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Archive for Januar 2011

Übers Wasser gehen

30. Januar 2011 1 Kommentar

Der heutige Predigttext erzählt uns die Geschichte vom Seewandel des Petrus. Es ist eine Geschichte vom Gottvertrauen und vom Selbstvertrauen, von mutigen Schritten und nackter Angst. Wenn wir die Bilder dieser Geschichte zu uns sprechen lassen, sitzen wir mit Petrus und den Jüngern im Boot, das den Wellen ausgesetzt ist. Wir erkennen uns vielleicht wieder in dem Wagemut des Petrus, der sich aufs Wasser hinauswagt und in seinem dramatischen Vertrauensverlust, als er Wind und Wellen realisiert. Als er zu versinken droht, ruft er nach Jesu rettender Hand.

Wie ein Freund nimmt Jesus den Petrus bei der Hand. „Du Kleingläubiger“, sagt er zu ihm, „warum hast du gezweifelt.“ Aber ich stelle mir die Stimme Jesu dabei nicht vorwurfsvoll, sondern eher wohlwollend und mitfühlend vor. Er weiss um die Ängste und die Ohnmacht des Petrus in seiner Lage. Als ob er ihm sagen wollte: „Ich verstehe, dass dich der Mut verlassen hat und du angefangen hast zu zweifeln. Aber du sollst wissen, dass du eigentlich keinen Grund dazu hast, weil ich da bin und dich niemals im Stich lasse.

 Jesus macht Petrus und auch uns unsere Ängste und Zweifel nicht zum Vorwurf. Aber er erinnert uns daran, dass wir keine Angst haben müssen, weil seine Hand uns hält. Und er zeigt uns, dass wir nicht nur auf seine rettende Hand vertrauen dürfen, sondern auch auf die Kraft und den Mut, die er in uns freizusetzen vermag. Jesus möchte nicht nur, dass Petrus ihm zutraut, ihn vor dem Versinken zu retten. Er möchte auch, dass er sich zutraut – aus der Kraft, die Jesus in ihm geweckt hat – selber über das Wasser zu gehen.

 Auch in uns möchte Jesus nicht nur Vertrauen in seine rettende Hand, sondern auch ein Selbstvertrauen wecken, dass uns die Kraft gibt, auch in schwierigen Situationen unseren Weg zu gehen und uns nicht zu schnell von den Wellen und Stürmen entmutigen zu lassen. Wenn ihr sinkt, dann bin ich da – das ist Jesu Botschaft an uns -, aber ich traue euch zu, auf eigenen Füssen zu stehen und euren Weg kraftvoll zu gehen.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

Kategorien:Bibelzitate, Glaube, Predigt

Undogmatisches Christentum

28. Januar 2011 4 Kommentare

In ihrem Weihnachtsartikel in der Zeit schrieb Evelyn Finger: „Das ist überhaupt der Grundwiderspruch aller Religion in der Demokratie: dass wir letzte Begründungen für Werte suchen, aber Dogmen ablehnen. Wenn das Christentum diesen Widerspruch anerkennt und offen debattiert, statt sich hinter altem Halleluja zu verstecken, dann hat die Kirche auch nach Weihnachten noch eine Chance.“

Aus diesem Satz hat sich in dem katholisch-konservativen Wochenblatt „Christ und Welt“, welches seit kurzem als Beilage zur liberalen „Zeit“ erscheint, ein kleiner Dogmenstreit entwickelt. Der Verleger Bernhard Meuser reagierte mit einer Verteidigung katholischer Dogmen. Er schreibt: „Ich habe Angst vor dogmatischen Physikern, dogmatischen Sozialisten, dogmatischen Fussballtrainern. Aber undogmatisches Christentum – das ist ein ebensolcher Nonsens wie unlogische Mathematik.“

