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Posts Tagged ‘Glaube’

Mystik der offenen Augen

3. September 2011 9 Kommentare

Diesen Titel des neuen Buches des katholischen Theologen Johann Baptist Metz finde ich wunderbar. Lesenswert ist auch eine Rezension von Jan-Heiner Tück zu diesem Buch in der Wochenendausgabe der NZZ. Daraus einige bedenkenswerte Aussagen:

„Gegen Formen neuer Religiosität, die eine Art Wellness der Seele anbieten, setzt Metz eine biblisch inspirierte Mystik der Gerechtigkeit. Mystik – das ist für ihn keine meditative Technik der geschlossenen Augen, sondern eine messianische Praxis der Nachfolge, die sich den Blick Jesu für die Armen und Leidenden zu eigen macht. Nicht um aufregende spirituelle Selbsterfahrungen geht es in dieser «Gottesleidenschaft in Mitleidenschaft», sondern um Solidarität mit den Mitmenschen. Den Liebhabern der Zenmeditation hält Metz die unbequeme Frage vor, wie sie es mit dem Einsatz für andere halten. Er mutmasst, dass fernöstliche Spiritualität das fromme Subjekt am Ende in einer subjekt- und geschichtsfernen Alleinheit aufgehen lässt, die für das Antlitz der andern keine Augen mehr hat. (…)

Für seine Mystik der offenen Augen knüpft Metz an die Psalmen, das Buch Hiob, die Klagelieder, aber auch den Verlassenheitsschrei Jesu am Kreuz an; er plädiert dafür, auch heute den Schmerz der Negativität stärker in die Gebetssprache zu integrieren. Der hohe Ton der offiziellen Liturgiesprache müsse durch mehr «Karsamstagssprache» aufgeraut werden, um Erfahrungen der Trauer, der Angst und der Schuld Raum zu geben. In der Tat können Artikulationen von Freude und Dank zur hohlen Phrase verkommen, wenn sie die Wirklichkeit von Leid und Schmerz ausblenden. Indem Metz den Blick auf die Leidenden und Übersehenen lenkt, schärft er das Bewusstsein für das, was fehlt. Sein Einspruch gegen das mitleidlose Vergessen speist sich ausser aus biografischen Erfahrungen aus dem Hunger nach Gerechtigkeit. Darin ist er im besten Sinne biblisch.“

Unser Lebenshaus bauen II

28. August 2011 2 Kommentare

Am Ende der Bergpredigt Jesu im Matthäusevangelium Kap. 7 heisst es: „Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Mann gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat.“ Unser Leben als ein Haus, das auf Felsen gebaut ist und in allen Stürmen Bestand hat – dieses Bild spricht eine tiefe Sehnsucht in uns an. Je stärker unser Leben von Erfahrungen des Wandels und der Instabilität geprägt ist, desto mehr sehnen sich viele Menschen nach Stabilität, Halt und Sicherheit. Gerade darin liegt aber auch das Gefährliche dieses Bildes. Es könnte die falsche Illusion wecken, es gäbe eine Möglichkeit, den Wandel und die Instabilität einfach aufzuhalten. Und dann bauen wir unser Lebenshaus statt auf felsigem Grund auf falschen Sicherheiten.

Wir können den Grund unseres Lebenshauses nicht selber legen. Den felsigen Grund unseres Lebenshauses finden wir vor. Es ist nichts, was wir selber machen können, aber es ist auch keine Lehre oder Ideologie, in die wir uns bedingungs- und gedankenlos einfügen sollen. Ich sage das so betont, weil auch heute noch viele Menschen den christlichen Glaubensgrund mit einer feststehenden Lehre, mit einer Art Ideologie verwechseln.

