Gedenken

27. Januar 2012 3 Kommentare

Die Rede von Marcel Reich-Ranicki im Deutschen Bundestag zum Holocaustgedenktag ist ein eindrückliches Dokument. Da erzählt er einfach die Geschichte eines Tages im Jahr 1942, des 22. Juli. Es ist der Beginn der Deportation der Juden aus dem Warschauer Ghetto. Und indem er seine Geschichte einfach erzählt – ohne Gedenkpathos, ohne Apelle, ohne moralischen Zeigefinger – leistet er mehr für das Gedenken als viele kluge Abhandlungen.

Geschichte bleibt abstrakt, wenn sie uns nicht in den vielen Geschichten von Menschen erreicht, die diese Geschichte erlebt und erlitten haben und uns ihre Geschichte erzählen. Dafür gebührt Marcel Reich-Ranicki Dank, weil sich mit Geschichten wie dieser jegliche Schlussstrichdebatte erledigt.

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Der mutlose Rebell

Wissenschaftliche Bücher zu schreiben ist eine ziemlich mühsame Angelegenheit – und am Ende liest sie kaum jemand. Warum es nicht einmal anders versuchen, dachte sich wohl der junge Theologe Sebastian Moll und schrieb ein Büchlein unter dem Titel „Jesus war kein Vegetarier“. Zwar hat das Gegenteil im Ernst niemand behauptet, aber die Rechnung ist aufgegangen. Moll polemisierte gegen eine vermeintlich politische Korrektheit der evangelischen Theologie und erzielte damit sicher mehr Echo als mit seiner Promotion über Marcion. „Christ und Welt“ publizierte ein Interview mit ihm und machte eine Debatte daraus – mit einer Entgegnung von Johann Hinrich Claussen und einem offenen Briefwechsel mit Petra Bahr.

Offenbar war C&W so beeindruckt von diesem rebellischen Geist, dass man in dieser Woche eine Kolumne von Moll publizierte. Darin wettert er erneut gegen die political correctness, die eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme für saturierte Wohlstandsbürger sei „gemäss dem schönen Motto: Wer keine Probleme hat, macht sich welche.“ Und wieder ist es die gleiche Masche: erst zieht er mit Sarkasmus gegen eine vermeintliche political correctness vom Leder, um dann gleich wieder zu relativieren, dass es ja nicht grundsätzlich falsch sei auf seine Wortwahl zu achten. Wer so mutlos sich gleich wieder in Deckung bringt, sollte vorher nicht so vollmundig reden. Denn gegen eine überzogene political correctness sind wir schliesslich alle.

Ich finde diese Strategie einfach nur ärgerlich – weshalb ich ausnahmsweise einmal meinem Ärger Luft mache und hier etwas polemischere Töne angeschlagen habe.

 

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Mystik – Sehnsucht nach dem Absoluten

8. Januar 2012 2 Kommentare

Heute war eine Gruppe aus unserer Kirchgemeinde bei der Mystik-Ausstellung im Museum Rietberg in Zürich.

Als kleine Kostprobe aus dem Ausstellungskatalog zwei Passagen aus dem Beitrag von Hildegard Elisabeth Keller über Meister Eckhart:

Menschen sollen nicht daran denken, was sie tun, sondern bedenken, was sie sind. Im Handeln (im Sinne des selbstbestimmten Verfolgens von Zielen) liege kein Heil, sondern allein im Sein (im Sinne der Willenseinheit mit dem Ursprung, mit der Gottheit: man sol heilichkeit setzen ûf ein sîn. Deshalb schüttelt der Meister immer wieder den Kopf über Menschen, die ihn bitten: „Bittet für mich!“ Es ist, als ob er ihnen antworten wolle: „Was erwartest du von mir? Und was von Gott? Nimmst du ihn in einer solcherart begrenzten Weise, als wäre er ein Geschäftspartner, ist es so, „als ob du Gott nämest, wändest ihm einen Mantel um und schöbest ihn unter eine Bank“. Oder an anderer Stelle: Schaust Du Gott wie eine Kuh an? Liebst du ihn wie eine Kuh? „Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens. So halten’s alle jene Leute, die Gott um äusseren Reichtums oder inneren Trostes willen lieben; die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren Eigennutz.“ (S.76)

