Wer bin ich?

Der evang. Theologe und Widerstandskämpfer im 3. Reich Dietrich Bonhoeffer hat in seinen Gefängnisbriefen, die unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ veröffentlicht wurden, ein eindrückliches Gedicht geschrieben (http://www.klawi.de/bonwer.htm). Es heisst „Wer bin ich?“ und geht den widersprüchlichen Erfahrungen nach, die Bonhoeffer im Gefängnis macht. Er wird von anderen bewundert für seine Gelassenheit, Festigkeit und Stärke und erlebt sich selbst so oft unruhig, innerlich zerrissen und schwach.

„…  Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
… Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Auf eindrückliche Weise zeigt sich in diesem Gedicht die moderne Frage nach der Identität – und führt sie am Ende zurück auf ihren Ursprung:  „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ In diesem Vertrauen auf eine nicht feststellbare, von Gott geschenkte Identität kann Bonhoeffer die Frage „wer bin ich?“ offen lassen, das Fragmentarische und Widersprüchliche in seinem Leben aushalten.

Heute ist in spirituellen Büchern manchmal zu lesen, Trennung sei eine Illusion. Wir müssten diese Illusion lediglich überwinden, um zur wahren Einheit zu gelangen. Mir leuchtet der Gedanke eines ungetrennten Seins bei Gott oder im Grunde unserer Seele durchaus ein. Diese Einheit ist real und doch nicht vorfindlich. Denn die Erfahrung von Brüchen und Trennungen ist ebenso real und keine Illusion. Unser Sein ist im Werden, aber eben nicht so, dass wir die „Illusion der Trennung“ hinter uns lassen, sondern indem sich unser Leben an und in den Brüchen entfaltet und wir darauf verzichten, Einheit oder Identität selbst erreichen zu wollen – weil eben das, was wir erreichen wollen, meist nicht unsere Identität ist.

Die Gefahr des Terminus „Illusion der Trennung“ sehe ich darin, dass er uns vorspiegelt, wir selbst könnten einfach etwas – nämlich diese Illusion – hinter uns lassen und dann unsere wahre Identität leben. Genau darin sehe ich aber die eigentliche Illusion und zugleich einen ungeheuren Druck, weil die Erfahrung von Brüchen dann letztlich zum Ausweis meiner eigenen spirituellen Defizite erklärt wird. Und wer an den Brüchen seines Lebens leidet, der muss sich dann scheinbar darüber hinwegsetzen, indem er sich die „Illusion der Trennung“ bewusst macht oder er ist selber schuld, weil offenbar noch nicht zur wahren Erkenntnis gelangt. Das ist jetzt vielleicht etwas scharf formuliert, aber tendenziell halte ich diesen Terminus entweder für schönfärberisch oder gnadenlos.

„An die Stelle des Seins tritt eine Performanz“, schreibt Giannina Wedde im Klanggebet-Blog (http://klanggebet.wordpress.com/2010/11/30/sei-was-du-bist-nicht-was-du-sein-willst/). Das ist wunderbar formuliert. Dann bin ich selber wieder derjenige/diejenige, der/die etwas etwas aus sich machen muss. Identität aber – davon bin ich überzeugt – gibt es nur geschenkt. Sie wird (nicht: sie ist!), wo ich das Streben loslassen kann, sie zu erreichen und in dem leben kann, was ist mit all den Brüchen und mich dem anvertrauen kann, was im Werden ist – und doch immer bruchstückhaft bleibt. „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

  1. Rosmarie
    5. Dezember 2010 um 21:17

    Ich liebe das Gedicht von Bonnhoeffer und Deine Gedanken dazu sind mir lieb und wertvoll. Danke herzlich Bernd.

    Ich möchte mich selber besser kennen lernen, um danach auch meine Mitmenschen besser zu verstehen. Doch mit den Worten des 139. Psalms darf ich mich meinem Schöpfer anvertrauen mit meinem bewussten und unbewussten Sein; Ihm, der mich kennt, versteht und leitet, so dass ich alles Fragmentarische und Widersprüchliche in meinem Leben aushalten kann.

    • 6. Dezember 2010 um 07:35

      Liebe Rosmarie,

      danke für Deine Zeilen. Du weisst ja, dass ich den 139. Psalm auch ganz besonders liebe, vor allem Vers 14: „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin: wunderbar sind alle deine Werke, das erkennt meine Seele.“ Das mitzusprechen hilft, um in all dem Fragmentarischen des eigenen Lebens und auch bei anderen (!) das Wunder zu erkennen, das wir sind.

      Herzlich

      Bernd

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