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Widerspruch, Papst Benedikt

Als Vorabdruck im Feuilleton der ZEIT v. 3.3.2011 ist ein Auszug aus dem Buch „Jesus von Nazareth. 2. Teil“ von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. zu lesen. Wie schon die Überschrift besagt, gipfeln die Erwägungen Benedikts zur Chronologie von Jesu Abendmahl in der Feststellung „Christus ist das Neue“. Er hält die johanneische Chronologie für die historisch zutreffende. Dann war Jesu Mahl mit seinen Jüngern kein jüdisches Passamahl. Vielmehr sei es ein Mahl gewesen, dass Jesus im Wissen um seinen bevorstehenden Tod mit seinen Jüngern gefeiert habe. Nach der johanneischen und laut Ratzinger auch historisch zutreffenden Chronologie, sei Jesus genau zu der Zeit gestorben als im Tempel die Passalämmer geschlachtet wurden. Daraus zieht Ratzinger weitreichende Schlüsse: „Das Wesentliche dieses Abschiedsmahles war nicht das alte Pascha, sondern das Neue, das Jesus in diesem Zusammenhang vollzog. (…) Es war Jesu Pascha.“
Auch wenn man die johanneische Chronologie für historisch zutreffend hält, lässt sie nicht derart weitgehende Schlüsse zu. Ein Hauptproblem sehe ich darin, dass hier aus historischen Argumenten vorschnell theologisch-dogmatische Folgerungen gezogen werden. Jesu Todesbewusstsein ist ein theologisches Postulat und kein historisches Faktum. Dass er für die christliche Gemeinde zum wahren Passalamm geworden ist, das ist die Deutung der christlichen Gemeinde. Implizit unterstellt Ratzinger aber, dies sei Jesu eigenes Verständnis dieses letzten Mahles gewesen, was in meinen Augen historisch unzulässig ist.
Diese Zusammenschau dogmatischer und historischer Lektüre der Evangelien war schon ein Grundproblem des 1. Teils von Benedikts Jesus-Buch. Aber hier wird diese Problematik besonders deutlich. Und sie hat Folgen: Aus Jesus, dem Juden, wird so unter der Hand ein Jesus, der seines jüdischen Kontextes beraubt, quasi zum „historischen Christus“ gemacht wird. Die Deutung seiner Person, die den Glauben der Gemeinde auf dem Hintergrund wachsender Auseinandersetzungen mit dem Judentum in der Zeit nach 70 n.Chr. spiegelt, wird in die Zeit des historischen Jesus zurückverlegt.
In meinen Augen fällt damit Ratzinger/Benedikt XVI. hinter den Stand der exegetischen Forschung und vor allem hinter den Stand des jüdisch-christlichen Dialogs zurück. Mit der Betonung des Gegensatzes von alt und neu und der Charakterisierung Jesu als das „wahre Passalamm“ kehrt das Bild einer Überwindung des Judentums durch das Christentum kaum verhüllt zurück, ein Bild , das längst überwunden schien. Es fällt schwer, darin keinen Zusammenhang mit fragwürdigen Entscheidungen dieses Papstes wie der Wiedereinführung der Fürbitte für die Juden im Karfreitagsgebet zu sehen.

  1. 8. März 2011 um 12:38

    …und das sind nicht die beiden einzigen problematischen „neuerungen“ ratzingers…

  2. auguste
    12. März 2011 um 18:12

    Verstehe ich nicht.
    Vorsichtshalber schicke ich voraus, dass ich nicht katholisch bin, um ein Missverständnis meines Kommentars zu vermeiden , – aber ich verstehe nicht, was es dem christlich-jüdischen Dialog schaden kann, Jesus als „neu“, also als seiner Zeit voraus anzusehen. Sind nicht alle religiösen Neuerer ihrer Zeit voraus gewesen? Glauben das nicht zumindest die, die überhaupt an sie glauben? Christen glauben es und Juden glauben es nicht, wo ist das Problem?
    Sehr viel problematischer erscheint es mir, Jesus als den besseren Juden sehen zu wollen. Oder ist er das auch nicht? Worin unterscheidet er sich dann von den anderen, warum sind die Christen Christen und ziehen das Christsein dem Jüdischsein vor?
    Man verzeihe meine Ahnungslosigkeit…

    • 12. März 2011 um 19:08

      Das Problem sehe ich auch nicht darin, dass Jesus „neu“, seiner Zeit voraus war. Mir geht es um zwei Dinge: Zum einen ist die Unterscheidung von historischen Fakten, die sich mit einer relativ hohen Plausibilität erheben lassen und theologischen Deutungen, die auf diesen Fakten aufruhen, aber darüber hinausgehen, eine Frage der intellektuellen Redlichkeit. Deshalb muss auch über die Faktenlage gestritten werden und es macht einen Unterschied, ob das Neue, das Jesus gebracht hat, der Vorrang der Gnade Gottes vor dem fordernden Gott ist, die radikale Konzentration auf die Liebesbotschaft oder ob das Neue in einem letztlich exklusiven Heilsweg besteht, der in der Konsequenz dem jüdischen Glauben die Legitimität entzieht. Und es ist für den christlichen Glauben und für den jüdisch-christlichen Dialog nicht nebensächlich, ob Jesus sich selbst als Reformer innerhalb des Judentums oder als Überwinder des Judentums gesehen hat. Es macht einen Unterschied, ob die Trennung zwischen Judentum und Christentum in den Konflikten der späteren Zeit begründet ist (die nicht nur theologische waren) oder in der Person Jesu selbst. Innerchristlich ist die Reformation ja durchaus vergleichbar. Da spielt es für den ökumenischen Dialog ja auch eine Rolle, ob Luther nun eine neue Kirche gegen die katholische gründen wollte oder ob die historischen Umstände dazu führten, dass aus dem Versuch einer Reform eine Spaltung resultierte.
      Zum anderen sehe ich den wesentlichen Unterschied darin, dass Fakten entweder zutreffend oder unzutreffend sind (wobei ich natürlich in Rechnung stelle, dass historische Fakten immer Wahrscheinlichkeitsurteile sind und umstritten bleiben). Unterschiedliche Deutungen können nebeneinander bestehen als alternative Sichten auf die Wirklichkeit, auch wenn sie nicht einfach beliebig sind.
      Insofern sehe ich Jesus nicht als den ersten Christen (was ein Anachronismus wäre), auch nicht als Überwinder des Judentums und auch nicht als den besseren Juden, sondern als eine historische Gestalt mit einer Botschaft, die sich innerhalb des Judentums bewegte, aber die Liebesbotschaft und das Öffnende ins Zentrum stellte und so den Weg ebnete, der in der Entstehung der christlichen Kirchen seine Sozialgestalt fand. Christen sind Christen, weil sie diesem Jesus eine besondere Heilsbedeutung für ihr eigenes Leben zuschreiben, weil sie durch ihn sich mit göttlicher Zuwendung und Liebe beschenkt wissen. Wir verstehen uns aber nicht als Christen, weil wir uns dem Judentum überlegen fühlen würden, sondern einfach, weil dieser Jesus der Weg ist, den Gott uns geschenkt hat.
      Ich hoffe, dass ich mich einigermassen verständlich ausgedrückt habe. Beim Schreiben ist mir nämlich wieder bewusst geworden, wie schwierig all dies in Worte zu fassen ist.

  3. auguste
    15. März 2011 um 21:21

    Doch, könnte sein, ich hab’s verstanden. Christen wären dann sozusagen christliche Juden. So leuchtet mir das ein.

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