Der Glaubensgrund, von dem Jesus redet, ist mehr ein Weg, der zu gehen ist, als ein Standpunkt, den wir einnehmen können. Jesus sagt: „Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Mann gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat.“ Es geht ums Hören und Tun – nicht ums Jasagen. Und das, was zu hören und zu tun ist, das sind die Worte der Bergpredigt. Es geht um die Frage: in welchem Geist, in welcher Grundhaltung können wir eigentlich gut und sinnvoll leben. Und da hat die Bergpredigt in der Tat einiges zu bieten: Sie nennt die Menschen glücklich, die wir nicht unbedingt als erstes so bezeichnen würden – die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen, die Barmherzigen, die Friedensstifter. Sie fordert auf zum radikalen Verzicht auf Gewalt und Vergeltung. Sie lädt uns ein zum vertrauensvollen Beten zu einem Gott, der sich Vater nennen lässt. Sie führt plastisch vor Augen, dass der, der sein Leben auf seinen Besitz, sein Planen und Sorgen gründet, davon abhängig wird und sich sogar zum Sklaven machen kann. Sie lädt ein zur Grosszügigkeit und Barmherzigkeit gegenüber allen Menschen und fasst all dies zusammen in der goldenen Regel: „Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um.“ Das alles mag sich nicht nach einem stabilen Felsen anhören und doch gibt es unserem Leben mehr Stabilität und Grund als so vieles, von dem wir uns gewöhnlich Halt und Sicherheit versprechen.

Was wir brauchen ist ein Grundvertrauen in das Leben, das nicht von uns selbst abhängig ist. Dafür steht in unserem Glauben Gott ein, Gott, der Liebe ist und unser aller Leben hält und trägt. Was wir brauchen ist eine Ehrfurcht vor allem Lebendigen und eine Liebe zum Leben, die sich in Barmherzigkeit und Grosszügigkeit uns selbst und andern gegenüber zeigt. Haben wir nicht schon zu oft erfahren, dass die sogenannten harten Fakten das Leben eben eher hart als stabil und verlässlich machen? Könnte es nicht sein, dass es letztlich wirklich die weichen Dinge sind, die unser Leben kostbar machen und uns Halt und Sicherheit geben, die Achtsamkeit, die Fürsorge, die Liebe und vor allem das Vertrauen, das Vertrauen in den göttlichen Grund des Lebens und das Vertrauen ineinander?

Die vollständige Predigt ist zu lesen unter http://predigtkiste.blogspot.com/2011/08/predigt-zu-matth-724-27-am-28-august.html.

Unser Lebenshaus bauen

17. August 2011 2 Kommentare

Wer sein Leben auf das Vertrauen gründet,

dass in allem Gottes gute Hand ihn leitet,

der wird erschüttert werden,

aber nicht fallen.

 

Wer sein Leben auf die Hoffnung gründet,

dass auf das Dunkel der Nacht ein neuer Morgen folgt,

der wird Grund zum Klagen haben,

aber er wird nicht aufgeben.

 

Wer sein  Leben auf die Liebe gründet,

die niemanden aufgibt,

der wird Enttäuschungen erleben,

aber er wird reich beschenkt werden.

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Menschen brauchen Anerkennung und Wertschätzung

14. August 2011 1 Kommentar

Menschen brauchen Anerkennung und Wertschätzung. Jeder von uns will mehr als nur eine Nummer sein.  Dafür tun Menschen viel und oft auch recht fragwürdige Dinge. Das zeigt schon eine gelegentlicher Blick in die Medien oder etwas Aufmerksamkeit im Alltag.

Wer bin ich? Wo ist mein Platz? Was bin ich wert? Anerkennung und Ablehnung, die wir erfahren, Wertschätzung und Abwertung spielen eine entscheidende Rolle, wie wir all diese Fragen für uns beantworten. Jeder von uns möchte in seiner individuellen Eigenart und Besonderheit wahrgenommen und gewürdigt werden. Niemand möchte einfach eine Nummer sein – und das zu Recht! Das macht uns so empfindsam für die Erfahrung, nicht gewählt zu werden, für die Abwertung, die wir durch andere erfahren. Und das führt bei vielen dazu, dass sie das Leben als einen einzigen Existenzkampf ansehen, bei dem es gilt, sich zu behaupten, sich Anerkennung und Respekt zu verdienen und sich gegen andere durchzusetzen.

