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Guter Hoffnung – Zum 3. Advent

Die Verkündigung des Engels an Maria, dass sie schwanger werden und ein Kind gebären wird, präludiert im Lukasevangelium die vertraute Weihnachtsgeschichte. In ihr verdichtet sich eine zutiefst existentielle Erfahrung. In uns, in unseren Herzen muss geboren werden, was uns heilt und lebendig macht. Die Verkündigungsszene ist eine Einladung zur Achtsamkeit unseres Herzens. Sie führt uns zu uns selber und zu den Engeln, die uns in unserem Leben begegnen.

 Wie oft ist diese biblische Szene aus dem Lukasevangelium in der Kunst dargestellt worden: der Engel Gabriel kündigt Maria die Geburt Jesu an. Viele Künstler hat die Verkündigungsszene zu Bildern von bezaubernder Schönheit und anrührender Zärtlichkeit inspiriert. Es ist eine berührende Szene, eine Szene, die sich nicht in der Öffentlichkeit, sondern in der Kammer eines jungen Mädchens abspielt. Nur sie und der Engel sind beteiligt – aber für Lukas kündigt sich in dieser intimen Szene, in dieser Stille und Abgeschiedenheit etwas an, was die Welt verändern und prägen wird. Hier wird intoniert, was der Engel dann den Hirten auf den Feldern von Bethlehem verkündet: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren.“ Hier beginnt, was die Engelchöre jubilieren lässt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

 In der Verkündigungsszene geht es nicht nur um die Botschaft, die damals Maria sich zu Herzen genommen hat. Sie ist überliefert und in der Kunst tradiert worden, weil sie auch für uns eine existentielle Botschaft trägt. Mit Blick auf die Weihnachtsgeschichte hat das der Mystiker Angelus Silesius einmal wunderbar formuliert: „Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geborn // und nicht in dir; du bleibst noch ewiglich verlorn.“ Es geht nicht allein darum, was damals zwischen Nazareth und Bethlehem geschah. Maria ist unsere Schwester im Glauben und der Engel redet auch zu uns. Welche Botschaft hat er uns zu sagen? Was sagt er uns, wenn wir spüren, dass die Routinen unseres Alltags uns manchmal abstumpfen lassen und uns alle Lebendigkeit und Kraft nehmen? Womit richtet er uns auf, wenn wir traurig oder gar verzweifelt sind? Was vernehmen wir, wenn wir den Weg nicht mehr sehen und in Sackgassen gefangen sind? Welche Worte ermutigen uns, wenn wir uns nur wenig zutrauen oder wenn wir gebeugt sind durch schwere Lasten oder auch durch Fehler und Schuld? Können wir dann wie Maria den Besuch des Engels wahrnehmen, und uns aufmerksam machen lassen auf das, was in uns geboren werden will, auf das Heilsame und Tröstende, das in unseren Herzen heranwächst? Haben wir Augen und Ohren für die Menschen, die Gott uns dann als seine Engel sendet, um uns zu trösten, aufzurichten, vielleicht auch zur Besinnung zu bringen?

 So ist das erste, was ich aus dieser Geschichte mitnehme, eine Einladung zur Achtsamkeit. Achte auf die Botinnen und Boten Gottes in deinem Leben. Gott sendet seine Boten. Sie reden zu uns, in unseren Träumen, durch die innere Klarheit, die in uns wächst und vor allem auch durch die Menschen, die uns begegnen, durch alltägliche Ereignisse, die uns berühren und verändern. Achtsam sein auf die guten, die klärenden Worte, die uns gesagt sind – darauf kommt es an, und es müssen beileibe keine Männer mit Flügeln sein, die Engel. Aber die Engel Gottes begleiten auch uns – jede und jeden und sie haben uns viel zu sagen. Sie können uns die Furcht nehmen. Ja, es fällt mir immer wieder auf, dass der häufigste Satz aus Engelmund in der Bibel lautet: „Fürchte dich nicht!“ Und wer von uns hätte das nicht immer wieder nötig, dass da einer sagt: Hab keine Angst, Gott ist bei dir und er meint es gut mit dir. Die Engel können uns helfen, das Gute in unserem Leben zu entdecken, sie können uns zeigen, was in uns und durch uns neu geboren wird. Das erste ist die Achtsamkeit, damit wir die Engel, die Gott uns sendet, nicht übersehen.

