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Archive for Dezember 2010

Ist Religion gut für die Welt?

Im Blog von Jörg Lau auf Zeit Online fand sich heute ein Beitrag unter der Überschrift „Ist Religion gut für die Welt? “ (http://blog.zeit.de/joerglau/2010/12/06/ist-religion-gut-fur-die-welt_4397) Der Anlass war eine Debatte zwischen dem Religionskritiker Christopher Hitchens und  dem britischen Ex-Premier und bekennenden Katholiken Tony Blair. Die Fragestellung des Beitrags hat mich irritiert und deshalb möchte ich hier einige Gedanken dazu festhalten (die ich auch als Kommentar zu Lau’s Artikel eingestellt habe).
1. Wie sinnvoll ist eigentlich die Frage, wie gut Religion für die Welt ist? Setzt diese Frage nicht gerade eine problematische Funktionalisierung oder Verzweckung von Religion voraus, die es in Frage zu stellen gilt?
2. Schleiermacher hat einmal festgestellt, man solle nichts aus Religion, aber alles mit Religion tun. Religion ist für ihn nämlich nicht Metaphysik oder Moral, sondern das “Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit”, eine Grundbestimmtheit unseres Seins. Religionen müssen sich unbedingt an ihren Auswirkungen messen lassen. Aber wo Religionen allein als Mittel zum (guten oder schlechten) Zweck behandelt werden, greift die Analyse zu kurz.
3. Dass Religionen ja auch Gutes bewirkt haben (so offenbar ein wichtiges Argument von Tony Blair), ist in der Tat ein schwaches Argument. Allerdings ist das Argument, dass es für dieses Gute die Religion als Begründung gar nicht bräuchte, mindestens eben so schwach.
4. Es ist klar, dass Religionen konfliktverschärfend wirken, wo sie zur Begründung von Landansprüchen oder Dominanzansprüchen verwendet werden. Das zeigt aber nur, dass die Unterscheidung von religiöser und politischer Argumentation eine wichtige und erhaltenswerte kulturelle Errungenschaft ist.
5. Wenn die Länder, in denen die politisierte Religion die meisten Verwüstungen anrichtet, die höchste Meinung von ihrer Kraft zum Guten haben, dann lässt sich daraus nicht mehr und nicht weniger als die Tatsache ableiten, dass in diesen Ländern Religion eine kulturelle Selbstverständlichkeit ist und ihre politische Verzweckung nicht zu einer Infragestellung führt.
6. Religion ist für mich am ehesten vergleichbar mit der Kunst, wo die Frage, ob sie gut oder schlecht für die Welt ist, wohl kaum sinnvoll zu stellen ist.
7. Religion ist eine Kulturtatsache. Sie bewahrt Sinnpotentiale, die sich nicht einfach in eine säkulare Weltanschauung transformieren lassen. Wo Menschen nicht aus Religion, sondern mit Religion handeln, werden sie sich den Fragen von aussen nach den Auswirkungen ihrer Religion stellen, aber sie werden auch daran festhalten, dass es für sie einen Unterschied macht, ob sie das Gute aus utilitarischen Gründen, aus Pflichtgründen oder aus Dankbarkeit für das Geschenk ihres Daseins tun. Und sie werden daran festhalten, dass ihre Religion ihnen heilsame Bilder zur Verfügung stellt für das, was uns jenseits aller Metaphysik und Moral unbedingt angeht.

Kategorien:Freiheit, Gott, Politisches

Mit brennender Geduld – Zum 2. Advent

4. Dezember 2010 2 Kommentare

O Heiland, reiss die Himmel auf,

herab, herab vom Himmel lauf,

reiss ab vom Himmel Tor und Tür,

reiss ab, wo Schloss und Riegel für.

 

O Gott, ein’ Tau vom Himmel giess,

im Tau herab, o Heiland, fliess.

Ihr Wolken, brecht und regnet aus

den König über Jakobs Haus.

 

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,

dass Berg und Tal grün alles werd.

O Erd, herfür dies Blümlein bring,

o Heiland, aus der Erden spring.

 

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,

Darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?

O komm, ach komm vom höchsten Saal,

Komm tröst uns hier im Jammertal.

 

O klare Sonn, du schöner Stern,

dich wollten wir anschauen gern;

o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein

in Finsternis wir alle sein.

„Mit brennender Geduld“ heisst ein Roman des chilenischen Schriftstellers Antonio Skarmeta, in dem er dem Dichter Pablo Neruda und dessen Postboten ein Denkmal setzt. Ich habe den Roman nicht gelesen, aber den Titel finde ich wunderbar – und wunderbar passend zum Adventslied „O Heiland reiss die Himmel auf“.  

