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Posts Tagged ‘Freiheit’

Friedensnobelpreis für drei beeindruckende Frauen

Drei Frauen haben in diesem Jahr den Friedensnobelpreis erhalten. Ihre Porträts waren heute in vielen Medien zu lesen, u.a. auch in der NZZ. Leymah Roberta Gbowee ist eine liberianische Sozialarbeiterin und Kirchenpräsidentin, die auch zu aussergewöhnlichen Massnahmen in ihrem Engagement für den Frieden griff. Ellen Johnson Sirleaf aus Liberia ist die erste Präsidentin auf dem afrikanischen Kontinent. Mutig und aussergewöhnlich ist auch die dritte Preisträgerin Tawakul Karman . Sie gehört der grössten jemenitischen Oppositionspartei, einer islamistischen Partei, an, tritt aber für eine säkulare Demokratie ein und legte schon 2004 den Nikab ab.

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Verzeihen befreit

16. Juli 2011 1 Kommentar

Der Predigttext für diesen Sonntag ist der Abschluss der Josefsgeschichte aus der Genesis. Die Josefsgeschichte ist ein grossartiges Stück Literatur und hat nicht umsonst Thomas Mann und andere inspiriert. Der Abschnitt Gen 50,15-21 ist die zweite Versöhnungsszene zwischen Josef und seinen Brüdern. Kaum ist der Patriarch unter der Erde, da liegen die Nerven bei den Brüdern Josefs schon blank. Jetzt, wo der Vater Jakob nicht mehr lebt, trauen sie der ersten Versöhnung nicht mehr – nach allem, was sie Josef angetan haben. Und es ist eine Erfahrung, die mancher wohl schon gemacht hat, wenn uralte und nicht wirklich bereinigte Konflikte in einer Familie schwelen. Vielleicht wurden sie um der Eltern willen mühsam im Zaum gehalten, aber gelöst wurden die Konflikte dadurch nicht. Und wenn eines Tages die Eltern nicht mehr da sind, dann kann es passieren, dass die ungelösten Konflikte und Verletzungen mit aller Macht wieder aufbrechen.

Josef aber nimmt seinen Brüdern die Angst. Gott hat das Böse, dass sie ihm angetan haben, zum Guten gewendet. Josef kann verzeihen, weil das erlittene Unrecht und die Demütigungen keine Macht mehr über ihn haben. Das zieht sich in meinen Augen wie ein roter Faden durch die ganze Josefsgeschichte: dieser Josef ist einer, der sich niemals durch das bestimmen lässt, was ihm angetan wurde. Er lässt sich nicht auf die Opferrolle reduzieren. Er nimmt trotz allem, was man ihm angetan hat und wie übel ihm auch mitgespielt wurde, immer wieder sein Leben in die Hand und nutzt seine Möglichkeiten. Damit Gott aus dem Bösen in seinem Leben etwas Gutes machen kann, dazu braucht es auf Josefs Seite die Bereitschaft, nicht nur mit seinem Schicksal zu hadern, sondern die Möglichkeiten, die sich ihm trotz allem eröffnen, auch zu ergreifen.

Es ist nicht so sehr die moralische Botschaft, dass wir das Böse, das uns angetan wird, verzeihen sollen, um die es hier geht – auch wenn das zweifellos richtig und wichtig ist. Und es ist auch nicht allein die Hoffnungsbotschaft, dass wir darauf vertrauen dürfen, dass Gott auch aus dem Schwierigen und sogar dem Bösen in unserem Leben etwas Gutes entstehen lassen kann – die ebenso zutreffend ist. Das Entscheidende sehe ich aber in der Botschaft, dass wir uns nicht bestimmen lassen müssen von dem, was andere aus uns machen oder uns antun, weil letztlich Gott über unser Leben bestimmt. Verzeihen ist in der Josefsgeschichte nicht so sehr eine moralische Verpflichtung, sondern die grossartige Erfahrung einer befreienden Kraft. Die Frage ist nicht, ob wir verzeihen müssen, sondern ob wir verzeihen können. Das macht einen riesigen Unterschied.

