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Archive for the ‘Glaube’ Category

Gedanken zur Jahreslosung 2013

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Dieser kurze Vers aus dem Hebräerbrief ist die Jahreslosung für das Jahr 2013.

Die Jahreslosung beginnt mit einer Negation: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Unser Glaube ist verbunden mit einer existentiellen Heimatlosigkeit in dieser Welt. Etwas zugespitzt gesagt: Die Klage über den Verlust von Heimat, über die verlorenen früheren Zeiten, das Jammern, dass früher alles – oder doch vieles – besser war, ist dem christlichen Glauben zutiefst fremd. Und ich spitze diese Feststellung gerne noch einmal zu: Der christliche Glaube ist im Verständnis des Hebräerbriefs in seinem Wesen zukunftsorientiert, progressiv und weit weg von einem konservativen Bewahren des Vergangenen oder des Bestehenden. Christlicher Glaube bejaht und begrüsst den Wandel und klammert sich nicht an das Bestehende.

Aber diese existentielle Heimatlosigkeit ist verbunden mit einer existentiellen Gewissheit. Ich möchte sie beschreiben mit den wunderbaren Worten aus dem Römerbrief: „Denn ich bin mir gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf vermag uns zu scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,38f). Diese existentielle Gewissheit trägt uns im Wandel unserer Zeiten. Sie gibt uns die Kraft, Vergangenes loszulassen, uns einzulassen auf das Neue und es mitzugestalten, im Wissen darum, dass auch das Neue immer nur vorläufige Antwort und Durchgangsstation sein kann.

Als Suchende sind wir unterwegs – nicht als die, die schon gefunden haben. Aber als Suchende sind wir getragen von einer Verheissung, von dem Versprechen Gottes, dass bei ihm nichts und niemand verloren ist und in der zukünftigen Stadt alles Leid und alle Tränen abgewischt sein werden und sogar der Tod nicht mehr sein wird. Wir haben das Versprechen, dass all die Bruchstücke unseres Lebens, die für uns vielleicht noch keinen Sinn ergeben, von Gott heil und ganz gemacht werden.

Suchende sind wir. „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Aber als Suchende trägt eine existentielle Gewissheit. Daraus dürfen wir Kraft und Zuversicht schöpfen – auch in diesem neuen Jahr.

Meine vollständige Predigt zur Jahreslosung ist hier zu lesen.

Den inneren Menschen erneuern

Im 2. Korintherbrief, Kapitel 4, Vers 16 schreibt Paulus: „Darum verzagen wir nicht: Wenn auch unser äusserer Mensch verbraucht wird, so wird doch unser innerer Mensch von Tag zu Tag erneuert.“ Es ist der Eingangsvers des heutigen Predigttextes. Inmitten all der Erfahrungen, die uns oft müde und verzagt machen, lenkt Paulus unseren Blick auf das Unsichtbare, auf den Lebensgrund, die Quelle aus der wir trinken. Wir brauchen für unser Leben einen inneren Kompass, eine heitere Gelassenheit, damit wir nicht müde und verzagt werden.

Solch heitere Gelassenheit kann wachsen aus dem Vertrauen, dass unser Leben in Gottes Hand steht. Sie kann ein innerer Kompass für unser Leben sein. Und weil wir nicht alles von diesem Leben erwarten müssen und weil auch nicht alles auf uns ankommt, können wir hier und jetzt das uns Mögliche tun und uns immer wieder neu auf das Wesentliche konzentrieren. Das müssen keine grossen Dinge sein.

