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Archive for Januar 2012

Von Panzerungen befreit

Eine weniger bekannte Geschichte aus dem Alten Testament liegt meiner Predigt von diesem Sonntag zugrunde – die Heilung des syrischen Hauptmanns Naaman durch den Propheten Elisa (2. Kön 5,1-19). Naaman ist reich und mächtig, aber er leidet an einer lästigen, ja lebensgefährliche Krankheit. Was die Lutherbibel mit Aussatz übersetzt, ist eine Art Schuppenflechte, die zu einer regelrechten Verpanzerung des Körpers führt.

Und weil biblische Heilungsgeschichten oft auch Symbolgeschichten sind, ist die äusserliche Verpanzerung seiner Haut in dieser Geschichte wohl auch ein Spiegel des Panzers, mit dem er seine Seele umgeben hat, der Schutzmechanismen, die er sich im Laufe der Zeit zugelegt hat. Und darin könnte sie auch unsere eigene Geschichte sein. Dieser Naaman muss einige ungewöhnliche Schritte tun. Er muss auf den Rat einer Sklavin hören, er muss sich von einem Diener abspeisen lassen, er muss erkennen, dass er mit Geld und Empfehlungsschreiben nichts ausrichten kann. Erst als er von seinem hohen Ross herabsteigt und bereit ist in einen schmutzigen Fluss einzutauchen, fällt der Panzer von ihm ab.

Wer wie dieser Naaman bereit ist, von seinem hohen Ross zu steigen und einzutauchen in den Lebensfluss, der kann sich von seinen Schutzpanzern befreien lassen, kann auch dem begegnen, was ihm an sich selbst Mühe macht und unansehnlich ist, kann sich berühren lassen und Möglichkeiten entdecken. Wo wir alles schon wissen, da hat es für Gott keinen Platz. Wenn wir alles im Griff haben wollen, können wir uns nicht beschenken lassen. Wenn wir uns nicht berühren lassen, verlernen wir das Staunen. Und das ist wohl eines der grössten Geschenke, die Kinder uns immer wieder machen: Sie lehren uns das Staunen. Sie helfen uns, die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Aber sie konfrontieren uns auch mit ihrer Bedürftigkeit und mit den Grenzen unseres Machens und Planens. Und genau das ist heilsam für uns.

Naaman ist geheilt. Und doch bleibt noch etwas. Denn der grosse Feldherr will dem Propheten wenigstens den grossen Dienst angemessen entgelten. Doch Elisa nimmt das Geschenk nicht an. Für Naaman ist es wichtig, dass er lernt, sich beschenken zu lassen, etwas schuldig zu bleiben. Auch das ist Teil seiner Heilung, der Befreiung von seinem Panzer der Macht und des Reichtums. Lass es dir gefallen, sagt Elisa ihm. Und endlich begreift er es. Er hat noch eine allerletzte Bitte: Sein Amt zwingt Naaman, zuhause auch den Gott Rimmon anzubeten und Elisa erlaubt ihm diesen Kompromiss. Diese Toleranz beeindruckt mich. Natürlich gibt es auch faule Kompromisse, aber ebenso eine bedrohliche fanatische Kompromisslosigkeit. „Zieh hin mit Frieden!“ verabschiedet Elisa den Naaman. Er vertraut darauf, dass er nicht vergessen wird, welcher Gott ihm geholfen hat. Auch wenn er in seinem Alltag mit Kompromissen leben wird, auch wenn er wieder Macht und Reichtum gebrauchen wird – sein Panzer ist aufgebrochen, er lässt sich berühren, seine Seele kann atmen. Das bleibt. Das ist ein Segen.

