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Posts Tagged ‘Fundamentalismus’

Atheisten sind auch bloß Menschen

2. Juli 2011 3 Kommentare

Wenn einer im Lead als „Indiens populärster spiritueller Lehrer“ tituliert wird, bin ich von meinem Temperament her zuerst einmal skeptisch. Aber dieses Interview in der ZEIT ist unbedingt lesenswert. Als Einstimmung ein paar Spitzensätze. Auf die Frage welcher Teil seiner Lehre auch für Atheisten passe, antwortet Sri Sri Ravi Shankar: „Jeder atmende und denkende Mensch kann von unserer Atemtechnik profitieren. Atheisten sind auch bloß Menschen. Auch sie suchen letztlich Frieden, wollen geliebt werden und lieben, sorgen sich um den Planeten. Sie glauben an sich selbst und an die Welt. Der Glaube ist der Punkt, wo Atheisten und Gläubige sich treffen.“ Spiritualität umschreibt er als „die Überzeugung, dass Gott keine abstrakte Idee, sondern eine Erfahrung des Herzens ist. Wenn Religion keine Suche ist, wenn sie sich der Vernunft verschließt und wissenschaftliches Denken ablehnt, dann verengt sie sich.“ Und auf die Gemeinsamkeiten mit einer evangelischen Theologin in einem Podiumsgespräch angesprochen, antwortet er: “ Aber natürlich ist Gott stets derselbe, egal, wie wir ihn nennen. Er ist omnipotent und omnipräsent. Er zeigt sich in der Schöpfung und in jedem Menschen, auch in Ihnen und in mir. Die äußeren Erscheinungen mögen unterschiedlich sein, aber die innere Essenz ist gleich.“ Nachdenkenswert!

Von Menschen und Göttern

17. Dezember 2010 4 Kommentare

Filmtipp: „Des hommes et des dieux“ über französische Zisterziensermönche, die in Algerien ermordet wurden. Eine hervorragende Filmkritik unter http://www.zeit.de/2010/50/Kino-Menschen-Goetter?page=all.

Ein Zitat daraus:

„Für die Mönche ist das mystische Staunen über Gottes Schöpfung gleichursprünglich mit dem Staunen darüber, dass Menschen moralische Wesen sind, die sich mit der Gnade des Bewusstseins für die Wahrheit entscheiden können. Mit anderen Worten: Die introvertierte Spiritualität, der demütige Dank an den Allmächtigen, entlässt im selben Atemzug die extrovertierte Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden. Denn Gott ist die Wahrheit, und die Wahrheit sagt: Alle Menschen sind Gotteskinder. »Du sollst nicht töten«, und wer es dennoch tut, der verfällt den heidnischen Göttern der Gewalt.“

Banalisierung religiöser Symbole

26. November 2010 1 Kommentar

Unter dem Titel „Das Abendmahl als Lachnummer“ schreibt der Theologe und ehem. Bischof von Berlin-Brandenburg und Ratsvorsitzende der EKD in der neuen Ausgabe der ZEIT (Nr. 48 v. 25. November) über die Verhöhnung dessen, was Christen heilig ist, in zeitgenössischen Operninszenierungen. „Der bewusste Tabubruch trägt seinen Wert anscheinend in sich selbst. Die Banalisierung religiöser Symbole ist keineswegs auf eine plausible Interpretation angewiesen“, schreibt Huber.

Es ist schon auffällig, dass einerseits mit der Begründung der Religionsfreiheit religiöse Symbole aus der Öffentlichkeit verdrängt werden, und gleichzeitig religiöse Symbole unter dem Vorzeichen hoher Kultur verhöhnt werden. Wohlgemerkt – ohne jegliche aufklärerische Absicht, sondern primär um den Unterhaltungswert zu steigern. Religionssatire als Angriff auf religiöse Bevormundung und religiöse Selbstverabsolutierung hatte ihr Recht und hat es heute noch, wo sie in aufklärerischer Absicht erfolgt. Es gibt durchaus auch heute noch Anlässe, religiöse Tendenzen mit Tabubrüchen zu entlarven. Und – wie Ulrich Schnabel einmal geschrieben hat – ist es nicht das schlechteste Kriterium, eine Religion daran zu messen, ob sie auch über sich selber lachen kann. Das ist aber etwas völlig anderes als die Verhöhnung dessen, was Menschen heilig ist.