Es ist so verführerisch einfach, für viele Dinge in unserem Leben erlittenes Unrecht und von anderen zugefügtes Leid verantwortlich zu machen. Und es mag dafür auch gute und durchaus berechtigte Gründe geben. Aber es bringt uns keinen Schritt weiter und kann uns blind machen für das, was an Gutem in unserem Leben heranwachsen und gedeihen will. Es verstärkt den Groll auf die, die uns etwas angetan haben und hält uns zugleich im Bann ihrer Macht. Josef steht immer wieder auf seine Füsse statt nur mit seinem Schicksal zu hadern. Das gibt ihm eine Stärke, die auf Gottvertrauen und Souveränität gründet und sich nicht gegen andere oder auf Kosten der anderen durchsetzen und beweisen muss. Weil er sein Leben nicht vom erlittenen Unrecht bestimmen lässt, kann er dieses Unrecht dann auch verzeihen. Er muss es nicht rächen, aber er muss es auch nicht verdrängen oder den Schmerz leugnen, der immer noch damit verbunden ist.

Ich denke, diese Botschaft hat ihre Bedeutung auch für Familienkonflikte in unserer Zeit. Je mehr wir sie zum Erklärungsmuster für unser Leben machen, umso mächtiger werden sie und es bleibt kein Spielraum, um wirklich zu verzeihen. Wenn wir sie verdrängen, brechen sie irgendwann wieder auf. Der einzig gangbare Weg ist, dass wir Konflikte und Verletzungen wahrnehmen und annehmen als einen Teil unseres Lebens, unserer Geschichte, der zu uns gehört und uns dennoch nicht davon bestimmen lassen. Wir können Dinge nicht wirklich verzeihen, solange sie uns noch vollständig im Griff haben. Aber es ist auch eine Frage unserer Lebenshaltung, ob wir zumindest versuchen, uns nicht von Vergangenem vollständig beherrschen zu lassen. Und wenn wir dann verzeihen können, dann ist das zuallererst für uns selber eine befreiende Erfahrung, wie ein Joch, das wir abgeworfen haben. Ein Verzeihen, dass die Verletzungen nicht verdrängt, unterbricht das zermürbende Hin und Her von Vorwürfen und Rechtfertigungen und kann die Angst vertreiben, die Menschen zugleich aneinander kettet und voneinander trennt. Von Gott dürfen wir die Kraft zum Verzeihen erbitten und das Vertrauen, dass weder unsere Schuld noch erlittenes Unrecht unser Leben bestimmt, sondern Gott, der auch aus dem Bösen Gutes hervorbringen kann.  

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

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Pfingsten – das Fest der Spiritualität

Ich mag das Pfingstfest, weil es aufmerksam macht auf den Geist Gottes, der in uns und unter uns wirkt. Einerseits gilt Pfingsten ja als „Geburtstag“ der Kirche, ist so etwas wie eine kirchliche Gründungslegende. Andererseits gilt, dass der Geist bekanntlich weht, wo er will, und sich eben nicht an die Grenzen einer Institution hält und – wo Institutionen sich verfestigen und verhärten – der lebendig machende Geist sie verlässt. Was für ein Geist ist dieser Pfingstgeist?

1. Der Pfingstgeist ist zuerst einmal der Geist des freien Wortes. Eine Gruppe von Begeisterten ergreift das Wort – ohne jegliches Amt und jegliche Autorität. Es ist ein Hauch von Speaker’s Corner in dieser Pfingstgeschichte. „Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über.“ (Mt 12,34). Pfingsten ist für mich ein urdemokratisches Fest.

2. Pfingsten ist ein Fest der Verständigung. Es ist das biblische Gegenbild zum Turmbau zu Babel. Während dort die Menschen einen gigantischen Turm bis zum Himmel bauen wollen und darüber die Fähigkeit verlieren, sich zu verständigen, sprechen sie in der Pfingstgeschichte die Sprache des Herzens und finden so zur Verständigung.

