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Widerspruch, Papst Benedikt

4. März 2011 5 Kommentare

Als Vorabdruck im Feuilleton der ZEIT v. 3.3.2011 ist ein Auszug aus dem Buch „Jesus von Nazareth. 2. Teil“ von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. zu lesen. Wie schon die Überschrift besagt, gipfeln die Erwägungen Benedikts zur Chronologie von Jesu Abendmahl in der Feststellung „Christus ist das Neue“. Er hält die johanneische Chronologie für die historisch zutreffende. Dann war Jesu Mahl mit seinen Jüngern kein jüdisches Passamahl. Vielmehr sei es ein Mahl gewesen, dass Jesus im Wissen um seinen bevorstehenden Tod mit seinen Jüngern gefeiert habe. Nach der johanneischen und laut Ratzinger auch historisch zutreffenden Chronologie, sei Jesus genau zu der Zeit gestorben als im Tempel die Passalämmer geschlachtet wurden. Daraus zieht Ratzinger weitreichende Schlüsse: „Das Wesentliche dieses Abschiedsmahles war nicht das alte Pascha, sondern das Neue, das Jesus in diesem Zusammenhang vollzog. (…) Es war Jesu Pascha.“
Auch wenn man die johanneische Chronologie für historisch zutreffend hält, lässt sie nicht derart weitgehende Schlüsse zu. Ein Hauptproblem sehe ich darin, dass hier aus historischen Argumenten vorschnell theologisch-dogmatische Folgerungen gezogen werden. Jesu Todesbewusstsein ist ein theologisches Postulat und kein historisches Faktum. Dass er für die christliche Gemeinde zum wahren Passalamm geworden ist, das ist die Deutung der christlichen Gemeinde. Implizit unterstellt Ratzinger aber, dies sei Jesu eigenes Verständnis dieses letzten Mahles gewesen, was in meinen Augen historisch unzulässig ist.
Diese Zusammenschau dogmatischer und historischer Lektüre der Evangelien war schon ein Grundproblem des 1. Teils von Benedikts Jesus-Buch. Aber hier wird diese Problematik besonders deutlich. Und sie hat Folgen: Aus Jesus, dem Juden, wird so unter der Hand ein Jesus, der seines jüdischen Kontextes beraubt, quasi zum „historischen Christus“ gemacht wird. Die Deutung seiner Person, die den Glauben der Gemeinde auf dem Hintergrund wachsender Auseinandersetzungen mit dem Judentum in der Zeit nach 70 n.Chr. spiegelt, wird in die Zeit des historischen Jesus zurückverlegt.
In meinen Augen fällt damit Ratzinger/Benedikt XVI. hinter den Stand der exegetischen Forschung und vor allem hinter den Stand des jüdisch-christlichen Dialogs zurück. Mit der Betonung des Gegensatzes von alt und neu und der Charakterisierung Jesu als das „wahre Passalamm“ kehrt das Bild einer Überwindung des Judentums durch das Christentum kaum verhüllt zurück, ein Bild , das längst überwunden schien. Es fällt schwer, darin keinen Zusammenhang mit fragwürdigen Entscheidungen dieses Papstes wie der Wiedereinführung der Fürbitte für die Juden im Karfreitagsgebet zu sehen.