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Posts Tagged ‘Demut’

Von Panzerungen befreit

Eine weniger bekannte Geschichte aus dem Alten Testament liegt meiner Predigt von diesem Sonntag zugrunde – die Heilung des syrischen Hauptmanns Naaman durch den Propheten Elisa (2. Kön 5,1-19). Naaman ist reich und mächtig, aber er leidet an einer lästigen, ja lebensgefährliche Krankheit. Was die Lutherbibel mit Aussatz übersetzt, ist eine Art Schuppenflechte, die zu einer regelrechten Verpanzerung des Körpers führt.

Und weil biblische Heilungsgeschichten oft auch Symbolgeschichten sind, ist die äusserliche Verpanzerung seiner Haut in dieser Geschichte wohl auch ein Spiegel des Panzers, mit dem er seine Seele umgeben hat, der Schutzmechanismen, die er sich im Laufe der Zeit zugelegt hat. Und darin könnte sie auch unsere eigene Geschichte sein. Dieser Naaman muss einige ungewöhnliche Schritte tun. Er muss auf den Rat einer Sklavin hören, er muss sich von einem Diener abspeisen lassen, er muss erkennen, dass er mit Geld und Empfehlungsschreiben nichts ausrichten kann. Erst als er von seinem hohen Ross herabsteigt und bereit ist in einen schmutzigen Fluss einzutauchen, fällt der Panzer von ihm ab.

Wer wie dieser Naaman bereit ist, von seinem hohen Ross zu steigen und einzutauchen in den Lebensfluss, der kann sich von seinen Schutzpanzern befreien lassen, kann auch dem begegnen, was ihm an sich selbst Mühe macht und unansehnlich ist, kann sich berühren lassen und Möglichkeiten entdecken. Wo wir alles schon wissen, da hat es für Gott keinen Platz. Wenn wir alles im Griff haben wollen, können wir uns nicht beschenken lassen. Wenn wir uns nicht berühren lassen, verlernen wir das Staunen. Und das ist wohl eines der grössten Geschenke, die Kinder uns immer wieder machen: Sie lehren uns das Staunen. Sie helfen uns, die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Aber sie konfrontieren uns auch mit ihrer Bedürftigkeit und mit den Grenzen unseres Machens und Planens. Und genau das ist heilsam für uns.

Naaman ist geheilt. Und doch bleibt noch etwas. Denn der grosse Feldherr will dem Propheten wenigstens den grossen Dienst angemessen entgelten. Doch Elisa nimmt das Geschenk nicht an. Für Naaman ist es wichtig, dass er lernt, sich beschenken zu lassen, etwas schuldig zu bleiben. Auch das ist Teil seiner Heilung, der Befreiung von seinem Panzer der Macht und des Reichtums. Lass es dir gefallen, sagt Elisa ihm. Und endlich begreift er es. Er hat noch eine allerletzte Bitte: Sein Amt zwingt Naaman, zuhause auch den Gott Rimmon anzubeten und Elisa erlaubt ihm diesen Kompromiss. Diese Toleranz beeindruckt mich. Natürlich gibt es auch faule Kompromisse, aber ebenso eine bedrohliche fanatische Kompromisslosigkeit. „Zieh hin mit Frieden!“ verabschiedet Elisa den Naaman. Er vertraut darauf, dass er nicht vergessen wird, welcher Gott ihm geholfen hat. Auch wenn er in seinem Alltag mit Kompromissen leben wird, auch wenn er wieder Macht und Reichtum gebrauchen wird – sein Panzer ist aufgebrochen, er lässt sich berühren, seine Seele kann atmen. Das bleibt. Das ist ein Segen.

 

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Entschuldigungskultur

Im Zeitmagazin zum Jahreswechsel macht sich die Redakteurin Ursula März kritische Gedanken „Über Entschuldigungen“. Sie reflektiert über den Zusammenhang von Entschuldigungen und Handlungen und verweist auf den Rücktritt von Margot Kässmann als eine „maximal wirksame Entschuldigung“.

