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Wer bin ich?

2. Dezember 2010 2 Kommentare

Der evang. Theologe und Widerstandskämpfer im 3. Reich Dietrich Bonhoeffer hat in seinen Gefängnisbriefen, die unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ veröffentlicht wurden, ein eindrückliches Gedicht geschrieben (http://www.klawi.de/bonwer.htm). Es heisst „Wer bin ich?“ und geht den widersprüchlichen Erfahrungen nach, die Bonhoeffer im Gefängnis macht. Er wird von anderen bewundert für seine Gelassenheit, Festigkeit und Stärke und erlebt sich selbst so oft unruhig, innerlich zerrissen und schwach.

„…  Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
… Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Auf eindrückliche Weise zeigt sich in diesem Gedicht die moderne Frage nach der Identität – und führt sie am Ende zurück auf ihren Ursprung:  „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ In diesem Vertrauen auf eine nicht feststellbare, von Gott geschenkte Identität kann Bonhoeffer die Frage „wer bin ich?“ offen lassen, das Fragmentarische und Widersprüchliche in seinem Leben aushalten.

Heute ist in spirituellen Büchern manchmal zu lesen, Trennung sei eine Illusion. Wir müssten diese Illusion lediglich überwinden, um zur wahren Einheit zu gelangen. Mir leuchtet der Gedanke eines ungetrennten Seins bei Gott oder im Grunde unserer Seele durchaus ein. Diese Einheit ist real und doch nicht vorfindlich. Denn die Erfahrung von Brüchen und Trennungen ist ebenso real und keine Illusion. Unser Sein ist im Werden, aber eben nicht so, dass wir die „Illusion der Trennung“ hinter uns lassen, sondern indem sich unser Leben an und in den Brüchen entfaltet und wir darauf verzichten, Einheit oder Identität selbst erreichen zu wollen – weil eben das, was wir erreichen wollen, meist nicht unsere Identität ist.

Die Gefahr des Terminus „Illusion der Trennung“ sehe ich darin, dass er uns vorspiegelt, wir selbst könnten einfach etwas – nämlich diese Illusion – hinter uns lassen und dann unsere wahre Identität leben. Genau darin sehe ich aber die eigentliche Illusion und zugleich einen ungeheuren Druck, weil die Erfahrung von Brüchen dann letztlich zum Ausweis meiner eigenen spirituellen Defizite erklärt wird. Und wer an den Brüchen seines Lebens leidet, der muss sich dann scheinbar darüber hinwegsetzen, indem er sich die „Illusion der Trennung“ bewusst macht oder er ist selber schuld, weil offenbar noch nicht zur wahren Erkenntnis gelangt. Das ist jetzt vielleicht etwas scharf formuliert, aber tendenziell halte ich diesen Terminus entweder für schönfärberisch oder gnadenlos.

„An die Stelle des Seins tritt eine Performanz“, schreibt Giannina Wedde im Klanggebet-Blog (http://klanggebet.wordpress.com/2010/11/30/sei-was-du-bist-nicht-was-du-sein-willst/). Das ist wunderbar formuliert. Dann bin ich selber wieder derjenige/diejenige, der/die etwas etwas aus sich machen muss. Identität aber – davon bin ich überzeugt – gibt es nur geschenkt. Sie wird (nicht: sie ist!), wo ich das Streben loslassen kann, sie zu erreichen und in dem leben kann, was ist mit all den Brüchen und mich dem anvertrauen kann, was im Werden ist – und doch immer bruchstückhaft bleibt. „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Zum Ewigkeitssonntag

Die Dichterin Mascha Kaléko hat einmal geschrieben: „Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,/ Doch mit dem Tod der anderen muss man leben.“ Wir müssen leben damit, dass jemand einfach nicht mehr da ist. Wir müssen leben mit all den Gefühlen, die der Tod eines Menschen bei uns auslöst. Wir müssen leben mit Trauer und Schmerz, mit Enttäuschungen und vielleicht auch Schuldgefühlen. Und jeder und jede kann das letztlich nur selber tun. Wir können einander diese Aufgabe zwar erleichtern, aber wir können sie dem anderen nicht abnehmen. Trotzdem ist es gut, wenn wir einander hie und da sagen: Du musst nicht nur, du kannst und darfst leben. Und wenn der Mensch, der gestorben ist, dich wirklich geliebt hat, hätte er oder sie bestimmt gewollt, dass du auch wieder lachen und dich freuen kannst, dass du dein Leben lebst – mit dem Bild des geliebten Menschen in deiner Seele.

