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Posts Tagged ‘Glaube’

Menschen brauchen Anerkennung und Wertschätzung

14. August 2011 1 Kommentar

Menschen brauchen Anerkennung und Wertschätzung. Jeder von uns will mehr als nur eine Nummer sein.  Dafür tun Menschen viel und oft auch recht fragwürdige Dinge. Das zeigt schon eine gelegentlicher Blick in die Medien oder etwas Aufmerksamkeit im Alltag.

Wer bin ich? Wo ist mein Platz? Was bin ich wert? Anerkennung und Ablehnung, die wir erfahren, Wertschätzung und Abwertung spielen eine entscheidende Rolle, wie wir all diese Fragen für uns beantworten. Jeder von uns möchte in seiner individuellen Eigenart und Besonderheit wahrgenommen und gewürdigt werden. Niemand möchte einfach eine Nummer sein – und das zu Recht! Das macht uns so empfindsam für die Erfahrung, nicht gewählt zu werden, für die Abwertung, die wir durch andere erfahren. Und das führt bei vielen dazu, dass sie das Leben als einen einzigen Existenzkampf ansehen, bei dem es gilt, sich zu behaupten, sich Anerkennung und Respekt zu verdienen und sich gegen andere durchzusetzen.

Um Erwählung und Wertschätzung geht es auch im heutigen Predigttext aus dem 5. Buch Mose. Er zeigt uns, dass bei Gott Wertschätzung nicht auf Leistung beruht, sondern auf bedingungsloser Liebe. Wir können und müssen uns Gottes Wertschätzung nicht verdienen. Als Menschen, die von Gott wert geschätzt sind, können wir uns aber bemühen, nach seinem Willen zu handeln. Und ich denke, dass das im Kern bedeutet: anderen mit Wertschätzung zu begegnen, diese Wertschätzung auch zu zeigen.

Was würde sich wohl verändern, wenn wir im Alltag nicht so sehr auf die Fehler und Schwächen unserer Mitmenschen achten würden, sondern auf ihre Stärken und Begabungen? Was würde geschehen, wenn wir uns etwas öfter die Mühe machten, jemandem zu sagen, was wir an ihm schätzen? Wieviel könnte gelegentlich ein einfaches Merci oder „Das ist eine gute Idee“ oder „schön das du bei uns bist“ bewirken? Wie oft wäre es auch möglich, zuerst zu würdigen, was gut ist, bevor wir kritisieren, was noch besser sein könnte? Wir können einander ermutigen und wir können einander entmutigen. Und manchmal ist es die schlimmste Entmutigung, dass wir einander gar nicht mehr richtig wahrnehmen oder es einander nicht zeigen. Darum: auf jedem von uns ruht Gottes wohlwollender Blick, jedem von uns gilt Gottes Anerkennung und Wertschätzung. Geben wir sie weiter. Blicken wir einander wohlwollend an und sagen einander, was wir schätzen – ohne Heuchelei, aber auch ohne falsche Sparsamkeit.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

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Der höchste Himmel kann dich nicht fassen

3. Juni 2011 1 Kommentar

„Wo wohnt denn der liebe Gott?“ – das ist eine dieser Kinderfragen, die so naiv klingen und doch tiefgründiger sind als wir auf den ersten Blick meinen. „Der liebe Gott wohnt im Himmel“, sagen wir den Kindern dann oft. Manchmal antworten wir vielleicht: „Der liebe Gott wohnt überall.“  Eine andere Antwort lautet: „Gott wohnt in den Herzen der Menschen. Er ist die Kraft zum Guten, die Liebe, die uns erfüllt, das Vertrauen, das wir in uns spüren.“  In den Schriftreligionen sagt man auch: „Gott wohnt im Wort der Heiligen Schrift.“

Und wie sieht es mit der Antwort „Gott wohnt in der Kirche“ aus. Immerhin heisst die Kirche ja auch das Haus Gottes. Trotzdem ruft gerade diese Antwort besonders viel Widerspruch hervor – auch und vor allem bei Menschen, die spirituell auf der Suche sind. „Glaube ja, Kirche nein“ heisst oft der Leitspruch. Man kann doch schliesslich auch ein guter Mensch sein, ohne in die Kirche zu gehen und umgekehrt macht der Kirchgang niemand automatisch zu einem besseren Menschen. Mancher fühlt sich auf einem Berggipfel dem lieben Gott tatsächlich näher als in einer Kirche. Ich habe nicht das geringste Interesse, all dies zu bestreiten oder auch nur zu relativieren. Ich möchte nicht einmal andere davon überzeugen, dass sie eben die Kirche doch noch brauchen, um die richtigen Gotteserfahrungen zu machen. Zu lange wurde der Eindruck erweckt, ausserhalb der Kirche gebe es kein Heil.

Der Predigttext für Christi Himmelfahrt ist ein Gebet, einige wenige Verse aus dem Tempelweihegebet des israelitischen Königs Salomos. Darin fällt ein Satz besonders auf: „Aber sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Sieh, der Himmel, der höchste Himmel kann dich nicht fassen, wieviel weniger dann dieses Haus, das ich gebaut habe!“ Dass Gott grösser ist als unsere religiösen Bauwerke, als unsere religiösen Lehren, als unsere Glaubensgemeinschaften, diese Einsicht ist unserem Glauben von Grund auf eingeschrieben. Diese Einsicht gilt aber auch für die Gegenwart Gottes in der Schönheit der Natur oder in unseren Herzen. Ich denke, dass die Antworten auf die Kinderfrage „Wo wohnt denn der liebe Gott“ alle ihr Recht und ihre Grenze haben. Keine macht die andere überflüssig oder falsch, aber auch keine kann die Fülle Gottes einfangen.

