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Posts Tagged ‘Achtsamkeit’

Engel beherbergen

In unserer bernischen Landeskirche gibt es eine schöne Tradition. Am 1. Sonntag im Februar ist der sog. Kirchensonntag zur Erinnerung an die Berner Reformation im Jahr 1528. Dann soll nach Möglichkeit der Gottesdienst nicht vom Pfarrer gestaltet werden, sondern von Gemeindegliedern und Leuten, die zum Thema etwas zu sagen haben. Darin kommt der Gedanke des „allgemeinen Priestertums“ zum Ausdruck. PfarrerInnen haben zwar in unserer Kirche einen besonderen Auftrag, aber keinen geistlichen Vorrang, bilden keinen klerikalen Stand.

In diesem Jahr ist das Thema „Willkommen – Gastfreundschaft in unserer Kirche“. Dazu gibt es einen wunderschönen Vers aus dem Hebräerbrief (Heb 13,1-2):

„Die Liebe zu denen, die euch vertraut sind, bleibe! Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, aber vergesst nicht – so haben manche, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.“

Gastfreundschaft hat tatsächlich viel mit Liebe zu tun. Gastfreundschaft ist eine Haltung, die sich vermutlich nirgends deutlicher zeigt, als in unserem Umgang mit Fremdem und Fremden. Und dem Engel begegnen wir nur, wenn wir uns dem Fremden öffnen. Ich finde, das ist eine kraftvolle und weltzugewandte Engellehre. Es müssen wirklich nicht Männer (oder Frauen) mit Flügeln sein, die Engel.

Von Panzerungen befreit

Eine weniger bekannte Geschichte aus dem Alten Testament liegt meiner Predigt von diesem Sonntag zugrunde – die Heilung des syrischen Hauptmanns Naaman durch den Propheten Elisa (2. Kön 5,1-19). Naaman ist reich und mächtig, aber er leidet an einer lästigen, ja lebensgefährliche Krankheit. Was die Lutherbibel mit Aussatz übersetzt, ist eine Art Schuppenflechte, die zu einer regelrechten Verpanzerung des Körpers führt.

Und weil biblische Heilungsgeschichten oft auch Symbolgeschichten sind, ist die äusserliche Verpanzerung seiner Haut in dieser Geschichte wohl auch ein Spiegel des Panzers, mit dem er seine Seele umgeben hat, der Schutzmechanismen, die er sich im Laufe der Zeit zugelegt hat. Und darin könnte sie auch unsere eigene Geschichte sein. Dieser Naaman muss einige ungewöhnliche Schritte tun. Er muss auf den Rat einer Sklavin hören, er muss sich von einem Diener abspeisen lassen, er muss erkennen, dass er mit Geld und Empfehlungsschreiben nichts ausrichten kann. Erst als er von seinem hohen Ross herabsteigt und bereit ist in einen schmutzigen Fluss einzutauchen, fällt der Panzer von ihm ab.

Wer wie dieser Naaman bereit ist, von seinem hohen Ross zu steigen und einzutauchen in den Lebensfluss, der kann sich von seinen Schutzpanzern befreien lassen, kann auch dem begegnen, was ihm an sich selbst Mühe macht und unansehnlich ist, kann sich berühren lassen und Möglichkeiten entdecken. Wo wir alles schon wissen, da hat es für Gott keinen Platz. Wenn wir alles im Griff haben wollen, können wir uns nicht beschenken lassen. Wenn wir uns nicht berühren lassen, verlernen wir das Staunen. Und das ist wohl eines der grössten Geschenke, die Kinder uns immer wieder machen: Sie lehren uns das Staunen. Sie helfen uns, die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Aber sie konfrontieren uns auch mit ihrer Bedürftigkeit und mit den Grenzen unseres Machens und Planens. Und genau das ist heilsam für uns.