Im Matthäusevangelium steht das Gleichnis von den 10 Jungfrauen. Eingeladen zum grossen Hochzeitsfest gehen sie mit ihren Lampen dem Bräutigam entgegen. Das grosse Hochzeitsmahl ist ein Bild für das Himmelreich, die Gegenwart Gottes ist ein Fest. Doch der Bräutigam und damit das Fest lässt auf sich warten. Und als er um Mitternacht endlich kommt, haben 5 von ihnen keine Ölvorräte mehr. Immer schon habe ich mich über die anderen 5 geärgert, die nicht bereit sind zu teilen und ich war etwas ratlos und entsetzt über die Härte des Bräutigams, der die Tür verschliesst und sagt: Zu spät! Gilt auch hier: „Das Leben ist nicht fair“ und „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“?

Wenn es wahr ist, dass Jesus uns hier und heute in unseren Mitmenschen begegnet, dann ist dieses Gleichnis auch eine Aufforderung, unser Zusammenleben so zu gestalten, dass wir uns um unsere Ölvorräte kümmern. Denn jeder Tod eines Menschen zeigt uns schmerzlich: die Zeit, in der wir einander Gutes tun, ein gutes Wort sagen können, die ist begrenzt. Jede Gelegenheit zur Liebe, zur Zärtlichkeit, zum Verzeihen ist unwiderbringlich und irgendwann sind alle Gelegenheiten vorüber. Ja, ich denke, dass dieses Gleichnis eine Einladung ist, die Gelegenheiten zur Liebe, zum Miteinander, zum Verzeihen und zum Neuanfang nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Seid bereit: nicht nur für den Moment, wo ihr euer Leben als Ganzes vor Gott legen werdet, sondern hier und heute in den unzähligen Gelegenheiten zur Liebe und zur Mitmenschlichkeit. Sorgt euch nicht nur um die materiellen Dinge oder um Ehre und Anerkennung. Sorgt euch vielmehr um das, was am Ende bleibt: Glaube, Hoffnung und Liebe. Auch der Tod eines lieben Menschen kann eine solche Gelegenheit sein, sich bewusst zu machen, was wirklich zählt, worauf es wirklich ankommt. Die Liebe, die wir in unseren Herzen tragen, hilft uns, das Bild des Verlorenen in unseren Herzen zu tragen und weiterzugehen in neue offene Lebensräume. Der Glaube, dass Gott unser Leben und unser Sterben umfasst, kann uns die Kraft geben, einen geliebten Menschen loszulassen ohne zu verzweifeln oder uns selber aufzugeben. Das Vertrauen auf Gottes grenzenlose Liebe kann uns befähigen zu verzeihen und ruhen zu lassen, was uns angetan wurde und es kann uns auch versöhnen mit uns selbst, wenn wir unsere Schuldgefühle unserem Gott anvertrauen. Das sind die Ölvorräte, die wir brauchen, die uns auch gegen Mitternacht, im tiefsten Dunkel unseres Lebens Licht geben. Gewiss: es gibt Zeiten in unserem Leben, wo unsere Lampen nur noch schwach glimmen, wo unser Glaube schwankt und wir kaum mehr sehen und kaum mehr glauben können. Dann dürfen wir – davon bin ich überzeugt – entgegen dem Gleichnis hoffen, dass es Menschen gibt, die uns durchtragen und uns etwas von ihren Vorräten abgeben. Und vor allem kann ich mir auch heute noch nicht vorstellen, dass der, auf den wir hoffen, jemandem so hartherzig die Tür weist, wie der Bräutigam im Gleichnis. Denn der Gott der Bibel ist ein Gott des Erbarmens und der Güte. Er will uns nicht zurücklassen in unserer Trauer. Er führt uns in neue , weite Räume und zuletzt in jenen Raum, in den uns die Verstorbenen vorausgegangen sind, wo alles Leid und alle Tränen abgewischt werden und der Tod seine Macht verloren hat.

