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Archive for the ‘Gottesbilder’ Category

Ein vorläufiges Glaubensbekenntnis

Das folgende Glaubensbekenntnis ist entstanden im Rahmen einer Kursreihe zu Bekenntnissen. Es ist eine spontane Formulierung und kann in seiner Vorläufigkeit vielleicht einladen, nach Worten für den eigenen Glauben zu suchen.

Weitere Texte sind hier zu finden.

Ich glaube

an einen mütterlichen und väterlichen Gott,

der uns das Leben gibt,

der uns zärtlich umfängt und uns begleitet auf allen unseren Wegen.

Ich glaube an Gott, der alles geschaffen hat,

der das Geheimnis des Lebens ist, manchmal nahe und manchmal fern.

Ich glaube an Gott, der Liebe ist, die geschieht,

wo wir einander wahrnehmen und füreinander einstehen.

Ich glaube, dass Gott das Gesicht Jesu trägt

und uns nahe sein will auch in den tiefsten Tiefen unseres Lebens.

Durch Jesus glaube ich an die Kraft der Hoffnung,

an die heilsame Macht der Vergebung,

an bedingungslose Liebe und den Weg der Gerechtigkeit und des Friedens.

Durch Jesus glaube ich, dass der Tod nicht das letzte Wort hat,

sondern die Liebe Gottes, die stärker ist als der Tod.

Durch Jesus glaube ich, dass wir berufen sind, füreinander einzustehen,

Gerechtigkeit zu suchen, einander zu vergeben und Frieden zu stiften.

Durch Jesus glaube ich, dass ich nicht stark sein muss und mich fallen lassen kann.

Ich glaube an den Geist, der uns verbindet,

an den Atem, der uns erfüllt,

an die Liebe, von der wir leben,

an den Geist des Widerstandes, der uns davor bewahrt,

uns mit dem abzufinden, was Gott nicht will,

an den Geist der Ergebung, der uns annehmen lässt,

was zu unserem Leben gehört,

an den Geist der Vernunft, der uns einen kritischen Blick und Forschergeist schenkt

und an den Geist der Weisheit,

der uns achtsam macht für das, was höher ist als alle Vernunft.

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Irritationen I

5. Februar 2011 3 Kommentare

Wer immer mit Gott lebt,

dem kann er sich nicht offenbaren.

Der junge Mann Jesus auf der Suche nach sich selbst

9. Januar 2011 2 Kommentare

Können Sie sich das vorstellen, dass Jesus einmal ein Teenager oder junger Erwachsener war, der ein Vorbild, ein Idol hatte, das ihn faszinierte und dem er nacheiferte. So befremdlich für manchen diese Vorstellung sein mag – so ähnlich muss es wohl gewesen sein. Der heranwachsende Jesus hat von Johannes dem Täufer gehört, der alles hinter sich gelassen hat und, wie man sich erzählte, nur mit einem Kamelhaarmantel bekleidet in der judäischen Wüste lebte, sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte und die Menschen zur Umkehr rief. Dieser Johannes kannte offenbar keine Furcht und keinen falschen Respekt vor den Autoritäten seiner Zeit, nicht vor den Pharisäern und Schriftgelehrten und auch nicht vor dem König Herodes. Kompromisslos, konsequent und entschieden war er und erfüllt von einer tiefen Frömmigkeit. Jesus ist ihm auch begegnet und wir können uns vielleicht sogar vorstellen, wie sehr diese Radikalität und Furchtlosigkeit den jungen Mann Jesus fasziniert haben mag. Viele Bibelforscher vermuten sogar, dass Jesus eine Zeitlang zum Kreis Johannes des Täufers gehört haben könnte. Ja, wir dürfen uns Jesus von Nazareth als einen jungen Mann auf der Suche nach sich selbst vorstellen, als einen der sich nicht damit zufrieden gab, in die Fussstapfen seines Vaters zu treten und die Dinge einfach so zu nehmen wie sie nun einmal sind. Wir dürfen uns vorstellen, dass er nicht bereit war, die römische Herrschaft einfach so hinzunehmen und ihn der Prunk des Herodes und die Macht der Schriftgelehrten empörten und er sich nicht so leicht damit abfinden wollte, dass es Oben und Unten, arm und reich gab, als sei dies ein gottgegebenes Schicksal. Er sehnte sich nach einem Leben, das sich radikal an Gott ausrichtete und in dem er einen Sinn sehen konnte. Johannes verkörperte für ihn einen solchen radikalen und alternativen Lebensstil, die Frömmigkeit, die er suchte.