Evelyn Finger vergleicht diese Haltung in ihrer Entgegnung mit einem Schiff in Seenot, das die Schotten dicht macht und  bezeichnet sie als „klassischen Dogmatismus“, wenn man zwischen richtigen und falschen Dogmen zu unterscheide und logischerweise selbst den richtigen anhänge. Im Glaubensbekenntnis werde schönerweise gesagt, was einer glaubt, und nicht was Fakt ist. Dogmen seien menschengemacht, während die Gnade gottgegeben sei. Dies reizte den Chefredakteur der Katholischen Nachrichtenagentur KNA, Ludwig Ring-Eifel zum Widerspruch. Dogmen seien nichts anderes als Glaubenswahrheiten, die in Sätze gegossen wurden und durch ihre Klarheit und Verbindlichkeit die theologische Debatte entlasteten. Bei Dogmen müssten Theologen nun nicht mehr diskutieren, ob es so sei, sondern nur noch, was es bedeute. Ring-Eifel sieht in dogmen kein katholisches Alleinstellungsmerkmal und vergleicht sie mit den unveräusserlichen Menschenrechten, die ja auch nicht philosophisch und naturwissenschaftlich erwiesen werden könnten.

Aber dieser Vergleich ist in meinen Augen höchst problematisch. Die Idee der Menschenrechte gewinnt ihren Status ja gerade durch ihre Plausibilität, ihre allgemeine Zustimmungsfähigkeit und ihre Aktualität – auch wenn es im Detail Differenzen geben mag. Gerade diese Plausibilität und Zustimmungsfähigkeit fehlt aber bei manchen katholischen Dogmen, wie Ring-Eifel im Blick auf die Erbsündenlehre selbst einräumt. Die Geltung von Dogmen gründet aber für ihn in der Tatsache, dass Päpste und Konzilien abschliessend entschieden haben. Genau das aber ist in meinen Augen Dogmatismus.

Aus meiner protestantischen Sicht kann es keine abschliessenden Entscheidungen in dogmatischen Fragen geben, insbesondere keine Instanz mit abschliessender Entscheidungsgewalt. Für die Reformatoren war die Bibel der alleinige Bezugspunkt. Aus ihr mussten Dogmen nachvollziehbar begründet werden. Und aus der Idee des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen ergibt sich folgerichtig, dass Dogmen plausibel, nachvollziehbar und aktuell sein müssen. Und sie sind immer vorläufig und bestreitbar. Damit aber verlieren sie ihren Rang als Dogmen im Sinne von unbestreitbaren und nicht mehr weiter diskutierbaren Glaubenswahrheiten.

Allerdings verweist die Argumentation der beiden katholischen Autoren auf eine wichtige Frage: wie kann Christentum erkennbar bleiben, wenn es sich nicht mehr auf ewig gültige Dogmen berufen kann? Erkennbar bleiben kann Christentum gerade an der Offenheit für verschiedene Zugänge zum Glauben, wenn dies verbunden bleibt mit der ernsthaften gemeinsamen Suche nach Antworten auf Glaubensfragen. Nicht die Wahrheit, sondern der Streit um die Wahrheit im Wissen um die biblische Botschaft als gemeinsames Fundament und die kirchlichen Traditionen als Erfahrungshintergrund, machen uns erkennbar. Es ist vielleicht eher eine Erkennbarkeit an den Verfahren, den Formen der Auseinandersetzung als an den konkreten Glaubensinhalten. Deshalb lohnt es sich, jenseits von eiferndem Atheismus und fundamentalistischer Religion, über ein undogmatisches Christentum nachzudenken.

Kategorien:Christentum, Freiheit

Von Menschen und Göttern II

Vor einiger Zeit habe ich auf den Film „Des hommes et des dieux“ hingewiesen.  Beeindruckend an diesem Film finde ich die Stille und Ruhe, in der diese Klostergemeinschaft ihrem Tagewerk nachgeht. Wie sie sich weigern, sich von der Armee schützen zu lassen, weil Gewalt für sie kein Weg ist. Wie sie mit sich und miteinander ringen um die richtige Entscheidung „bleiben oder gehen“, wie sie ihre inneren Kämpfe austragen. Beeindruckend auch, wie das freundschaftliche und respektvolle Miteinander mit den Dorfbewohnern gezeigt wird. Wie die Mönche in ihren uralten und scheinbar so weltfremden Ritualen und Gesängen leben und daraus eine ungeheure Kraft schöpfen. Wie sie sich der Gewalt nicht beugen und nicht dem Hass verfallen. Ein Mönch zitiert Blaise Pascal: „Niemals tut der Mensch das Böse so vollkommen und fröhlich, als wenn er es aus religiöser Überzeugung tut.“ Und die Worte des Abtes gegen Ende des Films sind bewegend. Noch in seinen Entführern sieht er die Menschen und bittet für sie. Er weigert sich, die Gewalt im Namen der Religion zur Waffe gegen diese Religion zu gebrauchen.