Was dieses Adventslied in meinen Augen von den meisten anderen unterscheidet, das sind die vielen O’s und Ach’s, dieser drängende, fast ungeduldige Ton. Da beschreibt nicht einer selbstsicher und in tiefer Gewissheit, was Gott für uns tut, sondern sehnt herbei, dass Gott endlich handelt. Nicht öffnen soll er den Himmel, sondern aufreissen; nicht herabkommen, sondern herablaufen. Der Tau soll nicht vom Himmel träufeln, sondern fliessen. Darf man den Heiland so bedrängen? So möchte man fast fragen.

 Der Text dieses Adventsliedes ist im Jahr 1622 entstanden. Es waren die Anfangsjahre des 30-jährigen Krieges. Geschrieben hat es der Jesuitenpater Friedrich Spee. Er hat nicht nur die Schrecken dieses Krieges erlebt, er hat auch als Beichtvater den Hexenwahn miterlebt und schon früh begriffen, wie ausweglos die Situation für Frauen war, die der Hexerei beschuldigt wurden und denen Leugnen als Halsstarrigkeit und ein Geständnis als Anerkennung ihrer Schuld ausgelegt wurde. Spee hat gegen den Hexenwahn gekämpft. Und er wurde dafür selbst zu einem Opfer der Verfolgung. Er wurde ins Kriegsgebiet nach Trier geschickt, wo er bei der Pflege der Kranken und Verletzten an einer Seuche starb. Das war 1635. Spee war 44 Jahre alt.

 Ja, so drängend bitten und sehnsuchtsvoll erwarten kann vermutlich nur jemand, der sich vom Leid und von der Ungerechtigkeit anrühren lässt, dem es keine Ruhe lässt, dass die Dinge sind, wie sie nun einmal sind und der von seinem Gott noch etwas erwartet. In diesem drängenden Bitten verbindet sich eine tiefe Menschlichkeit mit einem ebenso tiefen Glauben. Und genau das ist für mich das Beeindruckende und Ermutigende an diesem Adventslied und an Friedrich Spee.

 In diesem drängenden Bitten höre ich aber auch eine wichtige Anfrage an uns. Sind wir nicht oft viel zu nüchtern und abgeklärt? Wir kennen die Sachzwänge und beherrschen die Kunst des Möglichen. Wir finden uns ab und suchen gute Gründe. Wir sind bescheiden und erwarten nicht zuviel. Wir haben gelernt, dass sich manche Dinge eben nicht ändern lassen, warum wir nicht viel machen können, wenn Menschen verhungern oder von unserem Wohlstand ausgeschlossen sind. Wir rechnen nicht mehr mit Gott in unserem durchorganisierten Leben – oder wenn, dann benutzen wir ihn zum Auffüllen unserer Defizite und der Lücken unseres Weltgebäudes oder zur Abgrenzung von den Andersgläubigen oder den Ungläubigen. Was erwarten wir eigentlich vom Leben, von Gott? Welche Sehnsüchte erfüllen uns? Was ist uns so wichtig, dass es uns in unserem Innersten berührt und mit brennender Geduld erfüllt? Gibt es in unserem Leben etwas, das uns dazu drängt zu rufen: O Heiland reiss die Himmel auf? Wenn wir immer nur mit dem Möglichen rechnen, haben wir vermutlich vom Advent noch wenig begriffen.

 Ruhe und Abgeklärtheit sind im Leben gewiss wertvolle Qualitäten und es gibt wohl für jedes von uns Momente, wo wir uns mehr davon wünschen. Aber – und daran erinnert uns das Adventslied „O Heiland reiss die Himmel auf“ – die vorwärtsdrängende Sehnsucht, das erwartungsvolle Hoffen und das hoffnungsvolle Erwarten sind ebenso wichtig. Und das Lied drückt diese Sehnsucht in wunderbaren, kräftigen poetischen Bildern aus, in Bildern, die alles andere sind als ein Weltverbesserungsprogramm, weil sie alles von Gott erwarten. In Bildern aber auch, die uns in Bewegung bringen, weil sie darauf hoffen und darum bitten, dass Gott uns in Bewegung bringt. Wenn Schloss und Riegel weg sind und der Himmel offen, dann sind wir frei, einzutreten und hinauszutreten in den weiten Raum des Lebens, das Gott uns schenkt. Gott öffnet uns diesen Raum und er stärkt uns den Rücken. Den Weg gehen aber müssen und dürfen wir selber. Wenn Tau und Regen vom Himmel fliessen, dann wird der Boden fruchtbar. Der Boden aber sind wir und es braucht unsere Bereitschaft, Neues wachsen zu lassen.

