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Archive for the ‘Theologie’ Category

Der mutlose Rebell

Wissenschaftliche Bücher zu schreiben ist eine ziemlich mühsame Angelegenheit – und am Ende liest sie kaum jemand. Warum es nicht einmal anders versuchen, dachte sich wohl der junge Theologe Sebastian Moll und schrieb ein Büchlein unter dem Titel „Jesus war kein Vegetarier“. Zwar hat das Gegenteil im Ernst niemand behauptet, aber die Rechnung ist aufgegangen. Moll polemisierte gegen eine vermeintlich politische Korrektheit der evangelischen Theologie und erzielte damit sicher mehr Echo als mit seiner Promotion über Marcion. „Christ und Welt“ publizierte ein Interview mit ihm und machte eine Debatte daraus – mit einer Entgegnung von Johann Hinrich Claussen und einem offenen Briefwechsel mit Petra Bahr.

Offenbar war C&W so beeindruckt von diesem rebellischen Geist, dass man in dieser Woche eine Kolumne von Moll publizierte. Darin wettert er erneut gegen die political correctness, die eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme für saturierte Wohlstandsbürger sei „gemäss dem schönen Motto: Wer keine Probleme hat, macht sich welche.“ Und wieder ist es die gleiche Masche: erst zieht er mit Sarkasmus gegen eine vermeintliche political correctness vom Leder, um dann gleich wieder zu relativieren, dass es ja nicht grundsätzlich falsch sei auf seine Wortwahl zu achten. Wer so mutlos sich gleich wieder in Deckung bringt, sollte vorher nicht so vollmundig reden. Denn gegen eine überzogene political correctness sind wir schliesslich alle.

Ich finde diese Strategie einfach nur ärgerlich – weshalb ich ausnahmsweise einmal meinem Ärger Luft mache und hier etwas polemischere Töne angeschlagen habe.

 

Kategorien:Theologie

Rechtfertigung in Harvard

12. November 2011 3 Kommentare

Meinem Kollegen Wolfgang Vögele verdanke ich den Hinweis auf eine spannende Rede des Schriftstellers Martin Walser. Gerne verweise ich auf seinen Blogeintrag unter dem Titel Rechtfertigung in Harvard.

Martin Walser reflektiert in seiner Rede das theologische Zentralthema der lutherischen und reformierten Kirchen – die Rechtfertigung – und er tut es als Schriftsteller, der auf anregende Weise literarische und theologische Traditionen in einen Dialog bringt.

Das ist anregend und intelligent – auch wenn man, wie ich, in vielerlei Hinsicht einen kritischen Blick auf Martin Walser werfen mag.

Kategorien:Glaube, Gott, Kultur, Theologie Schlagwörter:

Selig seid ihr …

1. Mai 2011 2 Kommentare

Aus gegebenem Anlass heute die Seligpreisungen der Bergpredigt:

3 Selig die Armen im Geist – ihnen gehört das Himmelreich.

4 Selig die Trauernden – sie werden getröstet werden.

5 Selig die Gewaltlosen – sie werden das Land erben.

6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit – sie werden gesättigt werden.

7 Selig die Barmherzigen – sie werden Barmherzigkeit erlangen.

8 Selig, die reinen Herzens sind – sie werden Gott schauen.

9 Selig, die Frieden stiften – sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden.

10 Selig, die verfolgt sind um der Gerechtigkeit willen – ihnen gehört das Himmelreich.

11 Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und euch das Ärgste nachsagen um meinetwillen und dabei lügen.

12 Freut euch und frohlockt, denn euer Lohn im Himmel ist gross. Denn so haben sie auch die Propheten vor euch verfolgt.

Und ich verweise auf die lesenswerte Kritik von Robert Leicht in der ZEIT an der Seligsprechung von Johannes Paul II.