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Das Flüstern eines sanften Windhauchs und das Toben der Fanatiker

Im letzten Beitrag habe ich die Geschichte des lebensmüden Elia unter dem Ginsterstrauch erzählt. Was hat aber den Propheten Elia in diese tiefe Krise geführt? Dazu muss ich kurz die Geschichte in Erinnerung rufen, die vorausgeht und auf die sich Kap. 19 bezieht: Isebel, die Königin, hatte den Kult der Baalsgötter in Israel eingeführt und den alten Glauben bekämpft und seine Priester ermordet. Elia stellte sich ihr entgegen und versuchte, das Volk zum Glauben an den Gott der Mütter und Väter zurückzuführen und die Baale nicht anzubeten. Auf dem Berg Karmel, so wird erzählt, kommt es zu einer dramatischen Entscheidung: Elia steht alleine 450 Baalspriestern gegenüber. Zwei Opferaltare werden aufgebaut und es wird vereinbart, dass dessen Gott sich als der wahre erweisen solle, der sich dazu bewegen liesse, das Opfer durch Feuer vom Himmel zu entzünden. Mit Tänzen, Gebeten und martialischen Ritualen rufen die Baalspriester ihre Götter an – aber ohne Erfolg. Elia aber lässt seinen Opferaltar sogar noch mit Wasser übergiessen und auf ein einfaches Gebet hin fängt sein Opfer Feuer. Der Gottesbeweis – so legt es die Geschichte nahe – ist erbracht und Elia – so wird uns erzählt –führt die Baalspriester zu einem Bach und schlachtet sie dort ab. Nun aber trachtet die Königin Isebel dem Elia erst recht nach dem Leben.

Man kann Elia wegen seines Mutes, der ganzen Schar der Baalspriester entgegenzutreten, bewundern. Er begibt sich um seines Glaubens willen in Gefahr, verhaftet und getötet zu werden. Er ist sich seines Glaubens und seines Auftrags so sicher, dass er nicht daran zweifelt, dass sein Gott sich als der Stärkere erweisen würde. Trotzdem hoffe ich sehr, dass wir mindestens ebenso sehr erschrecken über das Blutbad, das er am Ende anrichtet, darüber, wie seine Glaubensgewissheit umschlägt in religiösen Fanatismus und Gewalt. Wir dürfen uns diesem Entsetzen nicht entziehen und nicht vergessen, dass sich auch in der Geschichte unseres christlichen Glaubens eine Spur der Gewalt zeigt, die die Folge von religiösem Eifer und Fanatismus ist.

Ich denke, dass die Bibel – obwohl wir kein ausdrückliches Wort der Kritik an Elia finden – mit unserem Predigttext diesen Fanatismus des Elia in ein kritisches Licht rückt. Ich glaube sogar, dass es gerade dieser vermeintliche Gottesbeweis und der darauf folgende Blutrausch ist, der Elia in die Krise stürzt. Denn welcher Kontrast könnte grösser sein als der eines Gottes, der seine Macht erweist, indem er Feuer vom Himmel herabfallen lässt und es scheinbar gutheisst, dass die Baalspriester abgeschlachtet werden und dem Gott, der Elia seinen Boten sendet und ihn mit Brot und Wasser stärkt, dem Gott, der Elia ausdrücklich nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und auch nicht im Feuer begegnet, sondern im Flüstern eines sanften Windhauchs.