 Wenn ich mich mit offenen Augen in der Natur bewege, kann ich tatsächlich die Gegenwart Gottes erahnen und kein Gottesdienst, keine Predigt kann mir diese Erfahrung ersetzen. Aber die Naturerfahrung ersetzt mir auch nicht das gemeinsame feiern, singen und beten im Gottesdienst, das Hören auf Gottes Wort, das Gespräch mit anderen und die Zuwendung von anderen, die ich erfahre. Das Gute, das wir im Alltag erfahren und tun, kann durch die klügsten und berührendsten Gottesdienste und Kirchenräume nicht aufgewogen werden. Aber ich brauche auch die Orte und Momente, wo ich zur Ruhe kommen und loslassen kann. Gott braucht keine monumentalen Kirchen, ja überhaupt kein Gebäude. Trotzdem werde ich, wenn ich Stille suche und Besinnung, eher in eine schöne Kirche sitzen als in eine Turnhalle.

„Aber sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Sieh, der Himmel, der höchste Himmel kann dich nicht fassen, wieviel weniger dann dieses Haus, das ich gebaut habe!“ Mit diesen Worten ist all unseren Gotteserfahrungen eine heilsame Grenze gesetzt. Sie können die Fülle Gottes nicht fassen. Und doch sind es wertvolle und kostbare Gotteserfahrungen, sei es in der Natur, in einer Kirche oder in tätiger Nächstenliebe.

 Der Abschnitt aus der Apostelgeschichte, den wir in der Schriftlesung gehört haben, ist ja die biblische Grundlage dafür, dass wir einen Auffahrtstag begehen und heute Gottesdienst feiern. Jesus wird den Blicken der Jünger entzogen. Er ist aufgefahren in den Himmel, wie es im apostolischen Glaubensbekenntnis heisst. In Treue zu dem, was sie mit Jesus erlebt und von ihm gelernt haben, stehen sie nun selber in der Verantwortung. Sie sind zurück gelassen und doch nicht verlassen. Denn auch hier gilt: der höchste  Himmel kann dich nicht fassen. Jesus ist nicht mehr bei ihnen und doch mitten unter ihnen – da wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, weil er versprochen hat, alle Tage bei ihnen zu sein bis an der Welt Ende und weil er ihnen verheissen hat, dass sie die Kraft des heiligen Geistes empfangen werden. Selber verantwortlich für unser Leben, für diese Welt und doch nicht allein – diese Umschreibung trifft auch unsere Situation gut. Der, den der höchste Himmel nicht fassen kann, wie sollte der sich fassen lassen in unseren Religionen, Glaubenslehren oder Kirchengebäuden? Und wie sollte er uns nicht nahe sein in seiner überfliessenden Liebe und seiner Treue, auch wenn wir ihn nicht fassen können?

 Im Tempelweihegebet des Salomo folgt auf die Einsicht in die Unfassbarkeit Gottes die Bitte: „Wende dich dem Gebet deines Dieners zu und seinem Flehen, HERR, mein Gott, und erhöre das Flehen und das Gebet, das dein Diener heute vor dir betet.“ Und den Jüngern sagt Jesus: „Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein.“ Und als Jesus vor ihren Augen in den Himmel entschwunden war und sie immer noch wie gebannt in den Himmel starren, da weisen sie zwei Engel zurecht. Sie sollen nicht in den Himmel starren, sondern hier auf der Erde ihre Aufgabe erfüllen. Mit Gottes Hilfe.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

Die kleinen Auferstehungsgeschichten im Alltag

23. Mai 2011 1 Kommentar

In letzter Zeit habe ich mich hier im atemhaus kaum zu Wort gemeldet, weil ich einfach zu viel zu tun hatte. Mit einer Predigt möchte ich deshalb wieder einmal ein Lebenszeichen von mir geben. Der Predigt liegt die Johannes-Fassung des wunderbaren Fischzugs zugrunde. Im Unterschied zu den anderen Evangelien erzählt das Johannesevangelium diese Geschichte ja als nachösterliche Begegnung mit dem Auferstandenen.

Sie war 32 Jahre alt und eine aufgestellte Frau. Sie führte eine glückliche Ehe und
fühlte sich von ihrem Mann geliebt und unterstützt. Gemeinsam freuten sie sich
über ihre drei Kinder. Thomas war gerade in die Schule gekommen, Tamara im Kindergarten
und im Sommer sollte es bei Tobias dann auch losgehen mit dem Kindergarten.
Beruflich hatte ihr Mann eine befriedigende Arbeit und eine halbwegs sichere
Stelle und sie selbst arbeitete noch Teilzeit und genoss es, ihren Beruf weiter
auszuüben und den Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen zu haben. Sie war
gerne Mutter, aber sie brauchte auch ihren Beruf, diese ganz andere
Beanspruchung. 32 Jahre war sie alt und eine glückliche Frau.

Doch dann kam dieser 3. Mai. Es war ein herrlicher Frühlingstag. Er wollte nur
eine kurze Spritztour mit seinem Töff machen. Doch er blieb länger als erwartet
aus und sie fing an, sich Sorgen zu machen. Und dann kamen sie und überbrachten
die schreckliche Nachricht. Ein Autofahrer hatte ihm die Vorfahrt genommen und
er war auf der Stelle tot gewesen. Fassungslos stand sie den beiden Polizisten
gegenüber. Sie brachte kein Wort mehr heraus, konnte zuerst gar nicht weinen,
wollte es nicht wahrhaben. Erst allmählich realisierte sie, was wirklich
geschehen war.