Meine ganze Predigt zu Matthäus 4,12-17 ist hier zu lesen.

Angesehen werden

In der heutigen Christnachtfeier habe ich einen Abschnitt aus dem Johannesevangelium und die lukanische Weihnachtsgeschicht als Predigttext gewählt. In Joh 3,16f. heisst es: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“

Diese Worte und die Geschichte aus dem Stall von Bethlehem sind für mich Urbilder der Menschlichkeit, der Liebe und Güte unseres Gottes. Sie lehren uns die Auflehnung gegen alles, was die Menschen zu austauschbarem Krempel macht. In diesem einen Kind sagt uns Gott: Du bist mir wichtig, du mit allem was zu dir gehört, mit deinen Macken, mit dem was dich bedrückt, mit allem was dich glücklich macht. Die Weihnachtsgeschichte leugnet das schreckliche Gefühl der Austauschbarkeit von Menschen nicht, aber sie setzt ihm etwas entgegen: die Liebe Gottes, die in diesem verletzlichen Kind in der Krippe lebt, mitten unter uns und von dem ein Licht ausgeht, das auch in unser Herz hineinleuchten kann. Lukas setzt nicht der idealen Kleinfamilie ein Denkmal, sondern er lässt das Heil Gottes hineintreten in das Leben ganz normaler, scheinbar austauschbarer Menschen, in einen schäbigen Stall, in einem schutzbedürftigen Kind. Gerade darum ist Weihnachten das Fest der Menschlichkeit, der gefährdeten, zerbrechlichen Menschlichkeit, der göttlichen Würde jedes einzelnen Menschen. Dieses Licht, das uns in der Weihnachtsgeschichte aufleuchtet, soll hineinstrahlen in unseren Alltag.

Die ganze Predigt ist zu hier zu lesen

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Gottes Lob wandert – Zum 4. Advent

Das Magnificat – das Loblied der Maria ist für mich einer der eindrücklichsten und bewegendsten Texte der Bibel. „Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.“ So heisst es im Loblied der Maria. Und dann folgen Worte, die die Verhältnisse auf den Kopf stellen, die davon singen, dass Gott die Kleinen gross und die Grossen klein macht, dass er die Macht der Mächtigen bricht und die Bäuche der Hungrigen füllt. Ein rebellisches Lied, ein Lied der Hoffnung. Eine moderne Nachdichtung des Magnificat ist das Lied Nr. 2 im Reformierten Gesangbuchder Schweiz:

Gottes Lob wandert, und Erde darf hören.
Einst sang Maria, sie jubelte Antwort.
Wir stehn im Echo der Botschaft vom Leben:
Den Herrn preist meine Seele.
Ich freue mich, dass er mein Retter ist.
Der Hohe schaut die Niedrige an.
Halleluja, Halleluja.
 
Scharen von Schwestern und Brüdern im Glauben
singen, was damals Maria gesungen,
als ihr geschah, wie der Engel versprochen:
Den Herrn preist meine Seele.
Ich freue mich, dass er mein Retter ist.
Die Stolzen stürzt er endlich vom Thron.
Halleluja, Halleluja.
 
Wunder der Wunder: für uns wirst du Mensch, Herr!
Lass doch das Lied, das Maria uns lehrte,
Brücke der Freude sein, die uns zu dir führt:
Den Herrn preist meine Seele.
Ich freue mich, dass er mein Retter ist.
Er denkt an uns, hilft Israel auf.
Halleluja, Halleluja.

