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Posts Tagged ‘Gott’

Von Panzerungen befreit

Eine weniger bekannte Geschichte aus dem Alten Testament liegt meiner Predigt von diesem Sonntag zugrunde – die Heilung des syrischen Hauptmanns Naaman durch den Propheten Elisa (2. Kön 5,1-19). Naaman ist reich und mächtig, aber er leidet an einer lästigen, ja lebensgefährliche Krankheit. Was die Lutherbibel mit Aussatz übersetzt, ist eine Art Schuppenflechte, die zu einer regelrechten Verpanzerung des Körpers führt.

Und weil biblische Heilungsgeschichten oft auch Symbolgeschichten sind, ist die äusserliche Verpanzerung seiner Haut in dieser Geschichte wohl auch ein Spiegel des Panzers, mit dem er seine Seele umgeben hat, der Schutzmechanismen, die er sich im Laufe der Zeit zugelegt hat. Und darin könnte sie auch unsere eigene Geschichte sein. Dieser Naaman muss einige ungewöhnliche Schritte tun. Er muss auf den Rat einer Sklavin hören, er muss sich von einem Diener abspeisen lassen, er muss erkennen, dass er mit Geld und Empfehlungsschreiben nichts ausrichten kann. Erst als er von seinem hohen Ross herabsteigt und bereit ist in einen schmutzigen Fluss einzutauchen, fällt der Panzer von ihm ab.

Wer wie dieser Naaman bereit ist, von seinem hohen Ross zu steigen und einzutauchen in den Lebensfluss, der kann sich von seinen Schutzpanzern befreien lassen, kann auch dem begegnen, was ihm an sich selbst Mühe macht und unansehnlich ist, kann sich berühren lassen und Möglichkeiten entdecken. Wo wir alles schon wissen, da hat es für Gott keinen Platz. Wenn wir alles im Griff haben wollen, können wir uns nicht beschenken lassen. Wenn wir uns nicht berühren lassen, verlernen wir das Staunen. Und das ist wohl eines der grössten Geschenke, die Kinder uns immer wieder machen: Sie lehren uns das Staunen. Sie helfen uns, die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Aber sie konfrontieren uns auch mit ihrer Bedürftigkeit und mit den Grenzen unseres Machens und Planens. Und genau das ist heilsam für uns.

Naaman ist geheilt. Und doch bleibt noch etwas. Denn der grosse Feldherr will dem Propheten wenigstens den grossen Dienst angemessen entgelten. Doch Elisa nimmt das Geschenk nicht an. Für Naaman ist es wichtig, dass er lernt, sich beschenken zu lassen, etwas schuldig zu bleiben. Auch das ist Teil seiner Heilung, der Befreiung von seinem Panzer der Macht und des Reichtums. Lass es dir gefallen, sagt Elisa ihm. Und endlich begreift er es. Er hat noch eine allerletzte Bitte: Sein Amt zwingt Naaman, zuhause auch den Gott Rimmon anzubeten und Elisa erlaubt ihm diesen Kompromiss. Diese Toleranz beeindruckt mich. Natürlich gibt es auch faule Kompromisse, aber ebenso eine bedrohliche fanatische Kompromisslosigkeit. „Zieh hin mit Frieden!“ verabschiedet Elisa den Naaman. Er vertraut darauf, dass er nicht vergessen wird, welcher Gott ihm geholfen hat. Auch wenn er in seinem Alltag mit Kompromissen leben wird, auch wenn er wieder Macht und Reichtum gebrauchen wird – sein Panzer ist aufgebrochen, er lässt sich berühren, seine Seele kann atmen. Das bleibt. Das ist ein Segen.

 

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Immanuel

An Heiligabend predige ich in diesem Jahr über die Weihnachtsgeschichte aus dem Matthäusevangelium. Der Evangelist Matthäus erinnert sich in seiner Weihnachtsgeschichte an die alten Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja: „Siehe, eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.“

Eigentlich ist die Botschaft von Weihnachten ganz einfach: Gott nimmt unsere Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit an. Und darum dürfen wir uns selbst annehmen, verletzlich und bedürftig wie wir sind. Gott findet keine Herberge in den Palästen unserer Grossartigkeit, aber er zieht ein in die Einfachheit unserer Herzen. Wer sein Herz öffnet, bei dem wird er Wohnung finden. Gott gibt jedem einzelnen Menschen eine unverletzliche und unverlierbare Würde. Auf diese Würde dürfen wir uns berufen und wir sollen sie achten bei allen Menschen und uns für die Würde jedes einzelnen einsetzen. Frieden kann werden, wenn wir uns von dieser Botschaft berühren lassen. Es braucht dann natürlich immer noch politische Klugheit im Grossen und alltägliches Bemühen und Arbeit im Kleinen, damit Frieden gelingen kann. Aber wo Menschen zulassen können, dass sie selbst bedürftig und verletzlich sind und dies auch anderen zugestehen, ja sich von ihrer Verletzlichkeit und Bedürftigkeit berühren lassen, da kann Frieden beginnen, da ist Gott mit uns und es kann Weihnachten werden.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