Könnte es nicht sein, dass gerade die fanatische Glaubensgewissheit, die auf vermeintlichen Gottesbeweisen aufbaut und allen Unglauben und Irrglauben kompromisslos zu bekämpfen trachtet, hier umschlägt in tiefste Verzweiflung? Und könnte es nicht sein, dass gerade deshalb sich Gott nun Elia ganz anders zeigt? Gerade die Gegenüberstellung der machtvollen Phänomene Sturm, Erdbeben und Feuer zum sanften Flüstern eines Windhauchs zeigt uns eindrücklich, wo wir die Gegenwart Gottes erfahren können und wo nicht. Sie macht auch die Geschichte vom vermeintlichen Gottesbeweis auf dem Karmel zumindest fragwürdig. Und auf jeden Fall setzt sie den Blutrausch des Elia, religiösen Fanatismus und religiöse Gewalt definitiv ins Unrecht. Das Flüstern eines Windhauchs verträgt sich nicht mit Fanatismus, Gewalt, Angstmacherei und Zwang. Ja, vielleicht ist die Geschichte von Elia unter dem Ginsterstrauch und seiner anschliessenden Gottesbegegnung am Horeb eine Bekehrungsgeschichte – die Bekehrung des Elia von religiösem Fanatismus und dem Weg der Gewalt. Ist Karmel sogar der unheilige Berg des religiösen Fanatismus, wo sich die Absolutheitsansprüche in einer fast grotesken Szene austoben und in einem Blutrausch enden, während der Horeb der heilige Berg einer ganz anderen Gotteserfahrung ist, des Flüsterns eines leisen Windhauchs  – einer Erfahrung, die bezwingt indem sie anrührt? Ich jedenfalls kann an dem vermeintlichen Sieg Jahwes auf dem Karmel keine Freude haben. Der Gott, dem ich vertrauen kann, zeigt sich in den leisen Tönen, in der Stille, in der unscheinbaren Begegnung.

Im Flüstern eines sanften Windhauchs

31. August 2010 2 Kommentare

Im 1. Königebuch, Kap.19, wird erzählt, wie der Prophet Elia in eine tiefe Lebenskrise gerät. Er hat genug davon, zu kämpfen und auf der Flucht zu sein und ist des Lebens müde. Viele Menschen kennen Zeiten in ihrem Leben, in denen es ihnen ähnlich geht wie dem Propheten Elia, der da unter einem Ginsterstrauch sitzt und nicht mehr weiter weiss. Auch wenn sie nicht gerade wie Elia des Lebens müde sind, so hat doch eine tiefe Müdigkeit oder Traurigkeit ihr Leben überschattet. Vielleicht ist etwas geschehen, was sie aus der Bahn geworfen hat, eine Krankheit, ein lieber Mensch, der ihnen weggestorben ist, eine grosse Enttäuschung, gescheiterte Pläne. Oder sie wissen gar nicht so recht, warum ihr Leben in eine Krise geraten ist, ihr Glaube so zerbrechlich geworden und die Sicherheit verschwunden ist. Manchmal versteht man das Leben auch einfach nicht mehr, hat das Gefühl, in dieser Welt nicht mehr mitzukommen oder fragt sich, warum und wozu man sich abmühen soll, welchen Sinn das Ganze macht. Ob mit oder ohne äussere Ursache – für die meisten Menschen gibt es Phasen in ihrem Leben, wo sie zutiefst verunsichert sind und sich müde und kraftlos fühlen. In solchen Zeiten kann die Geschichte des Propheten Elia, sein Weg durch die Wüste, uns eine Hilfe und eine Orientierung sein. Seine Schwäche kann uns helfen in unserer Schwäche und seine Gotteserfahrung kann in uns das Vertrauen wachsen lassen, dass sich auch uns Gott wieder neu zeigen wird, dass er uns begleitet und stärkt auf dem Weg durch die Wüste.

