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Posts Tagged ‘Freiheit’

Free Liu Xiaobo

Anlässlich der Nobelpreisverleihung haben chinesische Menschenrechtskämpfer einen offenen Brief an die chinesische Regierung verfasst, der in der NYRB veröffentlicht wurde: http://www.nybooks.com/blogs/nyrblog/2010/dec/09/free-liu-xiaobo-now/?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+nybooks+%28The+New+York+Review+of+Books%29

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Mit brennender Geduld – Zum 2. Advent

4. Dezember 2010 2 Kommentare

O Heiland, reiss die Himmel auf,

herab, herab vom Himmel lauf,

reiss ab vom Himmel Tor und Tür,

reiss ab, wo Schloss und Riegel für.

 

O Gott, ein’ Tau vom Himmel giess,

im Tau herab, o Heiland, fliess.

Ihr Wolken, brecht und regnet aus

den König über Jakobs Haus.

 

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,

dass Berg und Tal grün alles werd.

O Erd, herfür dies Blümlein bring,

o Heiland, aus der Erden spring.

 

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,

Darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?

O komm, ach komm vom höchsten Saal,

Komm tröst uns hier im Jammertal.

 

O klare Sonn, du schöner Stern,

dich wollten wir anschauen gern;

o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein

in Finsternis wir alle sein.

„Mit brennender Geduld“ heisst ein Roman des chilenischen Schriftstellers Antonio Skarmeta, in dem er dem Dichter Pablo Neruda und dessen Postboten ein Denkmal setzt. Ich habe den Roman nicht gelesen, aber den Titel finde ich wunderbar – und wunderbar passend zum Adventslied „O Heiland reiss die Himmel auf“.  

Was dieses Adventslied in meinen Augen von den meisten anderen unterscheidet, das sind die vielen O’s und Ach’s, dieser drängende, fast ungeduldige Ton. Da beschreibt nicht einer selbstsicher und in tiefer Gewissheit, was Gott für uns tut, sondern sehnt herbei, dass Gott endlich handelt. Nicht öffnen soll er den Himmel, sondern aufreissen; nicht herabkommen, sondern herablaufen. Der Tau soll nicht vom Himmel träufeln, sondern fliessen. Darf man den Heiland so bedrängen? So möchte man fast fragen.

 Der Text dieses Adventsliedes ist im Jahr 1622 entstanden. Es waren die Anfangsjahre des 30-jährigen Krieges. Geschrieben hat es der Jesuitenpater Friedrich Spee. Er hat nicht nur die Schrecken dieses Krieges erlebt, er hat auch als Beichtvater den Hexenwahn miterlebt und schon früh begriffen, wie ausweglos die Situation für Frauen war, die der Hexerei beschuldigt wurden und denen Leugnen als Halsstarrigkeit und ein Geständnis als Anerkennung ihrer Schuld ausgelegt wurde. Spee hat gegen den Hexenwahn gekämpft. Und er wurde dafür selbst zu einem Opfer der Verfolgung. Er wurde ins Kriegsgebiet nach Trier geschickt, wo er bei der Pflege der Kranken und Verletzten an einer Seuche starb. Das war 1635. Spee war 44 Jahre alt.

 Ja, so drängend bitten und sehnsuchtsvoll erwarten kann vermutlich nur jemand, der sich vom Leid und von der Ungerechtigkeit anrühren lässt, dem es keine Ruhe lässt, dass die Dinge sind, wie sie nun einmal sind und der von seinem Gott noch etwas erwartet. In diesem drängenden Bitten verbindet sich eine tiefe Menschlichkeit mit einem ebenso tiefen Glauben. Und genau das ist für mich das Beeindruckende und Ermutigende an diesem Adventslied und an Friedrich Spee.

 In diesem drängenden Bitten höre ich aber auch eine wichtige Anfrage an uns. Sind wir nicht oft viel zu nüchtern und abgeklärt? Wir kennen die Sachzwänge und beherrschen die Kunst des Möglichen. Wir finden uns ab und suchen gute Gründe. Wir sind bescheiden und erwarten nicht zuviel. Wir haben gelernt, dass sich manche Dinge eben nicht ändern lassen, warum wir nicht viel machen können, wenn Menschen verhungern oder von unserem Wohlstand ausgeschlossen sind. Wir rechnen nicht mehr mit Gott in unserem durchorganisierten Leben – oder wenn, dann benutzen wir ihn zum Auffüllen unserer Defizite und der Lücken unseres Weltgebäudes oder zur Abgrenzung von den Andersgläubigen oder den Ungläubigen. Was erwarten wir eigentlich vom Leben, von Gott? Welche Sehnsüchte erfüllen uns? Was ist uns so wichtig, dass es uns in unserem Innersten berührt und mit brennender Geduld erfüllt? Gibt es in unserem Leben etwas, das uns dazu drängt zu rufen: O Heiland reiss die Himmel auf? Wenn wir immer nur mit dem Möglichen rechnen, haben wir vermutlich vom Advent noch wenig begriffen.