Vielleicht hat Margot Kässmann deshalb am Ende alles richtg gemacht, weil sie ein Gespür dafür hatte, dass eine Entschuldigung immer eine konkrete Benennung der Schuld und tätige Reue erfordert. Menschen haben meist ein gutes Gespür dafür, ob eine Entschuldigung eine Vorwärtsstrategie ist, weil alle anderen Wege verschlossen sind oder bedeutet, dass jemand Verantwortung übernimmt. Allerdings scheint mir ebenso wichtig wie die Handlung, die mit der Entschuldigung verbunden sein sollte, die konkrete Benennung des Fehlers, der Schuld. Viel zu oft ist bei (inszenierten) Entschuldigungen zu erahnen, dass nur zugegeben wird, was sich nicht mehr leugnen lässt und der eigene Nutzen der Entschuldigung im Vordergrund steht. Entschuldigung als Strategie ist aber keine Umkehr und hat kaum heilsame Wirkung.

Maximal wirksam war die Entschuldigung von Margot Kässmann in meinen Augen auch deshalb, weil sie paradoxerweise nicht auf maximale Wirksamkeit angelegt war. Wirksame Entschuldigungen sind Übungen in Demut und im aufrechten Gang zugleich. Sie sind Übungen in Demut, weil wir dann den Versuch aufgeben müssen, uns ins beste Licht zu rücken und uns einem Anderen aussetzen, der unsere Entschuldigung erst annehmen muss. Sie sind Übungen im aufrechten Gang, weil wir dann mit dem Versteckspiel und den Rechtfertigungen aufhören können und nicht etwas aus uns machen müssen, was wir nicht sind. Wer sich entschuldigen kann, muss nicht die Schuld (zumindest zu einem möglichst grossen Teil) beim Anderen oder bei der Gesellschaft oder den Umständen suchen.

Die tragfähigste Basis für eine solche Entschuldigungskultur im positivsten Sinn ist das Vertrauen in ein uns allen zuvorkommendes Ja, welches für mich das Zentrum des christlichen Glaubens ist. Wenn ich mich angenommen weiss unabhängig von all meinen Leistungen und Taten, dann kann ich auch zu meinem Tun stehen und auf die Kraft der Vergebung vertrauen. Wenn ich auf dieses Ja vertrauen kann, dann muss ich mich nicht noch in meinen Entschuldigungen um mein Image sorgen und mich ins bestmögliche Licht rücken.

Wie viel könnten wir gewinnen, wenn wir lernten, uns absichtslos zu entschuldigen, Verantwortung zu übernehmen in Wort und Tat und einfach der heilsamen Kraft des Verzeihens und Vergessens zu vertrauen.

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Gottes Lob wandert – Zum 4. Advent

Das Magnificat – das Loblied der Maria ist für mich einer der eindrücklichsten und bewegendsten Texte der Bibel. „Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.“ So heisst es im Loblied der Maria. Und dann folgen Worte, die die Verhältnisse auf den Kopf stellen, die davon singen, dass Gott die Kleinen gross und die Grossen klein macht, dass er die Macht der Mächtigen bricht und die Bäuche der Hungrigen füllt. Ein rebellisches Lied, ein Lied der Hoffnung. Eine moderne Nachdichtung des Magnificat ist das Lied Nr. 2 im Reformierten Gesangbuchder Schweiz:

Gottes Lob wandert, und Erde darf hören.
Einst sang Maria, sie jubelte Antwort.
Wir stehn im Echo der Botschaft vom Leben:
Den Herrn preist meine Seele.
Ich freue mich, dass er mein Retter ist.
Der Hohe schaut die Niedrige an.
Halleluja, Halleluja.
 
Scharen von Schwestern und Brüdern im Glauben
singen, was damals Maria gesungen,
als ihr geschah, wie der Engel versprochen:
Den Herrn preist meine Seele.
Ich freue mich, dass er mein Retter ist.
Die Stolzen stürzt er endlich vom Thron.
Halleluja, Halleluja.
 
Wunder der Wunder: für uns wirst du Mensch, Herr!
Lass doch das Lied, das Maria uns lehrte,
Brücke der Freude sein, die uns zu dir führt:
Den Herrn preist meine Seele.
Ich freue mich, dass er mein Retter ist.
Er denkt an uns, hilft Israel auf.
Halleluja, Halleluja.