In den Zeiten unseres Lebens, wo wir uns müde und leer fühlen wie der Prophet Elia unter dem Ginsterstrauch, kann uns die Erinnerung ermutigen, wie Gott sich hier dem Elia zeigt und ihm aufhilft, damit er seinen Weg weitergehen kann. Nicht auf unwiderlegbare Gottesbeweise oder alles verändernde Wunder und Machterweise warten, sondern achtsam sein für die kleinen Zeichen göttlicher Zuwendung und Ermutigung – darauf kommt es an. Nicht dass plötzlich alles wieder anders wird, hell und klar, heil und unbeschwert, dürfen wir erwarten, aber dass uns jemand ein Stück Brot reicht und einen Schluck Wasser, damit wir aufstehen und ein Stück weitergehen können. „Steh auf und iss.“ sagt der Bote zu Elia. Und Elia isst und trinkt und legt sich wieder hin, um weiter zu schlafen. Und noch einmal redet der Bote zu ihm: „Steh auf und iss, denn der Weg, der vor dir liegt, ist weit.“ Er muss den Weg selber gehen und es ist ein weiter Weg. Niemand nimmt ihm diesen Weg auf wunderbare Weise ab. Aber er ist gestärkt. Jetzt kann er aufstehen und weitergehen. Doch Gott lässt ihm auch Zeit. Zweimal kommt der Bote zu Elia. Zweimal findet er Brot und Wasser neben seinem Kopf. Und kein Wort des Vorwurfes, weil er sich beim ersten Mal einfach wieder hingelegt hat. Ja, solche geduldigen und behutsamen Weggefährten, solche Botinnen Gottes, wünsche ich jedem von uns, wenn wir uns müde fühlen und nicht mehr weiter wissen. Kein Appell, doch mehr Gottvertrauen zu haben oder den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern Worte des Verständnisses, kleine Zeichen der Zuwendung und des Trostes, vor allem aber Geduld mit unserer Schwäche. Es ist grossartig, wie hier beschrieben wird, wie Elia wieder die Kraft bekommt weiter zu gehen. Nichts Ausserordentliches geschieht – nur ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser, wenige schlichte Worte, zwei Mal – und Elia spürt, dass er nicht verlassen ist. Lange noch geht Elias Weg durch die Wüste. Vierzig Tage und vierzig Nächte. Und nach diesen vierzig Tagen und Nächten sind seine Fragen noch immer nicht beantwortet. Doch dort am Berg Horeb macht er eine neue Gotteserfahrung. Er, der bisher auf göttliche Machterweise vertraut hatte, erkennt, dass Gott ihm weder im Sturmwind, noch im Erdbeben, noch im Feuer begegnet. Wir haben nicht vergessen, dass er auf dem Berg Karmel noch das Feuer als Gottesbeweis angesehen hat. Erst das Flüstern eines sanften Windhauchs lässt ihn sein Gesicht verhüllen. Es wird gar nicht ausdrücklich gesagt, dass sich Gott in diesem Flüstern zeigt. Aber dieses Flüstern eines sanften Windhauchs ist ein wunderbares Bild für die leise, schwebende, nicht festzuhaltende Gegenwart unseres Gottes. Es ist eine Einladung, sorgfältig zu achten auf die leisen Töne in unserem Leben, die kleinen Zeichen der Ermutigung am Wegesrand. Diese Bild lädt uns ein, auf die Stille zu achten und auf die Menschen, die uns begegnen wie ein Windhauch, die unscheinbaren und die behutsamen, die keine grossen Worte machen und keine grossartigen Versprechungen, die aber einfach da sind, wenn wir sie brauchen.