In der ersten Zeit hatte sie viel Unterstützung und sie liess es sich auch gerne
gefallen. Ihre Welt war zusammengebrochen und niemand erwartete von ihr, dass
sie einfach funktionierte wie bisher. Ständig war jemand da, der ihr Hilfe
anbot oder zuhörte oder mit ihr Erinnerungen austauschte von früher. Aber mit
der Zeit, so dachte sie, sollte die alte Energie und Tatkraft wieder
zurückkehren. Man kann ja nicht ewig trauern. Klar, sie wusste, dass es nicht
mehr werden würde wie früher. Aber zumindest sie wollte wieder ganz die Alte
werden, dass war sie sich und ihm und ihren Kindern schuldig. Und dieses Gefühl
„Ich muss“, das wurde immer mehr zu einem ungeheuren Druck. Sie wartete auf den
Tag, an dem der Schalter wie umgekippt wäre, ihre Energie und Tatkraft zurückkehrte,
sie die alte Leichtigkeit wieder spüren könnte.

Im Gespräch mit einem guten Freund sagte sie: „Weißt du, was mich am meisten
deprimiert, das ist diese bleierne Schwere, dass ich manchmal einfach nicht mag
und mir noch die kleinsten und alltäglichsten Dinge so ungeheuer viel Kraft
brauchen. Ich spüre keine Energie, keine Kraft in mir. Alles braucht so viel
Zeit und es fällt mir oft schwer mich aufzuraffen, etwas anzupacken oder zu
unternehmen. Und ich habe das Gefühl, dass mir nichts mehr wirklich gelingt.
Und wenn mir etwas gelingt, dann habe ich oft sogar Mühe, mich wirklich daran
zu freuen. Sehnsüchtig warte ich auf den Tag, an dem ich wieder die alte Kraft
und Lebensenergie habe und manchmal zweifle ich daran, ob dieser Tag jemals
kommt.“

„Ich denke“, antwortete er, „dass ich dich ganz gut verstehen kann. Vor einigen
Jahren als es in unserer Ehe so schwierig geworden ist, ging es mir ähnlich.
Ich weiss natürlich, dass meine Ehekrise nicht zu vergleichen ist mit dem, was
du durchgemacht hast. Und wir haben wieder einen gemeinsamen Weg gefunden und
dein Mann ist tot und wird nie wieder zurückkehren. Aber was du beschrieben
hast, das habe ich in dieser Zeit auch erlebt, diese bleierne Schwere, die sich
über alles legt. Auch ich habe den Tag herbeigesehnt, wo mir einfach alles
wieder so leicht von der Hand geht wie früher. Ich war total verunsichert. Was
war ich noch wert? Ich war wütend auf Marianne, weil sie mich ständig
kritisierte und zugleich nahm mir ihre Kritik jegliches Selbstvertrauen. Ich
war wie gelähmt und erstarrt. Alles schien so hoffnungslos.“

„Genau so fühle ich mich auch oft. Und ich glaube, es tut mir gut, wenn ich das von
dir höre. Manchmal fange ich ja wirklich an zu zweifeln, ob meine Reaktion noch
normal ist. Wenn’s dir genau so gegangen ist, fühle ich mich weniger allein.
Aber Mühe macht mir diese Situation trotzdem.“

„Klar. Sie ist ja auch furchtbar. Ich habe in jener Zeit in einem Gottesdienst die
Geschichte gehört, wie Jesus seinen Freunden nach Ostern am See Tiberias
erschienen ist. Ich weiss nicht mehr, was der Pfarrer gepredigt hat, aber ich
weiss noch genau, wie mir durch den Kopf gegangen ist: mir geht es doch genau
so wie diesen Fischern, bei allem Bemühen bleiben meine Netze leer. Meine
Arbeit ist zäh und geht mir nicht von der Hand und mit Marianne komme ich nicht
vom Fleck. Ach, sässe doch bei mir auch einer wie Jesus am See und zeigte mir,
wo ich meine Netze auswerfen soll. Ein wunderbares Gelingen all dessen was ich
tue, das wäre es, was ich bräuchte. Aber wer erlebt heute schon Wunder. Und
genau an jenem Abend sagte Marianne zu mir: entweder unternehmen wir etwas oder
es ist aus zwischen uns; dieses Schweigen, dieses Misstrauen halte ich nicht
mehr aus. Heute würde ich sagen, dass das für mich so etwas war wie die
Begegnung der Fischer mit dem am Seeufer sitzenden Jesus. Dieser Eklat hat mich
gelehrt, meine Netze anders auszuwerfen, nicht zuzudecken, im Stillen oder
halblaut zu murren, Dinge lieber nicht ansprechen oder wahrhaben zu wollen. Es
war ein mühsamer und schmerzhafter Weg. Es war nicht einfach alles wie von
Zauberhand weggeblasen und es hätte genau so gut mit einer Trennung enden
können. Aber ich glaube, selbst dann wäre ich heute froh über jenen Abend, weil
er der entscheidende Anstoss zur Klarheit war und mir mit einem Schlag gezeigt
hat, wie viel Energie die vorherige Situation gekostet hat.“

„Wenn du die Geschichte von Jesus am See Tiberias erzählst, dann wird mir noch etwas
anderes klar: weder sollen wir auf ein Wunder warten, dass mit einem Mal alle
Schwere von uns nimmt, noch können wir den Zeitpunkt, wo sich unsere Netze
füllen, herbeizwingen. Wir können nur geduldig warten und mit offenen Augen
durch die Welt gehen. Und wahrscheinlich braucht es viel eher den Blick für die
kleinen Erfolgserlebnisse, die kleinen Schritte auf dem Weg zu neuer Kraft und
Lebensenergie. Wenn wir nur auf das grosse Wunder warten, verpassen wir die
kleinen alltäglichen Wunder.“

