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Archive for the ‘Weihnachten’ Category

Geburtlich leben

Die Philosophin Hanna Arendt hat den Gedanken der Geburtlichkeit ins Zentrum ihres Denkens gestellt. „Der Mensch wurde geschaffen, damit ein Anfang sei. Dieser Anfang ist immer und überall da. Er ist garantiert durch die Geburt eines jedes Menschen. Mit ihrer Geburt treten ständig neue Menschen ins Leben und können durch ihr Handeln die Welt verändern. Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten: Uns ist ein Kind geboren.“ So Hanna Arendt – und die Anspielung auf die Weihnachtsgeschichte kann uns den Sinn der Weihnachtsgeschichte vor Augen führen. Wenn Hanna Arendt unser Leben vom Geborensein her denkt, dann ist sie im direkten Widerspruch zu ihrem Lehrer Martin Heidegger der die menschliche Existenz als ein „Sein zum Tode“ versteht.

Im 1. Johannesbrief lesen wir: „Wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar werden wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ Wir dürfen uns entwickeln, aus Sackgassen wieder umkehren, neue Möglichkeiten entdecken, aufstehen, wenn wir umfallen, Fehler eingestehen, ja überhaupt mutig und zuversichtlich handeln und unseren Weg gehen, weil wir Gottes Kinder heissen und auf dem Weg sind, es immer mehr zu werden.

Weihnachtlich leben im Anblick des Kindes in der Krippe, das könnte heissen, dass wir uns immer wieder auf neue Anfänge einlassen. Solche neuen Anfänge sind möglich, wo Menschen einander verzeihen und einander nicht mehr auf das festlegen, was war, sondern ausprobieren, was sein könnte. Sie sind möglich, wenn wir einander als Kinder Gottes ansehen und versuchen, die Liebe, die Gott uns erwiesen hat, weiter zu geben, auch wenn uns dies nur unvollkommen gelingen mag. Solche neuen Anfänge sind möglich, wenn wir lernen uns mit den Augen Gottes zu sehen, als Menschen im Werden, als geliebte Kinder. Solche Anfänge sind möglich, wenn wir in jedem Ende nach dem neuen Anfang suchen und so kann uns letztlich auch der Tod zu einer Neugeburt werden. „Denn dann wird offenbar, was wir sind und wir werden ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen wie er ist.“ An Weihnachten aber ist er uns gleich geworden, damit wir der Liebe Gottes vertrauen und anfänglich leben – leben als Menschen mit Zukunft und Hoffnung, leben als Menschen, die zur Liebe und zum Frieden fähig sind, leben als Menschen, die durch ihr Handeln Neues schaffen und zärtlich und behutsam sein können.

Meine ganze Weihnachtspredigt ist hier zu lesen

Immanuel

An Heiligabend predige ich in diesem Jahr über die Weihnachtsgeschichte aus dem Matthäusevangelium. Der Evangelist Matthäus erinnert sich in seiner Weihnachtsgeschichte an die alten Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja: „Siehe, eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.“

Eigentlich ist die Botschaft von Weihnachten ganz einfach: Gott nimmt unsere Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit an. Und darum dürfen wir uns selbst annehmen, verletzlich und bedürftig wie wir sind. Gott findet keine Herberge in den Palästen unserer Grossartigkeit, aber er zieht ein in die Einfachheit unserer Herzen. Wer sein Herz öffnet, bei dem wird er Wohnung finden. Gott gibt jedem einzelnen Menschen eine unverletzliche und unverlierbare Würde. Auf diese Würde dürfen wir uns berufen und wir sollen sie achten bei allen Menschen und uns für die Würde jedes einzelnen einsetzen. Frieden kann werden, wenn wir uns von dieser Botschaft berühren lassen. Es braucht dann natürlich immer noch politische Klugheit im Grossen und alltägliches Bemühen und Arbeit im Kleinen, damit Frieden gelingen kann. Aber wo Menschen zulassen können, dass sie selbst bedürftig und verletzlich sind und dies auch anderen zugestehen, ja sich von ihrer Verletzlichkeit und Bedürftigkeit berühren lassen, da kann Frieden beginnen, da ist Gott mit uns und es kann Weihnachten werden.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