Gottes Lob wandert und Erde darf hören. Einst sang Maria und jubelte Antwort. Wir stehn im Echo der Botschaft vom Leben. Drei kurze und knappe Sätze von grosser Weisheit und Tiefe. Gottes Lob kommt auf die Erde zu, es hat seinen Ursprung nicht auf der Erde, es stammt nicht aus frommer Erfindungskraft oder aus religiöser Sehnsucht der Menschen. Es kommt wie von aussen auf die Erde zu und die Erde darf es hören, wenn sie will. Sie muss nicht – es ist ein Angebot. Es kann untergehen im Lärm unseres Alltags, es kann übertont und erstickt werden durch unsere Sorgen und Ängste, durch unsere Pläne und unseren Aktivismus. Wer vom Lob Gottes berührt werden will, muss sich Zeit nehmen, innerlich und äusserlich zur Ruhe kommen und darauf hören. Der muss hören lernen auf diesen eigenen Klang des Lobes Gottes, der fremd ist in der Welt der Macher und Planer, der Manager, Strategen und Generale. Und so ist unser Lied eine Einladung, aufmerksam hören zu lernen, diesen Klang zu vernehmen, den Klang von Lebensdank und Hoffnung, von Freude und vom Warten auf Gerechtigkeit. Martin Luther hat gemeint, dass das Ohr unser wichtigstes Organ sei. Was uns über das Ohr erreicht, erreicht unser Herz. Und darum geht es in der Advents- und Weihnachtszeit, darum geht es in der ganzen Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen, dass Gottes Liebe unser Herz erreicht. Und so hören wir auf den Klang der Weihnachtsbotschaft, die auch in diesem Jahr über die Erde wandert und unsere Ohren und Herzen erreichen und in uns Wohnung nehmen möchte.

Maria ist uns darin Schwester und Vorbild. Sie hörte die Botschaft des Engels und jubelte Antwort. Sie, diese junge und einfache Frau vor 2000 Jahren hörte aufmerksam und liess sich berühren. Und sie jubelte Antwort, sie nahm den Klang der frohen Botschaft auf und liess sich zu einem eigenen Loblied bewegen. Einem Loblied, mit dem sie sich einreihte in die reiche Glaubenstradition Israels und sich verbunden wusste mit ihren Schwestern im Glauben, die schon vor ihr Loblieder angestimmt hatten. Sie folgte ihrer Schwester Mirjam, die beim Auszug aus Ägypten die Pauke schlug und ihr Lied sang: „Singen will ich dem Herrn, denn hoch erhaben ist er; Ross und Reiter warf er ins Meer.“ Sie folgte ihrer Schwester Hanna, der Prophetin, die mit ähnlichen Worten wie Maria, den Gott pries, der die Armen satt macht und die Niedrigen erhöht, der die Mächtigen von ihrem Thron stösst und erniedrigt. In dieser Tradition starker und allzuoft vergessener Frauen steht Maria mit ihrem Lobgesang. Sie alle besingen den Gott , der befreit und Gerechtigkeit schafft. „Der Hohe schaut die Niedrige an“ – so singt Maria. Gott traut mir Grosses zu. Er mutet mir ganz Unglaubliches zu, mir, die ich niedrig und unbedeutend bin. Und ich sage ja. Er will durch mich etwas noch nie Dagewesenes in der Welt beginnen lassen. Und ich sage Ja. Er will, dass sein Sohn durch den Heiligen Geist in mir wächst und gross wird und ich ihn zur Welt bringe, in die Welt in der ich lebe, hier und heute. Und ich sage Ja. Und mein Herz wird weit und öffnet sich, und ich werde vom Gotteslob erfasst und singe: Den Herrn preist meine Seele. Ich freue mich, dass er mein Retter ist. Der Hohe schaut die Niedrige an. Halleluja. So wird die junge Frau Maria zum Urbild des Glaubens, eines Glaubens der hört und vernimmt und sein Loblied singt. Und wir stehen heute im Echo der Botschaft vom Leben, der Botschaft die einst in den Lobgesängen der Mirjam, der Hanna und der Maria ihr Echo fand, der Botschaft, die die Hirten auf dem Felde vernahmen und die sie in Bewegung setzte.  