„Übrigens: Am Ende der Geschichte essen die Jünger mit Jesus. Sie teilen das Brot und die
Fische. Auch das erinnert mich daran, wie oft ich schon dadurch neue Kraft und
Lebensenergie bekommen habe, dass ich mit anderen bei Tisch gesessen bin oder
mit ihnen geredet oder gesungen habe. Es ist für uns wirklich nicht gut, wenn
wir alleine sind und alles mit uns selber ausmachen.“

„Wahrscheinlich ist es wirklich so: wir brauchen Vertrauen in die Menschen und wir brauchen
Vertrauen in Gott – und beides können wir nicht erzwingen. Die Jünger haben
gemerkt, dass Jesus, den sie für tot gehalten haben, bei ihnen ist, dass sie
nicht allein sind. Und dieses Vertrauen, dass ich nicht allein bin, das brauche
ich auch. Dann kann ich auch die leeren Netze, die lähmende Müdigkeit aushalten
und hoffen und vertrauen, „dass Gott den Müden Kraft gibt und Stärke genug den
Unvermögenden und dass die auf den Herrn harren, neue Kraft kriegen, dass sie
auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass
sie wandeln und nicht müde werden“. Das ist überhaupt einer meiner
Lieblingsverse aus der Bibel. Nur vergesse ich ihn manchmal, wenn ich mich so
müde fühle.“

Die Geschichte und das Gespräch habe ich natürlich frei erfunden. Aber
vielleicht entdecken sie Erfahrungen und Gefühle daraus bei sich selbst wieder.
Und ich denke, dass auch unsere Auferstehungsgeschichten heute sich wie damals
bei den Jüngern mitten im Alltag abspielen, da wo wir gefangen sind in unseren
Enttäuschungen, in schmerzlichen Erfahrungen, in lähmender Müdigkeit und wo wir
plötzlich ahnen: er ist da und er zeigt uns, wo wir unsere Netze auswerfen können,
wo sich Wege für uns auftun, die wir bisher gar nicht gesehen haben. Es sind
die kleinen Auferstehungsgeschichten im Alltag, die uns Mut machen, wenn wir
sie denn wahrnehmen und die uns mit neuer Kraft erfüllen. Und manchmal dürfen
wir entdecken, dass aus dem was zerbrochen und verloren ist, etwas Neues
hervorwachsen kann. Erzwingen lässt es sich nicht, aber hoffen und glauben und
geduldig erwarten. Darum bitten wir Gott, dass er sich uns zeigen möge in den
erfolgreichen und in den erfolglosen Fischzügen unseres Lebens und in uns den
Glauben und das Vertrauen stärke, die wir vielleicht schon verloren geglaubt
haben.

E-Mails über den Glauben

Eine interessante Rezension ist auf FAZ.net zu lesen. Besprochen wird das Buch „Weißt du, was ich glaube, Paps?“ von Lilian und Richard Kähler. Es ist der E-Mail-Dialog eines längst aus der Kirche ausgetretenen Vaters mit seiner 18-jährigen Tochter. Als die Tochter nebenbei bemerkt, dass sie ja nicht an Gott glaubt, bewirkt dies beim Vater , dass er darüber nachdenkt, was Glauben ihm bedeutet und beginnt, mit ihr via Mail über Gott, Religion und Glauben zu sprechen.

In ihren sehr unterschiedlichen Zugängen zum Glauben und zur Religion scheinen Lilian und Richard Kähler nicht untypisch zu sein für unsere Gegenwart. Während er sich offenbar eine pantheistische Spiritualität zusammenbastelt, beharrt die Tochter darauf, dass sich der passende Glaube schon einstellen wird, wenn sie ihn denn brauchen sollte und dass sie im Moment nur die Liebe brauche.

Bedenkenswert ist aber auch das Fazit des Rezensenten: „Den Eigenwert des Religiösen verfehlen die Bricolage des Vaters und das Konsumentendenken der Tochter allerdings gleichermaßen. Unzugänglich bleibt beiden sowohl das Bild des richtenden Gottes als auch das Bewusstsein jener Würde, die aus dem Dienst an einem Höheren erwächst. Diese Lektüre lässt keinen Zweifel: Wem die Bereitschaft zum Dienen fehlt, dem hilft auch das Glaubenwollen nicht; religiös wird er nicht mehr werden.“

Fordert Gott bedingungslosen Gehorsam?

8. April 2011 3 Kommentare

Der Predigttext für den Sonntag Judika ist eine ziemliche Herausforderung. Es ist die Geschichte von Isaaks Opferung, eine Geschichte, die vielfach als Loblied auf einen bedingungslosen Gehorsam gegenüber Gott missverstanden worden ist. Aber war es tatsächlich richtig und lobenswert, dass Abraham in dieser Geschichte nicht davor zurückgeschreckt hätte, aus vermeintlichem Gehorsam gegenüber Gott seinen eigenen Sohn zu töten? Könnte es nicht sein, dass Gott nicht nur – wie das glückliche Ende der Geschichte zeigt – keine Menschenopfer will, sondern auch keinen blinden Gehorsam und Abraham seinen Gott gehörig missverstanden hat?

