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Posts Tagged ‘Glück’

Unser Lebenshaus bauen II

28. August 2011 2 Kommentare

Am Ende der Bergpredigt Jesu im Matthäusevangelium Kap. 7 heisst es: „Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Mann gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat.“ Unser Leben als ein Haus, das auf Felsen gebaut ist und in allen Stürmen Bestand hat – dieses Bild spricht eine tiefe Sehnsucht in uns an. Je stärker unser Leben von Erfahrungen des Wandels und der Instabilität geprägt ist, desto mehr sehnen sich viele Menschen nach Stabilität, Halt und Sicherheit. Gerade darin liegt aber auch das Gefährliche dieses Bildes. Es könnte die falsche Illusion wecken, es gäbe eine Möglichkeit, den Wandel und die Instabilität einfach aufzuhalten. Und dann bauen wir unser Lebenshaus statt auf felsigem Grund auf falschen Sicherheiten.

Wir können den Grund unseres Lebenshauses nicht selber legen. Den felsigen Grund unseres Lebenshauses finden wir vor. Es ist nichts, was wir selber machen können, aber es ist auch keine Lehre oder Ideologie, in die wir uns bedingungs- und gedankenlos einfügen sollen. Ich sage das so betont, weil auch heute noch viele Menschen den christlichen Glaubensgrund mit einer feststehenden Lehre, mit einer Art Ideologie verwechseln.

Der Glaubensgrund, von dem Jesus redet, ist mehr ein Weg, der zu gehen ist, als ein Standpunkt, den wir einnehmen können. Jesus sagt: „Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Mann gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat.“ Es geht ums Hören und Tun – nicht ums Jasagen. Und das, was zu hören und zu tun ist, das sind die Worte der Bergpredigt. Es geht um die Frage: in welchem Geist, in welcher Grundhaltung können wir eigentlich gut und sinnvoll leben. Und da hat die Bergpredigt in der Tat einiges zu bieten: Sie nennt die Menschen glücklich, die wir nicht unbedingt als erstes so bezeichnen würden – die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen, die Barmherzigen, die Friedensstifter. Sie fordert auf zum radikalen Verzicht auf Gewalt und Vergeltung. Sie lädt uns ein zum vertrauensvollen Beten zu einem Gott, der sich Vater nennen lässt. Sie führt plastisch vor Augen, dass der, der sein Leben auf seinen Besitz, sein Planen und Sorgen gründet, davon abhängig wird und sich sogar zum Sklaven machen kann. Sie lädt ein zur Grosszügigkeit und Barmherzigkeit gegenüber allen Menschen und fasst all dies zusammen in der goldenen Regel: „Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um.“ Das alles mag sich nicht nach einem stabilen Felsen anhören und doch gibt es unserem Leben mehr Stabilität und Grund als so vieles, von dem wir uns gewöhnlich Halt und Sicherheit versprechen.

Was wir brauchen ist ein Grundvertrauen in das Leben, das nicht von uns selbst abhängig ist. Dafür steht in unserem Glauben Gott ein, Gott, der Liebe ist und unser aller Leben hält und trägt. Was wir brauchen ist eine Ehrfurcht vor allem Lebendigen und eine Liebe zum Leben, die sich in Barmherzigkeit und Grosszügigkeit uns selbst und andern gegenüber zeigt. Haben wir nicht schon zu oft erfahren, dass die sogenannten harten Fakten das Leben eben eher hart als stabil und verlässlich machen? Könnte es nicht sein, dass es letztlich wirklich die weichen Dinge sind, die unser Leben kostbar machen und uns Halt und Sicherheit geben, die Achtsamkeit, die Fürsorge, die Liebe und vor allem das Vertrauen, das Vertrauen in den göttlichen Grund des Lebens und das Vertrauen ineinander?

Die vollständige Predigt ist zu lesen unter http://predigtkiste.blogspot.com/2011/08/predigt-zu-matth-724-27-am-28-august.html.