Kategorien:Theologie

Widerspruch, Papst Benedikt

4. März 2011 5 Kommentare

Als Vorabdruck im Feuilleton der ZEIT v. 3.3.2011 ist ein Auszug aus dem Buch „Jesus von Nazareth. 2. Teil“ von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. zu lesen. Wie schon die Überschrift besagt, gipfeln die Erwägungen Benedikts zur Chronologie von Jesu Abendmahl in der Feststellung „Christus ist das Neue“. Er hält die johanneische Chronologie für die historisch zutreffende. Dann war Jesu Mahl mit seinen Jüngern kein jüdisches Passamahl. Vielmehr sei es ein Mahl gewesen, dass Jesus im Wissen um seinen bevorstehenden Tod mit seinen Jüngern gefeiert habe. Nach der johanneischen und laut Ratzinger auch historisch zutreffenden Chronologie, sei Jesus genau zu der Zeit gestorben als im Tempel die Passalämmer geschlachtet wurden. Daraus zieht Ratzinger weitreichende Schlüsse: „Das Wesentliche dieses Abschiedsmahles war nicht das alte Pascha, sondern das Neue, das Jesus in diesem Zusammenhang vollzog. (…) Es war Jesu Pascha.“
Auch wenn man die johanneische Chronologie für historisch zutreffend hält, lässt sie nicht derart weitgehende Schlüsse zu. Ein Hauptproblem sehe ich darin, dass hier aus historischen Argumenten vorschnell theologisch-dogmatische Folgerungen gezogen werden. Jesu Todesbewusstsein ist ein theologisches Postulat und kein historisches Faktum. Dass er für die christliche Gemeinde zum wahren Passalamm geworden ist, das ist die Deutung der christlichen Gemeinde. Implizit unterstellt Ratzinger aber, dies sei Jesu eigenes Verständnis dieses letzten Mahles gewesen, was in meinen Augen historisch unzulässig ist.
Diese Zusammenschau dogmatischer und historischer Lektüre der Evangelien war schon ein Grundproblem des 1. Teils von Benedikts Jesus-Buch. Aber hier wird diese Problematik besonders deutlich. Und sie hat Folgen: Aus Jesus, dem Juden, wird so unter der Hand ein Jesus, der seines jüdischen Kontextes beraubt, quasi zum „historischen Christus“ gemacht wird. Die Deutung seiner Person, die den Glauben der Gemeinde auf dem Hintergrund wachsender Auseinandersetzungen mit dem Judentum in der Zeit nach 70 n.Chr. spiegelt, wird in die Zeit des historischen Jesus zurückverlegt.
In meinen Augen fällt damit Ratzinger/Benedikt XVI. hinter den Stand der exegetischen Forschung und vor allem hinter den Stand des jüdisch-christlichen Dialogs zurück. Mit der Betonung des Gegensatzes von alt und neu und der Charakterisierung Jesu als das „wahre Passalamm“ kehrt das Bild einer Überwindung des Judentums durch das Christentum kaum verhüllt zurück, ein Bild , das längst überwunden schien. Es fällt schwer, darin keinen Zusammenhang mit fragwürdigen Entscheidungen dieses Papstes wie der Wiedereinführung der Fürbitte für die Juden im Karfreitagsgebet zu sehen.

Ich glaube … – woran glauben wir?

16. Januar 2011 1 Kommentar

Eine Besonderheit der schweizerischen reformierten Kirchen ist, dass sie bekenntnisfreie Kirchen sind, d.h. sie kennen kein für alle verbindliches Glaubensbekenntnis. auch die altkirchlichen Bekenntnisse und die reformatorischen Bekenntnisschriften sind zwar Teil unserer Tradition, besitzen aber keinen theologisch verbindlichen Charakter. Das ist ein Ergebnis der reformierten kirchlichen Debatten des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Bekenntnisfreiheit ist ein Ausdruck christlicher Freiheit und trägt dem persönlichen Charakter der Bekennens Rechnung. Kirche sind die Menschen, die immer wieder neu nach Sprachformen des Glaubens suchen. Aber Bekenntnisfreiheit ist nicht Bekenntnislosigkeit. Glaube sucht nach Sprache, in der er sich auszudrücken vermag. Bräuchte es da nicht doch auch gemeinschaftliche Ausdrucksformen des Glaubens – ein gemeinsames Bekenntnis -, damit Vielfalt nicht zur Beliebigkeit wird und die Kirche ein Gesicht bekommt. „er nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht“ heisst es ja zu Recht.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Frage nach einem reformierten Bekenntnis, über die derzeit in den schweizerischen reformierten Kirchen diskutiert wird. Und die Frage nach dem Bekenntnis ist immer auch die Frage nach dem persönlichen und dem gemeinsam verbindlichen Glauben. „Ich glaube… – woran glauben wir?“ ist deshalb eine sechsteilige Kursreihe in unserer kirchlichen Region überschrieben, bei der wir uns mit Fragen des Bekennens und des Bekenntnisses auseinandersetzen werden.