Nein, Gehorsam ist keine Tugend und blinden Gehorsam fordern nur die falschen Götzen. Davon bin ich überzeugt und wollte der Verfasser der Abrahamsgeschichte blinden Gehorsam als Glaubenstugend darstellen, so würde ich ihm entschlossen widersprechen. Glaube ohne Einsicht, ohne die Stimme des Herzens und des Gewissens droht immer unmenschlich zu werden. Und Gott solche Grausamkeit zuzutrauen, ist in meinen Augen Blasphemie.

Wenn die Geschichte aber keine Aufforderung zu blindem Gehorsam gegenüber Gott ist, was ist sie dann? Ich denke, es ist eine Geschichte, die uns erschrecken lässt, zu welcher Unmenschlichkeit ein falsch verstandener Gottesgehorsam führen kann. Sie kann uns aber auch die erschreckende Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn vor Augen führen und uns so sensibilisieren für die Erfahrungen der Sprachlosigkeit in unseren Beziehungen. Im Mitgehen Abrahams an der Seite des Isaak sehe ich darüber hinaus eine Ermutigung mitzugehen, auch wenn es kaum zu ertragen ist, die Hoffnung niemals aufzugeben und Augen zu haben für die neuen Wege, die Gott uns zeigt. Da-Sein, mitgehen und achtsam bleiben, das sind die heilsamen Wege, die Gott uns schenkt, wenn die Fragen und Zweifel ihre Schatten werfen.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

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Vom alltäglichen Guten

Im Markusevangelium (12,41-44) ist die Geschichte einer verarmten Witwe zu lesen, die ganz selbstverständlich gibt, obwohl sie nicht weiss, wovon sie danach leben soll.

Zuerst einmal sehen wir Jesus, wie er sich reichlich indiskret verhält. Er setzt sich einfach gegenüber vom Opferstock und sieht zu wie und was die Leute opfern. So etwas tut man ja eigentlich nicht. Oder hätten sie es vielleicht gern, wenn nachher am Ausgang jemand sässe und genau beobachtete, wie viel sie in den Opferstock einlegen? Mag sein, dass man zu Jesu Zeiten in Gelddingen etwas weniger diskret war als heute bei uns in der Schweiz. Aber natürlich geht es in der Geschichte auch um etwas ganz anderes. Jesus beobachtet, wie die Leute Geld einlegen und manche der Wohlhabenden zeigen sich sehr grosszügig. Und dann kommt diese arme Witwe. Zwei der kleinsten Münzen, die es gibt, legt sie ein. Das ist so gut wie nichts – aber es ist alles, was sie hat. Und darum lobt Jesus ihr Tun: „Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.“

Ich denke mir, dass diese Frau, hätte sie Jesu Worte mit angehört, vielleicht eher peinlich berührt gewesen wäre. Sie hat ja ihre zwei Scherflein nicht gegeben, um als Beispiel besonderer Frömmigkeit zu dienen, sich Jesu Lob zu verdienen. Sie hat wahrscheinlich nicht einmal das Gefühl gehabt, etwas Besonderes zu tun. Für sie war es die selbstverständlichste Sache der Welt. Sie geht zum Gotteshaus und sie trägt etwas zum Opfer bei. Das gehört sich so und das tut sie gern. Aber ich denke, dass sie sich ihrer Armut auch nicht schämt. Sie gehört dazu und sie ist nicht weniger wert als all die anderen. Und ich glaube, dass genau diese innere Haltung Jesus beeindruckt hat. In all ihrer Armut, mit all ihren Sorgen um das tägliche Brot, ist sie eine fröhliche Geberin. Jesus hält nicht viel von Spendenranglisten, die nur auf die grossen Zahlen achten. Aber ich bin mir sicher, dass er die Grosszügigkeit der anderen Opfernden auch nicht schlecht machen oder klein reden will. Nein, nicht erst wenn es einem selber weh tut, bekommen Gaben einen Wert. Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Aber eben auch eine fröhliche Geberin, die zwar wenig gibt, aber dies von Herzen.

Ich verstehe diese kleine Geschichte als ein Loblied auf die alltägliche, wie selbstverständlich gelebte Frömmigkeit, ein Loblied auf die Grosszügigkeit, zu der Menschen fähig sind und auf die Sorglosigkeit, die sich ganz Gott anvertraut. Diese Geschichte steht in einer Linie mit Jesu Wort in der Bergpredigt: „Sorget euch nicht um den morgigen Tag.“ Dort sind es die Lilien auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel, die uns als Vorbild vor Augen geführt werden. Oder ich denke an die Witwe von Zarepta – ebenfalls eine arme Witwe – die mit dem letzten was sie hat, sich und ihrem sterbenskranken Sohn eine kleine Mahlzeit bereiten möchte, bevor sie sich dann mit dem Tod abfinden will. Der Prophet Elia begegnet dieser Frau und bittet sie, zuerst ihm etwas zu essen zu bringen und verheisst ihr: „Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der HERR regnen lassen wird auf Erden.“

Wenn ich an die Witwe und ihre zwei Scherflein denke, dann kommen mir Menschen in den Sinn, die heute ganz selbstverständlich ihren Glauben leben, eine stille und bescheidene Frömmigkeit, dann denke ich an Menschen, die ihren Beitrag leisten an die Sammlungen von BfA oder zu den sonntäglichen Kollekten. Ich denke an Menschen, die Zeit einsetzen für Menschen in ihrer Nachbarschaft. Ich denke auch an die vielen, die sich in unserer Kirchgemeinde freiwillig und ehrenamtlich engagieren. Auch hier gilt: es kommt nicht auf die Grösse der Spende, den Umfang des Einsatzes an. Eine fröhliche Geberin, einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Es muss nichts Grosses, nichts Besonderes, nichts Aussergewöhnliches sein. Wichtig ist, dass es von Herzen kommt und ich bin dankbar für jedes Engagement, jedes Zeichen der Liebe, des Mitdenkens, der Unterstützung für unsere Kirchgemeinde, für unser Gemeinwesen.