Um Erwählung und Wertschätzung geht es auch im heutigen Predigttext aus dem 5. Buch Mose. Er zeigt uns, dass bei Gott Wertschätzung nicht auf Leistung beruht, sondern auf bedingungsloser Liebe. Wir können und müssen uns Gottes Wertschätzung nicht verdienen. Als Menschen, die von Gott wert geschätzt sind, können wir uns aber bemühen, nach seinem Willen zu handeln. Und ich denke, dass das im Kern bedeutet: anderen mit Wertschätzung zu begegnen, diese Wertschätzung auch zu zeigen.

Was würde sich wohl verändern, wenn wir im Alltag nicht so sehr auf die Fehler und Schwächen unserer Mitmenschen achten würden, sondern auf ihre Stärken und Begabungen? Was würde geschehen, wenn wir uns etwas öfter die Mühe machten, jemandem zu sagen, was wir an ihm schätzen? Wieviel könnte gelegentlich ein einfaches Merci oder „Das ist eine gute Idee“ oder „schön das du bei uns bist“ bewirken? Wie oft wäre es auch möglich, zuerst zu würdigen, was gut ist, bevor wir kritisieren, was noch besser sein könnte? Wir können einander ermutigen und wir können einander entmutigen. Und manchmal ist es die schlimmste Entmutigung, dass wir einander gar nicht mehr richtig wahrnehmen oder es einander nicht zeigen. Darum: auf jedem von uns ruht Gottes wohlwollender Blick, jedem von uns gilt Gottes Anerkennung und Wertschätzung. Geben wir sie weiter. Blicken wir einander wohlwollend an und sagen einander, was wir schätzen – ohne Heuchelei, aber auch ohne falsche Sparsamkeit.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

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Der höchste Himmel kann dich nicht fassen

3. Juni 2011 1 Kommentar

„Wo wohnt denn der liebe Gott?“ – das ist eine dieser Kinderfragen, die so naiv klingen und doch tiefgründiger sind als wir auf den ersten Blick meinen. „Der liebe Gott wohnt im Himmel“, sagen wir den Kindern dann oft. Manchmal antworten wir vielleicht: „Der liebe Gott wohnt überall.“  Eine andere Antwort lautet: „Gott wohnt in den Herzen der Menschen. Er ist die Kraft zum Guten, die Liebe, die uns erfüllt, das Vertrauen, das wir in uns spüren.“  In den Schriftreligionen sagt man auch: „Gott wohnt im Wort der Heiligen Schrift.“

Und wie sieht es mit der Antwort „Gott wohnt in der Kirche“ aus. Immerhin heisst die Kirche ja auch das Haus Gottes. Trotzdem ruft gerade diese Antwort besonders viel Widerspruch hervor – auch und vor allem bei Menschen, die spirituell auf der Suche sind. „Glaube ja, Kirche nein“ heisst oft der Leitspruch. Man kann doch schliesslich auch ein guter Mensch sein, ohne in die Kirche zu gehen und umgekehrt macht der Kirchgang niemand automatisch zu einem besseren Menschen. Mancher fühlt sich auf einem Berggipfel dem lieben Gott tatsächlich näher als in einer Kirche. Ich habe nicht das geringste Interesse, all dies zu bestreiten oder auch nur zu relativieren. Ich möchte nicht einmal andere davon überzeugen, dass sie eben die Kirche doch noch brauchen, um die richtigen Gotteserfahrungen zu machen. Zu lange wurde der Eindruck erweckt, ausserhalb der Kirche gebe es kein Heil.

Der Predigttext für Christi Himmelfahrt ist ein Gebet, einige wenige Verse aus dem Tempelweihegebet des israelitischen Königs Salomos. Darin fällt ein Satz besonders auf: „Aber sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Sieh, der Himmel, der höchste Himmel kann dich nicht fassen, wieviel weniger dann dieses Haus, das ich gebaut habe!“ Dass Gott grösser ist als unsere religiösen Bauwerke, als unsere religiösen Lehren, als unsere Glaubensgemeinschaften, diese Einsicht ist unserem Glauben von Grund auf eingeschrieben. Diese Einsicht gilt aber auch für die Gegenwart Gottes in der Schönheit der Natur oder in unseren Herzen. Ich denke, dass die Antworten auf die Kinderfrage „Wo wohnt denn der liebe Gott“ alle ihr Recht und ihre Grenze haben. Keine macht die andere überflüssig oder falsch, aber auch keine kann die Fülle Gottes einfangen.