3. Pfingsten ist ein Fest der Gemeinschaft. Darum ist es eben auch der Geburtstag der Kirche. Der Pfingstgeist lässt nicht jeden in der Vereinzelung seiner Begeisterung zurück, sondern verbindet Menschen über Grenzen der Sprache, der Politik, des Geschlechts, der sozialen Gruppen und der Generationen hinweg.

4. Der Pfingstgeist ist der Geist der Freiheit. Er weht, wo er will. Keine Institution, keine Gruppierung, keine Religion kann einfach darüber verfügen. Darum kann eine Religion oder Kirche nur dann sich auf diesen Geist berufen, wenn sie Freiheit ermöglicht, die Freiheit des Wortes, der Gedanken, des persönlichen Glaubens.

5. Das hebräische Wort für den Geist ist Ruach. Es ist weiblich und bedeutet auch Wind und Atem. Mit seinem Atemhauch belebt Gott in der biblischen Schöpfungsgeschichte die Menschen. Mit jedem Atemzug bin ich als mit dem göttlichen Geist und mit allen Lebewesen verbunden.

6. Darum ist der Pfingstgeist auch der Geist der Meditation, des bewussten Atmens, der Achtsamkeit, der Präsenz im Hier und Jetzt.

7. Der Pfingstgeist ist aber auch ein kritischer Geist. Begeisterung allein kann auch ein Strohfeuer sein, kann blind machen und uns um den Verstand bringen. Drum ist es wichtig, das, was uns begeistert und erfüllt, auch der kritischen Prüfung zu unterziehen und am Massstab der Liebe und der Gemeinschaft zu messen.

8. Der Pfingstgeist ist auch ein Geist des Friedens. „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“ heisst es bei Augustin.

9. Und er ist zugleich der Geist des Wandels. Wer möchte, dass immer alles beim Alten bleibt, sollte sich besser nicht auf diesen Geist einlassen.

10. Der Geist weht, wo er will. Er hält sich nicht an Grenzen der Religion oder Konfession. Aber ich glaube, dass es zwei Dinge gibt, woran man ihn/sie erkennen kann: Der Geist lässt Menschen aufatmen und zwingt und knechtet nicht und er befähigt zu Liebe und Toleranz.

Meine Pfingstpredigt ist hier zu lesen.

 

Aus der Hoffnung entsteht Veränderung

23. April 2011 2 Kommentare

„Wir brauchen den Glauben an das Unwahrscheinliche, damit Veränderung noch möglich ist“  heisst es im Leitartikel von Carolin Emcke in der Osterausgabe der ZEIT. Sie schreibt: „In diesen Tagen erinnern jüdische und christliche Gläubige an zwei Erzählungen, die ihnen jeweils den Triumph des Unwahrscheinlichen über das Wahrscheinliche bedeuten. An Pessach feiern Juden den Auszug des jüdischen Volks aus Ägypten und damit die angekündigte Befreiung aus Sklaverei und Knechtschaft, an Ostern feiern Christen die Auferstehung Jesu Christi und damit die versprochene Vergebung ihrer Sünden. (…) Es sind Geschichten, an die Jahr für Jahr in Familien und Gemeinden erinnert wird, die dort nachgelebt werden, weil mit diesem Ritual auch der Glaube an die Hoffnung weitergereicht wird von Generation zu Generation, wie ein Laib Brot, von dem sich jeder ein Stück bricht, Hoffnung auf Befreiung oder auf Erlösung. So schreiben sie sich ein, die Geschichten, in das innere Repertoire, aus dem sich schöpfen lässt in finsteren Zeiten.“

Sie fragt, was all das mit unserer nachmetaphysischen Zeit zu tun hat und gibt die bedenkenswerte Antwort: „Weil diese Geschichten daran erinnern, dass wir, individuell oder kollektiv, immer nur mit einem utopischen Vorgriff leben können, dass wir auf einen Horizont hin ausgerichtet sein müssen, der das überschreitet, was ist. Es braucht den Glauben an das globale Wir, auch wenn es erst im Entstehen begriffen ist. Es braucht den Glauben an das Unglaubliche, das Trotzdem, das sich in einer trostlosen Gegenwart den Widerständen der herrschenden Ideologien widersetzt, es braucht die Hoffnung auf das, was der Philosoph Ernst Bloch das »Noch-Nicht« nennt – sonst ist Veränderung nicht möglich. Sonst lässt sich aber auch die Gegenwart auf Dauer kaum aushalten.“