Ja es gibt auch unter uns solche armen Witwen, im wörtlichen und im übertragenen Sinn, Menschen, die im Stillen glauben, grosszügig sind, etwas von dem, was sie haben, materiell, aber auch an Zeit oder Fähigkeiten, an andere weitergeben, ohne davon viel Aufhebens zu machen. Es gibt Menschen, die ihre betagten Angehörigen zuhause pflegen und die diese zeitaufwendige und oft kräftezehrende Aufgabe mit viel Liebe und Einfühlungsvermögen leisten und ihren Angehörigen gerne diesen Dienst erweisen. Es gibt die Menschen, die immer wissen, wenn jemand krank oder einsam ist und die sich auf den Weg machen, um diese Menschen zu besuchen. Es gibt die, die anderen etwas abnehmen, einen Einkauf, einen Botengang, eine kleine Arbeit und vieles andere mehr. Andere widmen sich in ihrer Freizeit dem Samariterverein, der Feuerwehr, den Landfrauen oder kulturellen Vereinen und tragen etwas dazu bei, dass es sich bei uns gut leben lässt. Diesen guten Geistern, die meist im Verborgenen wirken, gilt Jesu Loblied auf die arme Witwe. Ohne sie wäre unser Leben viel ärmer, unsere Welt um einiges kälter. Sie zu achten und ihrem Vorbild zu folgen, das ist es, was Jesus uns nahe legen will.

Möge Gott uns Augen schenken, die das Gute sehen, das unter uns geschieht und möge er unsere Herzen und unsere Hände frei machen für das Gute, das wir tun können und möge er jedem von uns auch etwas vom Selbstbewusstsein dieser Witwe schenken, die so selbstverständlich und aufrecht das Ihre tut und von ihrem grossen Vertrauen, das sich darauf verlässt, dass ihr Gott schon für sie sorgen wird, seien die täglichen Sorgen auch noch so gross.

Ein vorläufiges Glaubensbekenntnis

Das folgende Glaubensbekenntnis ist entstanden im Rahmen einer Kursreihe zu Bekenntnissen. Es ist eine spontane Formulierung und kann in seiner Vorläufigkeit vielleicht einladen, nach Worten für den eigenen Glauben zu suchen.

Weitere Texte sind hier zu finden.

Ich glaube

an einen mütterlichen und väterlichen Gott,

der uns das Leben gibt,

der uns zärtlich umfängt und uns begleitet auf allen unseren Wegen.

Ich glaube an Gott, der alles geschaffen hat,

der das Geheimnis des Lebens ist, manchmal nahe und manchmal fern.

Ich glaube an Gott, der Liebe ist, die geschieht,

wo wir einander wahrnehmen und füreinander einstehen.

Ich glaube, dass Gott das Gesicht Jesu trägt

und uns nahe sein will auch in den tiefsten Tiefen unseres Lebens.

Durch Jesus glaube ich an die Kraft der Hoffnung,

an die heilsame Macht der Vergebung,

an bedingungslose Liebe und den Weg der Gerechtigkeit und des Friedens.

Durch Jesus glaube ich, dass der Tod nicht das letzte Wort hat,

sondern die Liebe Gottes, die stärker ist als der Tod.

Durch Jesus glaube ich, dass wir berufen sind, füreinander einzustehen,

Gerechtigkeit zu suchen, einander zu vergeben und Frieden zu stiften.

Durch Jesus glaube ich, dass ich nicht stark sein muss und mich fallen lassen kann.

Ich glaube an den Geist, der uns verbindet,

an den Atem, der uns erfüllt,

an die Liebe, von der wir leben,

an den Geist des Widerstandes, der uns davor bewahrt,

uns mit dem abzufinden, was Gott nicht will,

an den Geist der Ergebung, der uns annehmen lässt,

was zu unserem Leben gehört,

an den Geist der Vernunft, der uns einen kritischen Blick und Forschergeist schenkt

und an den Geist der Weisheit,

der uns achtsam macht für das, was höher ist als alle Vernunft.

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Der junge Mann Jesus auf der Suche nach sich selbst

9. Januar 2011 2 Kommentare

Können Sie sich das vorstellen, dass Jesus einmal ein Teenager oder junger Erwachsener war, der ein Vorbild, ein Idol hatte, das ihn faszinierte und dem er nacheiferte. So befremdlich für manchen diese Vorstellung sein mag – so ähnlich muss es wohl gewesen sein. Der heranwachsende Jesus hat von Johannes dem Täufer gehört, der alles hinter sich gelassen hat und, wie man sich erzählte, nur mit einem Kamelhaarmantel bekleidet in der judäischen Wüste lebte, sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte und die Menschen zur Umkehr rief. Dieser Johannes kannte offenbar keine Furcht und keinen falschen Respekt vor den Autoritäten seiner Zeit, nicht vor den Pharisäern und Schriftgelehrten und auch nicht vor dem König Herodes. Kompromisslos, konsequent und entschieden war er und erfüllt von einer tiefen Frömmigkeit. Jesus ist ihm auch begegnet und wir können uns vielleicht sogar vorstellen, wie sehr diese Radikalität und Furchtlosigkeit den jungen Mann Jesus fasziniert haben mag. Viele Bibelforscher vermuten sogar, dass Jesus eine Zeitlang zum Kreis Johannes des Täufers gehört haben könnte. Ja, wir dürfen uns Jesus von Nazareth als einen jungen Mann auf der Suche nach sich selbst vorstellen, als einen der sich nicht damit zufrieden gab, in die Fussstapfen seines Vaters zu treten und die Dinge einfach so zu nehmen wie sie nun einmal sind. Wir dürfen uns vorstellen, dass er nicht bereit war, die römische Herrschaft einfach so hinzunehmen und ihn der Prunk des Herodes und die Macht der Schriftgelehrten empörten und er sich nicht so leicht damit abfinden wollte, dass es Oben und Unten, arm und reich gab, als sei dies ein gottgegebenes Schicksal. Er sehnte sich nach einem Leben, das sich radikal an Gott ausrichtete und in dem er einen Sinn sehen konnte. Johannes verkörperte für ihn einen solchen radikalen und alternativen Lebensstil, die Frömmigkeit, die er suchte.