Wir stehen im Echo der Botschaft vom Leben. Es ist ein lebendiges und vielfältiges Echo, dass diese Botschaft durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder gefunden hat. Unzählige Menschen haben die Worte Marias aufgenommen und mit ihrer eigenen, unverwechselbaren Stimme zum Klingen gebracht, Frauen, Männer und Kinder; Einzelne und Chöre; Fröhliche und Traurige. Sie haben das Echo der Botschaft vom Leben durch die Zeiten hindurchgetragen, haben es mit ihren Lebenserfahrungen angereichert. Erreicht uns diese Botschaft hier und heute , in den Hoffnungen und Enttäuschungen unseres Lebensalltags? Erreicht sie unsere Ohren und unser Herz und bringt sie etwas in uns zum Klingen, findet bei uns ihr Echo, ihre Antwort? Ja, diese Worte warten darauf, dass wir sie heute hören und singen und dass wir sie singend verantworten. Denn die Worte des Liedes wollen uns nicht nur an Maria erinnern. Sie wollen uns nahekommen, uns auf den Leib rücken und zu unseren eigenen Worten werden. „Er ist mein Retter.“ So singen wir von uns selbst, von unserem eigenen Leben. Er sieht mich an. Er traut mir Grosses zu. Er will durch mich etwas Neues in der Welt beginnen. Er will, dass sein Sohn durch den Heiligen Geist in mir wächst und gross wird und ich ihn „zur Welt bringe“ – in meine Welt, hier und heute.

Denk nicht: Ich bin zu alt oder zu jung, zu träge, zu schwach, zu müde, zu wenig fromm. Ich habe zu viele Fragen und Zweifel. Warte nicht bis alle Fragen und Zweifel verschwunden sind. Sing das Lied der Maria, all diese unglaublichen Dinge. Unser Lied, Marias Lied kann eine Brücke sein, eine Brücke, auf der wir – zaghaft und unsicher vielleicht – gehen können, eine Brücke der Freude, die uns trägt und die uns zu Gott führt. Sing davon, dass Gott uns ansieht, dass er unser Retter ist. Sing davon, dass diese Welt nicht bleiben wird, wie sie ist, dass Gott die Niedrigen aufheben wird und den Hungrigen Brot verschaffen, dass er den Geschundenen und Geplagten Heimat geben wird und die Reichen leer ausgehen.

Und dann höre auf das, was du selber singst. Wenn wir  gemeinsam singen: „Er denkt an uns und hilft Israel auf“ können die Worte ihre Kraft entfalten und zu leuchten beginnen. Sie können uns berühren und bewegen und zur Quelle der Hoffnung und des Glaubens werden bei allen, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, die auf der Suche sind nach einem erfüllten Leben für sich und für die Anderen. Wenn wir auf sie hören, sie singen und uns danach sehnen, dass sie Wirklichkeit werden, dann öffnen sie uns einen Weg, eine Brücke über die Fragen und Zweifel, die Resignation und Enttäuschung hinweg. Sie nehmen uns mit in die Nähe dessen, den Maria geboren hat: „Wunder der Wunder, für uns wirst du Mensch, Herr.“ Nicht nur damals vor 2000 Jahren, sondern hier und heute, in unseren Herzen und in unserer Gemeinschaft. Und über die Distanz von Zeit und Raum hinweg sind wir verbunden mit Maria und singen ihr Lied, staunend und dankbar.