Jan Ross stellt in der ZEIT vom 13. Januar in seinem Artikel „Märtyrer“ die provozierende Frage, ob dieser Film auch so erfolgreich wäre, wenn er nicht in den Zusammenhang der Islamdebatte träte und wenn die Mönche statt von Islamisten von fanatischen Hindus oder mexikanischen Drogenhändlern ermordet worden wären. Die Antwort fällt nicht leicht. Und trotzdem zeigt Jan Ross eindrücklich, warum man den Film schon grob missverstehen müsste, wenn man ihn zum Instrument im vielbeschworenen Kampf der Kulturen machen würde:

Die Mönche im Atlasgebirge verstanden sich nicht als Vorposten der westlichen Zivilisation, sie waren nicht einmal christliche Missionare, die ihren Glauben verbreiten wollten. Sie lebten einfach dort unter den mehrheitlich muslimischen Algeriern, feierten Gottesdienst, trieben Landwirtschaft und behandelten die Kranken des Dorfs. Das war ihr »Zeugnis«, das sie nicht preisgeben konnten und für das sie im Ernstfall ihr Leben zu opfern bereit waren. Ihr Verhältnis zum Islam war gerade nicht konfrontativ, sondern brüderlich: Auf dem Tisch von Christian de Chergé lag der Koran neben der Bibel, und noch in seinem Abschiedsbrief bekennt er seine Liebe zu Land und Leuten, ihre Religion eingeschlossen.“ (Die Zeit Nr. 3 v. 13.1.2011, S.5)

 

 

 

Ich glaube … – woran glauben wir?

16. Januar 2011 1 Kommentar

Eine Besonderheit der schweizerischen reformierten Kirchen ist, dass sie bekenntnisfreie Kirchen sind, d.h. sie kennen kein für alle verbindliches Glaubensbekenntnis. auch die altkirchlichen Bekenntnisse und die reformatorischen Bekenntnisschriften sind zwar Teil unserer Tradition, besitzen aber keinen theologisch verbindlichen Charakter. Das ist ein Ergebnis der reformierten kirchlichen Debatten des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Bekenntnisfreiheit ist ein Ausdruck christlicher Freiheit und trägt dem persönlichen Charakter der Bekennens Rechnung. Kirche sind die Menschen, die immer wieder neu nach Sprachformen des Glaubens suchen. Aber Bekenntnisfreiheit ist nicht Bekenntnislosigkeit. Glaube sucht nach Sprache, in der er sich auszudrücken vermag. Bräuchte es da nicht doch auch gemeinschaftliche Ausdrucksformen des Glaubens – ein gemeinsames Bekenntnis -, damit Vielfalt nicht zur Beliebigkeit wird und die Kirche ein Gesicht bekommt. „er nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht“ heisst es ja zu Recht.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Frage nach einem reformierten Bekenntnis, über die derzeit in den schweizerischen reformierten Kirchen diskutiert wird. Und die Frage nach dem Bekenntnis ist immer auch die Frage nach dem persönlichen und dem gemeinsam verbindlichen Glauben. „Ich glaube… – woran glauben wir?“ ist deshalb eine sechsteilige Kursreihe in unserer kirchlichen Region überschrieben, bei der wir uns mit Fragen des Bekennens und des Bekenntnisses auseinandersetzen werden.

Infos zu dieser Reihe sind hier zu finden.