 

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Gesegnete Weihnachten

 

Frohe Weihnachten und

 

ein gesegnetes neues Jahr 2012

 

 

Kategorien:Weihnachten

Schenken und sich beschenken lassen

Wer jenseits des ewigen Lamentos über den weihnachtlichen Konsumrausch Nachdenkenswertes zum Thema Gaben und Gegengaben sucht, dem sei der Leitartikel von Uwe Justus Wenzel ind der Weihnachtsausgabe der NZZ empfohlen (leider nicht online verfügbar). Er legt dabei auf vorzügliche Weise den christlichen Kern des Weihnachtsfestes frei.

„Die Geburt des Gottessohns, die die Christenheit alljährlich feiert, ist der – wenn auch für viele nurmehr sehr mittelbare – Anlass, um Geschenke zu machen. Und doch geht es, wenn eine laientheologische Mutmassung erlaubt ist, für Christenmenschen beim Weihnachtsfest im Grunde nicht so sehr um das selige Geben als vielmehr um das selige Nehmen, um das Annehmen eines Geschenkes, das ihnen Gott mit der Menschwerdung gemacht hat: das Geschenk des – erneuerten – Lebens. Nehmen sie es an – richtiger: geht ihnen auf, dass sie es angenommen haben -, dann machen sie damit dem, der es gegeben hat, ihrerseits ein Geschenk, das des Dankes und des Glaubens. Das ist eigentlich ganz einfach und ermangelt doch nicht der Subtilität.“

Jenseits aller dogmatischen Formeln bringt er das Geheimnis von Weihnachten auf den Punkt – das Geheimnis des geschenkten Lebens, dieses so verletzlichen, nackten und bedürftigen Lebens, das wir nur dankbar annehmen können.

Wenzel verweist auf das Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippe hier“ und meint dazu: „Christenmenschen sind im Lichte dieser Zeilen das gerade Gegenteil jener angeblich «edlen» – in Wahrheit grob undankbaren – Seelen, von denen Nietzsches Zarathustra stolz behauptet: «Sie wollen nichts umsonst haben, am wenigsten das Leben.» – Das Leben ist aber, christlich gedacht, genau das: umsonst, gratis, ein Geschenk des Himmels eben, das vom Umtausch freilich ausgeschlossen ist. Für seinen Empfang müssen seine Empfänger, für ihn können sie nichts tun.“ Und er schliesst: „Es spricht nichts dagegen, sondern alles dafür, den Dank für das Geschenk des Lebens auch durch das freigebige weihnachtliche Beschenken der Mitmenschen, nächster wie fernster, zu bezeigen.“

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Ja und Amen

Im Text aus dem 2. Kor 1,18-24, über den ich heute predige, geht es um Verlässlichkeit – um die Verlässlichkeit Gottes und um die Verlässlichkeit des Apostels Paulus. Der lässt nämlich die Gemeinde in Korinth auf einen versprochenen Besuch warten und nun muss er sich erklären, um die aufkeimenden Zweifel auszuräumen. Dieser Text ist für mich auch ein Lehrstück dafür, dass Verlässlichkeit nicht bedeutet, stets und um jeden Preis an seinen Plänen, seinen Urteilen und Ansichten festzuhalten, sondern achtsam und der Liebe auf der Spur zu bleiben und dann das zu tun, was die Situation erfordert.