Am Ende der Predigt habe ich den wunderbaren Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch zitiert. Vor Jahren beendete er – wohlgemerkt auf der Kleinkunstbühne und nicht auf der Kanzel – seine Auftritte mit einer kurzen Zugabe als Schlusspunkt:

Ich sah einen Mann

mit seiner Frau

Beide schon älter

Die Frau war blind

Der Mann konnte sehen

Er fütterte sie

Das ist alles

Gute Nacht.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

Gedanken zur Jahreslosung 2012

1. Januar 2012 5 Kommentare

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ So heisst die Jahreslosung für 2012. Sie steht im 2. Korintherbrief. Allerdings gilt es, genau hinzuhören, damit diese Jahreslosung mehr ist als ein frommer Spruch. Dabei kann uns die (sprachlich korrektere) Übersetzung der neuen Zürcher Bibel helfen: „Du hast genug an meiner Gnade, denn die Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit.“

Ich betone gerne, dass es hier nicht darum geht, Schwachheit schönzureden oder zu glorifizieren. Es ist kein Loblied der Schwachheit. Aber es ist ein Gegengewicht gegen die Glorifizierung von Stärke und Macht. Und es ist eine Hilfe und ein Trost für alle, die die Erfahrung machen, dass auch Schwäche und Bedürftigkeit, das Ankommen an Grenzen zu unserem Leben gehört.

Mag sein – und das wünsche ich allen von Herzen -, dass wir unser Leben recht gut im Griff haben und uns vieles gelingt. Mag sein, dass sich für uns persönlich oder beruflich 2012 neue Türen und Wege auftun. Wir wissen es nicht und vor allem – wir sollten es nicht zum alleinigen Massstab unseres Lebens machen. Die Botschaft unserer Jahreslosung heisst für mich: Pack an, was du kannst. Freu dich daran, wenn dir Dinge gelingen, du etwas bewegen kannst. Aber lass dich nicht erschrecken, wenn du scheiterst oder wenn dir Dinge begegnen, bei denen du dich ohnmächtig und hilflos fühlst. Gerade dann bin ich, dein Gott ganz nahe bei dir. Du hast genug an meiner Gnade, denn die Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit. Vertrau darauf – und nicht allein auf die Stärke, die Leistungen und Erfolge. Wer schwach sein und Niederlagen einstecken kann, wer sich die Hilfe anderer, die Hilfe Gottes und seiner Mitmenschen gefallen lassen kann, ist in Wirklichkeit stark und lebenstauglich. Der bleibt auch achtsam für die Schwäche und Bedürftigkeit anderer und kann für sie da sein, ohne Dankbarkeit zu verlangen oder sich besser zu fühlen als sie.

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Immanuel

An Heiligabend predige ich in diesem Jahr über die Weihnachtsgeschichte aus dem Matthäusevangelium. Der Evangelist Matthäus erinnert sich in seiner Weihnachtsgeschichte an die alten Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja: „Siehe, eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.“

Eigentlich ist die Botschaft von Weihnachten ganz einfach: Gott nimmt unsere Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit an. Und darum dürfen wir uns selbst annehmen, verletzlich und bedürftig wie wir sind. Gott findet keine Herberge in den Palästen unserer Grossartigkeit, aber er zieht ein in die Einfachheit unserer Herzen. Wer sein Herz öffnet, bei dem wird er Wohnung finden. Gott gibt jedem einzelnen Menschen eine unverletzliche und unverlierbare Würde. Auf diese Würde dürfen wir uns berufen und wir sollen sie achten bei allen Menschen und uns für die Würde jedes einzelnen einsetzen. Frieden kann werden, wenn wir uns von dieser Botschaft berühren lassen. Es braucht dann natürlich immer noch politische Klugheit im Grossen und alltägliches Bemühen und Arbeit im Kleinen, damit Frieden gelingen kann. Aber wo Menschen zulassen können, dass sie selbst bedürftig und verletzlich sind und dies auch anderen zugestehen, ja sich von ihrer Verletzlichkeit und Bedürftigkeit berühren lassen, da kann Frieden beginnen, da ist Gott mit uns und es kann Weihnachten werden.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

 

Kategorien:Evangelium, Glaube, Predigt, Weihnachten Schlagwörter: , ,

Ja und Amen

Im Text aus dem 2. Kor 1,18-24, über den ich heute predige, geht es um Verlässlichkeit – um die Verlässlichkeit Gottes und um die Verlässlichkeit des Apostels Paulus. Der lässt nämlich die Gemeinde in Korinth auf einen versprochenen Besuch warten und nun muss er sich erklären, um die aufkeimenden Zweifel auszuräumen. Dieser Text ist für mich auch ein Lehrstück dafür, dass Verlässlichkeit nicht bedeutet, stets und um jeden Preis an seinen Plänen, seinen Urteilen und Ansichten festzuhalten, sondern achtsam und der Liebe auf der Spur zu bleiben und dann das zu tun, was die Situation erfordert.