Das Flüstern eines sanften Windhauchs und das Toben der Fanatiker

Im letzten Beitrag habe ich die Geschichte des lebensmüden Elia unter dem Ginsterstrauch erzählt. Was hat aber den Propheten Elia in diese tiefe Krise geführt? Dazu muss ich kurz die Geschichte in Erinnerung rufen, die vorausgeht und auf die sich Kap. 19 bezieht: Isebel, die Königin, hatte den Kult der Baalsgötter in Israel eingeführt und den alten Glauben bekämpft und seine Priester ermordet. Elia stellte sich ihr entgegen und versuchte, das Volk zum Glauben an den Gott der Mütter und Väter zurückzuführen und die Baale nicht anzubeten. Auf dem Berg Karmel, so wird erzählt, kommt es zu einer dramatischen Entscheidung: Elia steht alleine 450 Baalspriestern gegenüber. Zwei Opferaltare werden aufgebaut und es wird vereinbart, dass dessen Gott sich als der wahre erweisen solle, der sich dazu bewegen liesse, das Opfer durch Feuer vom Himmel zu entzünden. Mit Tänzen, Gebeten und martialischen Ritualen rufen die Baalspriester ihre Götter an – aber ohne Erfolg. Elia aber lässt seinen Opferaltar sogar noch mit Wasser übergiessen und auf ein einfaches Gebet hin fängt sein Opfer Feuer. Der Gottesbeweis – so legt es die Geschichte nahe – ist erbracht und Elia – so wird uns erzählt –führt die Baalspriester zu einem Bach und schlachtet sie dort ab. Nun aber trachtet die Königin Isebel dem Elia erst recht nach dem Leben.

Man kann Elia wegen seines Mutes, der ganzen Schar der Baalspriester entgegenzutreten, bewundern. Er begibt sich um seines Glaubens willen in Gefahr, verhaftet und getötet zu werden. Er ist sich seines Glaubens und seines Auftrags so sicher, dass er nicht daran zweifelt, dass sein Gott sich als der Stärkere erweisen würde. Trotzdem hoffe ich sehr, dass wir mindestens ebenso sehr erschrecken über das Blutbad, das er am Ende anrichtet, darüber, wie seine Glaubensgewissheit umschlägt in religiösen Fanatismus und Gewalt. Wir dürfen uns diesem Entsetzen nicht entziehen und nicht vergessen, dass sich auch in der Geschichte unseres christlichen Glaubens eine Spur der Gewalt zeigt, die die Folge von religiösem Eifer und Fanatismus ist.

Ich denke, dass die Bibel – obwohl wir kein ausdrückliches Wort der Kritik an Elia finden – mit unserem Predigttext diesen Fanatismus des Elia in ein kritisches Licht rückt. Ich glaube sogar, dass es gerade dieser vermeintliche Gottesbeweis und der darauf folgende Blutrausch ist, der Elia in die Krise stürzt. Denn welcher Kontrast könnte grösser sein als der eines Gottes, der seine Macht erweist, indem er Feuer vom Himmel herabfallen lässt und es scheinbar gutheisst, dass die Baalspriester abgeschlachtet werden und dem Gott, der Elia seinen Boten sendet und ihn mit Brot und Wasser stärkt, dem Gott, der Elia ausdrücklich nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und auch nicht im Feuer begegnet, sondern im Flüstern eines sanften Windhauchs.