Wenn wir an Weihnachten die Geburt des Kindes in der Krippe feiern, dann feiern wir das Ja Gottes zu seinen Verheissungen. Wir feiern das Ja Gottes zu uns Menschen, das uneingeschränkt gilt. Gott unterläuft unsere Gewohnheiten, alles in Schwarz und Weiss, Gut und Böse einzuteilen, zu dem einen Ja und dem anderen Nein zu sagen. Bei Gott steht an erster Stelle und uneingeschränkt das Ja, das Ja der Liebe zu seiner Schöpfung, das Ja der Liebe zu uns Menschen. Und wo Gott Nein sagt, da sagt er nicht Nein zum Menschen, sondern Nein zu einem bestimmten Tun, zu einer verfehlten Einstellung, zu einem Irrweg. Wo Gott Nein sagt, da ist dieses Nein von Liebe bestimmt und getragen von seinem Ja zu allen Menschen. Gott steht zu seinen Versprechen. Er ist treu gegenüber uns Menschen. Das ist die Grundbotschaft der Bibel. Diese Zusage klingt uns aus dem Munde des Engels entgegen, der uns zuruft: „Fürchtet euch nicht. Siehe ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren.“

„Denn auf alle Gottesverheissungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.“- so heisst es in dem Text. Gottes Ja ist das erste Wort. Aber dieses Ja lädt uns ein zur Antwort. Im Vertrauen auf Jesus Christus sollen wir „Amen“ sagen. „So sei es“ heisst diese alte Gebetsformel übersetzt. Wir sollen nicht zu allem Ja und Amen sagen, sondern Amen zu dem Ja Gottes, das uns die Botschaft der Bibel verkündet, das uns in dem Kind in der Krippe begegnet. Dieses Amen sprechen wir, wenn wir an Gott festhalten – auch dann, wenn unser Weg durchs Dunkel führt, wenn die Zweifel kommen und die bedrängenden Fragen. Amen sagen wir, wenn wir warten können in Geduld, Raum schaffen und Raum gewähren, Zeit lassen für Versöhnung und Frieden. Und Amen sagen wir, wenn wir Ja sagen zu den Menschen, wenn wir versuchen, der Liebe Gottes zu allen Menschen zu entsprechen, indem wir nicht verurteilen, nicht abschreiben, nicht zerstören. Auch da, wo wir glauben, dass wir einem Menschen gegenüber Nein sagen müssen, sollten wir immer mit der Möglichkeit rechnen, dass wir im Irrtum sein könnten. Und vor allem darf dieses Nein immer nur der Position des anderen, seinem konkreten Verhalten gelten und niemals dem ganzen Menschen. Auch im Nein muss das Ja zum Menschen, das Ja der Liebe erhalten bleiben. Selbst da wo Menschen sich trennen, weil sie keinen gemeinsamen Weg mehr finden können, sollen sie sich darum bemühen, den anderen nicht als Menschen zu verurteilen oder gar zu verachten. So können wir Amen sagen zu dem Ja Gottes – in aller Vorläufigkeit und Zerbrechlichkeit, die uns Menschen in dieser Welt eigen ist.

Die vollständige Predigt ist hier zu lesen.

Achtet das Kleine

25. Dezember 2010 1 Kommentar

Bethlehem, die kleine und unbedeutende Stadt, wird beim Propheten Micha zur Quelle von Heil und Frieden. Deshalb spielt die Weihnachtsgeschichte des Lukas in Bethlehem. In meiner Weihnachtspredigt habe ich den Predigttext Micha 5,1-4a unter die Überschrift gestellt: Achtet das Kleine.

Es kommt nicht darauf an ein anderer zu werden, sondern der andere zu sein, der wir in Gottes Augen schon sind, sein geliebtes Kind. Denn er erwählt das Kleine, uns Kleine. Und niemand ist zu klein um Menschlichkeit zu erfahren und andere Menschlichkeit erfahren zu lassen.

