinschaftung religiöser Erfahrungen zu tun hat. In einem gewissen Stadium beziehen sich viele Religionen auf zentrale religiöse Schriften.

Umstritten ist nun, in welchem Sinne diesen autoritative Geltung zukommt. Wer sie als göttlich gegeben und bis in den Wortlaut hinein unfehlbar ansieht, muss sich mit dem Problem auseinandersetzen, dass es auch in heiligen Schriften Widersprüche gibt und dass er das Wort über den Geist stellt und seinen Glauben gegenüber seiner Gegenwart und seinen Alltagserfahrungen abschottet.

Mein Weg ist ein anderer: ich sehe – in meinem christlichen Glauben – die biblischen Schriften als menschliche Glaubensdokumente, die also erforschbar und kritisierbar sind. Ihre Sonderstellung ist historisch gewachsen. Die Kanonbildung beruht auf menschlichen Entscheidungen. Aber sie sind der gemeinsame Bezugspunkt derer, die im Christentum beheimatet sein wollen. Darin besteht ihre Verbindlichkeit und Autorität. Christlicher Glaube kann nicht an der Schrift vorbei expliziert werden. Aber im Dialog mit der Schrift kommt den heutigen Erfahrungen, Einsichten und Gefühlen ein eigenständiges Gewicht zu.

Mit historisch-kritischer Forschung kann ich besser verstehen, welchen Ursprungssinn diese Texte haben und in welchem Umfeld sie beheimatet waren. Das kann einerseits meinen Glauben bereichern und zu einem besseren Verständnis beitragen. Es kann aber auch eine Hilfe sein, biblizistisch-fundamentalistischen Bibelgebrauch mit Argumenten zu kritisieren. Und jede Argumentation mit der Bibel sollte sich erstens fragen, ob der herangezogene Text im Einklang mit dem Geist der Schrift steht (für Luther hiess das: „was Christum treibet“), muss sich zweitens mit Vernunftargumenten auseinandersetzen und sich drittens stets fragen, welche Auswirkungen die jeweilige Deutung hat (was für mich mit dem ersten Punkt zusammenhängt).

Der Preis eines solchen Verständnisses ist, dass ich mich nicht einfach autoritativ auf die Schrift berufen kann und mit vielfältigen Deutungen leben muss. Eigene Erfahrungen und biblische Texte stehen ständig in einem kritischen Dialog, und ebenso eigene Erfahrungen und Deutungen und die Deutungen anderer. Aber genau das ist bereichernd und bewahrt davor, den eigenen Glauben absolut zu setzen.

Kategorien:Bibelzitate, Glaube, Theologie Schlagwörter: ,
  1. 26. November 2010 um 15:33

    Das hat zwar nur mit dem Thema „Schrift“, aber kaum mit deinem guten Artikel hier zu tun, lieber Bernd, aber vielleicht interessiert dich auch dieses hier: http://www.chronologs.de/chrono/blog/natur-des-glaubens/hirnforschung/2010-11-06/gehirn-und-alphabete-die-linkesche-these

    (Nur als Hinweis am Rande)

    Einen herzlichen Gruß an dich
    Stefan

    • 26. November 2010 um 16:29

      Lieber Stefan,

      danke für den interessanten Hinweis. Zwar fehlen mir die notwendigen Hintergründe, um diese These seriös zu beurteilen, aber spannend ist sie auf jeden Fall.

      Herzliche Grüsse

      Bernd

  2. Mailin
    27. November 2010 um 21:25

    Warum eigentlich historisches Dokument und nicht Kunst?

    • 27. November 2010 um 22:02

      … und warum nicht historisches Dokument und Kunst und Inspirationsquelle?

      • Mailin
        27. November 2010 um 22:33

        Das ist auch gut 😀 – aber irgendwie hab ich doch immer das Gefühl, dass alle auf der Historie (oder Nicht-Historie) ständig rumhacken – darum gehts doch nicht wirklich, sonst würden wir ja im ewig-gestern leben … und die Sagen der alten Vorzeiten verehren 🙂 … Heißt ja auch „historisch-kritische Methode“ – oder??

  3. Rosmarie
    30. November 2010 um 18:16

    Ganz besonders wichtig für die Praxis ist mir Dein letzter Abschnitt des Artikels. Danke herzlich, lieber Bernd, für diese Worte.

    Rosmarie

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: