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Mystik der offenen Augen

Diesen Titel des neuen Buches des katholischen Theologen Johann Baptist Metz finde ich wunderbar. Lesenswert ist auch eine Rezension von Jan-Heiner Tück zu diesem Buch in der Wochenendausgabe der NZZ. Daraus einige bedenkenswerte Aussagen:

„Gegen Formen neuer Religiosität, die eine Art Wellness der Seele anbieten, setzt Metz eine biblisch inspirierte Mystik der Gerechtigkeit. Mystik – das ist für ihn keine meditative Technik der geschlossenen Augen, sondern eine messianische Praxis der Nachfolge, die sich den Blick Jesu für die Armen und Leidenden zu eigen macht. Nicht um aufregende spirituelle Selbsterfahrungen geht es in dieser «Gottesleidenschaft in Mitleidenschaft», sondern um Solidarität mit den Mitmenschen. Den Liebhabern der Zenmeditation hält Metz die unbequeme Frage vor, wie sie es mit dem Einsatz für andere halten. Er mutmasst, dass fernöstliche Spiritualität das fromme Subjekt am Ende in einer subjekt- und geschichtsfernen Alleinheit aufgehen lässt, die für das Antlitz der andern keine Augen mehr hat. (…)

Für seine Mystik der offenen Augen knüpft Metz an die Psalmen, das Buch Hiob, die Klagelieder, aber auch den Verlassenheitsschrei Jesu am Kreuz an; er plädiert dafür, auch heute den Schmerz der Negativität stärker in die Gebetssprache zu integrieren. Der hohe Ton der offiziellen Liturgiesprache müsse durch mehr «Karsamstagssprache» aufgeraut werden, um Erfahrungen der Trauer, der Angst und der Schuld Raum zu geben. In der Tat können Artikulationen von Freude und Dank zur hohlen Phrase verkommen, wenn sie die Wirklichkeit von Leid und Schmerz ausblenden. Indem Metz den Blick auf die Leidenden und Übersehenen lenkt, schärft er das Bewusstsein für das, was fehlt. Sein Einspruch gegen das mitleidlose Vergessen speist sich ausser aus biografischen Erfahrungen aus dem Hunger nach Gerechtigkeit. Darin ist er im besten Sinne biblisch.“

  1. auguste
    20. September 2011 um 18:03

    „Den Liebhabern der Zenmeditation hält Metz die unbequeme Frage vor, wie sie es mit dem Einsatz für andere halten. Er mutmasst, dass fernöstliche Spiritualität das fromme Subjekt am Ende in einer subjekt- und geschichtsfernen Alleinheit aufgehen lässt, die für das Antlitz der andern keine Augen mehr hat.“

    Zen wird an vielen katholischen Klöstern unterrichtet, weiß der Autor das? Die „Liebhaber der Zenmeditation“ verstehen möglicherweise von Zen mehr als er. „Das Leid der Anderen tut uns weh“, sagte mein Zen-Lehrer einmal vor Jahren in einer Ansprache. „Leben ist Leiden“, sagte Buddha und Meditation ist Mitgefühl.

    Aber gut, ich will nicht rechten. Es ärgert mich einfach, dass kirchliche Äußerungen so selten ohne Seitenhiebe gegen die als Konkurrenz empfundenen Anderen auskommen können und sich nicht anders als in Abgrenzung von Anderen profilieren können.

    • 20. September 2011 um 21:47

      Danke für diesen kritischen Kommentar. So weit ich Metz aus seinen Schriften kenne, weiss er sicher, dass Zen an katholischen Klöstern und Bildungsstätten unterrichtet wird und es geht ihm auch nicht darum, ein Zerrbild des Zen-Buddhismus zu zeichnen. Ich weiss auch nicht, wie die konkreten Passagen lauten, die der Rezensent hier zusammenfasst. Allerdings gibt es durchaus einen Lifestyle-Buddhismus im Westen, bei dem Zenmeditation den Charakter eines Wellness-Programms annimmt, bei dem der/die Andere ausgeblendet wird. Demgegenüber halte ich die obigen Anmerkungen für durchaus angebracht.