Wenn wir an Weihnachten die Geburt des Kindes in der Krippe feiern, dann feiern wir das Ja Gottes zu seinen Verheissungen. Wir feiern das Ja Gottes zu uns Menschen, das uneingeschränkt gilt. Gott unterläuft unsere Gewohnheiten, alles in Schwarz und Weiss, Gut und Böse einzuteilen, zu dem einen Ja und dem anderen Nein zu sagen. Bei Gott steht an erster Stelle und uneingeschränkt das Ja, das Ja der Liebe zu seiner Schöpfung, das Ja der Liebe zu uns Menschen. Und wo Gott Nein sagt, da sagt er nicht Nein zum Menschen, sondern Nein zu einem bestimmten Tun, zu einer verfehlten Einstellung, zu einem Irrweg. Wo Gott Nein sagt, da ist dieses Nein von Liebe bestimmt und getragen von seinem Ja zu allen Menschen. Gott steht zu seinen Versprechen. Er ist treu gegenüber uns Menschen. Das ist die Grundbotschaft der Bibel. Diese Zusage klingt uns aus dem Munde des Engels entgegen, der uns zuruft: „Fürchtet euch nicht. Siehe ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren.“

„Denn auf alle Gottesverheissungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.“- so heisst es in dem Text. Gottes Ja ist das erste Wort. Aber dieses Ja lädt uns ein zur Antwort. Im Vertrauen auf Jesus Christus sollen wir „Amen“ sagen. „So sei es“ heisst diese alte Gebetsformel übersetzt. Wir sollen nicht zu allem Ja und Amen sagen, sondern Amen zu dem Ja Gottes, das uns die Botschaft der Bibel verkündet, das uns in dem Kind in der Krippe begegnet. Dieses Amen sprechen wir, wenn wir an Gott festhalten – auch dann, wenn unser Weg durchs Dunkel führt, wenn die Zweifel kommen und die bedrängenden Fragen. Amen sagen wir, wenn wir warten können in Geduld, Raum schaffen und Raum gewähren, Zeit lassen für Versöhnung und Frieden. Und Amen sagen wir, wenn wir Ja sagen zu den Menschen, wenn wir versuchen, der Liebe Gottes zu allen Menschen zu entsprechen, indem wir nicht verurteilen, nicht abschreiben, nicht zerstören. Auch da, wo wir glauben, dass wir einem Menschen gegenüber Nein sagen müssen, sollten wir immer mit der Möglichkeit rechnen, dass wir im Irrtum sein könnten. Und vor allem darf dieses Nein immer nur der Position des anderen, seinem konkreten Verhalten gelten und niemals dem ganzen Menschen. Auch im Nein muss das Ja zum Menschen, das Ja der Liebe erhalten bleiben. Selbst da wo Menschen sich trennen, weil sie keinen gemeinsamen Weg mehr finden können, sollen sie sich darum bemühen, den anderen nicht als Menschen zu verurteilen oder gar zu verachten. So können wir Amen sagen zu dem Ja Gottes – in aller Vorläufigkeit und Zerbrechlichkeit, die uns Menschen in dieser Welt eigen ist.

Die vollständige Predigt ist hier zu lesen.

Rechtfertigung in Harvard

12. November 2011 3 Kommentare

Meinem Kollegen Wolfgang Vögele verdanke ich den Hinweis auf eine spannende Rede des Schriftstellers Martin Walser. Gerne verweise ich auf seinen Blogeintrag unter dem Titel Rechtfertigung in Harvard.

Martin Walser reflektiert in seiner Rede das theologische Zentralthema der lutherischen und reformierten Kirchen – die Rechtfertigung – und er tut es als Schriftsteller, der auf anregende Weise literarische und theologische Traditionen in einen Dialog bringt.