Naaman ist geheilt. Und doch bleibt noch etwas. Denn der grosse Feldherr will dem Propheten wenigstens den grossen Dienst angemessen entgelten. Doch Elisa nimmt das Geschenk nicht an. Für Naaman ist es wichtig, dass er lernt, sich beschenken zu lassen, etwas schuldig zu bleiben. Auch das ist Teil seiner Heilung, der Befreiung von seinem Panzer der Macht und des Reichtums. Lass es dir gefallen, sagt Elisa ihm. Und endlich begreift er es. Er hat noch eine allerletzte Bitte: Sein Amt zwingt Naaman, zuhause auch den Gott Rimmon anzubeten und Elisa erlaubt ihm diesen Kompromiss. Diese Toleranz beeindruckt mich. Natürlich gibt es auch faule Kompromisse, aber ebenso eine bedrohliche fanatische Kompromisslosigkeit. „Zieh hin mit Frieden!“ verabschiedet Elisa den Naaman. Er vertraut darauf, dass er nicht vergessen wird, welcher Gott ihm geholfen hat. Auch wenn er in seinem Alltag mit Kompromissen leben wird, auch wenn er wieder Macht und Reichtum gebrauchen wird – sein Panzer ist aufgebrochen, er lässt sich berühren, seine Seele kann atmen. Das bleibt. Das ist ein Segen.

 

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Gedanken zur Jahreslosung 2012

1. Januar 2012 5 Kommentare

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ So heisst die Jahreslosung für 2012. Sie steht im 2. Korintherbrief. Allerdings gilt es, genau hinzuhören, damit diese Jahreslosung mehr ist als ein frommer Spruch. Dabei kann uns die (sprachlich korrektere) Übersetzung der neuen Zürcher Bibel helfen: „Du hast genug an meiner Gnade, denn die Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit.“

Ich betone gerne, dass es hier nicht darum geht, Schwachheit schönzureden oder zu glorifizieren. Es ist kein Loblied der Schwachheit. Aber es ist ein Gegengewicht gegen die Glorifizierung von Stärke und Macht. Und es ist eine Hilfe und ein Trost für alle, die die Erfahrung machen, dass auch Schwäche und Bedürftigkeit, das Ankommen an Grenzen zu unserem Leben gehört.

Mag sein – und das wünsche ich allen von Herzen -, dass wir unser Leben recht gut im Griff haben und uns vieles gelingt. Mag sein, dass sich für uns persönlich oder beruflich 2012 neue Türen und Wege auftun. Wir wissen es nicht und vor allem – wir sollten es nicht zum alleinigen Massstab unseres Lebens machen. Die Botschaft unserer Jahreslosung heisst für mich: Pack an, was du kannst. Freu dich daran, wenn dir Dinge gelingen, du etwas bewegen kannst. Aber lass dich nicht erschrecken, wenn du scheiterst oder wenn dir Dinge begegnen, bei denen du dich ohnmächtig und hilflos fühlst. Gerade dann bin ich, dein Gott ganz nahe bei dir. Du hast genug an meiner Gnade, denn die Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit. Vertrau darauf – und nicht allein auf die Stärke, die Leistungen und Erfolge. Wer schwach sein und Niederlagen einstecken kann, wer sich die Hilfe anderer, die Hilfe Gottes und seiner Mitmenschen gefallen lassen kann, ist in Wirklichkeit stark und lebenstauglich. Der bleibt auch achtsam für die Schwäche und Bedürftigkeit anderer und kann für sie da sein, ohne Dankbarkeit zu verlangen oder sich besser zu fühlen als sie.