 Wenn ich mich mit offenen Augen in der Natur bewege, kann ich tatsächlich die Gegenwart Gottes erahnen und kein Gottesdienst, keine Predigt kann mir diese Erfahrung ersetzen. Aber die Naturerfahrung ersetzt mir auch nicht das gemeinsame feiern, singen und beten im Gottesdienst, das Hören auf Gottes Wort, das Gespräch mit anderen und die Zuwendung von anderen, die ich erfahre. Das Gute, das wir im Alltag erfahren und tun, kann durch die klügsten und berührendsten Gottesdienste und Kirchenräume nicht aufgewogen werden. Aber ich brauche auch die Orte und Momente, wo ich zur Ruhe kommen und loslassen kann. Gott braucht keine monumentalen Kirchen, ja überhaupt kein Gebäude. Trotzdem werde ich, wenn ich Stille suche und Besinnung, eher in eine schöne Kirche sitzen als in eine Turnhalle.

„Aber sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Sieh, der Himmel, der höchste Himmel kann dich nicht fassen, wieviel weniger dann dieses Haus, das ich gebaut habe!“ Mit diesen Worten ist all unseren Gotteserfahrungen eine heilsame Grenze gesetzt. Sie können die Fülle Gottes nicht fassen. Und doch sind es wertvolle und kostbare Gotteserfahrungen, sei es in der Natur, in einer Kirche oder in tätiger Nächstenliebe.

 Der Abschnitt aus der Apostelgeschichte, den wir in der Schriftlesung gehört haben, ist ja die biblische Grundlage dafür, dass wir einen Auffahrtstag begehen und heute Gottesdienst feiern. Jesus wird den Blicken der Jünger entzogen. Er ist aufgefahren in den Himmel, wie es im apostolischen Glaubensbekenntnis heisst. In Treue zu dem, was sie mit Jesus erlebt und von ihm gelernt haben, stehen sie nun selber in der Verantwortung. Sie sind zurück gelassen und doch nicht verlassen. Denn auch hier gilt: der höchste  Himmel kann dich nicht fassen. Jesus ist nicht mehr bei ihnen und doch mitten unter ihnen – da wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, weil er versprochen hat, alle Tage bei ihnen zu sein bis an der Welt Ende und weil er ihnen verheissen hat, dass sie die Kraft des heiligen Geistes empfangen werden. Selber verantwortlich für unser Leben, für diese Welt und doch nicht allein – diese Umschreibung trifft auch unsere Situation gut. Der, den der höchste Himmel nicht fassen kann, wie sollte der sich fassen lassen in unseren Religionen, Glaubenslehren oder Kirchengebäuden? Und wie sollte er uns nicht nahe sein in seiner überfliessenden Liebe und seiner Treue, auch wenn wir ihn nicht fassen können?

 Im Tempelweihegebet des Salomo folgt auf die Einsicht in die Unfassbarkeit Gottes die Bitte: „Wende dich dem Gebet deines Dieners zu und seinem Flehen, HERR, mein Gott, und erhöre das Flehen und das Gebet, das dein Diener heute vor dir betet.“ Und den Jüngern sagt Jesus: „Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein.“ Und als Jesus vor ihren Augen in den Himmel entschwunden war und sie immer noch wie gebannt in den Himmel starren, da weisen sie zwei Engel zurecht. Sie sollen nicht in den Himmel starren, sondern hier auf der Erde ihre Aufgabe erfüllen. Mit Gottes Hilfe.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

Die kleinen Auferstehungsgeschichten im Alltag

23. Mai 2011 1 Kommentar

In letzter Zeit habe ich mich hier im atemhaus kaum zu Wort gemeldet, weil ich einfach zu viel zu tun hatte. Mit einer Predigt möchte ich deshalb wieder einmal ein Lebenszeichen von mir geben. Der Predigt liegt die Johannes-Fassung des wunderbaren Fischzugs zugrunde. Im Unterschied zu den anderen Evangelien erzählt das Johannesevangelium diese Geschichte ja als nachösterliche Begegnung mit dem Auferstandenen.