Könnte es nicht sein, dass gerade die fanatische Glaubensgewissheit, die auf vermeintlichen Gottesbeweisen aufbaut und allen Unglauben und Irrglauben kompromisslos zu bekämpfen trachtet, hier umschlägt in tiefste Verzweiflung? Und könnte es nicht sein, dass gerade deshalb sich Gott nun Elia ganz anders zeigt? Gerade die Gegenüberstellung der machtvollen Phänomene Sturm, Erdbeben und Feuer zum sanften Flüstern eines Windhauchs zeigt uns eindrücklich, wo wir die Gegenwart Gottes erfahren können und wo nicht. Sie macht auch die Geschichte vom vermeintlichen Gottesbeweis auf dem Karmel zumindest fragwürdig. Und auf jeden Fall setzt sie den Blutrausch des Elia, religiösen Fanatismus und religiöse Gewalt definitiv ins Unrecht. Das Flüstern eines Windhauchs verträgt sich nicht mit Fanatismus, Gewalt, Angstmacherei und Zwang. Ja, vielleicht ist die Geschichte von Elia unter dem Ginsterstrauch und seiner anschliessenden Gottesbegegnung am Horeb eine Bekehrungsgeschichte – die Bekehrung des Elia von religiösem Fanatismus und dem Weg der Gewalt. Ist Karmel sogar der unheilige Berg des religiösen Fanatismus, wo sich die Absolutheitsansprüche in einer fast grotesken Szene austoben und in einem Blutrausch enden, während der Horeb der heilige Berg einer ganz anderen Gotteserfahrung ist, des Flüsterns eines leisen Windhauchs  – einer Erfahrung, die bezwingt indem sie anrührt? Ich jedenfalls kann an dem vermeintlichen Sieg Jahwes auf dem Karmel keine Freude haben. Der Gott, dem ich vertrauen kann, zeigt sich in den leisen Tönen, in der Stille, in der unscheinbaren Begegnung.

Im Flüstern eines sanften Windhauchs

31. August 2010 2 Kommentare

Im 1. Königebuch, Kap.19, wird erzählt, wie der Prophet Elia in eine tiefe Lebenskrise gerät. Er hat genug davon, zu kämpfen und auf der Flucht zu sein und ist des Lebens müde. Viele Menschen kennen Zeiten in ihrem Leben, in denen es ihnen ähnlich geht wie dem Propheten Elia, der da unter einem Ginsterstrauch sitzt und nicht mehr weiter weiss. Auch wenn sie nicht gerade wie Elia des Lebens müde sind, so hat doch eine tiefe Müdigkeit oder Traurigkeit ihr Leben überschattet. Vielleicht ist etwas geschehen, was sie aus der Bahn geworfen hat, eine Krankheit, ein lieber Mensch, der ihnen weggestorben ist, eine grosse Enttäuschung, gescheiterte Pläne. Oder sie wissen gar nicht so recht, warum ihr Leben in eine Krise geraten ist, ihr Glaube so zerbrechlich geworden und die Sicherheit verschwunden ist. Manchmal versteht man das Leben auch einfach nicht mehr, hat das Gefühl, in dieser Welt nicht mehr mitzukommen oder fragt sich, warum und wozu man sich abmühen soll, welchen Sinn das Ganze macht. Ob mit oder ohne äussere Ursache – für die meisten Menschen gibt es Phasen in ihrem Leben, wo sie zutiefst verunsichert sind und sich müde und kraftlos fühlen. In solchen Zeiten kann die Geschichte des Propheten Elia, sein Weg durch die Wüste, uns eine Hilfe und eine Orientierung sein. Seine Schwäche kann uns helfen in unserer Schwäche und seine Gotteserfahrung kann in uns das Vertrauen wachsen lassen, dass sich auch uns Gott wieder neu zeigen wird, dass er uns begleitet und stärkt auf dem Weg durch die Wüste.