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Immanuel

An Heiligabend predige ich in diesem Jahr über die Weihnachtsgeschichte aus dem Matthäusevangelium. Der Evangelist Matthäus erinnert sich in seiner Weihnachtsgeschichte an die alten Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja: „Siehe, eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.“

Eigentlich ist die Botschaft von Weihnachten ganz einfach: Gott nimmt unsere Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit an. Und darum dürfen wir uns selbst annehmen, verletzlich und bedürftig wie wir sind. Gott findet keine Herberge in den Palästen unserer Grossartigkeit, aber er zieht ein in die Einfachheit unserer Herzen. Wer sein Herz öffnet, bei dem wird er Wohnung finden. Gott gibt jedem einzelnen Menschen eine unverletzliche und unverlierbare Würde. Auf diese Würde dürfen wir uns berufen und wir sollen sie achten bei allen Menschen und uns für die Würde jedes einzelnen einsetzen. Frieden kann werden, wenn wir uns von dieser Botschaft berühren lassen. Es braucht dann natürlich immer noch politische Klugheit im Grossen und alltägliches Bemühen und Arbeit im Kleinen, damit Frieden gelingen kann. Aber wo Menschen zulassen können, dass sie selbst bedürftig und verletzlich sind und dies auch anderen zugestehen, ja sich von ihrer Verletzlichkeit und Bedürftigkeit berühren lassen, da kann Frieden beginnen, da ist Gott mit uns und es kann Weihnachten werden.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

 

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Gott sei Dank, dass es euch gibt!

18. September 2011 1 Kommentar

Gott sei Dank, dass es euch gibt! Das ist für mich die Kurzfassung des Textes aus dem 1. Thessalonicherbrief, über den ich heute im Gottesdienst gepredigt habe. In den Worten des Paulus: „Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unserm Gebet und denken ohne Unterlass vor Gott, unserm Vater, an euer Werk im Glauben und an eure Arbeit in der Liebe und an eure Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus.“

Gott sei Dank, dass es euch gibt! schreibt Paulus – und dann erzählt er den Thessalonichern die Geschichte ihres Glaubens: wir wissen, schreibt er, und meint damit auch: Wisst ihr noch? Und diese kleine, unscheinbare Frage ist so wichtig. Aus jeder Partnerschaft kennen wir das, wie wichtig es ist, sich von Zeit zu Zeit zu erzählen, wie das am Anfang gewesen ist, wie die gemeinsame Liebesgeschichte begonnen hat. Oder einander zu erinnern, was der andere einem in dieser oder jener Situation bedeutet hat, von schönen gemeinsamen Erlebnissen und beglückenden Erfahrungen. „Weisst du noch?“ – diese Frage hilft uns, einander und vor allem das Gemeinsame und Verbindende nicht aus dem Blick zu verlieren. Im Glauben ist es eigentlich genauso. Weisst du noch, wie damals das Gebet deiner Mutter am Bett dich in Frieden hat einschlafen lassen? Weisst du noch, welche Menschen für dich vorbildlich im Glauben waren? Erinnerst Du dich noch daran, wo dein Glaube dich durch eine schwierige Zeit hindurch getragen hat? Spürst du noch die Dankbarkeit, die dich bei einem Sonnenuntergang oder auf einem Berggipfel erfüllt hat, dieses Gefühl, dass du all dies einer wunderbaren Schöpferkraft zu verdanken hast? Solche Erinnerungen in unserer Glaubensgeschichte helfen uns, das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

Mystik der offenen Augen

3. September 2011 9 Kommentare

Diesen Titel des neuen Buches des katholischen Theologen Johann Baptist Metz finde ich wunderbar. Lesenswert ist auch eine Rezension von Jan-Heiner Tück zu diesem Buch in der Wochenendausgabe der NZZ. Daraus einige bedenkenswerte Aussagen:

„Gegen Formen neuer Religiosität, die eine Art Wellness der Seele anbieten, setzt Metz eine biblisch inspirierte Mystik der Gerechtigkeit. Mystik – das ist für ihn keine meditative Technik der geschlossenen Augen, sondern eine messianische Praxis der Nachfolge, die sich den Blick Jesu für die Armen und Leidenden zu eigen macht. Nicht um aufregende spirituelle Selbsterfahrungen geht es in dieser «Gottesleidenschaft in Mitleidenschaft», sondern um Solidarität mit den Mitmenschen. Den Liebhabern der Zenmeditation hält Metz die unbequeme Frage vor, wie sie es mit dem Einsatz für andere halten. Er mutmasst, dass fernöstliche Spiritualität das fromme Subjekt am Ende in einer subjekt- und geschichtsfernen Alleinheit aufgehen lässt, die für das Antlitz der andern keine Augen mehr hat. (…)