 Ruhe und Abgeklärtheit sind im Leben gewiss wertvolle Qualitäten und es gibt wohl für jedes von uns Momente, wo wir uns mehr davon wünschen. Aber – und daran erinnert uns das Adventslied „O Heiland reiss die Himmel auf“ – die vorwärtsdrängende Sehnsucht, das erwartungsvolle Hoffen und das hoffnungsvolle Erwarten sind ebenso wichtig. Und das Lied drückt diese Sehnsucht in wunderbaren, kräftigen poetischen Bildern aus, in Bildern, die alles andere sind als ein Weltverbesserungsprogramm, weil sie alles von Gott erwarten. In Bildern aber auch, die uns in Bewegung bringen, weil sie darauf hoffen und darum bitten, dass Gott uns in Bewegung bringt. Wenn Schloss und Riegel weg sind und der Himmel offen, dann sind wir frei, einzutreten und hinauszutreten in den weiten Raum des Lebens, das Gott uns schenkt. Gott öffnet uns diesen Raum und er stärkt uns den Rücken. Den Weg gehen aber müssen und dürfen wir selber. Wenn Tau und Regen vom Himmel fliessen, dann wird der Boden fruchtbar. Der Boden aber sind wir und es braucht unsere Bereitschaft, Neues wachsen zu lassen.

 Wenn wir am liebsten hätten, dass alles so bleibt wie es ist, dann wird uns diese adventliche Sehnsucht fremd bleiben. Wenn wir nicht mehr erwarten als die Geschenke zum Fest (und ich will damit überhaupt nichts gegen Geschenke sagen), dann wird uns die Weihnachtsbotschaft ein Märchen aus uralten Zeiten bleiben. Wenn wir aber uns anstecken lassen von dieser adventlichen Sehnsucht, dann dürfen wir unseren Gott auch bedrängen, ihn herausfordern. Dann müssen wir nichts mehr verdrängen von unseren Sorgen und Ängsten. Dann müssen wir uns nicht abfinden mit dem, was anders werden muss. Sehnen wir uns nach dieser göttlichen Lebensenergie? Sind wir bereit, uns bewegen und überraschen zu lassen? Wollen wir uns berühren lassen und uns öffnen? Wollen wir leben mit brennender Geduld? Dann können die Worte dieses Adventslieds wirklich zu unseren eigenen werden, aus tiefstem Herzen gesungen.

 Wir dürfen Gott mehr zutrauen als unsere kleinen Wünsche und Pläne. Die überfliessende Fülle dieser Bilder erinnert uns an die göttliche Lebenskraft, die wir uns niemals selber geben können und die mehr und anders ist als unsere Träume, die Ideale, denen wir so oft hinterher laufen. Advent ist die Zeit der Erwartung. Erwarten dürfen wir nicht weniger als das Kommen Gottes, den herabfliessenden Tau göttlichen Segens in unserem Leben. Erwarten dürfen wir mit brennender Geduld – das Leben.

Freiheit

 

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Steht also fest und lasst euch nicht wieder

in das Joch der Knechtschaft einspannen.“

(Galaterbrief 5,1)

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Sein dürfen

8. Juli 2010 3 Kommentare

Burn-out ist ein Phänomen, das in den letzten Jahren massiv zunimmt. Die Ursachen dafür sind umstritten. Wichtige Faktoren dürften sicher die zunehmende Bedeutung der Arbeit für das Selbstwertgefühl der Menschen sein, die ständige Erreichbarkeit durch moderne Kommunikationsmittel, aber auch der Verlust von festen kollektiven Lebensrhythmen und sozialen Bindungen. Auch die abnehmende Bedeutung von Vereinen und Verbänden, Kirchen, Parteien oder Gewerkschaften spielt dabei eine Rolle, machten sie doch früher einen wichtigen Teil der Identität vieler Menschen aus. Burn-out dürfte zum Teil aber auch die Kehrseite der modernen Freiheitsgewinne sein. So heisst es in einem Beitrag zum Thema in der ZEIT: „Egal, ob Männer oder Frauen, ob Arbeiter- oder Akademikerkinder: Sie können ihr eigenes Leben führen. Sie können studieren, Karriere machen, Kinder kriegen oder es bleiben lassen. Es liegt an ihnen, und das ist das Problem. Der französische Soziologe Alain Ehrenberg hat es vor wenigen Jahren in seinem Buch Das erschöpfte Selbst beschrieben: Wo alles erreichbar, alles möglich scheint, steigen die Ansprüche. Dafür sinkt die Zahl akzeptabler Entschuldigungen. Am Ende liegt das Scheitern nur am eigenen Ich. Wenn aber jeder selbst für sich verantwortlich ist, dann muss auch jeder selbst die Last des Erfolgszwangs tragen. Und manche brechen darunter zusammen.“ (aus: Arbeiten, bis der Arzt kommt. Der Burn-out wird zur Volkskrankheit. Woran liegt das? Eine Erkundung in der Arbeitswelt, von Kolja Rudzio und Wolfgang Uchatius, in: Zeit Nr.28 v. 8.7.2010)