In den Zeiten unseres Lebens, wo wir uns müde und leer fühlen wie der Prophet Elia unter dem Ginsterstrauch, kann uns die Erinnerung ermutigen, wie Gott sich hier dem Elia zeigt und ihm aufhilft, damit er seinen Weg weitergehen kann. Nicht auf unwiderlegbare Gottesbeweise oder alles verändernde Wunder und Machterweise warten, sondern achtsam sein für die kleinen Zeichen göttlicher Zuwendung und Ermutigung – darauf kommt es an. Nicht dass plötzlich alles wieder anders wird, hell und klar, heil und unbeschwert, dürfen wir erwarten, aber dass uns jemand ein Stück Brot reicht und einen Schluck Wasser, damit wir aufstehen und ein Stück weitergehen können. „Steh auf und iss.“ sagt der Bote zu Elia. Und Elia isst und trinkt und legt sich wieder hin, um weiter zu schlafen. Und noch einmal redet der Bote zu ihm: „Steh auf und iss, denn der Weg, der vor dir liegt, ist weit.“ Er muss den Weg selber gehen und es ist ein weiter Weg. Niemand nimmt ihm diesen Weg auf wunderbare Weise ab. Aber er ist gestärkt. Jetzt kann er aufstehen und weitergehen. Doch Gott lässt ihm auch Zeit. Zweimal kommt der Bote zu Elia. Zweimal findet er Brot und Wasser neben seinem Kopf. Und kein Wort des Vorwurfes, weil er sich beim ersten Mal einfach wieder hingelegt hat. Ja, solche geduldigen und behutsamen Weggefährten, solche Botinnen Gottes, wünsche ich jedem von uns, wenn wir uns müde fühlen und nicht mehr weiter wissen. Kein Appell, doch mehr Gottvertrauen zu haben oder den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern Worte des Verständnisses, kleine Zeichen der Zuwendung und des Trostes, vor allem aber Geduld mit unserer Schwäche. Es ist grossartig, wie hier beschrieben wird, wie Elia wieder die Kraft bekommt weiter zu gehen. Nichts Ausserordentliches geschieht – nur ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser, wenige schlichte Worte, zwei Mal – und Elia spürt, dass er nicht verlassen ist. Lange noch geht Elias Weg durch die Wüste. Vierzig Tage und vierzig Nächte. Und nach diesen vierzig Tagen und Nächten sind seine Fragen noch immer nicht beantwortet. Doch dort am Berg Horeb macht er eine neue Gotteserfahrung. Er, der bisher auf göttliche Machterweise vertraut hatte, erkennt, dass Gott ihm weder im Sturmwind, noch im Erdbeben, noch im Feuer begegnet. Wir haben nicht vergessen, dass er auf dem Berg Karmel noch das Feuer als Gottesbeweis angesehen hat. Erst das Flüstern eines sanften Windhauchs lässt ihn sein Gesicht verhüllen. Es wird gar nicht ausdrücklich gesagt, dass sich Gott in diesem Flüstern zeigt. Aber dieses Flüstern eines sanften Windhauchs ist ein wunderbares Bild für die leise, schwebende, nicht festzuhaltende Gegenwart unseres Gottes. Es ist eine Einladung, sorgfältig zu achten auf die leisen Töne in unserem Leben, die kleinen Zeichen der Ermutigung am Wegesrand. Diese Bild lädt uns ein, auf die Stille zu achten und auf die Menschen, die uns begegnen wie ein Windhauch, die unscheinbaren und die behutsamen, die keine grossen Worte machen und keine grossartigen Versprechungen, die aber einfach da sind, wenn wir sie brauchen.

Manchmal mag es uns gehen wie dem Elia. Müde und leer sitzen wir da und wissen nicht so recht wie weiter. Unser Glaube ist nur noch ein kleines Flämmchen, unser Selbstvertrauen und unser Gottvertrauen nur noch ein glimmender Docht. Es gibt so Vieles, das uns ins Wanken bringen und uns aus der Bahn werfen kann. Möge dann jemand für uns da sein, der uns ein geröstetes Brot und einen Krug mit Wasser hinstellt. Ich wünsche uns, dass wir dann die Zeichen der Zuwendung, der Stärkung und des Trostes nicht übersehen, die Gott uns erfahren lässt. Warten wir dann nicht auf ein Wunder, das alles verändert, auf eine Glaubensgewissheit, die durch nichts zu erschüttern ist. Achten wir vielmehr auf die Zeichen der Stille, das Flüstern eines sanften Windhauchs. Wir müssen unseren Weg selber gehen. Aber mit Gottes Hilfe können wir ihn auch gehen. So wie Elia ihn gehen konnte, Schritt für Schritt, auch wenn er ihn noch lange durch die Wüste führte. Wir sind nicht allein. Gott geht mit uns. Er gibt uns Kraft. Darauf dürfen wir vertrauen.

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