Wenn wir Weihnachten feiern, dann spüren wir hoffentlich etwas von dieser Sehnsucht nach Frieden, die in uns steckt, von dem Bedürfnis, zuhause zu sein in unserem Leben, sich versöhnen zu können mit der eigenen Geschichte und hoffentlich können wir glauben, dass Gott das Kleine und Zerbrechliche erwählt und auch uns seine Nähe zuspricht. Und er ermutigt uns, die vielen Gelegenheiten zur Menschlichkeit zu erkennen und sie zu ergreifen.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

Angesehen werden

In der heutigen Christnachtfeier habe ich einen Abschnitt aus dem Johannesevangelium und die lukanische Weihnachtsgeschicht als Predigttext gewählt. In Joh 3,16f. heisst es: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“

Diese Worte und die Geschichte aus dem Stall von Bethlehem sind für mich Urbilder der Menschlichkeit, der Liebe und Güte unseres Gottes. Sie lehren uns die Auflehnung gegen alles, was die Menschen zu austauschbarem Krempel macht. In diesem einen Kind sagt uns Gott: Du bist mir wichtig, du mit allem was zu dir gehört, mit deinen Macken, mit dem was dich bedrückt, mit allem was dich glücklich macht. Die Weihnachtsgeschichte leugnet das schreckliche Gefühl der Austauschbarkeit von Menschen nicht, aber sie setzt ihm etwas entgegen: die Liebe Gottes, die in diesem verletzlichen Kind in der Krippe lebt, mitten unter uns und von dem ein Licht ausgeht, das auch in unser Herz hineinleuchten kann. Lukas setzt nicht der idealen Kleinfamilie ein Denkmal, sondern er lässt das Heil Gottes hineintreten in das Leben ganz normaler, scheinbar austauschbarer Menschen, in einen schäbigen Stall, in einem schutzbedürftigen Kind. Gerade darum ist Weihnachten das Fest der Menschlichkeit, der gefährdeten, zerbrechlichen Menschlichkeit, der göttlichen Würde jedes einzelnen Menschen. Dieses Licht, das uns in der Weihnachtsgeschichte aufleuchtet, soll hineinstrahlen in unseren Alltag.

Die ganze Predigt ist zu hier zu lesen

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Weihnachten

23. Dezember 2010 2 Kommentare


Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

Rainer Maria Rilke, 1875 – 1926

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Gottes Lob wandert – Zum 4. Advent

Das Magnificat – das Loblied der Maria ist für mich einer der eindrücklichsten und bewegendsten Texte der Bibel. „Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.“ So heisst es im Loblied der Maria. Und dann folgen Worte, die die Verhältnisse auf den Kopf stellen, die davon singen, dass Gott die Kleinen gross und die Grossen klein macht, dass er die Macht der Mächtigen bricht und die Bäuche der Hungrigen füllt. Ein rebellisches Lied, ein Lied der Hoffnung. Eine moderne Nachdichtung des Magnificat ist das Lied Nr. 2 im Reformierten Gesangbuchder Schweiz:

Gottes Lob wandert, und Erde darf hören.
Einst sang Maria, sie jubelte Antwort.
Wir stehn im Echo der Botschaft vom Leben:
Den Herrn preist meine Seele.
Ich freue mich, dass er mein Retter ist.
Der Hohe schaut die Niedrige an.
Halleluja, Halleluja.
 
Scharen von Schwestern und Brüdern im Glauben
singen, was damals Maria gesungen,
als ihr geschah, wie der Engel versprochen:
Den Herrn preist meine Seele.
Ich freue mich, dass er mein Retter ist.
Die Stolzen stürzt er endlich vom Thron.
Halleluja, Halleluja.
 
Wunder der Wunder: für uns wirst du Mensch, Herr!
Lass doch das Lied, das Maria uns lehrte,
Brücke der Freude sein, die uns zu dir führt:
Den Herrn preist meine Seele.
Ich freue mich, dass er mein Retter ist.
Er denkt an uns, hilft Israel auf.
Halleluja, Halleluja.