Sie war 32 Jahre alt und eine aufgestellte Frau. Sie führte eine glückliche Ehe und
fühlte sich von ihrem Mann geliebt und unterstützt. Gemeinsam freuten sie sich
über ihre drei Kinder. Thomas war gerade in die Schule gekommen, Tamara im Kindergarten
und im Sommer sollte es bei Tobias dann auch losgehen mit dem Kindergarten.
Beruflich hatte ihr Mann eine befriedigende Arbeit und eine halbwegs sichere
Stelle und sie selbst arbeitete noch Teilzeit und genoss es, ihren Beruf weiter
auszuüben und den Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen zu haben. Sie war
gerne Mutter, aber sie brauchte auch ihren Beruf, diese ganz andere
Beanspruchung. 32 Jahre war sie alt und eine glückliche Frau.

Doch dann kam dieser 3. Mai. Es war ein herrlicher Frühlingstag. Er wollte nur
eine kurze Spritztour mit seinem Töff machen. Doch er blieb länger als erwartet
aus und sie fing an, sich Sorgen zu machen. Und dann kamen sie und überbrachten
die schreckliche Nachricht. Ein Autofahrer hatte ihm die Vorfahrt genommen und
er war auf der Stelle tot gewesen. Fassungslos stand sie den beiden Polizisten
gegenüber. Sie brachte kein Wort mehr heraus, konnte zuerst gar nicht weinen,
wollte es nicht wahrhaben. Erst allmählich realisierte sie, was wirklich
geschehen war.

In der ersten Zeit hatte sie viel Unterstützung und sie liess es sich auch gerne
gefallen. Ihre Welt war zusammengebrochen und niemand erwartete von ihr, dass
sie einfach funktionierte wie bisher. Ständig war jemand da, der ihr Hilfe
anbot oder zuhörte oder mit ihr Erinnerungen austauschte von früher. Aber mit
der Zeit, so dachte sie, sollte die alte Energie und Tatkraft wieder
zurückkehren. Man kann ja nicht ewig trauern. Klar, sie wusste, dass es nicht
mehr werden würde wie früher. Aber zumindest sie wollte wieder ganz die Alte
werden, dass war sie sich und ihm und ihren Kindern schuldig. Und dieses Gefühl
„Ich muss“, das wurde immer mehr zu einem ungeheuren Druck. Sie wartete auf den
Tag, an dem der Schalter wie umgekippt wäre, ihre Energie und Tatkraft zurückkehrte,
sie die alte Leichtigkeit wieder spüren könnte.

Im Gespräch mit einem guten Freund sagte sie: „Weißt du, was mich am meisten
deprimiert, das ist diese bleierne Schwere, dass ich manchmal einfach nicht mag
und mir noch die kleinsten und alltäglichsten Dinge so ungeheuer viel Kraft
brauchen. Ich spüre keine Energie, keine Kraft in mir. Alles braucht so viel
Zeit und es fällt mir oft schwer mich aufzuraffen, etwas anzupacken oder zu
unternehmen. Und ich habe das Gefühl, dass mir nichts mehr wirklich gelingt.
Und wenn mir etwas gelingt, dann habe ich oft sogar Mühe, mich wirklich daran
zu freuen. Sehnsüchtig warte ich auf den Tag, an dem ich wieder die alte Kraft
und Lebensenergie habe und manchmal zweifle ich daran, ob dieser Tag jemals
kommt.“