 

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Gedenken

27. Januar 2012 3 Kommentare

Die Rede von Marcel Reich-Ranicki im Deutschen Bundestag zum Holocaustgedenktag ist ein eindrückliches Dokument. Da erzählt er einfach die Geschichte eines Tages im Jahr 1942, des 22. Juli. Es ist der Beginn der Deportation der Juden aus dem Warschauer Ghetto. Und indem er seine Geschichte einfach erzählt – ohne Gedenkpathos, ohne Apelle, ohne moralischen Zeigefinger – leistet er mehr für das Gedenken als viele kluge Abhandlungen.

Geschichte bleibt abstrakt, wenn sie uns nicht in den vielen Geschichten von Menschen erreicht, die diese Geschichte erlebt und erlitten haben und uns ihre Geschichte erzählen. Dafür gebührt Marcel Reich-Ranicki Dank, weil sich mit Geschichten wie dieser jegliche Schlussstrichdebatte erledigt.

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Der mutlose Rebell

Wissenschaftliche Bücher zu schreiben ist eine ziemlich mühsame Angelegenheit – und am Ende liest sie kaum jemand. Warum es nicht einmal anders versuchen, dachte sich wohl der junge Theologe Sebastian Moll und schrieb ein Büchlein unter dem Titel „Jesus war kein Vegetarier“. Zwar hat das Gegenteil im Ernst niemand behauptet, aber die Rechnung ist aufgegangen. Moll polemisierte gegen eine vermeintlich politische Korrektheit der evangelischen Theologie und erzielte damit sicher mehr Echo als mit seiner Promotion über Marcion. „Christ und Welt“ publizierte ein Interview mit ihm und machte eine Debatte daraus – mit einer Entgegnung von Johann Hinrich Claussen und einem offenen Briefwechsel mit Petra Bahr.

Offenbar war C&W so beeindruckt von diesem rebellischen Geist, dass man in dieser Woche eine Kolumne von Moll publizierte. Darin wettert er erneut gegen die political correctness, die eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme für saturierte Wohlstandsbürger sei „gemäss dem schönen Motto: Wer keine Probleme hat, macht sich welche.“ Und wieder ist es die gleiche Masche: erst zieht er mit Sarkasmus gegen eine vermeintliche political correctness vom Leder, um dann gleich wieder zu relativieren, dass es ja nicht grundsätzlich falsch sei auf seine Wortwahl zu achten. Wer so mutlos sich gleich wieder in Deckung bringt, sollte vorher nicht so vollmundig reden. Denn gegen eine überzogene political correctness sind wir schliesslich alle.

Ich finde diese Strategie einfach nur ärgerlich – weshalb ich ausnahmsweise einmal meinem Ärger Luft mache und hier etwas polemischere Töne angeschlagen habe.

 

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Mystik – Sehnsucht nach dem Absoluten

8. Januar 2012 2 Kommentare

Heute war eine Gruppe aus unserer Kirchgemeinde bei der Mystik-Ausstellung im Museum Rietberg in Zürich.

Als kleine Kostprobe aus dem Ausstellungskatalog zwei Passagen aus dem Beitrag von Hildegard Elisabeth Keller über Meister Eckhart:

Menschen sollen nicht daran denken, was sie tun, sondern bedenken, was sie sind. Im Handeln (im Sinne des selbstbestimmten Verfolgens von Zielen) liege kein Heil, sondern allein im Sein (im Sinne der Willenseinheit mit dem Ursprung, mit der Gottheit: man sol heilichkeit setzen ûf ein sîn. Deshalb schüttelt der Meister immer wieder den Kopf über Menschen, die ihn bitten: „Bittet für mich!“ Es ist, als ob er ihnen antworten wolle: „Was erwartest du von mir? Und was von Gott? Nimmst du ihn in einer solcherart begrenzten Weise, als wäre er ein Geschäftspartner, ist es so, „als ob du Gott nämest, wändest ihm einen Mantel um und schöbest ihn unter eine Bank“. Oder an anderer Stelle: Schaust Du Gott wie eine Kuh an? Liebst du ihn wie eine Kuh? „Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens. So halten’s alle jene Leute, die Gott um äusseren Reichtums oder inneren Trostes willen lieben; die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren Eigennutz.“ (S.76)