Gottes Lob wandert und Erde darf hören. Einst sang Maria und jubelte Antwort. Wir stehn im Echo der Botschaft vom Leben. Drei kurze und knappe Sätze von grosser Weisheit und Tiefe. Gottes Lob kommt auf die Erde zu, es hat seinen Ursprung nicht auf der Erde, es stammt nicht aus frommer Erfindungskraft oder aus religiöser Sehnsucht der Menschen. Es kommt wie von aussen auf die Erde zu und die Erde darf es hören, wenn sie will. Sie muss nicht – es ist ein Angebot. Es kann untergehen im Lärm unseres Alltags, es kann übertont und erstickt werden durch unsere Sorgen und Ängste, durch unsere Pläne und unseren Aktivismus. Wer vom Lob Gottes berührt werden will, muss sich Zeit nehmen, innerlich und äusserlich zur Ruhe kommen und darauf hören. Der muss hören lernen auf diesen eigenen Klang des Lobes Gottes, der fremd ist in der Welt der Macher und Planer, der Manager, Strategen und Generale. Und so ist unser Lied eine Einladung, aufmerksam hören zu lernen, diesen Klang zu vernehmen, den Klang von Lebensdank und Hoffnung, von Freude und vom Warten auf Gerechtigkeit. Martin Luther hat gemeint, dass das Ohr unser wichtigstes Organ sei. Was uns über das Ohr erreicht, erreicht unser Herz. Und darum geht es in der Advents- und Weihnachtszeit, darum geht es in der ganzen Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen, dass Gottes Liebe unser Herz erreicht. Und so hören wir auf den Klang der Weihnachtsbotschaft, die auch in diesem Jahr über die Erde wandert und unsere Ohren und Herzen erreichen und in uns Wohnung nehmen möchte.

Maria ist uns darin Schwester und Vorbild. Sie hörte die Botschaft des Engels und jubelte Antwort. Sie, diese junge und einfache Frau vor 2000 Jahren hörte aufmerksam und liess sich berühren. Und sie jubelte Antwort, sie nahm den Klang der frohen Botschaft auf und liess sich zu einem eigenen Loblied bewegen. Einem Loblied, mit dem sie sich einreihte in die reiche Glaubenstradition Israels und sich verbunden wusste mit ihren Schwestern im Glauben, die schon vor ihr Loblieder angestimmt hatten. Sie folgte ihrer Schwester Mirjam, die beim Auszug aus Ägypten die Pauke schlug und ihr Lied sang: „Singen will ich dem Herrn, denn hoch erhaben ist er; Ross und Reiter warf er ins Meer.“ Sie folgte ihrer Schwester Hanna, der Prophetin, die mit ähnlichen Worten wie Maria, den Gott pries, der die Armen satt macht und die Niedrigen erhöht, der die Mächtigen von ihrem Thron stösst und erniedrigt. In dieser Tradition starker und allzuoft vergessener Frauen steht Maria mit ihrem Lobgesang. Sie alle besingen den Gott , der befreit und Gerechtigkeit schafft. „Der Hohe schaut die Niedrige an“ – so singt Maria. Gott traut mir Grosses zu. Er mutet mir ganz Unglaubliches zu, mir, die ich niedrig und unbedeutend bin. Und ich sage ja. Er will durch mich etwas noch nie Dagewesenes in der Welt beginnen lassen. Und ich sage Ja. Er will, dass sein Sohn durch den Heiligen Geist in mir wächst und gross wird und ich ihn zur Welt bringe, in die Welt in der ich lebe, hier und heute. Und ich sage Ja. Und mein Herz wird weit und öffnet sich, und ich werde vom Gotteslob erfasst und singe: Den Herrn preist meine Seele. Ich freue mich, dass er mein Retter ist. Der Hohe schaut die Niedrige an. Halleluja. So wird die junge Frau Maria zum Urbild des Glaubens, eines Glaubens der hört und vernimmt und sein Loblied singt. Und wir stehen heute im Echo der Botschaft vom Leben, der Botschaft die einst in den Lobgesängen der Mirjam, der Hanna und der Maria ihr Echo fand, der Botschaft, die die Hirten auf dem Felde vernahmen und die sie in Bewegung setzte.  