Huber hat durchaus Recht, wenn er feststellt, dass heilig das Gegenteil von egal ist und Christen auffordert, ihre eigenen religiösen Überzeugungen und Gefühle wieder ernst zu nehmen. Dann könnte eine neue Diskussion in Gang kommen, was Menschen heilig ist und mit Respekt behandelt werden sollte. Und diesen Respekt einzufordern ist keinesfalls Humorlosigkeit, sondern sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Dabei geht es nicht um neue rechtliche Regelungen oder Blasphemieparagraphen. Worum es mir geht, ist ein Nachdenken über eine angemessene Kultur des Umgangs mit religiösen Symbolen und religiösen Gefühlen. Treffend schliesst Huber: „Der Islam kann schliesslich nicht zur einzigen Religion werden, mit der man in Deutschland respektvoll umgeht – und das auch noch aus Angst.“

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Glaube und Schrift

24. November 2010 6 Kommentare

Die folgenden Überlegungen sind entstanden aus einer Diskussion, in der jemand behauptete, es sei Unsinn aus historischen Dokumenten eine Religion abzuleiten. Das hat mich veranlasst, ein paar Gedanken zum Verhältnis von Glauben und Schrift zu formulieren.

Judentum, Christentum und Islam sind allesamt Schriftreligionen. Aber sind diese heiligen Schriften nicht allesamt menschliche Dokumente in bestimmten geschichtlichen Kontexten? Wieso haben sie aber dann eine Sonderstellung gegenüber anderen historischen Texten und in welchem Sinn können wir uns darauf berufen?

Die Religion kommt vor der Schrift und gelebter, historisch sich wandelnder Glaube kommt vor der Verschriftlichung in Glaubensdokumenten.  Die Verschriftlichung ist ein sekundärer Akt, der auch mit der Vergemeinschaftung religiöser Erfahrungen zu tun hat. In einem gewissen Stadium beziehen sich viele Religionen auf zentrale religiöse Schriften.

Umstritten ist nun, in welchem Sinne diesen autoritative Geltung zukommt. Wer sie als göttlich gegeben und bis in den Wortlaut hinein unfehlbar ansieht, muss sich mit dem Problem auseinandersetzen, dass es auch in heiligen Schriften Widersprüche gibt und dass er das Wort über den Geist stellt und seinen Glauben gegenüber seiner Gegenwart und seinen Alltagserfahrungen abschottet.

Mein Weg ist ein anderer: ich sehe – in meinem christlichen Glauben – die biblischen Schriften als menschliche Glaubensdokumente, die also erforschbar und kritisierbar sind. Ihre Sonderstellung ist historisch gewachsen. Die Kanonbildung beruht auf menschlichen Entscheidungen. Aber sie sind der gemeinsame Bezugspunkt derer, die im Christentum beheimatet sein wollen. Darin besteht ihre Verbindlichkeit und Autorität. Christlicher Glaube kann nicht an der Schrift vorbei expliziert werden. Aber im Dialog mit der Schrift kommt den heutigen Erfahrungen, Einsichten und Gefühlen ein eigenständiges Gewicht zu.

Mit historisch-kritischer Forschung kann ich besser verstehen, welchen Ursprungssinn diese Texte haben und in welchem Umfeld sie beheimatet waren. Das kann einerseits meinen Glauben bereichern und zu einem besseren Verständnis beitragen. Es kann aber auch eine Hilfe sein, biblizistisch-fundamentalistischen Bibelgebrauch mit Argumenten zu kritisieren. Und jede Argumentation mit der Bibel sollte sich erstens fragen, ob der herangezogene Text im Einklang mit dem Geist der Schrift steht (für Luther hiess das: „was Christum treibet“), muss sich zweitens mit Vernunftargumenten auseinandersetzen und sich drittens stets fragen, welche Auswirkungen die jeweilige Deutung hat (was für mich mit dem ersten Punkt zusammenhängt).

Der Preis eines solchen Verständnisses ist, dass ich mich nicht einfach autoritativ auf die Schrift berufen kann und mit vielfältigen Deutungen leben muss. Eigene Erfahrungen und biblische Texte stehen ständig in einem kritischen Dialog, und ebenso eigene Erfahrungen und Deutungen und die Deutungen anderer. Aber genau das ist bereichernd und bewahrt davor, den eigenen Glauben absolut zu setzen.