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Den Himmel in dir tragen

1. Januar 2011 1 Kommentar
„Sorge dich nicht um das, was kommen mag,
weine nicht um das, was vergeht;
aber sorge, dich nicht selbst zu verlieren,
und weine, wenn du dahintreibst im Strome der Zeit,
ohne den Himmel in dir zu tragen.“
 Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834)

Weihnachten

23. Dezember 2010 2 Kommentare


Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

Rainer Maria Rilke, 1875 – 1926

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Saitensprung

2. September 2010 2 Kommentare

Manchmal – nicht nur mit dem Alter – müssen Menschen erfahren, dass sie nicht mehr über ihre gewohnten Kräfte verfügen, dass Dinge, die einmal selbstverständlich waren, nicht mehr möglich sind.  Als Pfarrer bekomme ich dann gelegentlich ein resigniertes „Was bin ich denn überhaupt noch wert?“ zu hören. Es hat meist etwas sehr Destruktives und Entmutigendes, wenn wir uns mit anderen vergleichen, die Dinge besser können, wenn wir mit eigenen früheren Möglichkeiten vergleichen. Es ist ein entscheidender Unterschied, ob wir über unsere Grenzen und unsere gescheiterten Versuche klagen oder ob wir staunen können über das, was möglich ist. In einer Saemann-Kolumne hat Lorenz Marti dazu eine wunderbare kleine Geschichte erzählt, die ich hier weitergeben möchte (mit einem Dank an ihn für die Erlaubnis):

Saitensprung

   Ich habe mich einmal, lange ist’s her, mit einer Geige abgemüht. Ich war ein Kind und sollte ein Instrument spielen lernen. Die Geigenlehrerin hatte es schwer mit mir: Ich habe kaum geübt. Ich kam unvorbereitet in die Stunde und strich mit dem Bogen lustlos über die Saiten. Es tönte falsch, manchmal blieb ich auch stecken. Du musst besser üben, ermahnte mich die Lehrerin, selber eine bekannte Geigerin. Ich übte nicht besser. Ich übte gar nicht. Es war ein Fiasko. Irgendeinmal haben wir uns getrennt, die Geigenlehrerin, die Geige und ich.

   Und jetzt lese ich von einem der bekanntesten Geiger und staune: Itzhak Perlman hat unter schwierigsten Umständen zu wahrer Grösse gefunden. Er wurde 1945 in der israelischen Hafenstadt Jaffa geboren. Als Vierjähriger erkrankte er an Polio, ist seither behindert, trägt Stützen an beiden Beinen und geht an Krücken, oft unter grossen Schmerzen. Schon als Kind hatte er eine grosse Leidenschaft: die Geige. Ganz für sich alleine erprobte er die Möglichkeiten dieses Instruments. Er übte unermüdlich und brachte es so weit, dass er in die Musikakademie von Tel Aviv aufgenommen wurde. Damit begann ein kometenhafter Aufstieg. Innert weniger Jahre wurde Perlman zum grossen Star unter den Geigern. Er zog in die USA und füllt dort bis heute die Konzertsäle.

   Bei einem Konzert in New York passierte ihm einmal ein Missgeschick. Er hatte eben die ersten Akkorde gespielt, als eine Saite riss. Es wurde ganz still im Saal. Perlman wartete, schloss für einen Moment die Augen und bat dann den Dirigenten, noch einmal zu beginnen. Das Orchester setzte ein, und der gebrechliche Geiger spielte mit so viel Leidenschaft und Hingabe, dass sich das Publikum am Schluss erhob und minutenlang applaudierte. Es soll eines seiner besten Konzerte gewesen sein.

   Eigentlich ist es gar nicht möglich, ein Violinkonzert mit drei Saiten zu spielen. Itzhak Perlman wollte sich dieser Unmöglichkeit  nicht beugen. Er erfand das ganze Stück neu, veränderte es und entlockte seinem Instrument Töne, wie er sie noch nie gespielt hatte. „Wissen Sie“, meinte er am Schluss, „manchmal ist es die Aufgabe eines Künstlers herauszufinden, wie viel Musik man noch machen kann mit dem, was einem übrig geblieben ist.“ (Hervorhebung von mir)

   Auch wenn ich mit der Geige gescheitert bin, auch wenn ich sonst im Leben einiges nicht geschafft oder verloren habe – dieser eine Satz zeigt, dass das alles nicht so wichtig ist. Musik kann man immer machen. Sogar mit nur drei Saiten.