  2. auguste
    21. September 2011 um 10:53

    Danke, dass Sie den Kommentar stehen ließen.
    Der Vergleich ist schief, den die Rezension als Haltung des Textes nahelegt. Wenn man die eigenen Lichtseiten mit den Schattenseiten des Anderen vergleicht, ist immer klar, was dabei herauskommt.
    Unter denjenigen, die die Anstrengungen und Frustrationen des Zen-Übens über Jahre hinweg auf sich nehmen, ist wohl kaum einer bloß ein Wellness-Buddhist. Von diesen „Liebhaber des Zen“ habe ich einmal gehört, dass von 100, die zur Einführung kommen, einer zum Üben wiederkommt. Vom umgekehrten Standpunkt aus (milder Zen gegen aktivistische Konfessonalität) könnte man auch „die Liebhaber des Katholizismus“ als blinde Aktivisten abtun, die einen retten, indem sie hundert Andere über die Klinge springen lassen.
    Ich denke, Vorzüge können sich verbünden, mit Tatendrang und Umsicht zum Beispiel, Nachteile können sich ausschließen, Selbstgerechtigkeit und Wellness zum Beispiel, aber Vorteil gegen Nachteil auszuspielen, das ist immer agitatorisch.

  3. 21. September 2011 um 16:07

    ich würde jede religion und spirituelle schule in dem für das subjekt die eigene frömmigkeit/erleuchtung/glückseligkeit auf eine art im zentrum steht dass der blick für den anderen und insbesondere für den leidenden verloren geht, für käse halten.
    und zwar unabhängig davon, ob das eine altehrwürdige tradition ist oder eine moderne larifariwellnessspiritualität. naheliegender aber ist es ja, dass ein mensch ein religiöses milieu dafür „missbraucht“.

    schon die christlichen mystiker des mittelalters warnten davor, die versenkung nicht dem leidenden vorzuziehen der vor der tür steht. heute gilt das genauso.

    jede religion oder spiritualität bietet für weltflüchtige menschen mehr als genug optionen, weiterhin zu fliehen. die frage ist, welche motive treiben einen denn so an wenn man meditieren geht?

    das ist eine gefahr die vor konfessionsgrenzen noch nie halt gemacht hat, weswegen ich die seltsamen seitenhiebe auf zen und östliche praktiken beim lesen auch für unangebracht hielt. wenn das buch auch so wäre wie die rezension vermuten lässt, würde ich es vermutlich eher zum heizen im winter benutzen ;).

    herzliche grüsse an dich lieber bernd
    giannina

    • 22. September 2011 um 07:44

      Liebe Giannina,

      das eigene Seelenheil für wichtiger zu halten als das Leid der/des Nächsten ist sicher eine Gefahr aller Konfessionen und Religionen. Da hat auguste schon recht, dass es nicht angeht, die eigenen Lichtseiten mit den Schattenseiten des anderen zu vergleichen (wobei es mir um einen Vergleich, die Frage „wer ist besser“ gar nicht ging). Ich denke, dass mein Blog zeigt, dass ich selbst meine Heimat im Christentum protestantischer Prägung habe, aber anderen religiösen Traditionen mit Respekt und Neugier begegne – und durchaus lernbereit.
      Metz ist einer der Vertreter einer politischen Theologie, für die Christentum nicht ohne die Gerechtigkeitsfrage zu haben ist. Er hat sich stets an dem Triumphalismus seiner eigenen Kirche gerieben und ihr die Frage nach ihrem Einsatz für die Leidenden und für politische Gerechtigkeit gestellt. Bündnisse mit den Mächtigen (ich denke nur an Lateinamerika oder Franco-Spanien) waren ihm ein Verrat an der Botschaft Jesu. Vielen gilt diese politische Theologie heute als „unmodern“ und es mag sein, dass manche ihrer Ausprägungen durchaus auch ideologische Züge angenommen haben. Aber die Gerechtigkeitsfrage bleibt für mich eine zentrale Frage für jegliche Spiritualität und ich finde es durchaus nicht unproblematisch, wenn es in kirchlichen Bildungsstätten und in den Angeboten von Kirchgemeinden heute mehr Einladungen zu meditativem Tanz als zu zentralen gesellschaftlichen Fragen gibt. Über den Seitenhieb von Metz kann man sich gerne streiten (das Phänomen, das er kritisiert ist allerdings keinesfalls selten) – aber seine zentralen Fragen halte ich (auch so wie sie in der Rezension formuliert sind) für wichtig. Also besser doch nicht zum Heizen im Winter benutzen ;)!
      Herzliche Grüsse
      Bernd

