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Fordert Gott bedingungslosen Gehorsam?

Der Predigttext für den Sonntag Judika ist eine ziemliche Herausforderung. Es ist die Geschichte von Isaaks Opferung, eine Geschichte, die vielfach als Loblied auf einen bedingungslosen Gehorsam gegenüber Gott missverstanden worden ist. Aber war es tatsächlich richtig und lobenswert, dass Abraham in dieser Geschichte nicht davor zurückgeschreckt hätte, aus vermeintlichem Gehorsam gegenüber Gott seinen eigenen Sohn zu töten? Könnte es nicht sein, dass Gott nicht nur – wie das glückliche Ende der Geschichte zeigt – keine Menschenopfer will, sondern auch keinen blinden Gehorsam und Abraham seinen Gott gehörig missverstanden hat?

Nein, Gehorsam ist keine Tugend und blinden Gehorsam fordern nur die falschen Götzen. Davon bin ich überzeugt und wollte der Verfasser der Abrahamsgeschichte blinden Gehorsam als Glaubenstugend darstellen, so würde ich ihm entschlossen widersprechen. Glaube ohne Einsicht, ohne die Stimme des Herzens und des Gewissens droht immer unmenschlich zu werden. Und Gott solche Grausamkeit zuzutrauen, ist in meinen Augen Blasphemie.

Wenn die Geschichte aber keine Aufforderung zu blindem Gehorsam gegenüber Gott ist, was ist sie dann? Ich denke, es ist eine Geschichte, die uns erschrecken lässt, zu welcher Unmenschlichkeit ein falsch verstandener Gottesgehorsam führen kann. Sie kann uns aber auch die erschreckende Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn vor Augen führen und uns so sensibilisieren für die Erfahrungen der Sprachlosigkeit in unseren Beziehungen. Im Mitgehen Abrahams an der Seite des Isaak sehe ich darüber hinaus eine Ermutigung mitzugehen, auch wenn es kaum zu ertragen ist, die Hoffnung niemals aufzugeben und Augen zu haben für die neuen Wege, die Gott uns zeigt. Da-Sein, mitgehen und achtsam bleiben, das sind die heilsamen Wege, die Gott uns schenkt, wenn die Fragen und Zweifel ihre Schatten werfen.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

Kategorien:Glaube, Gott, Gottesbilder, Predigt Schlagwörter: , , ,
  1. auguste
    8. April 2011 um 16:37

    Man kann Abrahams Geschichte auch so verstehen:
    Die Bereitschaft, das Liebste zu opfern, zeigt eine große Hingabe und die Fähigkeit, auch die tiefste Bindung noch aufzugeben für Gott. Und indem Gott das Opfer in seiner konkreten Form nicht annimmt, bejaht er diese Hingabe als Haltung. Er will keine Leichen, er will kein Blut, er will eine Seele, die so grenzen- und bedingungslos wie Abraham liebt. Er will das TIER, die Tiernatur des Menschen, die ANIMALISCHE Art der Bindung an die Welt und ihre Geschöpfe und seien es die an die eigenen Kinder. Und das hat Abraham begriffen und hat von seinem Sohn abgelassen.

  2. Dorothea
    11. April 2011 um 08:13

    Gott möchte vielleicht keinen blinden Gehorsam, aber absoluten Gehorsam. Wer auf Gott vertraut, der wird mit der Ziet immer mehr danach fragen, was er will und nicht, was er selbst will. Oft weiß Gott es besser als wir. Er erwartet von uns Dinge, die wir zunächst als völlig absurd erachten zu tun. Doch im Nachhinein stellt sich dann erst heraus, dass sein Wille auch für einen selbst der Richtige war. Er wusste es eben besser. Wenn wir nicht darauf hören, schaden wir allein uns selbst.
    Interessant finde ich an dieser Geschichte, dass Abraham zwar einerseits absolut gehorsam ist, andererseits aber von Anfang an zu wissen scheint, dass Isaak nicht wirklich geopfert wird. Weil er wohl weiß, dass Gott seine Verheißung nicht zurücknimmt (er bekommt von Gott nicht einen Sohn, der ihm dann wieder genommen werden soll). So eine Art Gewissheit um Gottes Güte, obgleich die Realität ihm das Gegenteil zu zeigen scheint (Gottes Auftrag).

  3. 17. April 2011 um 14:15

    lieber bernd,
    mir sagte mal ein priester mantra-artig vor: hören, horchen, gehorchen, gehören.
    und gab mir dies zur betrachtung mit ins gebet. nachdem ich mich ein paar monate am wort gehorchen wundgestoßen hatte, wurde mir irgendwie, doch recht diffus, ein zusammenhang klar zwischen dem lauschen der seele auf gott und der hingabe in der der wille des ego schlichtweg schmilzt wie eis in der sonne. und da gehorsam erst nach dem hören und horchen stattfindet, hat der auch gar nichts mehr zu tun mit dem kadavergehorsam den wir meistens damit assoziieren. ich freue mich grad, dass dein artikel mich daran erinnert hat, das ist über 20 jahre her, aber es war ein interessanter weg.
    ich sende dir herzliche grüsse
    giannina

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