Und weiter: „Das Undenkbare ist wieder denkbar geworden, die zynische Schwerkraft all derer in Politik und Medien, die Utopien nur nach ihrer Wahrscheinlichkeit beurteilen und verwerfen wollten, ist gebrochen. Denen, die ihre Chancen nicht mathematisch kalkulieren, die ihrem Denken keine Grenzen setzen, die ihren Glauben nicht an der Wahrscheinlichkeit ausrichten, ob in China oder Iran, in Syrien oder Japan, gebührt nicht nur Respekt, ihnen gebührt auch Dank. Und wir sollten ihre Geschichten erzählen an diesen Tagen zu Pessach und Ostern, an denen wir uns an die großen alten Erzählungen der Hoffnung erinnern.“

Begreifen werden wir nie, was damals an Ostern geschehen ist. Aber wir können staunen und uns berühren lassen von der verändernden Kraft der Hoffnungsbotschaft von Ostern. Denn in dieser Botschaft liegt eine ungeheure Kraft gegen den Zynismus des Unabänderlichen, eine Lebendigkeit, die schon in diesem Leben den Tod überwindet. Wer die Hoffnung verloren hat, der ist wie lebendig begraben, eingesperrt in der Grabeshöhle des Berechenbaren. Ja, die Ostergeschichte, all die Geschichten der Hoffnung sind wirklich wie ein Laib Brot, den wir weitergeben und von dem wir uns ein Stück abbrechen können – und der dadurch nicht weniger wird. Die Wahrheit von Ostern spiegelt sich in den Ereignissen in Tunesien und Ägypten und an all den anderen Orten, wo Menschen sich nicht mit dem Bestehenden abfinden und aufstehen für eine gerechtere und menschlichere Zukunft. In diesem Licht können wir in diesem Jahr die Osterbotschaft hören. Sie kann bei uns den Mut und die Kraft erwecken, statt der Verteidigung des Bestehenden den Einsatz für eine bessere Welt für alle zu wagen.

E-Mails über den Glauben

Eine interessante Rezension ist auf FAZ.net zu lesen. Besprochen wird das Buch „Weißt du, was ich glaube, Paps?“ von Lilian und Richard Kähler. Es ist der E-Mail-Dialog eines längst aus der Kirche ausgetretenen Vaters mit seiner 18-jährigen Tochter. Als die Tochter nebenbei bemerkt, dass sie ja nicht an Gott glaubt, bewirkt dies beim Vater , dass er darüber nachdenkt, was Glauben ihm bedeutet und beginnt, mit ihr via Mail über Gott, Religion und Glauben zu sprechen.

In ihren sehr unterschiedlichen Zugängen zum Glauben und zur Religion scheinen Lilian und Richard Kähler nicht untypisch zu sein für unsere Gegenwart. Während er sich offenbar eine pantheistische Spiritualität zusammenbastelt, beharrt die Tochter darauf, dass sich der passende Glaube schon einstellen wird, wenn sie ihn denn brauchen sollte und dass sie im Moment nur die Liebe brauche.

Bedenkenswert ist aber auch das Fazit des Rezensenten: „Den Eigenwert des Religiösen verfehlen die Bricolage des Vaters und das Konsumentendenken der Tochter allerdings gleichermaßen. Unzugänglich bleibt beiden sowohl das Bild des richtenden Gottes als auch das Bewusstsein jener Würde, die aus dem Dienst an einem Höheren erwächst. Diese Lektüre lässt keinen Zweifel: Wem die Bereitschaft zum Dienen fehlt, dem hilft auch das Glaubenwollen nicht; religiös wird er nicht mehr werden.“

Entschuldigungskultur

Im Zeitmagazin zum Jahreswechsel macht sich die Redakteurin Ursula März kritische Gedanken „Über Entschuldigungen“. Sie reflektiert über den Zusammenhang von Entschuldigungen und Handlungen und verweist auf den Rücktritt von Margot Kässmann als eine „maximal wirksame Entschuldigung“.