Wir stehen im Echo der Botschaft vom Leben. Es ist ein lebendiges und vielfältiges Echo, dass diese Botschaft durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder gefunden hat. Unzählige Menschen haben die Worte Marias aufgenommen und mit ihrer eigenen, unverwechselbaren Stimme zum Klingen gebracht, Frauen, Männer und Kinder; Einzelne und Chöre; Fröhliche und Traurige. Sie haben das Echo der Botschaft vom Leben durch die Zeiten hindurchgetragen, haben es mit ihren Lebenserfahrungen angereichert. Erreicht uns diese Botschaft hier und heute , in den Hoffnungen und Enttäuschungen unseres Lebensalltags? Erreicht sie unsere Ohren und unser Herz und bringt sie etwas in uns zum Klingen, findet bei uns ihr Echo, ihre Antwort? Ja, diese Worte warten darauf, dass wir sie heute hören und singen und dass wir sie singend verantworten. Denn die Worte des Liedes wollen uns nicht nur an Maria erinnern. Sie wollen uns nahekommen, uns auf den Leib rücken und zu unseren eigenen Worten werden. „Er ist mein Retter.“ So singen wir von uns selbst, von unserem eigenen Leben. Er sieht mich an. Er traut mir Grosses zu. Er will durch mich etwas Neues in der Welt beginnen. Er will, dass sein Sohn durch den Heiligen Geist in mir wächst und gross wird und ich ihn „zur Welt bringe“ – in meine Welt, hier und heute.

Denk nicht: Ich bin zu alt oder zu jung, zu träge, zu schwach, zu müde, zu wenig fromm. Ich habe zu viele Fragen und Zweifel. Warte nicht bis alle Fragen und Zweifel verschwunden sind. Sing das Lied der Maria, all diese unglaublichen Dinge. Unser Lied, Marias Lied kann eine Brücke sein, eine Brücke, auf der wir – zaghaft und unsicher vielleicht – gehen können, eine Brücke der Freude, die uns trägt und die uns zu Gott führt. Sing davon, dass Gott uns ansieht, dass er unser Retter ist. Sing davon, dass diese Welt nicht bleiben wird, wie sie ist, dass Gott die Niedrigen aufheben wird und den Hungrigen Brot verschaffen, dass er den Geschundenen und Geplagten Heimat geben wird und die Reichen leer ausgehen.

Und dann höre auf das, was du selber singst. Wenn wir  gemeinsam singen: „Er denkt an uns und hilft Israel auf“ können die Worte ihre Kraft entfalten und zu leuchten beginnen. Sie können uns berühren und bewegen und zur Quelle der Hoffnung und des Glaubens werden bei allen, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, die auf der Suche sind nach einem erfüllten Leben für sich und für die Anderen. Wenn wir auf sie hören, sie singen und uns danach sehnen, dass sie Wirklichkeit werden, dann öffnen sie uns einen Weg, eine Brücke über die Fragen und Zweifel, die Resignation und Enttäuschung hinweg. Sie nehmen uns mit in die Nähe dessen, den Maria geboren hat: „Wunder der Wunder, für uns wirst du Mensch, Herr.“ Nicht nur damals vor 2000 Jahren, sondern hier und heute, in unseren Herzen und in unserer Gemeinschaft. Und über die Distanz von Zeit und Raum hinweg sind wir verbunden mit Maria und singen ihr Lied, staunend und dankbar.

Guter Hoffnung – Zum 3. Advent

12. Dezember 2010 3 Kommentare

Die Verkündigung des Engels an Maria, dass sie schwanger werden und ein Kind gebären wird, präludiert im Lukasevangelium die vertraute Weihnachtsgeschichte. In ihr verdichtet sich eine zutiefst existentielle Erfahrung. In uns, in unseren Herzen muss geboren werden, was uns heilt und lebendig macht. Die Verkündigungsszene ist eine Einladung zur Achtsamkeit unseres Herzens. Sie führt uns zu uns selber und zu den Engeln, die uns in unserem Leben begegnen.

