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Archive for Februar 2011

Demokratischer Aufbruch oder islamistische Gefahr?

Seit Tagen blicken viele wie gebannt auf die Proteste in Ägypten. Bewunderung für den Mut und den Freiheitsdrang der Menschen, Empörung über das starre Festhalten Mubaraks an der Macht, über das Wüten bezahlter Schlägertrupps und Trauer um die Toten und Verletzten, aber auch die Unsicherheit, wie es weitergehen wird – all das bewegt mich. 

Im Blick auf die Unruhen in Ägypten wird inzwischen oft die Frage gestellt, ob es sich um einen demokratischen Aufbruch handelt oder die Welt sich eher vor einer islamistischen Machtübernahme zu fürchten hat. Ist die Parallele 1979 (Iranische Revolution) oder 1989 (Umbruch in Osteuropa)? Keine der beiden Optionen ist in der aktuellen Lage wirklich auszuschliessen (und da sich Geschichte bekanntlich nicht einfach wiederholt, gibt es noch viele andere Optionen).

Auf jeden Fall wird sich nun zeigen müssen, wie ernst das Angebot in Obamas Kairoer Rede war, der muslimischen Welt eine faire Partnerschaft anzubieten. Faire Partnerschaft heisst wohl heute, die Bündnisse mit Diktatoren aufzugeben und – ob es uns gefällt oder nicht – auch islamistische Strömungen in eine partnerschaftliche Zusammenarbeit einzuschliessen. In Ägypten wird es keinen tragfähigen Regimewechsel geben ohne Einbezug der Muslimbruderschaft. Dabei ist noch völlig offen, ob diese sich in Richtung der AKP in der Türkei entwickeln wird oder eher eine alleinige Machtausübung und die strikte Einführung der Scharia anstrebt. Das ist keine gemütliche Ausgangslage, aber so ist sie nun einmal. Nur das Angebot fairer Partnerschaft kann die Entwicklungen im positiven Sinn beeinflussen. Ein Festhalten an den Diktatoren oder die Unterstützung neuer halb- oder scheindemokratischer Strukturen wird die feindseligen Gefühle in der islamischen Welt gegenüber dem Westen nur verstärken.

Für Israel und für die Christen in der Region sind die Entwicklungen beunruhigend und gefährlich. Aber ein Festklammern an den verhassten Diktatoren macht die Situation langfristig nur noch schlimmer. Was wir Israel und den Christen in der Region schuldig sind, das ist ein entschlossenes Eintreten für das Existenzrecht und die Sicherheit Israels und für Religionsfreiheit. Die Unterstützung demokratischer Entwicklungen und wirtschaftlicher Perspektiven bildet dafür die besten Voraussetzungen. Und die Glaubwürdigkeit unseres Eintretens für Religionsfreiheit erweist sich an unserem Umgang damit in unserer eigenen Welt, im entschiedenen Widerspruch gegen islamophobe Tendenzen im Westen, im Umgang mit Migrantinnen und Migranten aus der islamischen Welt.

Demokratischer Aufbruch oder islamistische Gefahr – beides ist möglich. Wer aber die islamistischen Kräfte mit allen Mitteln ausschliessen und bekämpfen will, trägt am meisten zu einer islamistischen Gefahr bei.