Und in Predigt 38 heisst es: „Wenn man mich fragte: Warum beten wir, warum fasten wir, warum tun wir alle unsere Werke, warum sind wir getauft, warum ist Gott Mensch geworden, was das Höchste war? – Ich würde sagen: darum, dass Gott in der Seele geboren werde un d die Seele (wiederum) in Gott geboren werde. Darum ist die ganze Schrift geschrieben, darum hat Gott die Welt und alle Engelsnatur geschaffen: auf dass Gott in der Seele geboren werde und die Seele (wiederum) in Gott geboren werde. (…) Alle zeit muss dort weg sein, wo diese Geburt anhebt, denn nichts gibt es, was diese Geburt mehr hindert als Zeit und Kreatur.“ (S.77)

Die Ausstellung zeigt mystische Traditionen im Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus und Daoismus. Sie zeigt sowohl das Verbindende der mystischen Traditionen dieser religiösen Traditionen, aber auch deren Unterschiedlichkeit. Vor allem aber zeigt sie, wie sehr Mystik als individuelle Erfahrung ein Stück weit frei macht von institutionellen Einengungen und dogmatischen Fesseln. Zugleich aber sind alle grossen Mystikerinnen und Mystiker in ihrer je eigenen religiösen Tradition tief verwurzelt. Die denkerische Tiefe und der hohe Preis, den viele dieser Mystikerinnen und Mystiker für ihre Erfahrungen bezahlt haben, lässt erahnen, dass es sich in vielen heutigen esoterischen Lehren lediglich um Schrumpfformen des breiten Stroms der Mystik handelt.

Gedanken zur Jahreslosung 2012

1. Januar 2012 5 Kommentare

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ So heisst die Jahreslosung für 2012. Sie steht im 2. Korintherbrief. Allerdings gilt es, genau hinzuhören, damit diese Jahreslosung mehr ist als ein frommer Spruch. Dabei kann uns die (sprachlich korrektere) Übersetzung der neuen Zürcher Bibel helfen: „Du hast genug an meiner Gnade, denn die Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit.“

Ich betone gerne, dass es hier nicht darum geht, Schwachheit schönzureden oder zu glorifizieren. Es ist kein Loblied der Schwachheit. Aber es ist ein Gegengewicht gegen die Glorifizierung von Stärke und Macht. Und es ist eine Hilfe und ein Trost für alle, die die Erfahrung machen, dass auch Schwäche und Bedürftigkeit, das Ankommen an Grenzen zu unserem Leben gehört.

Mag sein – und das wünsche ich allen von Herzen -, dass wir unser Leben recht gut im Griff haben und uns vieles gelingt. Mag sein, dass sich für uns persönlich oder beruflich 2012 neue Türen und Wege auftun. Wir wissen es nicht und vor allem – wir sollten es nicht zum alleinigen Massstab unseres Lebens machen. Die Botschaft unserer Jahreslosung heisst für mich: Pack an, was du kannst. Freu dich daran, wenn dir Dinge gelingen, du etwas bewegen kannst. Aber lass dich nicht erschrecken, wenn du scheiterst oder wenn dir Dinge begegnen, bei denen du dich ohnmächtig und hilflos fühlst. Gerade dann bin ich, dein Gott ganz nahe bei dir. Du hast genug an meiner Gnade, denn die Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit. Vertrau darauf – und nicht allein auf die Stärke, die Leistungen und Erfolge. Wer schwach sein und Niederlagen einstecken kann, wer sich die Hilfe anderer, die Hilfe Gottes und seiner Mitmenschen gefallen lassen kann, ist in Wirklichkeit stark und lebenstauglich. Der bleibt auch achtsam für die Schwäche und Bedürftigkeit anderer und kann für sie da sein, ohne Dankbarkeit zu verlangen oder sich besser zu fühlen als sie.