Für seine Mystik der offenen Augen knüpft Metz an die Psalmen, das Buch Hiob, die Klagelieder, aber auch den Verlassenheitsschrei Jesu am Kreuz an; er plädiert dafür, auch heute den Schmerz der Negativität stärker in die Gebetssprache zu integrieren. Der hohe Ton der offiziellen Liturgiesprache müsse durch mehr «Karsamstagssprache» aufgeraut werden, um Erfahrungen der Trauer, der Angst und der Schuld Raum zu geben. In der Tat können Artikulationen von Freude und Dank zur hohlen Phrase verkommen, wenn sie die Wirklichkeit von Leid und Schmerz ausblenden. Indem Metz den Blick auf die Leidenden und Übersehenen lenkt, schärft er das Bewusstsein für das, was fehlt. Sein Einspruch gegen das mitleidlose Vergessen speist sich ausser aus biografischen Erfahrungen aus dem Hunger nach Gerechtigkeit. Darin ist er im besten Sinne biblisch.“

Unser Lebenshaus bauen II

28. August 2011 2 Kommentare

Am Ende der Bergpredigt Jesu im Matthäusevangelium Kap. 7 heisst es: „Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Mann gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat.“ Unser Leben als ein Haus, das auf Felsen gebaut ist und in allen Stürmen Bestand hat – dieses Bild spricht eine tiefe Sehnsucht in uns an. Je stärker unser Leben von Erfahrungen des Wandels und der Instabilität geprägt ist, desto mehr sehnen sich viele Menschen nach Stabilität, Halt und Sicherheit. Gerade darin liegt aber auch das Gefährliche dieses Bildes. Es könnte die falsche Illusion wecken, es gäbe eine Möglichkeit, den Wandel und die Instabilität einfach aufzuhalten. Und dann bauen wir unser Lebenshaus statt auf felsigem Grund auf falschen Sicherheiten.

Wir können den Grund unseres Lebenshauses nicht selber legen. Den felsigen Grund unseres Lebenshauses finden wir vor. Es ist nichts, was wir selber machen können, aber es ist auch keine Lehre oder Ideologie, in die wir uns bedingungs- und gedankenlos einfügen sollen. Ich sage das so betont, weil auch heute noch viele Menschen den christlichen Glaubensgrund mit einer feststehenden Lehre, mit einer Art Ideologie verwechseln.

Der Glaubensgrund, von dem Jesus redet, ist mehr ein Weg, der zu gehen ist, als ein Standpunkt, den wir einnehmen können. Jesus sagt: „Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Mann gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat.“ Es geht ums Hören und Tun – nicht ums Jasagen. Und das, was zu hören und zu tun ist, das sind die Worte der Bergpredigt. Es geht um die Frage: in welchem Geist, in welcher Grundhaltung können wir eigentlich gut und sinnvoll leben. Und da hat die Bergpredigt in der Tat einiges zu bieten: Sie nennt die Menschen glücklich, die wir nicht unbedingt als erstes so bezeichnen würden – die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen, die Barmherzigen, die Friedensstifter. Sie fordert auf zum radikalen Verzicht auf Gewalt und Vergeltung. Sie lädt uns ein zum vertrauensvollen Beten zu einem Gott, der sich Vater nennen lässt. Sie führt plastisch vor Augen, dass der, der sein Leben auf seinen Besitz, sein Planen und Sorgen gründet, davon abhängig wird und sich sogar zum Sklaven machen kann. Sie lädt ein zur Grosszügigkeit und Barmherzigkeit gegenüber allen Menschen und fasst all dies zusammen in der goldenen Regel: „Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um.“ Das alles mag sich nicht nach einem stabilen Felsen anhören und doch gibt es unserem Leben mehr Stabilität und Grund als so vieles, von dem wir uns gewöhnlich Halt und Sicherheit versprechen.

