Archiv

Archive for the ‘Vergebung’ Category

Den Menschen nicht aus dem Blick verlieren

21. April 2011 3 Kommentare

Da stirbt einer wie ein Verbrecher am Kreuz. Schaulustige stehen ringsum und treiben mit dem Geschundenen und Todgeweihten ihren Spott. Der aber vergibt noch im Sterben seinen Peinigern. Er solidarisiert sich mit seinem Leidensgenossen und tröstet ihn. Und am Ende kann er schliesslich loslassen, sein Schicksal in Gottes Hand legen. Es ist eine zutiefst menschliche Szene, die das Lukasevangelium in seiner Passionsgeschichte erzählt. Und diese Menschlichkeit wird noch unterstrichen dadurch, dass der römische Hauptmann, der sich von dieser Szene berühren lässt, über Jesus sagt: „Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen.“ Im Matthäus- und im Markusevangelium heisst es in der selben Szene „dieser ist Gottes Sohn gewesen“.

In meiner Karfreitagspredigt weise ich auf diesen wichtigen Unterschied hin. Sie ist als Dialog einer Frau namens Ruth mit dem Verfasser des Lukasevangeliums angelegt. Dabei lege ich Lukas u.a. Folgendes in den Mund:

„Meine Grundüberzeugung, meine Glaubenseinsicht ist: Wer Gott erkennen will, der darf den Menschen nicht aus dem Blick verlieren. „Sohn Gottes“ aus dem Munde eines römischen Hauptmanns, das lässt mich an den Kaiser denken, der sich ja als Sohn Gottes feiern liess. Manche von uns sind dafür gestorben, dass sie sich an dieser Gotteslästerung nicht beteiligen wollten. Aber wenn wir Gott in Jesus erkennen sollen, dann steht mir das Bild des gekreuzigten Menschen vor Augen, des leidenden Gerechten. Dieser Anblick berührt mich, erfüllt mich selbst mit Mitgefühl und Anteilnahme – am Geschick Jesu, aber auch am Geschick all der Menschen, die leiden müssen, die ein Kreuz zu tragen haben. „Ein frommer Mensch“, das ist sicher nicht alles, was man über Jesus sagen kann, aber wer mit den grossen Worten beginnt, vergisst allzu leicht die kleinen, alltäglichen Dinge. Und unseren Glauben können wir gar nicht anders leben als in der kleinen Münze alltäglicher Anteilnahme, Fürsorge und Liebe.“

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

Kategorien:Gottesbilder, Liebe, Predigt, Sterben, Vergebung Schlagwörter: , ,

Von Menschen und Göttern II

Vor einiger Zeit habe ich auf den Film „Des hommes et des dieux“ hingewiesen.  Beeindruckend an diesem Film finde ich die Stille und Ruhe, in der diese Klostergemeinschaft ihrem Tagewerk nachgeht. Wie sie sich weigern, sich von der Armee schützen zu lassen, weil Gewalt für sie kein Weg ist. Wie sie mit sich und miteinander ringen um die richtige Entscheidung „bleiben oder gehen“, wie sie ihre inneren Kämpfe austragen. Beeindruckend auch, wie das freundschaftliche und respektvolle Miteinander mit den Dorfbewohnern gezeigt wird. Wie die Mönche in ihren uralten und scheinbar so weltfremden Ritualen und Gesängen leben und daraus eine ungeheure Kraft schöpfen. Wie sie sich der Gewalt nicht beugen und nicht dem Hass verfallen. Ein Mönch zitiert Blaise Pascal: „Niemals tut der Mensch das Böse so vollkommen und fröhlich, als wenn er es aus religiöser Überzeugung tut.“ Und die Worte des Abtes gegen Ende des Films sind bewegend. Noch in seinen Entführern sieht er die Menschen und bittet für sie. Er weigert sich, die Gewalt im Namen der Religion zur Waffe gegen diese Religion zu gebrauchen.