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Geburtlich leben

Die Philosophin Hanna Arendt hat den Gedanken der Geburtlichkeit ins Zentrum ihres Denkens gestellt. „Der Mensch wurde geschaffen, damit ein Anfang sei. Dieser Anfang ist immer und überall da. Er ist garantiert durch die Geburt eines jedes Menschen. Mit ihrer Geburt treten ständig neue Menschen ins Leben und können durch ihr Handeln die Welt verändern. Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten: Uns ist ein Kind geboren.“ So Hanna Arendt – und die Anspielung auf die Weihnachtsgeschichte kann uns den Sinn der Weihnachtsgeschichte vor Augen führen. Wenn Hanna Arendt unser Leben vom Geborensein her denkt, dann ist sie im direkten Widerspruch zu ihrem Lehrer Martin Heidegger der die menschliche Existenz als ein „Sein zum Tode“ versteht.

Im 1. Johannesbrief lesen wir: „Wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar werden wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ Wir dürfen uns entwickeln, aus Sackgassen wieder umkehren, neue Möglichkeiten entdecken, aufstehen, wenn wir umfallen, Fehler eingestehen, ja überhaupt mutig und zuversichtlich handeln und unseren Weg gehen, weil wir Gottes Kinder heissen und auf dem Weg sind, es immer mehr zu werden.

Weihnachtlich leben im Anblick des Kindes in der Krippe, das könnte heissen, dass wir uns immer wieder auf neue Anfänge einlassen. Solche neuen Anfänge sind möglich, wo Menschen einander verzeihen und einander nicht mehr auf das festlegen, was war, sondern ausprobieren, was sein könnte. Sie sind möglich, wenn wir einander als Kinder Gottes ansehen und versuchen, die Liebe, die Gott uns erwiesen hat, weiter zu geben, auch wenn uns dies nur unvollkommen gelingen mag. Solche neuen Anfänge sind möglich, wenn wir lernen uns mit den Augen Gottes zu sehen, als Menschen im Werden, als geliebte Kinder. Solche Anfänge sind möglich, wenn wir in jedem Ende nach dem neuen Anfang suchen und so kann uns letztlich auch der Tod zu einer Neugeburt werden. „Denn dann wird offenbar, was wir sind und wir werden ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen wie er ist.“ An Weihnachten aber ist er uns gleich geworden, damit wir der Liebe Gottes vertrauen und anfänglich leben – leben als Menschen mit Zukunft und Hoffnung, leben als Menschen, die zur Liebe und zum Frieden fähig sind, leben als Menschen, die durch ihr Handeln Neues schaffen und zärtlich und behutsam sein können.

Meine ganze Weihnachtspredigt ist hier zu lesen

Immanuel

An Heiligabend predige ich in diesem Jahr über die Weihnachtsgeschichte aus dem Matthäusevangelium. Der Evangelist Matthäus erinnert sich in seiner Weihnachtsgeschichte an die alten Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja: „Siehe, eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.“

Eigentlich ist die Botschaft von Weihnachten ganz einfach: Gott nimmt unsere Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit an. Und darum dürfen wir uns selbst annehmen, verletzlich und bedürftig wie wir sind. Gott findet keine Herberge in den Palästen unserer Grossartigkeit, aber er zieht ein in die Einfachheit unserer Herzen. Wer sein Herz öffnet, bei dem wird er Wohnung finden. Gott gibt jedem einzelnen Menschen eine unverletzliche und unverlierbare Würde. Auf diese Würde dürfen wir uns berufen und wir sollen sie achten bei allen Menschen und uns für die Würde jedes einzelnen einsetzen. Frieden kann werden, wenn wir uns von dieser Botschaft berühren lassen. Es braucht dann natürlich immer noch politische Klugheit im Grossen und alltägliches Bemühen und Arbeit im Kleinen, damit Frieden gelingen kann. Aber wo Menschen zulassen können, dass sie selbst bedürftig und verletzlich sind und dies auch anderen zugestehen, ja sich von ihrer Verletzlichkeit und Bedürftigkeit berühren lassen, da kann Frieden beginnen, da ist Gott mit uns und es kann Weihnachten werden.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