Infos zu dieser Reihe sind hier zu finden.

Kategorien:Freiheit, Glaube, Theologie

Kirche leiten

29. November 2010 4 Kommentare

Isolde Karle verdanke ich einen wunderbaren kleinen Textfund aus der Praktischen Theologie von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher: „Es ist also auch gar nicht so schwer die Kirche zu regieren, wenn man nur nicht zu viel regieren will“.

Kirchenleitungen sind durchaus nicht zu beneiden und ich habe grossen Respekt vor allen, die sich dieser Aufgabe stellen. Beherzigenswert finde ich Schleiermachers Hinweis dennoch. Protestantische Kirchen sind Netzwerkkirchen, die nicht Top-Down gemanagt werden können. Das bedeutet aber auch, dass wir die Verantwortung für die Kirche nicht einfach an „die da oben“ abschieben können.

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Glaube und Schrift

24. November 2010 6 Kommentare

Die folgenden Überlegungen sind entstanden aus einer Diskussion, in der jemand behauptete, es sei Unsinn aus historischen Dokumenten eine Religion abzuleiten. Das hat mich veranlasst, ein paar Gedanken zum Verhältnis von Glauben und Schrift zu formulieren.

Judentum, Christentum und Islam sind allesamt Schriftreligionen. Aber sind diese heiligen Schriften nicht allesamt menschliche Dokumente in bestimmten geschichtlichen Kontexten? Wieso haben sie aber dann eine Sonderstellung gegenüber anderen historischen Texten und in welchem Sinn können wir uns darauf berufen?

Die Religion kommt vor der Schrift und gelebter, historisch sich wandelnder Glaube kommt vor der Verschriftlichung in Glaubensdokumenten.  Die Verschriftlichung ist ein sekundärer Akt, der auch mit der Vergemeinschaftung religiöser Erfahrungen zu tun hat. In einem gewissen Stadium beziehen sich viele Religionen auf zentrale religiöse Schriften.

Umstritten ist nun, in welchem Sinne diesen autoritative Geltung zukommt. Wer sie als göttlich gegeben und bis in den Wortlaut hinein unfehlbar ansieht, muss sich mit dem Problem auseinandersetzen, dass es auch in heiligen Schriften Widersprüche gibt und dass er das Wort über den Geist stellt und seinen Glauben gegenüber seiner Gegenwart und seinen Alltagserfahrungen abschottet.

Mein Weg ist ein anderer: ich sehe – in meinem christlichen Glauben – die biblischen Schriften als menschliche Glaubensdokumente, die also erforschbar und kritisierbar sind. Ihre Sonderstellung ist historisch gewachsen. Die Kanonbildung beruht auf menschlichen Entscheidungen. Aber sie sind der gemeinsame Bezugspunkt derer, die im Christentum beheimatet sein wollen. Darin besteht ihre Verbindlichkeit und Autorität. Christlicher Glaube kann nicht an der Schrift vorbei expliziert werden. Aber im Dialog mit der Schrift kommt den heutigen Erfahrungen, Einsichten und Gefühlen ein eigenständiges Gewicht zu.

Mit historisch-kritischer Forschung kann ich besser verstehen, welchen Ursprungssinn diese Texte haben und in welchem Umfeld sie beheimatet waren. Das kann einerseits meinen Glauben bereichern und zu einem besseren Verständnis beitragen. Es kann aber auch eine Hilfe sein, biblizistisch-fundamentalistischen Bibelgebrauch mit Argumenten zu kritisieren. Und jede Argumentation mit der Bibel sollte sich erstens fragen, ob der herangezogene Text im Einklang mit dem Geist der Schrift steht (für Luther hiess das: „was Christum treibet“), muss sich zweitens mit Vernunftargumenten auseinandersetzen und sich drittens stets fragen, welche Auswirkungen die jeweilige Deutung hat (was für mich mit dem ersten Punkt zusammenhängt).

Der Preis eines solchen Verständnisses ist, dass ich mich nicht einfach autoritativ auf die Schrift berufen kann und mit vielfältigen Deutungen leben muss. Eigene Erfahrungen und biblische Texte stehen ständig in einem kritischen Dialog, und ebenso eigene Erfahrungen und Deutungen und die Deutungen anderer. Aber genau das ist bereichernd und bewahrt davor, den eigenen Glauben absolut zu setzen.

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