Es kann und darf nicht darum gehen, diese Freiheitsgewinne rückgängig machen zu wollen. Aber ich denke, dass wir dabei nicht vergessen dürfen, wie wichtig es für unser Menschsein ist, dass wir einfach sein dürfen. Wenn wir nicht begreifen, dass wir mehr sind als das, was wir aus uns machen, wenn wir nicht glauben können, dass wir nicht das sind, was wir leisten, dann laufen wir Gefahr, dass wir an unserer Freiheit zugrunde gehen. Wir brauchen Räume, wo wir einfach sein dürfen. Wir brauchen Rhythmen, denen wir uns anvertrauen, Rituale, in denen wir uns bergen können. Was bei Martin Luther die „Rechtfertigung allein aus Gnade“ war, nämlich die befreiende Erkenntnis, dass wir uns die Gnade Gottes nicht verdienen müssen, das ist heute die befreiende Erkenntnis, dass wir nicht abhängig sind von dem, was wir leisten und aus uns machen. Mit all unseren Brüchen und Begrenztheiten  dürfen wir sein, unser Leben empfangen und nicht erst herstellen. Wenn Leben Gnade ist und nicht Leistung, dann können wir auch lernen, es in seinen Grenzen anzunehmen – mit den Glücksmomenten und Erfolgen, aber auch mit den Momenten des Scheiterns und den schmerzlichen Enttäuschungen. Wenn ich begreife, dass ich Ganzheitlichkeit und Identität gar nicht erreichen kann, aber auch nicht erreichen muss, dann kann ich glauben, dass das Leben mit all seinen Licht- und Schattenseiten einfach sein darf, dass es geschenkte Existenz ist, zuerst Gabe und erst danach Aufgabe.

Wenn wir uns einüben wollen in dieses Vertrauen in das gegebene, anvertraute Leben, dann helfen uns Rituale wie Meditation, Gottesdienst oder Gebet, dann hilft uns die Verbindung mit einer Gemeinschaft, der Austausch und das Gespräch, dann hilft uns die alltägliche Sensibilität für die Botschaft unseres Herzens, für die Signale unseres Körpers und die Achtsamkeit für die leisen Töne und die unscheinbaren Dinge, die unser Leben kostbar machen.

Diese Achtsamkeit und Sensibilität macht uns nicht einfach frei von den Zwängen und Ansprüchen unserer modernen Arbeitsgesellschaft, aber sie schafft ein Gegengewicht, verleiht uns Widerstandskraft, weil wir dann spüren, dass unser Lebenssinn jenseits aller Leistungsbilanzen und Erfolge liegt, einfach in unserem Da-Sein und in der Verbundenheit mit dem Leben. „Ich danke dir, Gott, dass ich wunderbar gemacht bin; alle deine Werke sind Wunder, das erkennt meine Seele.“ (Psalm 139,14)

 

Freiheit und Angst

In einem Interview der ZEIT mit Joachim Gauck, dem heute unterlegenen Kandidaten für das deutsche Bundespräsidentenamt, finden sich einige Passagen, die treffend etwas von dem ausdrücken, warum ich mich in der jüdisch-christlichen Tradition beheimatet fühle. Er sagt: “ Mir standen auf verschiedenen Etappen meines Lebens Worte zur Verfügung, die Menschen dazu brachten, den eigenen Kräften neu zu vertrauen oder sich von Ängsten zu verabschieden.“ So möchte ich unsere Tradition, meinen Glauben ins Spiel bringen – in Worten, die Ängste vertreiben und Kräfte freisetzen.

Auf die Frage, was für ihn konservativ heisse, antwortet Gauck: „Ich stehe in einer Tradition, wonach die Menschen, seit es die Schrift gibt – vielleicht sogar noch länger –, darüber Rechenschaft abgelegt haben, was der Sinn des Daseins ist. Als ein glaubender Mensch übernehme ich diese Werte aus einer jüdisch-christlichen Tradition. Das habe ich nicht erfunden, das hat keiner der Gegenwärtigen erfunden.“

Was das für ihn heisst, beschreibt er dann so: „Ich glaube, dass Menschen überhaupt nicht davon satt werden, wenn sie nur materiell satt gemacht werden. Sie werden glücklich – und das meine ich in diesem Falle mit »satt« –, wenn sie sich als Bezogene definieren, wenn sie Freiheit als Freiheit für etwas und zu etwas definieren.“ Weil es Sinn nicht einfach gibt, sondern Sinn immer neu entsteht, wo wir uns in Beziehung erleben, zu Gott und zu den Menschen, darum ist echte Freiheit niemals absolute, beziehungslose Freiheit, sondern immer die Freiheit, sich an etwas zu binden und in Beziehung zu treten, für etwas Verantwortung zu übernehmen. Sinn entsteht nicht dadurch, dass ich mir alle Optionen offenhalte, sondern dadurch, dass ich Optionen ergreife, weil sie für mich Sinn machen.

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