Meine ganze Predigt zu Matthäus 4,12-17 ist hier zu lesen.

Neujahrswünsche

31. Dezember 2010 3 Kommentare

Weil der folgende Text mir als Neujahrswunsch passend erscheint, wiederhole ich hier einen Beitrag vom 3.10.2010:

Was ich noch sagen wollte …

Hört auf das, was euer Herz berührt.
Seid hellwach und lasst euch nicht belehren.
Achtet auf die kleinen Dinge.
Seid zärtlich und behutsam.
Glaubt an euch und glaubt an eure Mitmenschen.
Gebt um Himmels willen niemand auf.
Lasst euch nicht entmutigen.
Lasst euch nicht verhärten.
Bleibt berührbar.
Denkt daran, dass ihr wichtig seid.
Denkt daran, dass euer Tun Bedeutung hat.
Sucht die Menschen, für die ihr wichtig seid.
Seid grosszügig und verzeiht.
Verliert nicht den Mut.
Kämpft nicht allein.
Traut dem Leben.
Lasst euch fallen
in Gottes Hand.

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Gottes Lob wandert – Zum 4. Advent

Das Magnificat – das Loblied der Maria ist für mich einer der eindrücklichsten und bewegendsten Texte der Bibel. „Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.“ So heisst es im Loblied der Maria. Und dann folgen Worte, die die Verhältnisse auf den Kopf stellen, die davon singen, dass Gott die Kleinen gross und die Grossen klein macht, dass er die Macht der Mächtigen bricht und die Bäuche der Hungrigen füllt. Ein rebellisches Lied, ein Lied der Hoffnung. Eine moderne Nachdichtung des Magnificat ist das Lied Nr. 2 im Reformierten Gesangbuchder Schweiz:

Gottes Lob wandert, und Erde darf hören.
Einst sang Maria, sie jubelte Antwort.
Wir stehn im Echo der Botschaft vom Leben:
Den Herrn preist meine Seele.
Ich freue mich, dass er mein Retter ist.
Der Hohe schaut die Niedrige an.
Halleluja, Halleluja.
 
Scharen von Schwestern und Brüdern im Glauben
singen, was damals Maria gesungen,
als ihr geschah, wie der Engel versprochen:
Den Herrn preist meine Seele.
Ich freue mich, dass er mein Retter ist.
Die Stolzen stürzt er endlich vom Thron.
Halleluja, Halleluja.
 
Wunder der Wunder: für uns wirst du Mensch, Herr!
Lass doch das Lied, das Maria uns lehrte,
Brücke der Freude sein, die uns zu dir führt:
Den Herrn preist meine Seele.
Ich freue mich, dass er mein Retter ist.
Er denkt an uns, hilft Israel auf.
Halleluja, Halleluja.

Gottes Lob wandert und Erde darf hören. Einst sang Maria und jubelte Antwort. Wir stehn im Echo der Botschaft vom Leben. Drei kurze und knappe Sätze von grosser Weisheit und Tiefe. Gottes Lob kommt auf die Erde zu, es hat seinen Ursprung nicht auf der Erde, es stammt nicht aus frommer Erfindungskraft oder aus religiöser Sehnsucht der Menschen. Es kommt wie von aussen auf die Erde zu und die Erde darf es hören, wenn sie will. Sie muss nicht – es ist ein Angebot. Es kann untergehen im Lärm unseres Alltags, es kann übertont und erstickt werden durch unsere Sorgen und Ängste, durch unsere Pläne und unseren Aktivismus. Wer vom Lob Gottes berührt werden will, muss sich Zeit nehmen, innerlich und äusserlich zur Ruhe kommen und darauf hören. Der muss hören lernen auf diesen eigenen Klang des Lobes Gottes, der fremd ist in der Welt der Macher und Planer, der Manager, Strategen und Generale. Und so ist unser Lied eine Einladung, aufmerksam hören zu lernen, diesen Klang zu vernehmen, den Klang von Lebensdank und Hoffnung, von Freude und vom Warten auf Gerechtigkeit. Martin Luther hat gemeint, dass das Ohr unser wichtigstes Organ sei. Was uns über das Ohr erreicht, erreicht unser Herz. Und darum geht es in der Advents- und Weihnachtszeit, darum geht es in der ganzen Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen, dass Gottes Liebe unser Herz erreicht. Und so hören wir auf den Klang der Weihnachtsbotschaft, die auch in diesem Jahr über die Erde wandert und unsere Ohren und Herzen erreichen und in uns Wohnung nehmen möchte.