Manchmal mag es uns gehen wie dem Elia. Müde und leer sitzen wir da und wissen nicht so recht wie weiter. Unser Glaube ist nur noch ein kleines Flämmchen, unser Selbstvertrauen und unser Gottvertrauen nur noch ein glimmender Docht. Es gibt so Vieles, das uns ins Wanken bringen und uns aus der Bahn werfen kann. Möge dann jemand für uns da sein, der uns ein geröstetes Brot und einen Krug mit Wasser hinstellt. Ich wünsche uns, dass wir dann die Zeichen der Zuwendung, der Stärkung und des Trostes nicht übersehen, die Gott uns erfahren lässt. Warten wir dann nicht auf ein Wunder, das alles verändert, auf eine Glaubensgewissheit, die durch nichts zu erschüttern ist. Achten wir vielmehr auf die Zeichen der Stille, das Flüstern eines sanften Windhauchs. Wir müssen unseren Weg selber gehen. Aber mit Gottes Hilfe können wir ihn auch gehen. So wie Elia ihn gehen konnte, Schritt für Schritt, auch wenn er ihn noch lange durch die Wüste führte. Wir sind nicht allein. Gott geht mit uns. Er gibt uns Kraft. Darauf dürfen wir vertrauen.

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Ultreia

25. Juli 2010 2 Kommentare

Ultreia – weiter, so heisst das Lied der Jakobspilger nach Santiago de Compostela. Heute, wie immer, wenn der Jakobstag, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt, war der Internationale Jakobspilgertag. Mit einer kleinen Gruppe waren wir unterwegs von Schwarzenburg nach Tafers, wo Pilger aus der ganzen Schweiz einen ökumenischen Gottesdienst als Abschluss feierten. Eine Teilnehmerin aus unserer Gruppe hatte sich für den heutigen Tag etwas Spezielles ausgedacht: einen mobilen Gebetskiosk – ein aufklappbarer Karton, wo in verschiedenen Fächern kleine Zettel mit Gebeten zu finden waren. Aus diesem Gebetskiosk durfte sich unterwegs jeder bedienen, der wollte, nicht nur aus unserer Gruppe. Wie ich finde, eine wunderbare Idee: Gebete, derer man sich bedienen kann – ohne jeden Zwang, Sprache die wir uns leihen dürfen, als kleine Gesprächshilfen für das Gespräch mit mir selber und mit Gott.

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Das Geheimnis des Lebens

Damit Liebe Liebe bleibt,
braucht sie immer auch das Geheimnis der Liebe.
Wenn Menschen wie ein offenes Buch füreinander sind,
geht die Liebe verloren.

Ich denke, das gilt auch für die Liebe zum Leben.
Das äusserliche Funktionieren des Lebens,
die Naturgesetze, sind eine Seite des Lebens,
eine wunderbare und zum Staunen einladende auf jeden Fall,
aber eine Seite, die nach Gesetzen und Regeln geordnet ist
und für die ich Gott nicht als Lückenbüsser brauche –
weder im Sinne des Kreationismus noch eines Intelligent Design.
Was wir in Bezug auf die Naturgesetze nicht erklären können,
darüber können wir nur schweigen.

Es gibt aber auch die Innenseite,
das Geheimnis des Lebens,
das nicht nach Gesetzen und Regeln zu erfassen ist.
Das Vertrauen, dass das Leben gut ist.
Das Staunen über die Schönheit und Vielfalt des Lebens.
Die Liebe zum Leben.
Das Wunder, dass etwas ist und nicht nichts.
Das Wunder der Liebe, der Begegnung, unserer Schaffenskraft.
Die Welt unserer Emotionen.
Das Unerwartete, Unberechenbare.

Gott steht für mich für dieses Geheimnis des Lebens,
seine Innenseite.
Die Seite desselben Lebens, die sich nicht einfach in Gesetze und Regeln fassen lässt.
Die Seite des Lebens, die Sinn entstehen lässt, Sinn, der sich jeweils mir zeigt.
Es gibt nicht einen Sinn des Lebens unabhängig von den Lebenden.
Aber es ist auch nicht so, dass ich den Sinn des Lebens mache.
Es ist wieder wie mit der Liebe:
der Mensch, den ich liebe, ist für mich der Wichtigste.
Er ist das nicht an und für sich, sondern für mich,
weil ich ihm diese Bedeutung gebe.
Sinn gibt es nicht objektiv und feststellbar,
er entsteht immer durch und in Beziehungen,
zu Menschen, zum Leben, zu Gott.
Sinnzuschreibungen entstehen aber auch nicht einfach willkürlich.
Sie entstehen, wo ich von etwas betroffen,
in meinem Innersten berührt bin.
Und das, was mich berührt, ist etwas ausser mir.
Ich kann es nicht feststellen, exakt beschreiben und erklären,
aber ich kann seiner Spur folgen
in der – manchmal schwankenden – Gewissheit,
dass ich in dieser Spur Sinn finde.