Das ist anregend und intelligent – auch wenn man, wie ich, in vielerlei Hinsicht einen kritischen Blick auf Martin Walser werfen mag.

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Unser Lebenshaus bauen II

28. August 2011 2 Kommentare

Am Ende der Bergpredigt Jesu im Matthäusevangelium Kap. 7 heisst es: „Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Mann gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat.“ Unser Leben als ein Haus, das auf Felsen gebaut ist und in allen Stürmen Bestand hat – dieses Bild spricht eine tiefe Sehnsucht in uns an. Je stärker unser Leben von Erfahrungen des Wandels und der Instabilität geprägt ist, desto mehr sehnen sich viele Menschen nach Stabilität, Halt und Sicherheit. Gerade darin liegt aber auch das Gefährliche dieses Bildes. Es könnte die falsche Illusion wecken, es gäbe eine Möglichkeit, den Wandel und die Instabilität einfach aufzuhalten. Und dann bauen wir unser Lebenshaus statt auf felsigem Grund auf falschen Sicherheiten.

Wir können den Grund unseres Lebenshauses nicht selber legen. Den felsigen Grund unseres Lebenshauses finden wir vor. Es ist nichts, was wir selber machen können, aber es ist auch keine Lehre oder Ideologie, in die wir uns bedingungs- und gedankenlos einfügen sollen. Ich sage das so betont, weil auch heute noch viele Menschen den christlichen Glaubensgrund mit einer feststehenden Lehre, mit einer Art Ideologie verwechseln.

Der Glaubensgrund, von dem Jesus redet, ist mehr ein Weg, der zu gehen ist, als ein Standpunkt, den wir einnehmen können. Jesus sagt: „Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Mann gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat.“ Es geht ums Hören und Tun – nicht ums Jasagen. Und das, was zu hören und zu tun ist, das sind die Worte der Bergpredigt. Es geht um die Frage: in welchem Geist, in welcher Grundhaltung können wir eigentlich gut und sinnvoll leben. Und da hat die Bergpredigt in der Tat einiges zu bieten: Sie nennt die Menschen glücklich, die wir nicht unbedingt als erstes so bezeichnen würden – die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen, die Barmherzigen, die Friedensstifter. Sie fordert auf zum radikalen Verzicht auf Gewalt und Vergeltung. Sie lädt uns ein zum vertrauensvollen Beten zu einem Gott, der sich Vater nennen lässt. Sie führt plastisch vor Augen, dass der, der sein Leben auf seinen Besitz, sein Planen und Sorgen gründet, davon abhängig wird und sich sogar zum Sklaven machen kann. Sie lädt ein zur Grosszügigkeit und Barmherzigkeit gegenüber allen Menschen und fasst all dies zusammen in der goldenen Regel: „Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um.“ Das alles mag sich nicht nach einem stabilen Felsen anhören und doch gibt es unserem Leben mehr Stabilität und Grund als so vieles, von dem wir uns gewöhnlich Halt und Sicherheit versprechen.

Was wir brauchen ist ein Grundvertrauen in das Leben, das nicht von uns selbst abhängig ist. Dafür steht in unserem Glauben Gott ein, Gott, der Liebe ist und unser aller Leben hält und trägt. Was wir brauchen ist eine Ehrfurcht vor allem Lebendigen und eine Liebe zum Leben, die sich in Barmherzigkeit und Grosszügigkeit uns selbst und andern gegenüber zeigt. Haben wir nicht schon zu oft erfahren, dass die sogenannten harten Fakten das Leben eben eher hart als stabil und verlässlich machen? Könnte es nicht sein, dass es letztlich wirklich die weichen Dinge sind, die unser Leben kostbar machen und uns Halt und Sicherheit geben, die Achtsamkeit, die Fürsorge, die Liebe und vor allem das Vertrauen, das Vertrauen in den göttlichen Grund des Lebens und das Vertrauen ineinander?

Die vollständige Predigt ist zu lesen unter http://predigtkiste.blogspot.com/2011/08/predigt-zu-matth-724-27-am-28-august.html.

