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Unser Vater

7. September 2010 1 Kommentar

Das Unser Vater – oder Vaterunser, wie es in der lutherischen und katholischen Tradition heisst – ist das wichtigste und bekannteste Gebet der Christenheit. Es geht vermutlich auf Jesus selbst zurück. Während es für viele mit dem Gefühl kirchlicher Heimat verbunden ist und Ausdruck ihres Glaubens, ist es manchen auch durch jahrhundertelangen kirchlichen Gebrauch suspekt geworden. Worte, die mehr aus Gewohnheit gesprochen werden, die sich abgenutzt haben, die vielleicht auch in manchem Widerspruch erregen. Ist die Vateranrede nicht Ausdruck eines patriarchalen Gottesbildes, dem wir heute zu Recht mit Zurückhaltung begegnen? Haben wir nicht mit Reichen unsere schlechten Erfahrungen gemacht? Sind uns nicht Worte wie „erlöse uns von dem Bösen“ eher fremd geworden und das tägliche Brot für uns Mitteleuropäer eine Selbstverständlichkeit (was ja auch hier längst nicht für alle gilt!)?

Die Sehnsucht nach etwas Ursprünglicherem, Tieferem hat mit dazu geführt, dass das sog. aramäische Vaterunser eine beträchtliche Popularität erlangt hat. Aramäisch ist die Sprache Jesu. So erweckt das aramäische Vaterunser für manche den Eindruck des Originalen, Jesuanischen. Aber natürlich ist es nichts anderes als die Rückübersetzung des griechischen Vaterunsers für den Gebrauch durch die aramäisch sprechenden Christen. Mag sein, dass der Klang eines aramäisch gesungenen Unser Vater uns innerlich berühren kann. Ein Beispiel ist das folgende Video http://www.youtube.com/watch?v=MAEIrp4MFBE, das auf You Tube fast 400’000 Mal abgerufen wurde.

Da in unseren Breitengraden kaum jemand Aramäisch beherrscht, gelangten dazu „Übersetzungen“ in Umlauf – die bekanntesten stammen von Neil Douglas Klotz und von Joachim Ernst Berendt – die den Eindruck erwecken, das Unser Vater sei ursprünglich näher an esoterischen Lehren gewesen als an kirchlichen Lehrbildungen oder sei fast schon buddhistischen Texten verwandt. Allerdings sind diese Fassungen sehr freie Übertragungen und keinesfalls wörtliche Übersetzungen. Zwar bin auch ich des Aramäischen nicht mächtig, aber mit Hebräischkenntnissen und einem kurzen Blick ins aramäische Wörterbuch lässt sich leicht feststellen, dass der in unseren Kirchen gebräuchliche Text des Unser Vater wesentlich näher am aramäischen Text ist als diese freien Übertragungen. Und näher am ursprünglichen Gebet Jesu ist das aramäische Unser Vater auch nicht.

Fehlt uns also etwas, weil wir das Original nicht haben? Ich denke nicht, denn dieses Gebet gewinnt seine Bedeutung durch seine Kürze und Tiefe – in welcher Sprache auch immer. Aber es gewinnt diese Bedeutung nur, wenn wir es uns aneignen.

Was ich damit sagen will? Das Unser Vater, so wie wir es kennen, lenkt unseren Blick in aller Kürze und Tiefe auf das (oder den oder die …), was höher ist als alle Vernunft und es lenkt im zweiten Teil unseren Blick auf uns selbst, unsere Mitmenschen, unsere soziale Verantwortung. Mehr Nähe zu Jesus braucht es gar nicht. Aber manchmal ist uns der Blick dafür verstellt, weil uns dieses Gebet zu vertraut ist, weil wir schon erlebt haben, dass es einfach heruntergeleiert wurde oder weil wir vielleicht den Institutionen gegenüber skeptisch sind, zu deren Liturgie dieses Gebet gehört.

Allerdings kann uns die Popularität des aramäischen Unser Vater bei Menschen, die spirituell offen sind, aber keinen Zugang zum kirchlichen Christentum finden, darauf hinweisen, dass wir in unseren Kirchen dieses Suchen ernst nehmen müssen. Es geht nicht darum, kirchliche Lehren und Texte zu verteidigen, sondern danach zu fragen, wo sie unsere Existenz in ihrer Tiefe brühren, zum Leben ermutigen und helfen, mit dem Fragmentarischen und der Verletzlichkeit unseres Lebens zurecht zu kommen. Deshalb wünsche ich mir einen offenen Dialog mit anderen Religionen und den spirituell Suchenden aller Denk- und Glaubensrichtungen. Denn die christliche Tradition verfügt über reiche sprituelle Schätze. Diese zu heben kann aber nicht gelingen, in dem wir andere spirituelle Einsichten bekämpfen, sondern indem wir sie mit ihren Fragen und Antworten wahrnehmen. Es braucht aber auch die intellektuelle Redlichkeit und den kritischen Blick für das, was fragwürdig und irreführend ist. Das gilt für manches, was dem aramäischen Unser Vater unterlegt wird, aber nicht für die Fragen und Sehnsüchte, dei sich damit verbinden.

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