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Das Flüstern eines sanften Windhauchs und das Toben der Fanatiker

Im letzten Beitrag habe ich die Geschichte des lebensmüden Elia unter dem Ginsterstrauch erzählt. Was hat aber den Propheten Elia in diese tiefe Krise geführt? Dazu muss ich kurz die Geschichte in Erinnerung rufen, die vorausgeht und auf die sich Kap. 19 bezieht: Isebel, die Königin, hatte den Kult der Baalsgötter in Israel eingeführt und den alten Glauben bekämpft und seine Priester ermordet. Elia stellte sich ihr entgegen und versuchte, das Volk zum Glauben an den Gott der Mütter und Väter zurückzuführen und die Baale nicht anzubeten. Auf dem Berg Karmel, so wird erzählt, kommt es zu einer dramatischen Entscheidung: Elia steht alleine 450 Baalspriestern gegenüber. Zwei Opferaltare werden aufgebaut und es wird vereinbart, dass dessen Gott sich als der wahre erweisen solle, der sich dazu bewegen liesse, das Opfer durch Feuer vom Himmel zu entzünden. Mit Tänzen, Gebeten und martialischen Ritualen rufen die Baalspriester ihre Götter an – aber ohne Erfolg. Elia aber lässt seinen Opferaltar sogar noch mit Wasser übergiessen und auf ein einfaches Gebet hin fängt sein Opfer Feuer. Der Gottesbeweis – so legt es die Geschichte nahe – ist erbracht und Elia – so wird uns erzählt –führt die Baalspriester zu einem Bach und schlachtet sie dort ab. Nun aber trachtet die Königin Isebel dem Elia erst recht nach dem Leben.

Man kann Elia wegen seines Mutes, der ganzen Schar der Baalspriester entgegenzutreten, bewundern. Er begibt sich um seines Glaubens willen in Gefahr, verhaftet und getötet zu werden. Er ist sich seines Glaubens und seines Auftrags so sicher, dass er nicht daran zweifelt, dass sein Gott sich als der Stärkere erweisen würde. Trotzdem hoffe ich sehr, dass wir mindestens ebenso sehr erschrecken über das Blutbad, das er am Ende anrichtet, darüber, wie seine Glaubensgewissheit umschlägt in religiösen Fanatismus und Gewalt. Wir dürfen uns diesem Entsetzen nicht entziehen und nicht vergessen, dass sich auch in der Geschichte unseres christlichen Glaubens eine Spur der Gewalt zeigt, die die Folge von religiösem Eifer und Fanatismus ist.

Ich denke, dass die Bibel – obwohl wir kein ausdrückliches Wort der Kritik an Elia finden – mit unserem Predigttext diesen Fanatismus des Elia in ein kritisches Licht rückt. Ich glaube sogar, dass es gerade dieser vermeintliche Gottesbeweis und der darauf folgende Blutrausch ist, der Elia in die Krise stürzt. Denn welcher Kontrast könnte grösser sein als der eines Gottes, der seine Macht erweist, indem er Feuer vom Himmel herabfallen lässt und es scheinbar gutheisst, dass die Baalspriester abgeschlachtet werden und dem Gott, der Elia seinen Boten sendet und ihn mit Brot und Wasser stärkt, dem Gott, der Elia ausdrücklich nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und auch nicht im Feuer begegnet, sondern im Flüstern eines sanften Windhauchs.

Könnte es nicht sein, dass gerade die fanatische Glaubensgewissheit, die auf vermeintlichen Gottesbeweisen aufbaut und allen Unglauben und Irrglauben kompromisslos zu bekämpfen trachtet, hier umschlägt in tiefste Verzweiflung? Und könnte es nicht sein, dass gerade deshalb sich Gott nun Elia ganz anders zeigt? Gerade die Gegenüberstellung der machtvollen Phänomene Sturm, Erdbeben und Feuer zum sanften Flüstern eines Windhauchs zeigt uns eindrücklich, wo wir die Gegenwart Gottes erfahren können und wo nicht. Sie macht auch die Geschichte vom vermeintlichen Gottesbeweis auf dem Karmel zumindest fragwürdig. Und auf jeden Fall setzt sie den Blutrausch des Elia, religiösen Fanatismus und religiöse Gewalt definitiv ins Unrecht. Das Flüstern eines Windhauchs verträgt sich nicht mit Fanatismus, Gewalt, Angstmacherei und Zwang. Ja, vielleicht ist die Geschichte von Elia unter dem Ginsterstrauch und seiner anschliessenden Gottesbegegnung am Horeb eine Bekehrungsgeschichte – die Bekehrung des Elia von religiösem Fanatismus und dem Weg der Gewalt. Ist Karmel sogar der unheilige Berg des religiösen Fanatismus, wo sich die Absolutheitsansprüche in einer fast grotesken Szene austoben und in einem Blutrausch enden, während der Horeb der heilige Berg einer ganz anderen Gotteserfahrung ist, des Flüsterns eines leisen Windhauchs  – einer Erfahrung, die bezwingt indem sie anrührt? Ich jedenfalls kann an dem vermeintlichen Sieg Jahwes auf dem Karmel keine Freude haben. Der Gott, dem ich vertrauen kann, zeigt sich in den leisen Tönen, in der Stille, in der unscheinbaren Begegnung.