Was wir brauchen ist ein Grundvertrauen in das Leben, das nicht von uns selbst abhängig ist. Dafür steht in unserem Glauben Gott ein, Gott, der Liebe ist und unser aller Leben hält und trägt. Was wir brauchen ist eine Ehrfurcht vor allem Lebendigen und eine Liebe zum Leben, die sich in Barmherzigkeit und Grosszügigkeit uns selbst und andern gegenüber zeigt. Haben wir nicht schon zu oft erfahren, dass die sogenannten harten Fakten das Leben eben eher hart als stabil und verlässlich machen? Könnte es nicht sein, dass es letztlich wirklich die weichen Dinge sind, die unser Leben kostbar machen und uns Halt und Sicherheit geben, die Achtsamkeit, die Fürsorge, die Liebe und vor allem das Vertrauen, das Vertrauen in den göttlichen Grund des Lebens und das Vertrauen ineinander?

Die vollständige Predigt ist zu lesen unter http://predigtkiste.blogspot.com/2011/08/predigt-zu-matth-724-27-am-28-august.html.

Menschen brauchen Anerkennung und Wertschätzung

14. August 2011 1 Kommentar

Menschen brauchen Anerkennung und Wertschätzung. Jeder von uns will mehr als nur eine Nummer sein.  Dafür tun Menschen viel und oft auch recht fragwürdige Dinge. Das zeigt schon eine gelegentlicher Blick in die Medien oder etwas Aufmerksamkeit im Alltag.

Wer bin ich? Wo ist mein Platz? Was bin ich wert? Anerkennung und Ablehnung, die wir erfahren, Wertschätzung und Abwertung spielen eine entscheidende Rolle, wie wir all diese Fragen für uns beantworten. Jeder von uns möchte in seiner individuellen Eigenart und Besonderheit wahrgenommen und gewürdigt werden. Niemand möchte einfach eine Nummer sein – und das zu Recht! Das macht uns so empfindsam für die Erfahrung, nicht gewählt zu werden, für die Abwertung, die wir durch andere erfahren. Und das führt bei vielen dazu, dass sie das Leben als einen einzigen Existenzkampf ansehen, bei dem es gilt, sich zu behaupten, sich Anerkennung und Respekt zu verdienen und sich gegen andere durchzusetzen.

Um Erwählung und Wertschätzung geht es auch im heutigen Predigttext aus dem 5. Buch Mose. Er zeigt uns, dass bei Gott Wertschätzung nicht auf Leistung beruht, sondern auf bedingungsloser Liebe. Wir können und müssen uns Gottes Wertschätzung nicht verdienen. Als Menschen, die von Gott wert geschätzt sind, können wir uns aber bemühen, nach seinem Willen zu handeln. Und ich denke, dass das im Kern bedeutet: anderen mit Wertschätzung zu begegnen, diese Wertschätzung auch zu zeigen.

Was würde sich wohl verändern, wenn wir im Alltag nicht so sehr auf die Fehler und Schwächen unserer Mitmenschen achten würden, sondern auf ihre Stärken und Begabungen? Was würde geschehen, wenn wir uns etwas öfter die Mühe machten, jemandem zu sagen, was wir an ihm schätzen? Wieviel könnte gelegentlich ein einfaches Merci oder „Das ist eine gute Idee“ oder „schön das du bei uns bist“ bewirken? Wie oft wäre es auch möglich, zuerst zu würdigen, was gut ist, bevor wir kritisieren, was noch besser sein könnte? Wir können einander ermutigen und wir können einander entmutigen. Und manchmal ist es die schlimmste Entmutigung, dass wir einander gar nicht mehr richtig wahrnehmen oder es einander nicht zeigen. Darum: auf jedem von uns ruht Gottes wohlwollender Blick, jedem von uns gilt Gottes Anerkennung und Wertschätzung. Geben wir sie weiter. Blicken wir einander wohlwollend an und sagen einander, was wir schätzen – ohne Heuchelei, aber auch ohne falsche Sparsamkeit.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

