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Undogmatisches Christentum

In ihrem Weihnachtsartikel in der Zeit schrieb Evelyn Finger: „Das ist überhaupt der Grundwiderspruch aller Religion in der Demokratie: dass wir letzte Begründungen für Werte suchen, aber Dogmen ablehnen. Wenn das Christentum diesen Widerspruch anerkennt und offen debattiert, statt sich hinter altem Halleluja zu verstecken, dann hat die Kirche auch nach Weihnachten noch eine Chance.“

Aus diesem Satz hat sich in dem katholisch-konservativen Wochenblatt „Christ und Welt“, welches seit kurzem als Beilage zur liberalen „Zeit“ erscheint, ein kleiner Dogmenstreit entwickelt. Der Verleger Bernhard Meuser reagierte mit einer Verteidigung katholischer Dogmen. Er schreibt: „Ich habe Angst vor dogmatischen Physikern, dogmatischen Sozialisten, dogmatischen Fussballtrainern. Aber undogmatisches Christentum – das ist ein ebensolcher Nonsens wie unlogische Mathematik.“

Evelyn Finger vergleicht diese Haltung in ihrer Entgegnung mit einem Schiff in Seenot, das die Schotten dicht macht und  bezeichnet sie als „klassischen Dogmatismus“, wenn man zwischen richtigen und falschen Dogmen zu unterscheide und logischerweise selbst den richtigen anhänge. Im Glaubensbekenntnis werde schönerweise gesagt, was einer glaubt, und nicht was Fakt ist. Dogmen seien menschengemacht, während die Gnade gottgegeben sei. Dies reizte den Chefredakteur der Katholischen Nachrichtenagentur KNA, Ludwig Ring-Eifel zum Widerspruch. Dogmen seien nichts anderes als Glaubenswahrheiten, die in Sätze gegossen wurden und durch ihre Klarheit und Verbindlichkeit die theologische Debatte entlasteten. Bei Dogmen müssten Theologen nun nicht mehr diskutieren, ob es so sei, sondern nur noch, was es bedeute. Ring-Eifel sieht in dogmen kein katholisches Alleinstellungsmerkmal und vergleicht sie mit den unveräusserlichen Menschenrechten, die ja auch nicht philosophisch und naturwissenschaftlich erwiesen werden könnten.

Aber dieser Vergleich ist in meinen Augen höchst problematisch. Die Idee der Menschenrechte gewinnt ihren Status ja gerade durch ihre Plausibilität, ihre allgemeine Zustimmungsfähigkeit und ihre Aktualität – auch wenn es im Detail Differenzen geben mag. Gerade diese Plausibilität und Zustimmungsfähigkeit fehlt aber bei manchen katholischen Dogmen, wie Ring-Eifel im Blick auf die Erbsündenlehre selbst einräumt. Die Geltung von Dogmen gründet aber für ihn in der Tatsache, dass Päpste und Konzilien abschliessend entschieden haben. Genau das aber ist in meinen Augen Dogmatismus.

Aus meiner protestantischen Sicht kann es keine abschliessenden Entscheidungen in dogmatischen Fragen geben, insbesondere keine Instanz mit abschliessender Entscheidungsgewalt. Für die Reformatoren war die Bibel der alleinige Bezugspunkt. Aus ihr mussten Dogmen nachvollziehbar begründet werden. Und aus der Idee des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen ergibt sich folgerichtig, dass Dogmen plausibel, nachvollziehbar und aktuell sein müssen. Und sie sind immer vorläufig und bestreitbar. Damit aber verlieren sie ihren Rang als Dogmen im Sinne von unbestreitbaren und nicht mehr weiter diskutierbaren Glaubenswahrheiten.

Allerdings verweist die Argumentation der beiden katholischen Autoren auf eine wichtige Frage: wie kann Christentum erkennbar bleiben, wenn es sich nicht mehr auf ewig gültige Dogmen berufen kann? Erkennbar bleiben kann Christentum gerade an der Offenheit für verschiedene Zugänge zum Glauben, wenn dies verbunden bleibt mit der ernsthaften gemeinsamen Suche nach Antworten auf Glaubensfragen. Nicht die Wahrheit, sondern der Streit um die Wahrheit im Wissen um die biblische Botschaft als gemeinsames Fundament und die kirchlichen Traditionen als Erfahrungshintergrund, machen uns erkennbar. Es ist vielleicht eher eine Erkennbarkeit an den Verfahren, den Formen der Auseinandersetzung als an den konkreten Glaubensinhalten. Deshalb lohnt es sich, jenseits von eiferndem Atheismus und fundamentalistischer Religion, über ein undogmatisches Christentum nachzudenken.