 Wie oft ist diese biblische Szene aus dem Lukasevangelium in der Kunst dargestellt worden: der Engel Gabriel kündigt Maria die Geburt Jesu an. Viele Künstler hat die Verkündigungsszene zu Bildern von bezaubernder Schönheit und anrührender Zärtlichkeit inspiriert. Es ist eine berührende Szene, eine Szene, die sich nicht in der Öffentlichkeit, sondern in der Kammer eines jungen Mädchens abspielt. Nur sie und der Engel sind beteiligt – aber für Lukas kündigt sich in dieser intimen Szene, in dieser Stille und Abgeschiedenheit etwas an, was die Welt verändern und prägen wird. Hier wird intoniert, was der Engel dann den Hirten auf den Feldern von Bethlehem verkündet: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren.“ Hier beginnt, was die Engelchöre jubilieren lässt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

 In der Verkündigungsszene geht es nicht nur um die Botschaft, die damals Maria sich zu Herzen genommen hat. Sie ist überliefert und in der Kunst tradiert worden, weil sie auch für uns eine existentielle Botschaft trägt. Mit Blick auf die Weihnachtsgeschichte hat das der Mystiker Angelus Silesius einmal wunderbar formuliert: „Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geborn // und nicht in dir; du bleibst noch ewiglich verlorn.“ Es geht nicht allein darum, was damals zwischen Nazareth und Bethlehem geschah. Maria ist unsere Schwester im Glauben und der Engel redet auch zu uns. Welche Botschaft hat er uns zu sagen? Was sagt er uns, wenn wir spüren, dass die Routinen unseres Alltags uns manchmal abstumpfen lassen und uns alle Lebendigkeit und Kraft nehmen? Womit richtet er uns auf, wenn wir traurig oder gar verzweifelt sind? Was vernehmen wir, wenn wir den Weg nicht mehr sehen und in Sackgassen gefangen sind? Welche Worte ermutigen uns, wenn wir uns nur wenig zutrauen oder wenn wir gebeugt sind durch schwere Lasten oder auch durch Fehler und Schuld? Können wir dann wie Maria den Besuch des Engels wahrnehmen, und uns aufmerksam machen lassen auf das, was in uns geboren werden will, auf das Heilsame und Tröstende, das in unseren Herzen heranwächst? Haben wir Augen und Ohren für die Menschen, die Gott uns dann als seine Engel sendet, um uns zu trösten, aufzurichten, vielleicht auch zur Besinnung zu bringen?

 So ist das erste, was ich aus dieser Geschichte mitnehme, eine Einladung zur Achtsamkeit. Achte auf die Botinnen und Boten Gottes in deinem Leben. Gott sendet seine Boten. Sie reden zu uns, in unseren Träumen, durch die innere Klarheit, die in uns wächst und vor allem auch durch die Menschen, die uns begegnen, durch alltägliche Ereignisse, die uns berühren und verändern. Achtsam sein auf die guten, die klärenden Worte, die uns gesagt sind – darauf kommt es an, und es müssen beileibe keine Männer mit Flügeln sein, die Engel. Aber die Engel Gottes begleiten auch uns – jede und jeden und sie haben uns viel zu sagen. Sie können uns die Furcht nehmen. Ja, es fällt mir immer wieder auf, dass der häufigste Satz aus Engelmund in der Bibel lautet: „Fürchte dich nicht!“ Und wer von uns hätte das nicht immer wieder nötig, dass da einer sagt: Hab keine Angst, Gott ist bei dir und er meint es gut mit dir. Die Engel können uns helfen, das Gute in unserem Leben zu entdecken, sie können uns zeigen, was in uns und durch uns neu geboren wird. Das erste ist die Achtsamkeit, damit wir die Engel, die Gott uns sendet, nicht übersehen.