 

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Gesegnete Weihnachten

 

Frohe Weihnachten und

 

ein gesegnetes neues Jahr 2012

 

 

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Schenken und sich beschenken lassen

Wer jenseits des ewigen Lamentos über den weihnachtlichen Konsumrausch Nachdenkenswertes zum Thema Gaben und Gegengaben sucht, dem sei der Leitartikel von Uwe Justus Wenzel ind der Weihnachtsausgabe der NZZ empfohlen (leider nicht online verfügbar). Er legt dabei auf vorzügliche Weise den christlichen Kern des Weihnachtsfestes frei.

„Die Geburt des Gottessohns, die die Christenheit alljährlich feiert, ist der – wenn auch für viele nurmehr sehr mittelbare – Anlass, um Geschenke zu machen. Und doch geht es, wenn eine laientheologische Mutmassung erlaubt ist, für Christenmenschen beim Weihnachtsfest im Grunde nicht so sehr um das selige Geben als vielmehr um das selige Nehmen, um das Annehmen eines Geschenkes, das ihnen Gott mit der Menschwerdung gemacht hat: das Geschenk des – erneuerten – Lebens. Nehmen sie es an – richtiger: geht ihnen auf, dass sie es angenommen haben -, dann machen sie damit dem, der es gegeben hat, ihrerseits ein Geschenk, das des Dankes und des Glaubens. Das ist eigentlich ganz einfach und ermangelt doch nicht der Subtilität.“

Jenseits aller dogmatischen Formeln bringt er das Geheimnis von Weihnachten auf den Punkt – das Geheimnis des geschenkten Lebens, dieses so verletzlichen, nackten und bedürftigen Lebens, das wir nur dankbar annehmen können.

Wenzel verweist auf das Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippe hier“ und meint dazu: „Christenmenschen sind im Lichte dieser Zeilen das gerade Gegenteil jener angeblich «edlen» – in Wahrheit grob undankbaren – Seelen, von denen Nietzsches Zarathustra stolz behauptet: «Sie wollen nichts umsonst haben, am wenigsten das Leben.» – Das Leben ist aber, christlich gedacht, genau das: umsonst, gratis, ein Geschenk des Himmels eben, das vom Umtausch freilich ausgeschlossen ist. Für seinen Empfang müssen seine Empfänger, für ihn können sie nichts tun.“ Und er schliesst: „Es spricht nichts dagegen, sondern alles dafür, den Dank für das Geschenk des Lebens auch durch das freigebige weihnachtliche Beschenken der Mitmenschen, nächster wie fernster, zu bezeigen.“

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Ja und Amen

Im Text aus dem 2. Kor 1,18-24, über den ich heute predige, geht es um Verlässlichkeit – um die Verlässlichkeit Gottes und um die Verlässlichkeit des Apostels Paulus. Der lässt nämlich die Gemeinde in Korinth auf einen versprochenen Besuch warten und nun muss er sich erklären, um die aufkeimenden Zweifel auszuräumen. Dieser Text ist für mich auch ein Lehrstück dafür, dass Verlässlichkeit nicht bedeutet, stets und um jeden Preis an seinen Plänen, seinen Urteilen und Ansichten festzuhalten, sondern achtsam und der Liebe auf der Spur zu bleiben und dann das zu tun, was die Situation erfordert.