Jan Ross stellt in der ZEIT vom 13. Januar in seinem Artikel „Märtyrer“ die provozierende Frage, ob dieser Film auch so erfolgreich wäre, wenn er nicht in den Zusammenhang der Islamdebatte träte und wenn die Mönche statt von Islamisten von fanatischen Hindus oder mexikanischen Drogenhändlern ermordet worden wären. Die Antwort fällt nicht leicht. Und trotzdem zeigt Jan Ross eindrücklich, warum man den Film schon grob missverstehen müsste, wenn man ihn zum Instrument im vielbeschworenen Kampf der Kulturen machen würde:

Die Mönche im Atlasgebirge verstanden sich nicht als Vorposten der westlichen Zivilisation, sie waren nicht einmal christliche Missionare, die ihren Glauben verbreiten wollten. Sie lebten einfach dort unter den mehrheitlich muslimischen Algeriern, feierten Gottesdienst, trieben Landwirtschaft und behandelten die Kranken des Dorfs. Das war ihr »Zeugnis«, das sie nicht preisgeben konnten und für das sie im Ernstfall ihr Leben zu opfern bereit waren. Ihr Verhältnis zum Islam war gerade nicht konfrontativ, sondern brüderlich: Auf dem Tisch von Christian de Chergé lag der Koran neben der Bibel, und noch in seinem Abschiedsbrief bekennt er seine Liebe zu Land und Leuten, ihre Religion eingeschlossen.“ (Die Zeit Nr. 3 v. 13.1.2011, S.5)

 

 

 

Entschuldigungskultur

Im Zeitmagazin zum Jahreswechsel macht sich die Redakteurin Ursula März kritische Gedanken „Über Entschuldigungen“. Sie reflektiert über den Zusammenhang von Entschuldigungen und Handlungen und verweist auf den Rücktritt von Margot Kässmann als eine „maximal wirksame Entschuldigung“.

Vielleicht hat Margot Kässmann deshalb am Ende alles richtg gemacht, weil sie ein Gespür dafür hatte, dass eine Entschuldigung immer eine konkrete Benennung der Schuld und tätige Reue erfordert. Menschen haben meist ein gutes Gespür dafür, ob eine Entschuldigung eine Vorwärtsstrategie ist, weil alle anderen Wege verschlossen sind oder bedeutet, dass jemand Verantwortung übernimmt. Allerdings scheint mir ebenso wichtig wie die Handlung, die mit der Entschuldigung verbunden sein sollte, die konkrete Benennung des Fehlers, der Schuld. Viel zu oft ist bei (inszenierten) Entschuldigungen zu erahnen, dass nur zugegeben wird, was sich nicht mehr leugnen lässt und der eigene Nutzen der Entschuldigung im Vordergrund steht. Entschuldigung als Strategie ist aber keine Umkehr und hat kaum heilsame Wirkung.

Maximal wirksam war die Entschuldigung von Margot Kässmann in meinen Augen auch deshalb, weil sie paradoxerweise nicht auf maximale Wirksamkeit angelegt war. Wirksame Entschuldigungen sind Übungen in Demut und im aufrechten Gang zugleich. Sie sind Übungen in Demut, weil wir dann den Versuch aufgeben müssen, uns ins beste Licht zu rücken und uns einem Anderen aussetzen, der unsere Entschuldigung erst annehmen muss. Sie sind Übungen im aufrechten Gang, weil wir dann mit dem Versteckspiel und den Rechtfertigungen aufhören können und nicht etwas aus uns machen müssen, was wir nicht sind. Wer sich entschuldigen kann, muss nicht die Schuld (zumindest zu einem möglichst grossen Teil) beim Anderen oder bei der Gesellschaft oder den Umständen suchen.

Die tragfähigste Basis für eine solche Entschuldigungskultur im positivsten Sinn ist das Vertrauen in ein uns allen zuvorkommendes Ja, welches für mich das Zentrum des christlichen Glaubens ist. Wenn ich mich angenommen weiss unabhängig von all meinen Leistungen und Taten, dann kann ich auch zu meinem Tun stehen und auf die Kraft der Vergebung vertrauen. Wenn ich auf dieses Ja vertrauen kann, dann muss ich mich nicht noch in meinen Entschuldigungen um mein Image sorgen und mich ins bestmögliche Licht rücken.

Wie viel könnten wir gewinnen, wenn wir lernten, uns absichtslos zu entschuldigen, Verantwortung zu übernehmen in Wort und Tat und einfach der heilsamen Kraft des Verzeihens und Vergessens zu vertrauen.

Kategorien:Vergebung Schlagwörter: , , ,