Unser Lebenshaus bauen

17. August 2011 2 Kommentare

Wer sein Leben auf das Vertrauen gründet,

dass in allem Gottes gute Hand ihn leitet,

der wird erschüttert werden,

aber nicht fallen.

 

Wer sein Leben auf die Hoffnung gründet,

dass auf das Dunkel der Nacht ein neuer Morgen folgt,

der wird Grund zum Klagen haben,

aber er wird nicht aufgeben.

 

Wer sein  Leben auf die Liebe gründet,

die niemanden aufgibt,

der wird Enttäuschungen erleben,

aber er wird reich beschenkt werden.

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Der höchste Himmel kann dich nicht fassen

3. Juni 2011 1 Kommentar

„Wo wohnt denn der liebe Gott?“ – das ist eine dieser Kinderfragen, die so naiv klingen und doch tiefgründiger sind als wir auf den ersten Blick meinen. „Der liebe Gott wohnt im Himmel“, sagen wir den Kindern dann oft. Manchmal antworten wir vielleicht: „Der liebe Gott wohnt überall.“  Eine andere Antwort lautet: „Gott wohnt in den Herzen der Menschen. Er ist die Kraft zum Guten, die Liebe, die uns erfüllt, das Vertrauen, das wir in uns spüren.“  In den Schriftreligionen sagt man auch: „Gott wohnt im Wort der Heiligen Schrift.“

Und wie sieht es mit der Antwort „Gott wohnt in der Kirche“ aus. Immerhin heisst die Kirche ja auch das Haus Gottes. Trotzdem ruft gerade diese Antwort besonders viel Widerspruch hervor – auch und vor allem bei Menschen, die spirituell auf der Suche sind. „Glaube ja, Kirche nein“ heisst oft der Leitspruch. Man kann doch schliesslich auch ein guter Mensch sein, ohne in die Kirche zu gehen und umgekehrt macht der Kirchgang niemand automatisch zu einem besseren Menschen. Mancher fühlt sich auf einem Berggipfel dem lieben Gott tatsächlich näher als in einer Kirche. Ich habe nicht das geringste Interesse, all dies zu bestreiten oder auch nur zu relativieren. Ich möchte nicht einmal andere davon überzeugen, dass sie eben die Kirche doch noch brauchen, um die richtigen Gotteserfahrungen zu machen. Zu lange wurde der Eindruck erweckt, ausserhalb der Kirche gebe es kein Heil.

Der Predigttext für Christi Himmelfahrt ist ein Gebet, einige wenige Verse aus dem Tempelweihegebet des israelitischen Königs Salomos. Darin fällt ein Satz besonders auf: „Aber sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Sieh, der Himmel, der höchste Himmel kann dich nicht fassen, wieviel weniger dann dieses Haus, das ich gebaut habe!“ Dass Gott grösser ist als unsere religiösen Bauwerke, als unsere religiösen Lehren, als unsere Glaubensgemeinschaften, diese Einsicht ist unserem Glauben von Grund auf eingeschrieben. Diese Einsicht gilt aber auch für die Gegenwart Gottes in der Schönheit der Natur oder in unseren Herzen. Ich denke, dass die Antworten auf die Kinderfrage „Wo wohnt denn der liebe Gott“ alle ihr Recht und ihre Grenze haben. Keine macht die andere überflüssig oder falsch, aber auch keine kann die Fülle Gottes einfangen.

 Wenn ich mich mit offenen Augen in der Natur bewege, kann ich tatsächlich die Gegenwart Gottes erahnen und kein Gottesdienst, keine Predigt kann mir diese Erfahrung ersetzen. Aber die Naturerfahrung ersetzt mir auch nicht das gemeinsame feiern, singen und beten im Gottesdienst, das Hören auf Gottes Wort, das Gespräch mit anderen und die Zuwendung von anderen, die ich erfahre. Das Gute, das wir im Alltag erfahren und tun, kann durch die klügsten und berührendsten Gottesdienste und Kirchenräume nicht aufgewogen werden. Aber ich brauche auch die Orte und Momente, wo ich zur Ruhe kommen und loslassen kann. Gott braucht keine monumentalen Kirchen, ja überhaupt kein Gebäude. Trotzdem werde ich, wenn ich Stille suche und Besinnung, eher in eine schöne Kirche sitzen als in eine Turnhalle.