Vielleicht hat Margot Kässmann deshalb am Ende alles richtg gemacht, weil sie ein Gespür dafür hatte, dass eine Entschuldigung immer eine konkrete Benennung der Schuld und tätige Reue erfordert. Menschen haben meist ein gutes Gespür dafür, ob eine Entschuldigung eine Vorwärtsstrategie ist, weil alle anderen Wege verschlossen sind oder bedeutet, dass jemand Verantwortung übernimmt. Allerdings scheint mir ebenso wichtig wie die Handlung, die mit der Entschuldigung verbunden sein sollte, die konkrete Benennung des Fehlers, der Schuld. Viel zu oft ist bei (inszenierten) Entschuldigungen zu erahnen, dass nur zugegeben wird, was sich nicht mehr leugnen lässt und der eigene Nutzen der Entschuldigung im Vordergrund steht. Entschuldigung als Strategie ist aber keine Umkehr und hat kaum heilsame Wirkung.

Maximal wirksam war die Entschuldigung von Margot Kässmann in meinen Augen auch deshalb, weil sie paradoxerweise nicht auf maximale Wirksamkeit angelegt war. Wirksame Entschuldigungen sind Übungen in Demut und im aufrechten Gang zugleich. Sie sind Übungen in Demut, weil wir dann den Versuch aufgeben müssen, uns ins beste Licht zu rücken und uns einem Anderen aussetzen, der unsere Entschuldigung erst annehmen muss. Sie sind Übungen im aufrechten Gang, weil wir dann mit dem Versteckspiel und den Rechtfertigungen aufhören können und nicht etwas aus uns machen müssen, was wir nicht sind. Wer sich entschuldigen kann, muss nicht die Schuld (zumindest zu einem möglichst grossen Teil) beim Anderen oder bei der Gesellschaft oder den Umständen suchen.

Die tragfähigste Basis für eine solche Entschuldigungskultur im positivsten Sinn ist das Vertrauen in ein uns allen zuvorkommendes Ja, welches für mich das Zentrum des christlichen Glaubens ist. Wenn ich mich angenommen weiss unabhängig von all meinen Leistungen und Taten, dann kann ich auch zu meinem Tun stehen und auf die Kraft der Vergebung vertrauen. Wenn ich auf dieses Ja vertrauen kann, dann muss ich mich nicht noch in meinen Entschuldigungen um mein Image sorgen und mich ins bestmögliche Licht rücken.

Wie viel könnten wir gewinnen, wenn wir lernten, uns absichtslos zu entschuldigen, Verantwortung zu übernehmen in Wort und Tat und einfach der heilsamen Kraft des Verzeihens und Vergessens zu vertrauen.

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Von Menschen und Göttern

17. Dezember 2010 4 Kommentare

Filmtipp: „Des hommes et des dieux“ über französische Zisterziensermönche, die in Algerien ermordet wurden. Eine hervorragende Filmkritik unter http://www.zeit.de/2010/50/Kino-Menschen-Goetter?page=all.

Ein Zitat daraus:

„Für die Mönche ist das mystische Staunen über Gottes Schöpfung gleichursprünglich mit dem Staunen darüber, dass Menschen moralische Wesen sind, die sich mit der Gnade des Bewusstseins für die Wahrheit entscheiden können. Mit anderen Worten: Die introvertierte Spiritualität, der demütige Dank an den Allmächtigen, entlässt im selben Atemzug die extrovertierte Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden. Denn Gott ist die Wahrheit, und die Wahrheit sagt: Alle Menschen sind Gotteskinder. »Du sollst nicht töten«, und wer es dennoch tut, der verfällt den heidnischen Göttern der Gewalt.“