Wenn wir an Weihnachten die Geburt des Kindes in der Krippe feiern, dann feiern wir das Ja Gottes zu seinen Verheissungen. Wir feiern das Ja Gottes zu uns Menschen, das uneingeschränkt gilt. Gott unterläuft unsere Gewohnheiten, alles in Schwarz und Weiss, Gut und Böse einzuteilen, zu dem einen Ja und dem anderen Nein zu sagen. Bei Gott steht an erster Stelle und uneingeschränkt das Ja, das Ja der Liebe zu seiner Schöpfung, das Ja der Liebe zu uns Menschen. Und wo Gott Nein sagt, da sagt er nicht Nein zum Menschen, sondern Nein zu einem bestimmten Tun, zu einer verfehlten Einstellung, zu einem Irrweg. Wo Gott Nein sagt, da ist dieses Nein von Liebe bestimmt und getragen von seinem Ja zu allen Menschen. Gott steht zu seinen Versprechen. Er ist treu gegenüber uns Menschen. Das ist die Grundbotschaft der Bibel. Diese Zusage klingt uns aus dem Munde des Engels entgegen, der uns zuruft: „Fürchtet euch nicht. Siehe ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren.“

„Denn auf alle Gottesverheissungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.“- so heisst es in dem Text. Gottes Ja ist das erste Wort. Aber dieses Ja lädt uns ein zur Antwort. Im Vertrauen auf Jesus Christus sollen wir „Amen“ sagen. „So sei es“ heisst diese alte Gebetsformel übersetzt. Wir sollen nicht zu allem Ja und Amen sagen, sondern Amen zu dem Ja Gottes, das uns die Botschaft der Bibel verkündet, das uns in dem Kind in der Krippe begegnet. Dieses Amen sprechen wir, wenn wir an Gott festhalten – auch dann, wenn unser Weg durchs Dunkel führt, wenn die Zweifel kommen und die bedrängenden Fragen. Amen sagen wir, wenn wir warten können in Geduld, Raum schaffen und Raum gewähren, Zeit lassen für Versöhnung und Frieden. Und Amen sagen wir, wenn wir Ja sagen zu den Menschen, wenn wir versuchen, der Liebe Gottes zu allen Menschen zu entsprechen, indem wir nicht verurteilen, nicht abschreiben, nicht zerstören. Auch da, wo wir glauben, dass wir einem Menschen gegenüber Nein sagen müssen, sollten wir immer mit der Möglichkeit rechnen, dass wir im Irrtum sein könnten. Und vor allem darf dieses Nein immer nur der Position des anderen, seinem konkreten Verhalten gelten und niemals dem ganzen Menschen. Auch im Nein muss das Ja zum Menschen, das Ja der Liebe erhalten bleiben. Selbst da wo Menschen sich trennen, weil sie keinen gemeinsamen Weg mehr finden können, sollen sie sich darum bemühen, den anderen nicht als Menschen zu verurteilen oder gar zu verachten. So können wir Amen sagen zu dem Ja Gottes – in aller Vorläufigkeit und Zerbrechlichkeit, die uns Menschen in dieser Welt eigen ist.

Die vollständige Predigt ist hier zu lesen.

Bereit sein

19. November 2011 1 Kommentar

Am Toten- und Ewigkeitssonntag gedenken wir in den evangelischen Kirchen unserer Verstorbenen. Bei uns ist es Tradition, dass die Konfirmandinnen und Konfirmanden für jeden Verstorbenen eine Kerze gestalten und diese bei der Verlesung des Namens des oder der Verstorbenen im Fürbittengebet anzünden. Immer wieder finde ich das ein berührendes Ritual. Wir erinnern uns der Verstorbenen, würdigen sie und bedenken, was sie für uns bedeutet und was wir mit ihnen verloren haben. Und wir bitten darum, dass wir trotz aller Trauer auch bereit sein können für das Leben das vor uns liegt.