Kategorien:Freiheit, Glaube, Theologie

Der junge Mann Jesus auf der Suche nach sich selbst

9. Januar 2011 2 Kommentare

Können Sie sich das vorstellen, dass Jesus einmal ein Teenager oder junger Erwachsener war, der ein Vorbild, ein Idol hatte, das ihn faszinierte und dem er nacheiferte. So befremdlich für manchen diese Vorstellung sein mag – so ähnlich muss es wohl gewesen sein. Der heranwachsende Jesus hat von Johannes dem Täufer gehört, der alles hinter sich gelassen hat und, wie man sich erzählte, nur mit einem Kamelhaarmantel bekleidet in der judäischen Wüste lebte, sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte und die Menschen zur Umkehr rief. Dieser Johannes kannte offenbar keine Furcht und keinen falschen Respekt vor den Autoritäten seiner Zeit, nicht vor den Pharisäern und Schriftgelehrten und auch nicht vor dem König Herodes. Kompromisslos, konsequent und entschieden war er und erfüllt von einer tiefen Frömmigkeit. Jesus ist ihm auch begegnet und wir können uns vielleicht sogar vorstellen, wie sehr diese Radikalität und Furchtlosigkeit den jungen Mann Jesus fasziniert haben mag. Viele Bibelforscher vermuten sogar, dass Jesus eine Zeitlang zum Kreis Johannes des Täufers gehört haben könnte. Ja, wir dürfen uns Jesus von Nazareth als einen jungen Mann auf der Suche nach sich selbst vorstellen, als einen der sich nicht damit zufrieden gab, in die Fussstapfen seines Vaters zu treten und die Dinge einfach so zu nehmen wie sie nun einmal sind. Wir dürfen uns vorstellen, dass er nicht bereit war, die römische Herrschaft einfach so hinzunehmen und ihn der Prunk des Herodes und die Macht der Schriftgelehrten empörten und er sich nicht so leicht damit abfinden wollte, dass es Oben und Unten, arm und reich gab, als sei dies ein gottgegebenes Schicksal. Er sehnte sich nach einem Leben, das sich radikal an Gott ausrichtete und in dem er einen Sinn sehen konnte. Johannes verkörperte für ihn einen solchen radikalen und alternativen Lebensstil, die Frömmigkeit, die er suchte.

Meine ganze Predigt zu Matthäus 4,12-17 ist hier zu lesen.

Fürbitte für den Sudan

9. Januar 2011 3 Kommentare

Zum christlichen Glauben gehört nicht nur die eigene spirituelle Suche  oder die Zugehörigkeit zu einer lokalen oder nationalen Kirche. Dazu gehört auch das Bewusstsein, zu einer weltweiten Kirche zu gehören und über alle religiösen Grenzen hinweg Teil der Menschheit zu sein, einer Menschheit, die sich sehnt danach, in Frieden zu leben. Das zeigt sich in praktischer Solidarität wie beispielsweise den Sammelaktionen von Brot für alle (Brot für die Welt in Deutschland) und den entsprechenden Hilfswerken anderer Kirchen. Es zeigt sich in kirchlicher Informationsarbeit, die den Blick oft gerade auf wenig beachtete Notsituationen lenkt. Und es zeigt sich in der Möglichkeit, für Menschen in anderen Weltgegenden zu bitten. So hat die Evangelische Kirche in Deutschland am heutigen Sonntag auf eine Bitte des südsudanesischen Kirchenrats hin alle deutschen evangelischen Gemeinden gebeten, aus Anlass der beginnenden Volksabstimmung im Sudan eine Bitte für den Frieden im Sudan in ihr Fürbittengebet aufzunehmen.

„Herr, unser Gott,
wir bitten für die Menschen im Sudan:
lass Frieden und Versöhnung einkehren in dem von Bürgerkriegen geschundenen Land,
dass aus erlittenen Verletzungen nicht weiter Zwietracht und Krieg wachsen.

Schenke einen friedlichen Verlauf der heute beginnenden Volksabstimmung,
damit die große Hoffnung auf dauerhaften Frieden endlich erfüllt wird.

Stehe allen Vertriebenen bei, die sich nach Rückkehr in die Heimat sehnen,
damit sie sich nach Leid und Unrecht eine neue Zukunft aufbauen können.
Sei ihnen und uns allen die strömende Quelle der Kraft.
Stärke uns, dein Licht der Liebe und Hoffnung in die Welt zu tragen.

Auch ich werde diese Fürbitte in meinem heutigen Gottesdienst aufnehmen und lade dazu ein, an die Menschen im Sudan zu denken – an alle Menschen in diesem Land, die sich nach Frieden und einem Ende der Gewalt sehnen.

Kategorien:Gebet Schlagwörter:

Den Himmel in dir tragen

1. Januar 2011 1 Kommentar
„Sorge dich nicht um das, was kommen mag,
weine nicht um das, was vergeht;
aber sorge, dich nicht selbst zu verlieren,
und weine, wenn du dahintreibst im Strome der Zeit,
ohne den Himmel in dir zu tragen.“
 Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834)