Gottes Lob wandert und Erde darf hören. Einst sang Maria und jubelte Antwort. Wir stehn im Echo der Botschaft vom Leben. Drei kurze und knappe Sätze von grosser Weisheit und Tiefe. Gottes Lob kommt auf die Erde zu, es hat seinen Ursprung nicht auf der Erde, es stammt nicht aus frommer Erfindungskraft oder aus religiöser Sehnsucht der Menschen. Es kommt wie von aussen auf die Erde zu und die Erde darf es hören, wenn sie will. Sie muss nicht – es ist ein Angebot. Es kann untergehen im Lärm unseres Alltags, es kann übertont und erstickt werden durch unsere Sorgen und Ängste, durch unsere Pläne und unseren Aktivismus. Wer vom Lob Gottes berührt werden will, muss sich Zeit nehmen, innerlich und äusserlich zur Ruhe kommen und darauf hören. Der muss hören lernen auf diesen eigenen Klang des Lobes Gottes, der fremd ist in der Welt der Macher und Planer, der Manager, Strategen und Generale. Und so ist unser Lied eine Einladung, aufmerksam hören zu lernen, diesen Klang zu vernehmen, den Klang von Lebensdank und Hoffnung, von Freude und vom Warten auf Gerechtigkeit. Martin Luther hat gemeint, dass das Ohr unser wichtigstes Organ sei. Was uns über das Ohr erreicht, erreicht unser Herz. Und darum geht es in der Advents- und Weihnachtszeit, darum geht es in der ganzen Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen, dass Gottes Liebe unser Herz erreicht. Und so hören wir auf den Klang der Weihnachtsbotschaft, die auch in diesem Jahr über die Erde wandert und unsere Ohren und Herzen erreichen und in uns Wohnung nehmen möchte.

Maria ist uns darin Schwester und Vorbild. Sie hörte die Botschaft des Engels und jubelte Antwort. Sie, diese junge und einfache Frau vor 2000 Jahren hörte aufmerksam und liess sich berühren. Und sie jubelte Antwort, sie nahm den Klang der frohen Botschaft auf und liess sich zu einem eigenen Loblied bewegen. Einem Loblied, mit dem sie sich einreihte in die reiche Glaubenstradition Israels und sich verbunden wusste mit ihren Schwestern im Glauben, die schon vor ihr Loblieder angestimmt hatten. Sie folgte ihrer Schwester Mirjam, die beim Auszug aus Ägypten die Pauke schlug und ihr Lied sang: „Singen will ich dem Herrn, denn hoch erhaben ist er; Ross und Reiter warf er ins Meer.“ Sie folgte ihrer Schwester Hanna, der Prophetin, die mit ähnlichen Worten wie Maria, den Gott pries, der die Armen satt macht und die Niedrigen erhöht, der die Mächtigen von ihrem Thron stösst und erniedrigt. In dieser Tradition starker und allzuoft vergessener Frauen steht Maria mit ihrem Lobgesang. Sie alle besingen den Gott , der befreit und Gerechtigkeit schafft. „Der Hohe schaut die Niedrige an“ – so singt Maria. Gott traut mir Grosses zu. Er mutet mir ganz Unglaubliches zu, mir, die ich niedrig und unbedeutend bin. Und ich sage ja. Er will durch mich etwas noch nie Dagewesenes in der Welt beginnen lassen. Und ich sage Ja. Er will, dass sein Sohn durch den Heiligen Geist in mir wächst und gross wird und ich ihn zur Welt bringe, in die Welt in der ich lebe, hier und heute. Und ich sage Ja. Und mein Herz wird weit und öffnet sich, und ich werde vom Gotteslob erfasst und singe: Den Herrn preist meine Seele. Ich freue mich, dass er mein Retter ist. Der Hohe schaut die Niedrige an. Halleluja. So wird die junge Frau Maria zum Urbild des Glaubens, eines Glaubens der hört und vernimmt und sein Loblied singt. Und wir stehen heute im Echo der Botschaft vom Leben, der Botschaft die einst in den Lobgesängen der Mirjam, der Hanna und der Maria ihr Echo fand, der Botschaft, die die Hirten auf dem Felde vernahmen und die sie in Bewegung setzte.  