In meiner diesjährigen Predigt habe ich zwei Gleichnisse aus dem Lukasevangelium ausgewählt (Lk 12,35-38.42-46). In beiden Gleichnissen geht es darum, bereit zu sein. Im ersten sind es die Knechte, die auf ihren Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist und sehr lange ausbleibt. Im zweiten Gleichnis sind es Verwalter, die von ihrem Herrn während dessen Abwesenheit eingesetzt worden sind. 

Ich lese das erste Gleichnis als ein Gleichnis für Trauernde. Wenn wir in Trauer sind, mag es uns manchmal auch so vorkommen, als stünde das Leben still, als sei Gott ganz weit weg. Trotzdem, sagt uns das Gleichnis: Seid bereit, wenn das Leben bei euch anklopft. Rechnet damit, dass die Hoffnung und die Freude in euer Leben zurückkehren. Unser Herr kommt und er kommt nicht als Herr, der sich bedienen lässt, sondern er kommt, um unsere Tränen abzuwischen, uns den Tisch zu decken, uns den Becher mit Wein einzuschenken. Ein glücklicher Mensch ist nicht der, der keine Trauer und keinen Schmerz kennt. Ein glücklicher Mensch ist im biblischen Denken derjenige, der in Trauer und Schmerz nicht ohne Hoffnung ist und der daran glaubt und daran festhalten kann, dass am Ende das Leben steht.

Auch im anderen Gleichnis geht es um einen Herrn, der abwesend ist, unterwegs auf einer langen Reise. Er setzt einen Verwalter ein über seine Güter. Was hat nun ein kluger und treuer Verwalter zu tun? Wir würden wohl erwarten, dass er die Güter seines Herrn gewinnbringend einsetzen, sie vermehren soll. Denn das Kapital muss ja Rendite bringen. Aber die Beschreibung im Gleichnis ist eine andere, sie ist überraschend: Der kluge und treue Verwalter ist der, der den Leuten zur rechten Zeit gibt, was sie brauchen. Der kluge und treue Verwalter ist nicht der, der Besitz anhäuft, sondern der, der austeilt. Der ist ein glücklicher Mensch. Am Ende des Gleichnisses taucht auch die andere Möglichkeit auf, dass der Verwalter überfordert ist und von seinem Auftrag abkommt. Weil der Herr solange ausbleibt fängt er an, das Personal zu drangsalieren, wird gewalttätig und säuft. In dieser krassen Schilderung führt uns das Gleichnis die Möglichkeit eines verfehlten Lebens vor Augen. Von einem solchen Leben, das nur um sich selber kreist, das gierig den eigenen Vorteil sucht und anderen Gewalt antut, von einem solchen Leben bleibt am Ende wirklich nichts. Doch selbst dann, denke ich, sollten wir diesem Urteil nicht das letzte Wort lassen. Denn auch einem verfehlten Leben leuchtet die Möglichkeit der göttlichen Vergebung.

Wer sind wir und wozu leben wir? Was bleibt am Ende? Und gibt es eine Hoffnung, die dem Tod standhält, die über das Ende unseres irdischen Lebens hinausreicht? Wir sind wie die Knechte, die auf ihren Herrn warten und bereit sind für das Leben, wenn er anklopft. Wir sind Verwalterinnen und Verwalter, Mitarbeiterinnen Gottes, deren Auftrag es ist, auszuteilen und weiterzugeben. Denn was bleibt, das ist das, was wir einander gegeben haben, was bleibt ist die Liebe, die sich verschenkt. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass wir dereinst die Bruchstücke unseres Lebens als ganzes sehen dürfen. In diesem Vertrauen können wir leben und das unsere tun, austeilen und weiter geben, was wir empfangen haben – aus Gottes Hand und durch die Menschen, die uns begegnen und durch die, die nicht mehr bei uns sind.

 Die ganze Predigt ist hier zu lesen.