 Lorenz Marti   (erschienen in der Rubrik „Spiritualität im Alltag“ in der Zeitschrift saemann im Juni 2007)

Das zweite Buch von Lorenz Marti mit dem Titel „Mystik an der Leine des Alltäglichen“ ist kürzlich als Herder-Taschenbuch erschienen.

Das Geheimnis des Lebens

Damit Liebe Liebe bleibt,
braucht sie immer auch das Geheimnis der Liebe.
Wenn Menschen wie ein offenes Buch füreinander sind,
geht die Liebe verloren.

Ich denke, das gilt auch für die Liebe zum Leben.
Das äusserliche Funktionieren des Lebens,
die Naturgesetze, sind eine Seite des Lebens,
eine wunderbare und zum Staunen einladende auf jeden Fall,
aber eine Seite, die nach Gesetzen und Regeln geordnet ist
und für die ich Gott nicht als Lückenbüsser brauche –
weder im Sinne des Kreationismus noch eines Intelligent Design.
Was wir in Bezug auf die Naturgesetze nicht erklären können,
darüber können wir nur schweigen.

Es gibt aber auch die Innenseite,
das Geheimnis des Lebens,
das nicht nach Gesetzen und Regeln zu erfassen ist.
Das Vertrauen, dass das Leben gut ist.
Das Staunen über die Schönheit und Vielfalt des Lebens.
Die Liebe zum Leben.
Das Wunder, dass etwas ist und nicht nichts.
Das Wunder der Liebe, der Begegnung, unserer Schaffenskraft.
Die Welt unserer Emotionen.
Das Unerwartete, Unberechenbare.

Gott steht für mich für dieses Geheimnis des Lebens,
seine Innenseite.
Die Seite desselben Lebens, die sich nicht einfach in Gesetze und Regeln fassen lässt.
Die Seite des Lebens, die Sinn entstehen lässt, Sinn, der sich jeweils mir zeigt.
Es gibt nicht einen Sinn des Lebens unabhängig von den Lebenden.
Aber es ist auch nicht so, dass ich den Sinn des Lebens mache.
Es ist wieder wie mit der Liebe:
der Mensch, den ich liebe, ist für mich der Wichtigste.
Er ist das nicht an und für sich, sondern für mich,
weil ich ihm diese Bedeutung gebe.
Sinn gibt es nicht objektiv und feststellbar,
er entsteht immer durch und in Beziehungen,
zu Menschen, zum Leben, zu Gott.
Sinnzuschreibungen entstehen aber auch nicht einfach willkürlich.
Sie entstehen, wo ich von etwas betroffen,
in meinem Innersten berührt bin.
Und das, was mich berührt, ist etwas ausser mir.
Ich kann es nicht feststellen, exakt beschreiben und erklären,
aber ich kann seiner Spur folgen
in der – manchmal schwankenden – Gewissheit,
dass ich in dieser Spur Sinn finde.

Glück

Glück

Was sind all die Schätze dieser Welt verglichen mit dem Glück, einen Menschen zu finden, dem ich vertrauen kann? Was sind die die grossartigsten Gedankengebäude im Vergleich zu einem Menschen, der mich umarmt? Was sind die herausragendsten Leistungen angesichts dessen, der mich gegen das Unrecht verteidigt? Was sind alle Genüsse dieser Welt im Vergleich zu einem vertrauten Gespräch unter Freunden? Was sind die stolzesten Traditionen angesichts eines Menschen, der bereit ist, mit mir etwas Neues zu wagen?

Einfache Fragen – naheliegende Antworten. Und doch vergessen wir sie in unserem Lebensalltag so oft. Was auch immer wir erreichen wollen, welche Ziele wir auch verfolgen – nie dürfen wir vergessen, dass es die Menschen sind, auf die es ankommt, nicht die, die uns nützlich sind, sondern die, die uns brauchen. Denn die nützlichen Menschen nützen oft nichts mehr, wenn wir sie wirklich brauchen. Und wenn wir andere unter dem Aspekt ihres Nutzens betrachten, werden wir die Menschen übersehen, die wirklich wichtig für uns sind. Wichtiger als alle Gedankengebäude und Erkenntnisse, ja wichtiger noch als unsere religiösen Erkenntnisse und Glaubenssätze sind die Menschen.

