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Kirche leiten

Isolde Karle verdanke ich einen wunderbaren kleinen Textfund aus der Praktischen Theologie von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher: „Es ist also auch gar nicht so schwer die Kirche zu regieren, wenn man nur nicht zu viel regieren will“.

Kirchenleitungen sind durchaus nicht zu beneiden und ich habe grossen Respekt vor allen, die sich dieser Aufgabe stellen. Beherzigenswert finde ich Schleiermachers Hinweis dennoch. Protestantische Kirchen sind Netzwerkkirchen, die nicht Top-Down gemanagt werden können. Das bedeutet aber auch, dass wir die Verantwortung für die Kirche nicht einfach an „die da oben“ abschieben können.

Kategorien:Theologie Schlagwörter:
  1. 6. Dezember 2010 um 07:51

    Danke Bernd für diesen Hinweise und Input: Reformierte Kirchen sind Netzwerk-Kirchen. Das ist das Wort, das ich lange gesucht habe, bisher aber nicht so genau formulieren konnte. Deshalb passt auch in Organisationsentwicklung und Theologie alles systemisch-selbstorganisiserte so gut zur refomierten Kirche und Kultur.

    • 6. Dezember 2010 um 07:57

      Hallo Thomas,

      den Begriff habe ich von Isolde Karle. Ihr Buch „Kirche im Reformstress“ ist unbedingt lesenswert – auch wenn sie im Seitenblick auf uns Reformierte manchmal leicht daneben liegt.

      Herzliche Grüsse

      Bernd

  2. Kai Pleuser
    7. Dezember 2010 um 23:02

    Lieber Bernd,

    ich bin über den zweiten Halbsatz deines Schleiermacherzitates gestolpert: „wenn man nur nicht so viel regieren will“. Ich musste daran denken, wie schwer es in unserer Bonner Stadtrandgemeinde ist, Menschen zu finden, die bereit sind, im Presbyterium leitend Verantwortung zu übernehmen. Ich selbst werde dort aus beruflichen Gründen in Kürze aus der Gemeindeleitung ausscheiden. Anders als in der Vergangenheit haben wir fast niemand aus der Altergruppe der „jungen Alten“ im Presbyterium, die meisten in der Generation von dir und mir – mit Familie und Beruf ganztägig gefordert; nach wenigen Jahren intensiven Ehrenamtes völlig ausgepowert. Ich denke, es ist notwendig, dass genügend Menschen gestalten wollen, ja wirklich wollen und nicht nur mitschwimmen. Und: Es ist notwendig, dass wir solidarisch sein wollen. Hier im Rheinland ist Solidarität innerhalb der eigenen Kirche, Austausch unter Gemeinden, Hilfe für Gemeinden in sozial schwierigen Stadtteilen ein großes Problem. Ich habe mir zwei Jahre in der Kreissynode angesehen, wie der Gemeindeegoismus einen guten Ansatz nach dem anderen zunichte gemacht hat. Doch, man muss gestalten (=regieren) wollen, aber im rechten Geist! Nur dann macht das mit den Netzwerkkirchen Sinn.

    An dieser Stelle: Ich freue mich, dass ich dein Blog gefunden habe und komme gerne von Zeit zu Zeit in dein Atemhaus mit den anregenden Gedanken. Den Schleiermacher, den wir bei Christian Link gemeinsam gelesen haben, habe ich allerdings längst ins Antiquariat gegeben.

    Liebe Grüße
    Kai

    • 8. Dezember 2010 um 08:06

      Lieber Kai,

      zuerst einmal freue ich mich, dass Du Dich mit einem Kommentar hier zu Wort meldest (hoffentlich noch öfter!).
      Ja, vermutlich habe ich das Zitat zuerst einmal für mich selber herausgeschrieben, weil ich auch immer auf der Suche nach Konzepten und Strukturen bin, wie sich Kirche zukunftsfähig gestalten lässt. Ich halte das auch nach wie vor für notwendig und mich beunruhigt auch, wie Gemeinden sich schwer tun, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, sich solidarisch mit anderen verbunden zu fühlen und ja, es ist ein Problem, dass die Engagierten, Gestaltungsbereiten, Kompetenten vor allem aus der beruflich ausgelasteten Generation kommen und oft schnell an ihre Grenzen stossen. Da braucht es dann wenig Enttäuschungen oder Verletzungen, damit die sich fragen: warum tue ich mir das an? Und selbst wenn es gut läuft, kommt irgenwann die Frage, ob die Kräfte reichen.
      Mir war das Zitat von Schleiermacher eine Hilfe, mich wieder darauf zu besinnen, dass auch nachvollziehbare und sogar notwendige Reformbestrebungen Reformstress auslösen können und sich letztlich kontraproduktiv auswirken können, dass Beheimatung und Engagement Gestaltungsmöglichkeiten braucht, aber auch das Gleichbleibende und Verlässliche. Mir wird immer stärker bewusst, dass Veränderung von oben unterstützt werden und Räume dafür geschaffen oder blockiert werden können, dass aber letztlich jede Veränderung, die nicht aus der Gemeindeebene selbst hervorgeht oder aus Überzeugung von den Gemeinden mitgetragen wird, zum Scheitern verurteilt ist. So würde ich das Zitat auch mehr auf kantonale bzw. landeskirchliche Leitungsorgane beziehen. Aber auch den Gemeindeleitungen auf lokaler Ebene könnte es vielleicht etwas mehr Gelassenheit vermitteln und Achtsamkeit für das, was da ist und schon gelingt und was irgendwo hervorspriessen möchte und noch etwas Wasser braucht.
      Wie Du Dich vielleicht erinnerst, habe ich seinerzeit den Schleiermacher eher aus barthianischer Perspektive kritisch gelesen, bin heute aber froh, dass er bei mir nicht im Antiquariat gelandet ist. Ich finde ihn bei allen Grenzen heute ungeheuer spannend und inspirierend.

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