„Aber sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Sieh, der Himmel, der höchste Himmel kann dich nicht fassen, wieviel weniger dann dieses Haus, das ich gebaut habe!“ Mit diesen Worten ist all unseren Gotteserfahrungen eine heilsame Grenze gesetzt. Sie können die Fülle Gottes nicht fassen. Und doch sind es wertvolle und kostbare Gotteserfahrungen, sei es in der Natur, in einer Kirche oder in tätiger Nächstenliebe.

 Der Abschnitt aus der Apostelgeschichte, den wir in der Schriftlesung gehört haben, ist ja die biblische Grundlage dafür, dass wir einen Auffahrtstag begehen und heute Gottesdienst feiern. Jesus wird den Blicken der Jünger entzogen. Er ist aufgefahren in den Himmel, wie es im apostolischen Glaubensbekenntnis heisst. In Treue zu dem, was sie mit Jesus erlebt und von ihm gelernt haben, stehen sie nun selber in der Verantwortung. Sie sind zurück gelassen und doch nicht verlassen. Denn auch hier gilt: der höchste  Himmel kann dich nicht fassen. Jesus ist nicht mehr bei ihnen und doch mitten unter ihnen – da wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, weil er versprochen hat, alle Tage bei ihnen zu sein bis an der Welt Ende und weil er ihnen verheissen hat, dass sie die Kraft des heiligen Geistes empfangen werden. Selber verantwortlich für unser Leben, für diese Welt und doch nicht allein – diese Umschreibung trifft auch unsere Situation gut. Der, den der höchste Himmel nicht fassen kann, wie sollte der sich fassen lassen in unseren Religionen, Glaubenslehren oder Kirchengebäuden? Und wie sollte er uns nicht nahe sein in seiner überfliessenden Liebe und seiner Treue, auch wenn wir ihn nicht fassen können?

 Im Tempelweihegebet des Salomo folgt auf die Einsicht in die Unfassbarkeit Gottes die Bitte: „Wende dich dem Gebet deines Dieners zu und seinem Flehen, HERR, mein Gott, und erhöre das Flehen und das Gebet, das dein Diener heute vor dir betet.“ Und den Jüngern sagt Jesus: „Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein.“ Und als Jesus vor ihren Augen in den Himmel entschwunden war und sie immer noch wie gebannt in den Himmel starren, da weisen sie zwei Engel zurecht. Sie sollen nicht in den Himmel starren, sondern hier auf der Erde ihre Aufgabe erfüllen. Mit Gottes Hilfe.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

Im Zeichen des Regenbogens

29. Mai 2011 3 Kommentare

Heute war bei uns der Konfirmationssonntag. Die Jugendlichen hatten sich das Symbol des Horizonts für ihre Konfirmation ausgesucht. Meine Konfpredigt zu 1. Mose 9,12-17 ist hier zu lesen.

Die Sintflutgeschichte ist ja eigentlich eine ziemlich verrückte und auch grausame Geschichte. Sie spielt mit der Idee, dass Gott genug haben könnte von den Menschen und setzt diese Idee
ins Bild. Sie erzählt von einem Gott, der sagt: Ihr baut soviel Mist. Ich habe genug von euch – und der dann die ganze schöne Schöpfung einfach in den Fluten absaufen lässt. Oder zumindest beinahe. Denn da ist noch dieser Noah, der mitten auf dem Festland eine Arche baut – und dank dieser Arche geht die Geschichte weiter. Die Sintflutgeschichte spielt mit dieser Idee – und zeigt
doch am Ende, dass Gott ganz anders ist. Am Ende sagt Gott: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Und wie zur Bekräftigung heisst es dann: Das ist der Bund, den ich für alle Zeiten mit euch und mit allen lebenden Wesen bei euch schließe. Als Zeichen dafür setze ich meinen Bogen in die Wolken. Er ist der sichtbare Garant für die Zusage, die ich der Erde mache.14 Jedes Mal, wenn ich Regenwolken über der Erde zusammenziehe, soll der Bogen in den Wolken erscheinen,15 und dann will ich an das Versprechen denken, das ich euch und allen lebenden Wesen gegeben habe: Nie wieder soll das Wasser zu einer Flut werden, die alles Leben vernichtet.16 Der Bogen wird in den Wolken stehen, und wenn ich ihn sehe, wird er mich an den ewigen Bund erinnern, den ich mit allen lebenden Wesen auf der Erde geschlossen habe.17 Dieser Bogen«, sagte Gott zu Noach, »ist das Zeichen für den Bund, den ich jetzt mit allen lebenden Wesen auf der Erde schließe.« (1. Mose 9,12-17)