Wir stehen im Echo der Botschaft vom Leben. Es ist ein lebendiges und vielfältiges Echo, dass diese Botschaft durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder gefunden hat. Unzählige Menschen haben die Worte Marias aufgenommen und mit ihrer eigenen, unverwechselbaren Stimme zum Klingen gebracht, Frauen, Männer und Kinder; Einzelne und Chöre; Fröhliche und Traurige. Sie haben das Echo der Botschaft vom Leben durch die Zeiten hindurchgetragen, haben es mit ihren Lebenserfahrungen angereichert. Erreicht uns diese Botschaft hier und heute , in den Hoffnungen und Enttäuschungen unseres Lebensalltags? Erreicht sie unsere Ohren und unser Herz und bringt sie etwas in uns zum Klingen, findet bei uns ihr Echo, ihre Antwort? Ja, diese Worte warten darauf, dass wir sie heute hören und singen und dass wir sie singend verantworten. Denn die Worte des Liedes wollen uns nicht nur an Maria erinnern. Sie wollen uns nahekommen, uns auf den Leib rücken und zu unseren eigenen Worten werden. „Er ist mein Retter.“ So singen wir von uns selbst, von unserem eigenen Leben. Er sieht mich an. Er traut mir Grosses zu. Er will durch mich etwas Neues in der Welt beginnen. Er will, dass sein Sohn durch den Heiligen Geist in mir wächst und gross wird und ich ihn „zur Welt bringe“ – in meine Welt, hier und heute.

Denk nicht: Ich bin zu alt oder zu jung, zu träge, zu schwach, zu müde, zu wenig fromm. Ich habe zu viele Fragen und Zweifel. Warte nicht bis alle Fragen und Zweifel verschwunden sind. Sing das Lied der Maria, all diese unglaublichen Dinge. Unser Lied, Marias Lied kann eine Brücke sein, eine Brücke, auf der wir – zaghaft und unsicher vielleicht – gehen können, eine Brücke der Freude, die uns trägt und die uns zu Gott führt. Sing davon, dass Gott uns ansieht, dass er unser Retter ist. Sing davon, dass diese Welt nicht bleiben wird, wie sie ist, dass Gott die Niedrigen aufheben wird und den Hungrigen Brot verschaffen, dass er den Geschundenen und Geplagten Heimat geben wird und die Reichen leer ausgehen.

Und dann höre auf das, was du selber singst. Wenn wir  gemeinsam singen: „Er denkt an uns und hilft Israel auf“ können die Worte ihre Kraft entfalten und zu leuchten beginnen. Sie können uns berühren und bewegen und zur Quelle der Hoffnung und des Glaubens werden bei allen, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, die auf der Suche sind nach einem erfüllten Leben für sich und für die Anderen. Wenn wir auf sie hören, sie singen und uns danach sehnen, dass sie Wirklichkeit werden, dann öffnen sie uns einen Weg, eine Brücke über die Fragen und Zweifel, die Resignation und Enttäuschung hinweg. Sie nehmen uns mit in die Nähe dessen, den Maria geboren hat: „Wunder der Wunder, für uns wirst du Mensch, Herr.“ Nicht nur damals vor 2000 Jahren, sondern hier und heute, in unseren Herzen und in unserer Gemeinschaft. Und über die Distanz von Zeit und Raum hinweg sind wir verbunden mit Maria und singen ihr Lied, staunend und dankbar.

Stille

9. September 2010 1 Kommentar

 

Stille ermöglicht uns Grenzerfahrungen. Sie führt uns über die Grenzen des Egos zum Selbst.

Stille ist nicht Einsamkeit, sondern ein Wegweiser nach innen zur Essenz des Seins, ein Wegweiser in eine mit dem Intellekt nicht fassbare, noch viel grössere Stille hinein.

In uns hineinzuhören, uns auch auf uns zu besinnen, gewährt auch den Respekt vor dem Anderen. Darin liegt für mich die ganz grosse Faszination der christlichen Botschaft.

Die Intimität von Stille weist auf die mögliche Nähe mit unserer Umgebung hin.
Das bedarf der Hingabe und Demut, Hingabe an mein Leben und Demut vor meiner Umwelt.

Stille ist ein Wunder, das es zu entdecken gilt. Jeden Tag aufs Neue.
Erst wenn wir still sind, sind wir bereit, Grösseres zu erleben.

Franz Welser-Möst

Die Zitate stammen aus einer Predigt, die der Dirigent Franz Welser-Möst im November 2008 in der Evanglischen Kirche in Vaduz gehalten hat und die im Band „Ortswechsel. Vaduzer Predigten 1997-2008“, hg. v. André und Karin Ritter, veröffentlicht wurde.

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Demut und schöpferische Kraft

Wenn ich deinen Himmel sehe, das Werk deiner Finger,

den Mond und die Sterne, die du hingesetzt hast:

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,

und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

Du hast ihn wenig geringer gemacht als Gott,

mit Ehre und Hoheit hast du ihn gekrönt.

Psalm 8,4-6

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