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Atheisten sind auch bloß Menschen

2. Juli 2011 3 Kommentare

Wenn einer im Lead als „Indiens populärster spiritueller Lehrer“ tituliert wird, bin ich von meinem Temperament her zuerst einmal skeptisch. Aber dieses Interview in der ZEIT ist unbedingt lesenswert. Als Einstimmung ein paar Spitzensätze. Auf die Frage welcher Teil seiner Lehre auch für Atheisten passe, antwortet Sri Sri Ravi Shankar: „Jeder atmende und denkende Mensch kann von unserer Atemtechnik profitieren. Atheisten sind auch bloß Menschen. Auch sie suchen letztlich Frieden, wollen geliebt werden und lieben, sorgen sich um den Planeten. Sie glauben an sich selbst und an die Welt. Der Glaube ist der Punkt, wo Atheisten und Gläubige sich treffen.“ Spiritualität umschreibt er als „die Überzeugung, dass Gott keine abstrakte Idee, sondern eine Erfahrung des Herzens ist. Wenn Religion keine Suche ist, wenn sie sich der Vernunft verschließt und wissenschaftliches Denken ablehnt, dann verengt sie sich.“ Und auf die Gemeinsamkeiten mit einer evangelischen Theologin in einem Podiumsgespräch angesprochen, antwortet er: “ Aber natürlich ist Gott stets derselbe, egal, wie wir ihn nennen. Er ist omnipotent und omnipräsent. Er zeigt sich in der Schöpfung und in jedem Menschen, auch in Ihnen und in mir. Die äußeren Erscheinungen mögen unterschiedlich sein, aber die innere Essenz ist gleich.“ Nachdenkenswert!

Der höchste Himmel kann dich nicht fassen

3. Juni 2011 1 Kommentar

„Wo wohnt denn der liebe Gott?“ – das ist eine dieser Kinderfragen, die so naiv klingen und doch tiefgründiger sind als wir auf den ersten Blick meinen. „Der liebe Gott wohnt im Himmel“, sagen wir den Kindern dann oft. Manchmal antworten wir vielleicht: „Der liebe Gott wohnt überall.“  Eine andere Antwort lautet: „Gott wohnt in den Herzen der Menschen. Er ist die Kraft zum Guten, die Liebe, die uns erfüllt, das Vertrauen, das wir in uns spüren.“  In den Schriftreligionen sagt man auch: „Gott wohnt im Wort der Heiligen Schrift.“

Und wie sieht es mit der Antwort „Gott wohnt in der Kirche“ aus. Immerhin heisst die Kirche ja auch das Haus Gottes. Trotzdem ruft gerade diese Antwort besonders viel Widerspruch hervor – auch und vor allem bei Menschen, die spirituell auf der Suche sind. „Glaube ja, Kirche nein“ heisst oft der Leitspruch. Man kann doch schliesslich auch ein guter Mensch sein, ohne in die Kirche zu gehen und umgekehrt macht der Kirchgang niemand automatisch zu einem besseren Menschen. Mancher fühlt sich auf einem Berggipfel dem lieben Gott tatsächlich näher als in einer Kirche. Ich habe nicht das geringste Interesse, all dies zu bestreiten oder auch nur zu relativieren. Ich möchte nicht einmal andere davon überzeugen, dass sie eben die Kirche doch noch brauchen, um die richtigen Gotteserfahrungen zu machen. Zu lange wurde der Eindruck erweckt, ausserhalb der Kirche gebe es kein Heil.