Immer wenn wir einen Regenbogen am Himmel sehen, soll uns das daran erinnern, dass Gott es gut mit uns meint und zu uns steht, was auch immer geschieht. Das ist der Horizont, in dem wir leben.
Ein Gott, der uns liebt und der Ja zu uns sagt und der eben nicht kleinlich unsere Leistungen belohnt und unsere Fehler bestraft. Ein Gott, der uns zeigt, dass wir uns an unseren Leistungen freuen dürfen und dass es toll ist, etwas leisten zu können – ganz unabhängig davon, welchen Lohn das bringt. Ein Gott, der uns aufrichtet und hilft, wenn wir Fehler machen, statt uns Moralpredigten
zu halten und Strafen anzudrohen – selbst wenn wir tatsächlich an unseren Fehlern selber schuld sind. Das Zeichen des Regenbogens ist ein Zeichen der Grosszügigkeit und der Treue, ein Zeichen der Liebe Gottes, die sich durch nichts erschüttern lässt.

Oft reden wir von einem weiten Horizont, wenn jemand viel weiss. Aber viel wichtiger noch finde ich etwas anderes. Es gibt nämlich Menschen, die wissen unheimlich viel, sind hervorragend ausgebildet und haben es ziemlich weit gebracht. Und trotzdem ist ihr Horizont eingeschränkt, weil sie nur sich selber und den eigenen Nutzen und Vorteil sehen. Und das finde ich eigentlich die
tragischste Einschränkung unseres Horizonts. Wenn wir alles danach beurteilen, was es uns bringt oder ob wir es müssen oder was dabei herausspringt, dann sind wir wirklich arm dran. Weil es nämlich zu den beglückendsten Erfahrungen im Leben gehört, wenn ich spüre, dass jemand für mich einfach so da ist und mir hilft, mich unterstützt und wenn ich spüre, dass ich selber jemandem etwas Gutes tun kann. Und ich bin überzeugt, wenn ihr jemandem wirklich eine Freude machen könnt, dann ist es euch völlig egal, ob ihr etwas dafür bekommt oder nicht. Die gute Erfahrung, die Freude des anderen ist der grösste Lohn. Mit das grösste Glück im Leben ist es, anderen etwas zu geben ohne zu fragen, ob sie es auch verdient haben und was ich dafür bekomme und wenn ich etwas Gutes erfahre, ohne dass der andere auf den ersten Blick etwas davon hat.

Und noch ein letztes – und damit kehre ich auch wieder zum Regenbogen zurück. Was wir sehen können, was sichtbar in unserem Horizont liegt, das ist nur die Aussenseite unseres Lebens – und auch
davon nur ein Teil. Wenn es nicht mehr gäbe als das sichtbare und beweisbare wären wir arm dran. Ich zumindest bin überzeugt, dass wir in unserem Leben ein Grundvertrauen brauchen, dass das Leben gut ist und dass, was auch immer auf uns zukommt, ein Ja über unserem Leben steht. Für dieses Ja in unserem Leben steht Gott, steht der Regenbogen in unserem Predigttext. Er steht für die
Zusage Gottes, dass er uns niemals fallen lässt, was auch immer wir tun und was uns auch widerfahren mag. Jeder und jede von uns ist für Gott wichtig, niemanden lässt er im Stich.