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Verantwortung und Freiheit

11. März 2012 1 Kommentar

In der neuen Ausgabe der ZEIT findet sich ein interessantes Interview mit dem FDP-Bundestagsabgeordneten und württembergischen Pfarrer Pascal Kober. Es wäre wohl ein leichtes, Pascal Kober zu kritisieren. Die Tendenz zur Privatisierung sozialer Gerechtigkeit, manche geradezu rührend naive Vorstellung (wie die private Anstellung eines Arbeitslosen als Betreuer von ein paar Hühnern), die zumindest bestreitbare Darstellung des Calvinismus, etc.

Trotzdem finde ich gerade dieses Interview ein aufschlussreiches Lehrstück für den Umgang mit fremden politischen Positionen. Denn es gibt eine Alternative zum Zerpflücken und zur ätzenden Kritik: den Respekt vor der entwaffnenden Offenheit des Interviewten (der damit aber im Politikbetrieb einen schweren Stand haben dürfte) und – was mir noch wichtiger ist – die Suche nach dem, was dem Interviewten Herzensanliegen und innerster Antrieb ist. Mit dieser Haltung können wir dann durchaus erkennen, dass Kober Nächstenliebe nicht nur proklamiert, sondern sie ihm spürbar ein Herzensanliegen ist und dass er sie übersetzt in den Zusammenhang von Verantwortung und Freiheit.

Viele der Positionen von Pascal Kober sehe ich kritisch, aber was ich mir wünsche und was mir durch dieses Interview erneut bewusst geworden ist, das ist die Einsicht, dass wir nur dann gemeinsam weiterkommen, wenn wir nicht nur die Schwachstellen in anderen Positionen suchen und Debattensieger werden wollen, sondern den anderen in seinen Herzensanliegen wahrnehmen und ernstnehmen. Dann kann Respekt in der Differenz entstehen und vielleicht sogar die Erkenntnis, dass der andere mir helfen kann, einen unterbelichteten Aspekt in meinem Denken weiter zu entwickeln. Was ich nicht wohlwollend und wertschätzend verstanden habe, dass kann ich auch nicht sachgemäss kritisieren. Damit plädiere ich nicht für einen Kuschelkurs nach dem Motto „irgendwie haben wir ja alle Recht“, aber für einen Stile der Auseinandersetzung , bei dem die Wahrnehmung vor der Kritik kommt und die Kritik das Anliegen des Gegenübers nicht entwertet und vernichtet.

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