Der Predigttext für Christi Himmelfahrt ist ein Gebet, einige wenige Verse aus dem Tempelweihegebet des israelitischen Königs Salomos. Darin fällt ein Satz besonders auf: „Aber sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Sieh, der Himmel, der höchste Himmel kann dich nicht fassen, wieviel weniger dann dieses Haus, das ich gebaut habe!“ Dass Gott grösser ist als unsere religiösen Bauwerke, als unsere religiösen Lehren, als unsere Glaubensgemeinschaften, diese Einsicht ist unserem Glauben von Grund auf eingeschrieben. Diese Einsicht gilt aber auch für die Gegenwart Gottes in der Schönheit der Natur oder in unseren Herzen. Ich denke, dass die Antworten auf die Kinderfrage „Wo wohnt denn der liebe Gott“ alle ihr Recht und ihre Grenze haben. Keine macht die andere überflüssig oder falsch, aber auch keine kann die Fülle Gottes einfangen.

 Wenn ich mich mit offenen Augen in der Natur bewege, kann ich tatsächlich die Gegenwart Gottes erahnen und kein Gottesdienst, keine Predigt kann mir diese Erfahrung ersetzen. Aber die Naturerfahrung ersetzt mir auch nicht das gemeinsame feiern, singen und beten im Gottesdienst, das Hören auf Gottes Wort, das Gespräch mit anderen und die Zuwendung von anderen, die ich erfahre. Das Gute, das wir im Alltag erfahren und tun, kann durch die klügsten und berührendsten Gottesdienste und Kirchenräume nicht aufgewogen werden. Aber ich brauche auch die Orte und Momente, wo ich zur Ruhe kommen und loslassen kann. Gott braucht keine monumentalen Kirchen, ja überhaupt kein Gebäude. Trotzdem werde ich, wenn ich Stille suche und Besinnung, eher in eine schöne Kirche sitzen als in eine Turnhalle.

„Aber sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Sieh, der Himmel, der höchste Himmel kann dich nicht fassen, wieviel weniger dann dieses Haus, das ich gebaut habe!“ Mit diesen Worten ist all unseren Gotteserfahrungen eine heilsame Grenze gesetzt. Sie können die Fülle Gottes nicht fassen. Und doch sind es wertvolle und kostbare Gotteserfahrungen, sei es in der Natur, in einer Kirche oder in tätiger Nächstenliebe.

 Der Abschnitt aus der Apostelgeschichte, den wir in der Schriftlesung gehört haben, ist ja die biblische Grundlage dafür, dass wir einen Auffahrtstag begehen und heute Gottesdienst feiern. Jesus wird den Blicken der Jünger entzogen. Er ist aufgefahren in den Himmel, wie es im apostolischen Glaubensbekenntnis heisst. In Treue zu dem, was sie mit Jesus erlebt und von ihm gelernt haben, stehen sie nun selber in der Verantwortung. Sie sind zurück gelassen und doch nicht verlassen. Denn auch hier gilt: der höchste  Himmel kann dich nicht fassen. Jesus ist nicht mehr bei ihnen und doch mitten unter ihnen – da wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, weil er versprochen hat, alle Tage bei ihnen zu sein bis an der Welt Ende und weil er ihnen verheissen hat, dass sie die Kraft des heiligen Geistes empfangen werden. Selber verantwortlich für unser Leben, für diese Welt und doch nicht allein – diese Umschreibung trifft auch unsere Situation gut. Der, den der höchste Himmel nicht fassen kann, wie sollte der sich fassen lassen in unseren Religionen, Glaubenslehren oder Kirchengebäuden? Und wie sollte er uns nicht nahe sein in seiner überfliessenden Liebe und seiner Treue, auch wenn wir ihn nicht fassen können?

 Im Tempelweihegebet des Salomo folgt auf die Einsicht in die Unfassbarkeit Gottes die Bitte: „Wende dich dem Gebet deines Dieners zu und seinem Flehen, HERR, mein Gott, und erhöre das Flehen und das Gebet, das dein Diener heute vor dir betet.“ Und den Jüngern sagt Jesus: „Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein.“ Und als Jesus vor ihren Augen in den Himmel entschwunden war und sie immer noch wie gebannt in den Himmel starren, da weisen sie zwei Engel zurecht. Sie sollen nicht in den Himmel starren, sondern hier auf der Erde ihre Aufgabe erfüllen. Mit Gottes Hilfe.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.