Und in Predigt 38 heisst es: „Wenn man mich fragte: Warum beten wir, warum fasten wir, warum tun wir alle unsere Werke, warum sind wir getauft, warum ist Gott Mensch geworden, was das Höchste war? – Ich würde sagen: darum, dass Gott in der Seele geboren werde un d die Seele (wiederum) in Gott geboren werde. Darum ist die ganze Schrift geschrieben, darum hat Gott die Welt und alle Engelsnatur geschaffen: auf dass Gott in der Seele geboren werde und die Seele (wiederum) in Gott geboren werde. (…) Alle zeit muss dort weg sein, wo diese Geburt anhebt, denn nichts gibt es, was diese Geburt mehr hindert als Zeit und Kreatur.“ (S.77)

Die Ausstellung zeigt mystische Traditionen im Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus und Daoismus. Sie zeigt sowohl das Verbindende der mystischen Traditionen dieser religiösen Traditionen, aber auch deren Unterschiedlichkeit. Vor allem aber zeigt sie, wie sehr Mystik als individuelle Erfahrung ein Stück weit frei macht von institutionellen Einengungen und dogmatischen Fesseln. Zugleich aber sind alle grossen Mystikerinnen und Mystiker in ihrer je eigenen religiösen Tradition tief verwurzelt. Die denkerische Tiefe und der hohe Preis, den viele dieser Mystikerinnen und Mystiker für ihre Erfahrungen bezahlt haben, lässt erahnen, dass es sich in vielen heutigen esoterischen Lehren lediglich um Schrumpfformen des breiten Stroms der Mystik handelt.

Gedanken zur Jahreslosung 2012

1. Januar 2012 5 Kommentare

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ So heisst die Jahreslosung für 2012. Sie steht im 2. Korintherbrief. Allerdings gilt es, genau hinzuhören, damit diese Jahreslosung mehr ist als ein frommer Spruch. Dabei kann uns die (sprachlich korrektere) Übersetzung der neuen Zürcher Bibel helfen: „Du hast genug an meiner Gnade, denn die Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit.“

Ich betone gerne, dass es hier nicht darum geht, Schwachheit schönzureden oder zu glorifizieren. Es ist kein Loblied der Schwachheit. Aber es ist ein Gegengewicht gegen die Glorifizierung von Stärke und Macht. Und es ist eine Hilfe und ein Trost für alle, die die Erfahrung machen, dass auch Schwäche und Bedürftigkeit, das Ankommen an Grenzen zu unserem Leben gehört.

Mag sein – und das wünsche ich allen von Herzen -, dass wir unser Leben recht gut im Griff haben und uns vieles gelingt. Mag sein, dass sich für uns persönlich oder beruflich 2012 neue Türen und Wege auftun. Wir wissen es nicht und vor allem – wir sollten es nicht zum alleinigen Massstab unseres Lebens machen. Die Botschaft unserer Jahreslosung heisst für mich: Pack an, was du kannst. Freu dich daran, wenn dir Dinge gelingen, du etwas bewegen kannst. Aber lass dich nicht erschrecken, wenn du scheiterst oder wenn dir Dinge begegnen, bei denen du dich ohnmächtig und hilflos fühlst. Gerade dann bin ich, dein Gott ganz nahe bei dir. Du hast genug an meiner Gnade, denn die Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit. Vertrau darauf – und nicht allein auf die Stärke, die Leistungen und Erfolge. Wer schwach sein und Niederlagen einstecken kann, wer sich die Hilfe anderer, die Hilfe Gottes und seiner Mitmenschen gefallen lassen kann, ist in Wirklichkeit stark und lebenstauglich. Der bleibt auch achtsam für die Schwäche und Bedürftigkeit anderer und kann für sie da sein, ohne Dankbarkeit zu verlangen oder sich besser zu fühlen als sie.

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