Meister Eckhardt hat es wunderbar formuliert:
„Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenübersteht, das notwendigste Werk ist stets die Liebe.“

Und nicht weniger treffend die grossartige Lyrikerin Rose Ausländer:

Die Menschen

Immer sind es
die Menschen

Du weisst es

Ihr Herz
ist ein kleiner Stern
der die Erde
beleuchtet

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Sehnsucht nach Liebe

Sehnsucht nach Liebe

Jeder Mensch sehnt sich nach Liebe, nach einer Liebe, die nicht an Bedingungen geknüpft ist, nach einer Liebe, die nicht immer aufs Neue gefährdet ist und nur auf Widerruf gilt. Wir spüren die Sehnsucht nach Liebe, die zu uns gehört und uns menschlich macht und zugleich erfahren wir, dass wir solche Liebe einander nicht geben können. Ja, mehr noch, wir müssen erkennen, dass je mehr wir von einander die Erfüllung unserer Sehnsucht nach Liebe erwarten, wir einander überfordern und die Liebe, die wir suchen, oft gerade gefährden. Denn dann machen wir den anderen für unsere Enttäuschungen verantwortlich, sehen sie als Zeichen, dass der andere uns zuwenig liebt oder aber, dass wir eben nicht liebenswert sind. Doch kaum etwas kann die Liebe stärker gefährden als Vorwürfe und Forderungen nach Liebesbeweisen. Liebe lässt sich nicht einfordern oder erzwingen.
Muss sich dann aber unsere Sehnsucht nach Liebe nicht auf etwas richten, das unsere menschlichen Beziehungen übersteigt? Gibt es einen solchen Ort, ein solches Wesen, eine solche Kraft, wo diese Sehnsucht nach Liebe gestillt wird, wo ich mich wirklich bedingungslos geliebt wissen darf? „Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ heisst es im 1. Joh.
Unser Glaube ist Vertrauen auf eine bedingungslose Liebe, die uns von allem Anfang an und bis in alle Ewigkeit gilt, auf ein Ja, das all unserem Tun vorausgeht. Wir dürfen unser Lebensschiff festmachen in dieser Liebe. Dann wird die Liebe derer, die uns wichtig sind, entlastet davon, meine Existenz, mein Selbstwertgefühl, meinen Lebenssinn allererst begründen zu müssen. Liebe kann dann freier werden von Erwartungen und Ansprüchen. Enttäuschungen stellen dann nicht mehr alles in Frage. Und wer vom anderen nicht alles erwartet, wird freier, ihm offen zu begegnen. Glauben heisst: Vertrauen auf Gottes bedingungslose Liebe und loslassen: Erwartungen, Forderungen, Ansprüche. Wer loslassen kann, kann sich als freier Mensch auf diese Welt einlassen, auf eine Liebe die menschenmöglich ist, auf Scheitern und Neubeginn, auf dankbar erlebtes Glück und auf den Schmerz unausweichlicher Verletzungen. Wer dieser bedingungslosen Liebe vertraut, kann Liebe geben und Liebe empfangen. Und darin tun wir Gottes Willen.
Wie solche Liebe sich auf unser Leben auswirkt, das können wir nur ausprobieren und das kann jeder und jede für sein eigenes Leben nur selber entdecken. Ich möchte deshalb nur mit einigen Fragen einladen, sich auf diesen Entdeckungsweg zu begeben.
1. Angenommen, du würdest tatsächlich bedingungslos geliebt – was würde sich dadurch in deinem Leben verändern?
Wen oder was könntest du dann vielleicht in einem neuen Licht sehen? Dich selbst oder einen anderen Menschen oder bestimmte Erfahrungen, gegenwärtige oder längst vergangene?
2. Wenn Gottes bedingungslose Liebe dich tatsächlich frei machen würde, Erwartungen und Ansprüche loszulassen – welche Erwartungen und Ansprüche würdest du dann zuerst loslassen? Und wer würde das als erstes merken und woran? Woran würdest du selber erkennen, dass du loslassen kannst? Wo und wann ist dir das vielleicht schon gelungen?
3. Worin könnte sich in deinem gegenwärtigen Leben die Liebe zu Gott zeigen? Welchem Menschen möchtest du dich neu zuwenden? Welche Schritte tust du dabei konkret?

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