 Wenn wir am liebsten hätten, dass alles so bleibt wie es ist, dann wird uns diese adventliche Sehnsucht fremd bleiben. Wenn wir nicht mehr erwarten als die Geschenke zum Fest (und ich will damit überhaupt nichts gegen Geschenke sagen), dann wird uns die Weihnachtsbotschaft ein Märchen aus uralten Zeiten bleiben. Wenn wir aber uns anstecken lassen von dieser adventlichen Sehnsucht, dann dürfen wir unseren Gott auch bedrängen, ihn herausfordern. Dann müssen wir nichts mehr verdrängen von unseren Sorgen und Ängsten. Dann müssen wir uns nicht abfinden mit dem, was anders werden muss. Sehnen wir uns nach dieser göttlichen Lebensenergie? Sind wir bereit, uns bewegen und überraschen zu lassen? Wollen wir uns berühren lassen und uns öffnen? Wollen wir leben mit brennender Geduld? Dann können die Worte dieses Adventslieds wirklich zu unseren eigenen werden, aus tiefstem Herzen gesungen.

 Wir dürfen Gott mehr zutrauen als unsere kleinen Wünsche und Pläne. Die überfliessende Fülle dieser Bilder erinnert uns an die göttliche Lebenskraft, die wir uns niemals selber geben können und die mehr und anders ist als unsere Träume, die Ideale, denen wir so oft hinterher laufen. Advent ist die Zeit der Erwartung. Erwarten dürfen wir nicht weniger als das Kommen Gottes, den herabfliessenden Tau göttlichen Segens in unserem Leben. Erwarten dürfen wir mit brennender Geduld – das Leben.

Wer bin ich?

2. Dezember 2010 2 Kommentare

Der evang. Theologe und Widerstandskämpfer im 3. Reich Dietrich Bonhoeffer hat in seinen Gefängnisbriefen, die unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ veröffentlicht wurden, ein eindrückliches Gedicht geschrieben (http://www.klawi.de/bonwer.htm). Es heisst „Wer bin ich?“ und geht den widersprüchlichen Erfahrungen nach, die Bonhoeffer im Gefängnis macht. Er wird von anderen bewundert für seine Gelassenheit, Festigkeit und Stärke und erlebt sich selbst so oft unruhig, innerlich zerrissen und schwach.

„…  Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
… Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Auf eindrückliche Weise zeigt sich in diesem Gedicht die moderne Frage nach der Identität – und führt sie am Ende zurück auf ihren Ursprung:  „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ In diesem Vertrauen auf eine nicht feststellbare, von Gott geschenkte Identität kann Bonhoeffer die Frage „wer bin ich?“ offen lassen, das Fragmentarische und Widersprüchliche in seinem Leben aushalten.

Heute ist in spirituellen Büchern manchmal zu lesen, Trennung sei eine Illusion. Wir müssten diese Illusion lediglich überwinden, um zur wahren Einheit zu gelangen. Mir leuchtet der Gedanke eines ungetrennten Seins bei Gott oder im Grunde unserer Seele durchaus ein. Diese Einheit ist real und doch nicht vorfindlich. Denn die Erfahrung von Brüchen und Trennungen ist ebenso real und keine Illusion. Unser Sein ist im Werden, aber eben nicht so, dass wir die „Illusion der Trennung“ hinter uns lassen, sondern indem sich unser Leben an und in den Brüchen entfaltet und wir darauf verzichten, Einheit oder Identität selbst erreichen zu wollen – weil eben das, was wir erreichen wollen, meist nicht unsere Identität ist.

Die Gefahr des Terminus „Illusion der Trennung“ sehe ich darin, dass er uns vorspiegelt, wir selbst könnten einfach etwas – nämlich diese Illusion – hinter uns lassen und dann unsere wahre Identität leben. Genau darin sehe ich aber die eigentliche Illusion und zugleich einen ungeheuren Druck, weil die Erfahrung von Brüchen dann letztlich zum Ausweis meiner eigenen spirituellen Defizite erklärt wird. Und wer an den Brüchen seines Lebens leidet, der muss sich dann scheinbar darüber hinwegsetzen, indem er sich die „Illusion der Trennung“ bewusst macht oder er ist selber schuld, weil offenbar noch nicht zur wahren Erkenntnis gelangt. Das ist jetzt vielleicht etwas scharf formuliert, aber tendenziell halte ich diesen Terminus entweder für schönfärberisch oder gnadenlos.

„An die Stelle des Seins tritt eine Performanz“, schreibt Giannina Wedde im Klanggebet-Blog (http://klanggebet.wordpress.com/2010/11/30/sei-was-du-bist-nicht-was-du-sein-willst/). Das ist wunderbar formuliert. Dann bin ich selber wieder derjenige/diejenige, der/die etwas etwas aus sich machen muss. Identität aber – davon bin ich überzeugt – gibt es nur geschenkt. Sie wird (nicht: sie ist!), wo ich das Streben loslassen kann, sie zu erreichen und in dem leben kann, was ist mit all den Brüchen und mich dem anvertrauen kann, was im Werden ist – und doch immer bruchstückhaft bleibt. „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“