„Ich denke“, antwortete er, „dass ich dich ganz gut verstehen kann. Vor einigen
Jahren als es in unserer Ehe so schwierig geworden ist, ging es mir ähnlich.
Ich weiss natürlich, dass meine Ehekrise nicht zu vergleichen ist mit dem, was
du durchgemacht hast. Und wir haben wieder einen gemeinsamen Weg gefunden und
dein Mann ist tot und wird nie wieder zurückkehren. Aber was du beschrieben
hast, das habe ich in dieser Zeit auch erlebt, diese bleierne Schwere, die sich
über alles legt. Auch ich habe den Tag herbeigesehnt, wo mir einfach alles
wieder so leicht von der Hand geht wie früher. Ich war total verunsichert. Was
war ich noch wert? Ich war wütend auf Marianne, weil sie mich ständig
kritisierte und zugleich nahm mir ihre Kritik jegliches Selbstvertrauen. Ich
war wie gelähmt und erstarrt. Alles schien so hoffnungslos.“

„Genau so fühle ich mich auch oft. Und ich glaube, es tut mir gut, wenn ich das von
dir höre. Manchmal fange ich ja wirklich an zu zweifeln, ob meine Reaktion noch
normal ist. Wenn’s dir genau so gegangen ist, fühle ich mich weniger allein.
Aber Mühe macht mir diese Situation trotzdem.“

„Klar. Sie ist ja auch furchtbar. Ich habe in jener Zeit in einem Gottesdienst die
Geschichte gehört, wie Jesus seinen Freunden nach Ostern am See Tiberias
erschienen ist. Ich weiss nicht mehr, was der Pfarrer gepredigt hat, aber ich
weiss noch genau, wie mir durch den Kopf gegangen ist: mir geht es doch genau
so wie diesen Fischern, bei allem Bemühen bleiben meine Netze leer. Meine
Arbeit ist zäh und geht mir nicht von der Hand und mit Marianne komme ich nicht
vom Fleck. Ach, sässe doch bei mir auch einer wie Jesus am See und zeigte mir,
wo ich meine Netze auswerfen soll. Ein wunderbares Gelingen all dessen was ich
tue, das wäre es, was ich bräuchte. Aber wer erlebt heute schon Wunder. Und
genau an jenem Abend sagte Marianne zu mir: entweder unternehmen wir etwas oder
es ist aus zwischen uns; dieses Schweigen, dieses Misstrauen halte ich nicht
mehr aus. Heute würde ich sagen, dass das für mich so etwas war wie die
Begegnung der Fischer mit dem am Seeufer sitzenden Jesus. Dieser Eklat hat mich
gelehrt, meine Netze anders auszuwerfen, nicht zuzudecken, im Stillen oder
halblaut zu murren, Dinge lieber nicht ansprechen oder wahrhaben zu wollen. Es
war ein mühsamer und schmerzhafter Weg. Es war nicht einfach alles wie von
Zauberhand weggeblasen und es hätte genau so gut mit einer Trennung enden
können. Aber ich glaube, selbst dann wäre ich heute froh über jenen Abend, weil
er der entscheidende Anstoss zur Klarheit war und mir mit einem Schlag gezeigt
hat, wie viel Energie die vorherige Situation gekostet hat.“

„Wenn du die Geschichte von Jesus am See Tiberias erzählst, dann wird mir noch etwas
anderes klar: weder sollen wir auf ein Wunder warten, dass mit einem Mal alle
Schwere von uns nimmt, noch können wir den Zeitpunkt, wo sich unsere Netze
füllen, herbeizwingen. Wir können nur geduldig warten und mit offenen Augen
durch die Welt gehen. Und wahrscheinlich braucht es viel eher den Blick für die
kleinen Erfolgserlebnisse, die kleinen Schritte auf dem Weg zu neuer Kraft und
Lebensenergie. Wenn wir nur auf das grosse Wunder warten, verpassen wir die
kleinen alltäglichen Wunder.“

„Übrigens: Am Ende der Geschichte essen die Jünger mit Jesus. Sie teilen das Brot und die
Fische. Auch das erinnert mich daran, wie oft ich schon dadurch neue Kraft und
Lebensenergie bekommen habe, dass ich mit anderen bei Tisch gesessen bin oder
mit ihnen geredet oder gesungen habe. Es ist für uns wirklich nicht gut, wenn
wir alleine sind und alles mit uns selber ausmachen.“