 Das Zweite aber ist die demütige und zugleich selbstbewusste Haltung der Maria. Was hat man alles auf dem Rücken dieser Frau abgeladen. Wie hat man sie zum Streitthema der Konfessionen gemacht. Aber wir brauchen Maria nicht als ewige Jungfrau und Himmelskönigin, als Madonna, der nach und nach alle menschlichen und fehlerhaften Züge genommen wurden. Wichtiger für uns, denke ich, ist, was uns mit ihr verbinden kann. Maria, unsere Schwester im Glauben, nimmt den Engel, der in ihr Leben tritt, wahr. Sie übersieht ihn nicht. Sie nimmt seine Botschaft ernst, auch wenn sie noch so unglaublich scheinen mag. Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Das lässt sie sich gesagt sein. Mir geschehe nach deinem Wort. Sie nimmt den Weg an, den Gott sie führt. Sie macht ihn zu ihrem eigenen Weg, den sie selbstbewusst geht.

 Lassen wir uns nicht in die Irre führen von den Worten „siehe, ich bin des Herrn Magd“. Maria ist nicht unterwürfig. Ich sehe sie eher als starke Frau. Sie stellt sich unter den Willen Gottes, gewiss. Aber sie tut das nicht gebeugt, sondern in aufrechter Haltung. Ja, sie will diesem Kind das Leben schenken, das Gottes Sohn genannt werden soll. Sie nimmt diese schier unglaubliche Berufung an. Das ist für mich die zweite wichtige Botschaft dieser Szene. Wer sich unter den Willen Gottes stellt, der kann sein Schicksal annehmen. Der muss nicht beständig gegen sein Schicksal rebellieren und irgendwelchen Träumen hinterher rennen, aber der muss auch nicht gebeugt unter der Last des Schicksals gehen. Wenn ich meinen Weg als Weg Gottes verstehen kann, dann darf ich auch glauben, dass Gott auf diesem Weg etwas mit mir vorhat, dass er mir etwas zutraut und dass dieser Weg mit all seinen Umwegen und Irrwegen ein lebenswerter, ein sinnvoller Weg ist. Und darum darf ich ihn auch aufrecht gehen. Denn Demut gegenüber Gottes Weisheit verträgt sich sehr wohl mit einem aufrechten Gang. Maria, die starke, aufrechte und zugleich demütige Frau kann uns ein Vorbild sein, besonders für Frauen, aber nicht nur für sie, weil sie uns lehrt, einen Weg zu gehen, der vielleicht oft nicht einfach ist, der aber doch heilvoll und segensreich ist, wenn wir den Segen, den Gott uns auf diesem Weg schenkt, auch wahrnehmen.

 Das dritte, was mir an dieser Szene wichtig ist, das ist das Kind. Dieses Kind ist mehr als ein besonderer Mensch. Darum betont Lukas die Vaterschaft Gottes, die natürlich nicht biologisch gemeint ist, ebenso wie die Jungfrauengeburt keine biologische, sondern eine theologische Aussage ist. In diesem Kind kommt Gott selbst zu uns. In diesem Kind wird Gott ganz menschlich. In diesem Kind erweist Gott seine Liebe zu allen Menschen. Gott will unser Heil und unser Leben, darum kommt er selbst zu uns. Dieses Geheimnis feiern wir in der Heiligen Nacht. Das ist der Kern von Weihnachten, die Friedensbotschaft auf den Feldern in Bethlehem, das verletzliche Kind in der Krippe, von dem ein helles Licht ausgeht. Dieses Licht, diese Friedensbotschaft will in uns und unter uns zur Welt kommen, will heute neu geboren werden, in Menschen, die ihr Glauben schenken, die das Licht weiter tragen, den Frieden suchen mit sich selbst und untereinander. Achten wir auf die Engel, die uns unterwegs begegnen und die Kraft geben, auf unserem eigenn Weg und uns helfen können, die göttliche Berufung, den göttlichen Segen in unserem Leben zu erkennen.

Kategorien:Gott, Predigt, Weihnachten