  4. 21. September 2011 um 16:11

    aber dass das reden von leiden/verantwortung in heutiger wellness-spiritualität (über die freilich jeder zen mönch nur lachen würde) zugunsten überemotionalisierter und positiver freundebotschaften getilgt wurde, stimmt absolut. das ist ja auch einer der gründe für meinen aktuellen artikel – denn auf diesem wege leiden auszublenden schafft ohnehin nur neues leiden, und davon reichlich.

  5. 24. September 2011 um 23:47

    also ich habe in sämtlichen gemeinden in denen ich in meinem leben war noch nicht EINE einladung zu meditativem tanz gesehen 😉 körpergebet ist in der kirche absolut und dramatisch unterrepräsentiert. es als alternative zu gerechtigkeitsfragen zu betrachten wäre freilich auch daneben. denn ein inniges gebets- und meditationsleben führt doch wenn überhaupt in ein tieferes verständnis der welt und in eine liebevollere zuwendung zur welt. ich finde das darf man nicht gegeneinander ausspielen.
    gegen das unmodern sein des autors habe ich bestimmt nichts – auch wenn ich ihn jetzt nicht so kenne – aber da die gerechtigkeit dem christentum als bedeutende frage ohnehin immanent ist, was soll man da auf zenpraktizierende schielen? ich bin der meinung je mehr man sich seiner spirituellen freiheit entfremdet desto mehr entfremdet man sich auch von der selbstverständlichkeit der gerechtigkeit als grösse im miteinander. wohl gibt es eine vernunftgerechtigkeit, aber für die hat man religion eben auch noch nie gebraucht. mich persönlich nervt das zum beispiel an dem aktuellen papsttrip dass da immer die rede ist von „christlichem wertesystem“ als sei das christentum eine ethische agenda, sonst nix. für ethik brauche ich keine religion. und ich halte es auch für fatal eine religion darauf zu reduzieren. aber das führt von deinem ursprünglichen artikel nun wirklich weg, pardon!
    herzliche grüsse an dich und ein schönes wochenende!
    giannina

    • 25. September 2011 um 09:20

      Liebe Giannina,
      nichts liegt mir ferner als ein inniges Gebets- und Meditationsleben gegen eine innige Zuwendung zur Welt und die Gerechtigkeitsfrage auszuspielen! Und die Reduktion von Religion auf Ethik finde ich auch absolut irreführend – v.a. wenn das sog. „christliche Wertesystem“ dann noch dogmatisch und in Stein gemeisselt daherkommt. (Und das ist nicht meine einzige Kritik an Benedikt’s Deutschlandreise – was soll man zu einem Kirchenoberhaupt noch sagen, umter dem sich die kath. Kirche gar nicht mehr bewegt oder wenn, dann zurück hinters Vaticanum II – zum Glück gibt es an der Basis und in der akademischen Theologie ganz andere Haltungen).
      „je mehr man sich seiner spirituellen freiheit entfremdet desto mehr entfremdet man sich auch von der selbstverständlichkeit der gerechtigkeit als grösse im miteinander“ – das sehe ich auch so. Nur – so nehme ich das jedenfalls war – ist diese selbstverständliche Verbindung in den christlichen Kirchen und bei den freien Spirituellen alles andere als selbstverständlich. Die Kritik an Metz‘ Seitenhieb auf Zenpraktizierende kann ich nachvollziehen. Letztlich käme es ja darauf an die mystischen Traditionen und die politisch-befreienden Traditionen zu verbinden. „Mystik der offenen Augen“ finde ich dafür einen passenden Titel.
      Herzliche Grüsse und auch Dir ein schönes Wochenende
      Bernd

  1. 10. Januar 2012 um 20:04

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