„Wahrscheinlich ist es wirklich so: wir brauchen Vertrauen in die Menschen und wir brauchen
Vertrauen in Gott – und beides können wir nicht erzwingen. Die Jünger haben
gemerkt, dass Jesus, den sie für tot gehalten haben, bei ihnen ist, dass sie
nicht allein sind. Und dieses Vertrauen, dass ich nicht allein bin, das brauche
ich auch. Dann kann ich auch die leeren Netze, die lähmende Müdigkeit aushalten
und hoffen und vertrauen, „dass Gott den Müden Kraft gibt und Stärke genug den
Unvermögenden und dass die auf den Herrn harren, neue Kraft kriegen, dass sie
auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass
sie wandeln und nicht müde werden“. Das ist überhaupt einer meiner
Lieblingsverse aus der Bibel. Nur vergesse ich ihn manchmal, wenn ich mich so
müde fühle.“

Die Geschichte und das Gespräch habe ich natürlich frei erfunden. Aber
vielleicht entdecken sie Erfahrungen und Gefühle daraus bei sich selbst wieder.
Und ich denke, dass auch unsere Auferstehungsgeschichten heute sich wie damals
bei den Jüngern mitten im Alltag abspielen, da wo wir gefangen sind in unseren
Enttäuschungen, in schmerzlichen Erfahrungen, in lähmender Müdigkeit und wo wir
plötzlich ahnen: er ist da und er zeigt uns, wo wir unsere Netze auswerfen können,
wo sich Wege für uns auftun, die wir bisher gar nicht gesehen haben. Es sind
die kleinen Auferstehungsgeschichten im Alltag, die uns Mut machen, wenn wir
sie denn wahrnehmen und die uns mit neuer Kraft erfüllen. Und manchmal dürfen
wir entdecken, dass aus dem was zerbrochen und verloren ist, etwas Neues
hervorwachsen kann. Erzwingen lässt es sich nicht, aber hoffen und glauben und
geduldig erwarten. Darum bitten wir Gott, dass er sich uns zeigen möge in den
erfolgreichen und in den erfolglosen Fischzügen unseres Lebens und in uns den
Glauben und das Vertrauen stärke, die wir vielleicht schon verloren geglaubt
haben.

E-Mails über den Glauben

Eine interessante Rezension ist auf FAZ.net zu lesen. Besprochen wird das Buch „Weißt du, was ich glaube, Paps?“ von Lilian und Richard Kähler. Es ist der E-Mail-Dialog eines längst aus der Kirche ausgetretenen Vaters mit seiner 18-jährigen Tochter. Als die Tochter nebenbei bemerkt, dass sie ja nicht an Gott glaubt, bewirkt dies beim Vater , dass er darüber nachdenkt, was Glauben ihm bedeutet und beginnt, mit ihr via Mail über Gott, Religion und Glauben zu sprechen.

In ihren sehr unterschiedlichen Zugängen zum Glauben und zur Religion scheinen Lilian und Richard Kähler nicht untypisch zu sein für unsere Gegenwart. Während er sich offenbar eine pantheistische Spiritualität zusammenbastelt, beharrt die Tochter darauf, dass sich der passende Glaube schon einstellen wird, wenn sie ihn denn brauchen sollte und dass sie im Moment nur die Liebe brauche.

Bedenkenswert ist aber auch das Fazit des Rezensenten: „Den Eigenwert des Religiösen verfehlen die Bricolage des Vaters und das Konsumentendenken der Tochter allerdings gleichermaßen. Unzugänglich bleibt beiden sowohl das Bild des richtenden Gottes als auch das Bewusstsein jener Würde, die aus dem Dienst an einem Höheren erwächst. Diese Lektüre lässt keinen Zweifel: Wem die Bereitschaft zum Dienen fehlt, dem hilft auch das Glaubenwollen nicht; religiös wird er nicht mehr werden.“