 Das Zweite aber ist die demütige und zugleich selbstbewusste Haltung der Maria. Was hat man alles auf dem Rücken dieser Frau abgeladen. Wie hat man sie zum Streitthema der Konfessionen gemacht. Aber wir brauchen Maria nicht als ewige Jungfrau und Himmelskönigin, als Madonna, der nach und nach alle menschlichen und fehlerhaften Züge genommen wurden. Wichtiger für uns, denke ich, ist, was uns mit ihr verbinden kann. Maria, unsere Schwester im Glauben, nimmt den Engel, der in ihr Leben tritt, wahr. Sie übersieht ihn nicht. Sie nimmt seine Botschaft ernst, auch wenn sie noch so unglaublich scheinen mag. Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Das lässt sie sich gesagt sein. Mir geschehe nach deinem Wort. Sie nimmt den Weg an, den Gott sie führt. Sie macht ihn zu ihrem eigenen Weg, den sie selbstbewusst geht.

 Lassen wir uns nicht in die Irre führen von den Worten „siehe, ich bin des Herrn Magd“. Maria ist nicht unterwürfig. Ich sehe sie eher als starke Frau. Sie stellt sich unter den Willen Gottes, gewiss. Aber sie tut das nicht gebeugt, sondern in aufrechter Haltung. Ja, sie will diesem Kind das Leben schenken, das Gottes Sohn genannt werden soll. Sie nimmt diese schier unglaubliche Berufung an. Das ist für mich die zweite wichtige Botschaft dieser Szene. Wer sich unter den Willen Gottes stellt, der kann sein Schicksal annehmen. Der muss nicht beständig gegen sein Schicksal rebellieren und irgendwelchen Träumen hinterher rennen, aber der muss auch nicht gebeugt unter der Last des Schicksals gehen. Wenn ich meinen Weg als Weg Gottes verstehen kann, dann darf ich auch glauben, dass Gott auf diesem Weg etwas mit mir vorhat, dass er mir etwas zutraut und dass dieser Weg mit all seinen Umwegen und Irrwegen ein lebenswerter, ein sinnvoller Weg ist. Und darum darf ich ihn auch aufrecht gehen. Denn Demut gegenüber Gottes Weisheit verträgt sich sehr wohl mit einem aufrechten Gang. Maria, die starke, aufrechte und zugleich demütige Frau kann uns ein Vorbild sein, besonders für Frauen, aber nicht nur für sie, weil sie uns lehrt, einen Weg zu gehen, der vielleicht oft nicht einfach ist, der aber doch heilvoll und segensreich ist, wenn wir den Segen, den Gott uns auf diesem Weg schenkt, auch wahrnehmen.

 Das dritte, was mir an dieser Szene wichtig ist, das ist das Kind. Dieses Kind ist mehr als ein besonderer Mensch. Darum betont Lukas die Vaterschaft Gottes, die natürlich nicht biologisch gemeint ist, ebenso wie die Jungfrauengeburt keine biologische, sondern eine theologische Aussage ist. In diesem Kind kommt Gott selbst zu uns. In diesem Kind wird Gott ganz menschlich. In diesem Kind erweist Gott seine Liebe zu allen Menschen. Gott will unser Heil und unser Leben, darum kommt er selbst zu uns. Dieses Geheimnis feiern wir in der Heiligen Nacht. Das ist der Kern von Weihnachten, die Friedensbotschaft auf den Feldern in Bethlehem, das verletzliche Kind in der Krippe, von dem ein helles Licht ausgeht. Dieses Licht, diese Friedensbotschaft will in uns und unter uns zur Welt kommen, will heute neu geboren werden, in Menschen, die ihr Glauben schenken, die das Licht weiter tragen, den Frieden suchen mit sich selbst und untereinander. Achten wir auf die Engel, die uns unterwegs begegnen und die Kraft geben, auf unserem eigenn Weg und uns helfen können, die göttliche Berufung, den göttlichen Segen in unserem Leben zu erkennen.

Kategorien:Gott, Predigt, Weihnachten
  1. 17. Dezember 2010 um 19:46

    Schaue gerade hier vorbei, lieber Bernd, lese das, und: Ups, das war nun Zufall, dass auch ich das Thema gerade aufgriff, kein versuchter Diebstahl. Entschuldige.

    Ist mehr eine Nachricht, kein Kommentar zur Veröffentlichung (was dir aber natürlich freisteht).

    Einen lieben Gruß an dich.
    Stefan

    • 17. Dezember 2010 um 20:02

      Lieber Stefan,

      da gibt es nichts zu entschuldigen – im Gegenteil, ich freue mich über diesen Gleichklang und wie nötig haben wir oft einen Engel, der uns die Furcht nimmt (in welcher Gestalt auch immer – du kennst ja sicher das Gedicht von Rudolf Otto Wiemer, es müssen nicht Männer mit Flügeln sein).

      Herzlich

      Bernd

  2. 19. Dezember 2010 um 14:39

    Danke, lieber Bernd. 🙂

    Wiemers Gedicht kannte ich noch nicht. Aber ich habe es sofort gesucht, gefunden, und als mir gefallend befunden.

    Einen schönen Adventssonntag wünche ich dir!

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