Free Liu Xiaobo

Anlässlich der Nobelpreisverleihung haben chinesische Menschenrechtskämpfer einen offenen Brief an die chinesische Regierung verfasst, der in der NYRB veröffentlicht wurde: http://www.nybooks.com/blogs/nyrblog/2010/dec/09/free-liu-xiaobo-now/?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+nybooks+%28The+New+York+Review+of+Books%29

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Mit brennender Geduld – Zum 2. Advent

4. Dezember 2010 2 Kommentare

O Heiland, reiss die Himmel auf,

herab, herab vom Himmel lauf,

reiss ab vom Himmel Tor und Tür,

reiss ab, wo Schloss und Riegel für.

 

O Gott, ein’ Tau vom Himmel giess,

im Tau herab, o Heiland, fliess.

Ihr Wolken, brecht und regnet aus

den König über Jakobs Haus.

 

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,

dass Berg und Tal grün alles werd.

O Erd, herfür dies Blümlein bring,

o Heiland, aus der Erden spring.

 

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,

Darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?

O komm, ach komm vom höchsten Saal,

Komm tröst uns hier im Jammertal.

 

O klare Sonn, du schöner Stern,

dich wollten wir anschauen gern;

o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein

in Finsternis wir alle sein.

„Mit brennender Geduld“ heisst ein Roman des chilenischen Schriftstellers Antonio Skarmeta, in dem er dem Dichter Pablo Neruda und dessen Postboten ein Denkmal setzt. Ich habe den Roman nicht gelesen, aber den Titel finde ich wunderbar – und wunderbar passend zum Adventslied „O Heiland reiss die Himmel auf“.  

Was dieses Adventslied in meinen Augen von den meisten anderen unterscheidet, das sind die vielen O’s und Ach’s, dieser drängende, fast ungeduldige Ton. Da beschreibt nicht einer selbstsicher und in tiefer Gewissheit, was Gott für uns tut, sondern sehnt herbei, dass Gott endlich handelt. Nicht öffnen soll er den Himmel, sondern aufreissen; nicht herabkommen, sondern herablaufen. Der Tau soll nicht vom Himmel träufeln, sondern fliessen. Darf man den Heiland so bedrängen? So möchte man fast fragen.

 Der Text dieses Adventsliedes ist im Jahr 1622 entstanden. Es waren die Anfangsjahre des 30-jährigen Krieges. Geschrieben hat es der Jesuitenpater Friedrich Spee. Er hat nicht nur die Schrecken dieses Krieges erlebt, er hat auch als Beichtvater den Hexenwahn miterlebt und schon früh begriffen, wie ausweglos die Situation für Frauen war, die der Hexerei beschuldigt wurden und denen Leugnen als Halsstarrigkeit und ein Geständnis als Anerkennung ihrer Schuld ausgelegt wurde. Spee hat gegen den Hexenwahn gekämpft. Und er wurde dafür selbst zu einem Opfer der Verfolgung. Er wurde ins Kriegsgebiet nach Trier geschickt, wo er bei der Pflege der Kranken und Verletzten an einer Seuche starb. Das war 1635. Spee war 44 Jahre alt.

 Ja, so drängend bitten und sehnsuchtsvoll erwarten kann vermutlich nur jemand, der sich vom Leid und von der Ungerechtigkeit anrühren lässt, dem es keine Ruhe lässt, dass die Dinge sind, wie sie nun einmal sind und der von seinem Gott noch etwas erwartet. In diesem drängenden Bitten verbindet sich eine tiefe Menschlichkeit mit einem ebenso tiefen Glauben. Und genau das ist für mich das Beeindruckende und Ermutigende an diesem Adventslied und an Friedrich Spee.