Maria ist uns darin Schwester und Vorbild. Sie hörte die Botschaft des Engels und jubelte Antwort. Sie, diese junge und einfache Frau vor 2000 Jahren hörte aufmerksam und liess sich berühren. Und sie jubelte Antwort, sie nahm den Klang der frohen Botschaft auf und liess sich zu einem eigenen Loblied bewegen. Einem Loblied, mit dem sie sich einreihte in die reiche Glaubenstradition Israels und sich verbunden wusste mit ihren Schwestern im Glauben, die schon vor ihr Loblieder angestimmt hatten. Sie folgte ihrer Schwester Mirjam, die beim Auszug aus Ägypten die Pauke schlug und ihr Lied sang: „Singen will ich dem Herrn, denn hoch erhaben ist er; Ross und Reiter warf er ins Meer.“ Sie folgte ihrer Schwester Hanna, der Prophetin, die mit ähnlichen Worten wie Maria, den Gott pries, der die Armen satt macht und die Niedrigen erhöht, der die Mächtigen von ihrem Thron stösst und erniedrigt. In dieser Tradition starker und allzuoft vergessener Frauen steht Maria mit ihrem Lobgesang. Sie alle besingen den Gott , der befreit und Gerechtigkeit schafft. „Der Hohe schaut die Niedrige an“ – so singt Maria. Gott traut mir Grosses zu. Er mutet mir ganz Unglaubliches zu, mir, die ich niedrig und unbedeutend bin. Und ich sage ja. Er will durch mich etwas noch nie Dagewesenes in der Welt beginnen lassen. Und ich sage Ja. Er will, dass sein Sohn durch den Heiligen Geist in mir wächst und gross wird und ich ihn zur Welt bringe, in die Welt in der ich lebe, hier und heute. Und ich sage Ja. Und mein Herz wird weit und öffnet sich, und ich werde vom Gotteslob erfasst und singe: Den Herrn preist meine Seele. Ich freue mich, dass er mein Retter ist. Der Hohe schaut die Niedrige an. Halleluja. So wird die junge Frau Maria zum Urbild des Glaubens, eines Glaubens der hört und vernimmt und sein Loblied singt. Und wir stehen heute im Echo der Botschaft vom Leben, der Botschaft die einst in den Lobgesängen der Mirjam, der Hanna und der Maria ihr Echo fand, der Botschaft, die die Hirten auf dem Felde vernahmen und die sie in Bewegung setzte.  

Wir stehen im Echo der Botschaft vom Leben. Es ist ein lebendiges und vielfältiges Echo, dass diese Botschaft durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder gefunden hat. Unzählige Menschen haben die Worte Marias aufgenommen und mit ihrer eigenen, unverwechselbaren Stimme zum Klingen gebracht, Frauen, Männer und Kinder; Einzelne und Chöre; Fröhliche und Traurige. Sie haben das Echo der Botschaft vom Leben durch die Zeiten hindurchgetragen, haben es mit ihren Lebenserfahrungen angereichert. Erreicht uns diese Botschaft hier und heute , in den Hoffnungen und Enttäuschungen unseres Lebensalltags? Erreicht sie unsere Ohren und unser Herz und bringt sie etwas in uns zum Klingen, findet bei uns ihr Echo, ihre Antwort? Ja, diese Worte warten darauf, dass wir sie heute hören und singen und dass wir sie singend verantworten. Denn die Worte des Liedes wollen uns nicht nur an Maria erinnern. Sie wollen uns nahekommen, uns auf den Leib rücken und zu unseren eigenen Worten werden. „Er ist mein Retter.“ So singen wir von uns selbst, von unserem eigenen Leben. Er sieht mich an. Er traut mir Grosses zu. Er will durch mich etwas Neues in der Welt beginnen. Er will, dass sein Sohn durch den Heiligen Geist in mir wächst und gross wird und ich ihn „zur Welt bringe“ – in meine Welt, hier und heute.

Denk nicht: Ich bin zu alt oder zu jung, zu träge, zu schwach, zu müde, zu wenig fromm. Ich habe zu viele Fragen und Zweifel. Warte nicht bis alle Fragen und Zweifel verschwunden sind. Sing das Lied der Maria, all diese unglaublichen Dinge. Unser Lied, Marias Lied kann eine Brücke sein, eine Brücke, auf der wir – zaghaft und unsicher vielleicht – gehen können, eine Brücke der Freude, die uns trägt und die uns zu Gott führt. Sing davon, dass Gott uns ansieht, dass er unser Retter ist. Sing davon, dass diese Welt nicht bleiben wird, wie sie ist, dass Gott die Niedrigen aufheben wird und den Hungrigen Brot verschaffen, dass er den Geschundenen und Geplagten Heimat geben wird und die Reichen leer ausgehen.

Und dann höre auf das, was du selber singst. Wenn wir  gemeinsam singen: „Er denkt an uns und hilft Israel auf“ können die Worte ihre Kraft entfalten und zu leuchten beginnen. Sie können uns berühren und bewegen und zur Quelle der Hoffnung und des Glaubens werden bei allen, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, die auf der Suche sind nach einem erfüllten Leben für sich und für die Anderen. Wenn wir auf sie hören, sie singen und uns danach sehnen, dass sie Wirklichkeit werden, dann öffnen sie uns einen Weg, eine Brücke über die Fragen und Zweifel, die Resignation und Enttäuschung hinweg. Sie nehmen uns mit in die Nähe dessen, den Maria geboren hat: „Wunder der Wunder, für uns wirst du Mensch, Herr.“ Nicht nur damals vor 2000 Jahren, sondern hier und heute, in unseren Herzen und in unserer Gemeinschaft. Und über die Distanz von Zeit und Raum hinweg sind wir verbunden mit Maria und singen ihr Lied, staunend und dankbar.