Kategorien:Christentum, Freiheit
  1. 28. Januar 2011 um 10:49

    Sehr wahr!
    Das entscheidend Christliche ist Christus – wie der Name sagt -, und der wird als Lebendiger verehrt und angebetet.
    Das ist meine Sicht, auf die Schnelle.
    Wer Sinn für Geschichte hat, wird an der Dogmengeschichte sehen, dass es sich immer wieder neu entwickelt, was am Glauben im jeweiligen Heute bedeutet.
    „Ewig“ im Sinne von „starr“, „das war so, das bleibt so“ hat wenig Chancen.

    • 28. Januar 2011 um 15:32

      Lieber Jörg,

      Christus als der Lebendige, der uns immer wieder neu begegnet – das entspricht dem, was ich mit meinem Beitrag sagen wollte. Diese Zentrum lässt sich nicht abschliessend in Dogmen fassen. Es bedarf dazu immer wieder neuer vorläufiger Sprachversuche.

      Herzlich

      Bernd

  2. 28. Januar 2011 um 15:14

    Es ist ein Seiltanz zwischen Dogmatismus und Beliebigkeit… Ist der Christus der Unitarier der Christus der Trinitarier – oder sind es verschiedene Götter, an die sie glauben?
    „Einleuchtend und allgemein akzeptiert“ ist auch wohl nicht das Kriterium christlichen Glaubens, der bekanntlich den einen ein Ärgernis, den anderen bodenlose Dummheit ist…

    speziell auf die katholische Dogmatik schauend, meine ich, daß man dort den Fehler begangen hat, Glaubenserkenntnisse von bleibendem Wert in bestimmte Formen zu fassen – etwa die Mariendogmen, die sich ursprünglich von der Christologie herleiten – und dann nicht etwa die Inhalte, sondern die Gefäße festgeschrieben hat. Im Fall der Realpräsenz-Lehre haben katholische Theologen ja schon festgestellt, daß die verschiedenen Ansichten dazu nicht kirchentrennend seien, und so kann man durchaus Con- und Transsubstantationslehre nebeneinander betrachten als Wege, den Opfergang Christi pro nobis zu verstehen und uns gewissermaßen an den Tisch des Herrn mit den Jüngern geladen zu wissen. Er selbst schenkt sich, ob das Brot nun „zu Fleisch wird“ oder „nur“ Träger des Leibes Christi ist. Aber „ER SCHENKT SICH FÜR UNS“ ist der unaufgebbare Kern – das ewige Dogma… das wir freilich so verkündigen müssen, daß die Menschen heute es auch verstehen.

    • 28. Januar 2011 um 15:51

      Lieber Wolfram,

      sicher hast Du recht, wenn Du schreibst „einleuchtend und allgemein akzeptiert“ sei wohl auch nicht das Kriterium christlichen Glaubens. So habe ich es allerdings auch nicht geschrieben. Meine Aussage war, dass Glaubensaussagen plausibel, nachvollziehbar und aktuell sein müssen, was nicht dasselbe ist. Denn der christliche Glaube ist nun einmal nicht voraussetzungslos (da sind wir uns einig!), aber von seinen Voraussetzungen her muss er kommunikativ entfaltet werden und diese Entfaltung muss eben von den Voraussetzungen her plausibel, nachvollziehbar und aktuell sein. Zum Ärgernis kann er werden, wenn man die Grundvoraussetzung ablehnt, dass in einem wehrlosen und am Kreuz gescheiterten Menschen Gott selbst begegnet, dass im Licht des Glaubens Schwäche sich in Stärke verwandelt und Stärke in Schwäche. Das ist ein notwendiges Ärgernis des Glaubens, aber nicht jedes Ärgernis ist notwendig (so die konkrete Gestalt der katholischen Erbsündenlehre, das Unfehlbarkeitsdogma, Mariä unbefleckte Empfängnis und manch Anderes). Bevor wir an einem Dogma festhalten, gilt es immer zu fragen, ob dieses Dogma wirklich unverzichtbar ist und andere Sprachformen des Glaubens zwingend ausschliesst.

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