 In diesem drängenden Bitten höre ich aber auch eine wichtige Anfrage an uns. Sind wir nicht oft viel zu nüchtern und abgeklärt? Wir kennen die Sachzwänge und beherrschen die Kunst des Möglichen. Wir finden uns ab und suchen gute Gründe. Wir sind bescheiden und erwarten nicht zuviel. Wir haben gelernt, dass sich manche Dinge eben nicht ändern lassen, warum wir nicht viel machen können, wenn Menschen verhungern oder von unserem Wohlstand ausgeschlossen sind. Wir rechnen nicht mehr mit Gott in unserem durchorganisierten Leben – oder wenn, dann benutzen wir ihn zum Auffüllen unserer Defizite und der Lücken unseres Weltgebäudes oder zur Abgrenzung von den Andersgläubigen oder den Ungläubigen. Was erwarten wir eigentlich vom Leben, von Gott? Welche Sehnsüchte erfüllen uns? Was ist uns so wichtig, dass es uns in unserem Innersten berührt und mit brennender Geduld erfüllt? Gibt es in unserem Leben etwas, das uns dazu drängt zu rufen: O Heiland reiss die Himmel auf? Wenn wir immer nur mit dem Möglichen rechnen, haben wir vermutlich vom Advent noch wenig begriffen.

 Ruhe und Abgeklärtheit sind im Leben gewiss wertvolle Qualitäten und es gibt wohl für jedes von uns Momente, wo wir uns mehr davon wünschen. Aber – und daran erinnert uns das Adventslied „O Heiland reiss die Himmel auf“ – die vorwärtsdrängende Sehnsucht, das erwartungsvolle Hoffen und das hoffnungsvolle Erwarten sind ebenso wichtig. Und das Lied drückt diese Sehnsucht in wunderbaren, kräftigen poetischen Bildern aus, in Bildern, die alles andere sind als ein Weltverbesserungsprogramm, weil sie alles von Gott erwarten. In Bildern aber auch, die uns in Bewegung bringen, weil sie darauf hoffen und darum bitten, dass Gott uns in Bewegung bringt. Wenn Schloss und Riegel weg sind und der Himmel offen, dann sind wir frei, einzutreten und hinauszutreten in den weiten Raum des Lebens, das Gott uns schenkt. Gott öffnet uns diesen Raum und er stärkt uns den Rücken. Den Weg gehen aber müssen und dürfen wir selber. Wenn Tau und Regen vom Himmel fliessen, dann wird der Boden fruchtbar. Der Boden aber sind wir und es braucht unsere Bereitschaft, Neues wachsen zu lassen.

 Wenn wir am liebsten hätten, dass alles so bleibt wie es ist, dann wird uns diese adventliche Sehnsucht fremd bleiben. Wenn wir nicht mehr erwarten als die Geschenke zum Fest (und ich will damit überhaupt nichts gegen Geschenke sagen), dann wird uns die Weihnachtsbotschaft ein Märchen aus uralten Zeiten bleiben. Wenn wir aber uns anstecken lassen von dieser adventlichen Sehnsucht, dann dürfen wir unseren Gott auch bedrängen, ihn herausfordern. Dann müssen wir nichts mehr verdrängen von unseren Sorgen und Ängsten. Dann müssen wir uns nicht abfinden mit dem, was anders werden muss. Sehnen wir uns nach dieser göttlichen Lebensenergie? Sind wir bereit, uns bewegen und überraschen zu lassen? Wollen wir uns berühren lassen und uns öffnen? Wollen wir leben mit brennender Geduld? Dann können die Worte dieses Adventslieds wirklich zu unseren eigenen werden, aus tiefstem Herzen gesungen.

 Wir dürfen Gott mehr zutrauen als unsere kleinen Wünsche und Pläne. Die überfliessende Fülle dieser Bilder erinnert uns an die göttliche Lebenskraft, die wir uns niemals selber geben können und die mehr und anders ist als unsere Träume, die Ideale, denen wir so oft hinterher laufen. Advent ist die Zeit der Erwartung. Erwarten dürfen wir nicht weniger als das Kommen Gottes, den herabfliessenden Tau göttlichen Segens in unserem Leben. Erwarten dürfen wir mit brennender Geduld – das Leben.

Freiheit

 

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Steht also fest und lasst euch nicht wieder

in das Joch der Knechtschaft einspannen.“

(Galaterbrief 5,1)

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