Gottes Geheimnis – unser Leben

5. Juli 2010 5 Kommentare

Gottes Geheimnis – unser Leben

Stell dir vor, das Geheimnis des Willens Gottes, das Neue und Verborgene, das er uns erkennen lässt, wäre nicht eine Lehre, die sich in Glaubenssätzen fassen lässt, sondern nichts anderes als unser Leben. Es wäre unser Leben nicht als Produkt unserer Leistungen und Taten, unserer Misserfolge und unseres Scheiterns, sondern unser Leben als Geschenk, als Fülle von Möglichkeiten zur Begegnung, zur Mitmenschlichkeit, zur Freude, zur Bewährung, zum Neubeginn, zum Staunen, zur Dankbarkeit, zum Engagement, …
Was gäbe es da heute Neues zu entdecken, zu hören und zu sehen? Welche Geheimnisse wären da zu erkunden – und welche zu wahren? Welche Entscheidungen sind zu treffen? Worüber kann ich Klarheit finden? Was gibt es nicht alles, was wir noch nicht wissen über uns selber, über das Leben, über die Menschen, denen wir begegnen und für die wir oft schnell unsere Schubladen und Urteile bereit haben? Was Gott uns zeigen will, können wir nur selber entdecken. Eines aber dürfen wir wissen – es wird am Ende heilsam und befreiend sein.

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Keiner hat das Recht zu gehorchen

1. Juli 2010 2 Kommentare

Auszüge aus einem inspirierenden Artikel von Gottfried Hasenhüttl:
„Die Philosophin Hannah Arendt betont: Keiner hat das Recht zu gehorchen.
Da Gott, christlich verstanden, die Liebe ist, darf niemand einer Autorität gehorchen, die gegen die Nächstenliebe verstößt. Heilig ist die Liebe, die niemanden ausschließt, sondern Ungläubige und auch Feinde einschließt.
Für ihn (Jesus) steht der konkrete Mensch im Mittelpunkt. Überall, wo das Antlitz eines Menschen geschändet wird, ist ziviler Ungehorsam geboten. Daher kann für jeden Christen nur gelten, dass allein die Würde jedes Menschen unantastbar und heilig ist. Alle Gesetze, Gebote und Institutionen, für so »heilig« man sie halten mag, haben nur Sinn, wenn sie für den Menschen da sind und solidarische Gemeinschaft fördern. Alles andere ist höchst unheilig. Nicht der Gehorsam, sondern der zivile Ungehorsam kann heilen, denn es ist besser, ein Gesetz zu brechen als ein Herz. Heilig ist allein die Liebe zum konkreten Menschen, die uns Jesus vorgelebt hat.“
Der gesamte Artikel setzt sich – zum Teil recht polemisch – mit der katholischen Hierarchie, ihrem Umgang mit Missbrauch und vor allem dem Verbot der Abendmahlsgemeinschaft mit Protestanten auseinander. Gegen dieses Verbot hatte Hasenhüttl beim 1. Ökumenischen Kirchentag 2003 verstossen und wurde deshalb vom Priesteramt suspendiert. All dies aber ist eine ganz andere Debatte. Mir geht es um den wichtigen Gedanken, dass christliche Spiritualität nicht von der Heiligkeit von Institutionen lebt, sondern der Heiligkeit des Menschen dienen muss.
Der ganze Artikel ist zu finden unter:
http://pdf.zeit.de/2010/21/Heilig-Hasenhuettl.pdf

Kategorien:Gott, Liebe