 

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Ja und Amen

Im Text aus dem 2. Kor 1,18-24, über den ich heute predige, geht es um Verlässlichkeit – um die Verlässlichkeit Gottes und um die Verlässlichkeit des Apostels Paulus. Der lässt nämlich die Gemeinde in Korinth auf einen versprochenen Besuch warten und nun muss er sich erklären, um die aufkeimenden Zweifel auszuräumen. Dieser Text ist für mich auch ein Lehrstück dafür, dass Verlässlichkeit nicht bedeutet, stets und um jeden Preis an seinen Plänen, seinen Urteilen und Ansichten festzuhalten, sondern achtsam und der Liebe auf der Spur zu bleiben und dann das zu tun, was die Situation erfordert.

Wenn wir an Weihnachten die Geburt des Kindes in der Krippe feiern, dann feiern wir das Ja Gottes zu seinen Verheissungen. Wir feiern das Ja Gottes zu uns Menschen, das uneingeschränkt gilt. Gott unterläuft unsere Gewohnheiten, alles in Schwarz und Weiss, Gut und Böse einzuteilen, zu dem einen Ja und dem anderen Nein zu sagen. Bei Gott steht an erster Stelle und uneingeschränkt das Ja, das Ja der Liebe zu seiner Schöpfung, das Ja der Liebe zu uns Menschen. Und wo Gott Nein sagt, da sagt er nicht Nein zum Menschen, sondern Nein zu einem bestimmten Tun, zu einer verfehlten Einstellung, zu einem Irrweg. Wo Gott Nein sagt, da ist dieses Nein von Liebe bestimmt und getragen von seinem Ja zu allen Menschen. Gott steht zu seinen Versprechen. Er ist treu gegenüber uns Menschen. Das ist die Grundbotschaft der Bibel. Diese Zusage klingt uns aus dem Munde des Engels entgegen, der uns zuruft: „Fürchtet euch nicht. Siehe ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren.“

„Denn auf alle Gottesverheissungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.“- so heisst es in dem Text. Gottes Ja ist das erste Wort. Aber dieses Ja lädt uns ein zur Antwort. Im Vertrauen auf Jesus Christus sollen wir „Amen“ sagen. „So sei es“ heisst diese alte Gebetsformel übersetzt. Wir sollen nicht zu allem Ja und Amen sagen, sondern Amen zu dem Ja Gottes, das uns die Botschaft der Bibel verkündet, das uns in dem Kind in der Krippe begegnet. Dieses Amen sprechen wir, wenn wir an Gott festhalten – auch dann, wenn unser Weg durchs Dunkel führt, wenn die Zweifel kommen und die bedrängenden Fragen. Amen sagen wir, wenn wir warten können in Geduld, Raum schaffen und Raum gewähren, Zeit lassen für Versöhnung und Frieden. Und Amen sagen wir, wenn wir Ja sagen zu den Menschen, wenn wir versuchen, der Liebe Gottes zu allen Menschen zu entsprechen, indem wir nicht verurteilen, nicht abschreiben, nicht zerstören. Auch da, wo wir glauben, dass wir einem Menschen gegenüber Nein sagen müssen, sollten wir immer mit der Möglichkeit rechnen, dass wir im Irrtum sein könnten. Und vor allem darf dieses Nein immer nur der Position des anderen, seinem konkreten Verhalten gelten und niemals dem ganzen Menschen. Auch im Nein muss das Ja zum Menschen, das Ja der Liebe erhalten bleiben. Selbst da wo Menschen sich trennen, weil sie keinen gemeinsamen Weg mehr finden können, sollen sie sich darum bemühen, den anderen nicht als Menschen zu verurteilen oder gar zu verachten. So können wir Amen sagen zu dem Ja Gottes – in aller Vorläufigkeit und Zerbrechlichkeit, die uns Menschen in dieser Welt eigen ist.

Die vollständige Predigt ist hier zu lesen.

Rechtfertigung in Harvard

12. November 2011 3 Kommentare

Meinem Kollegen Wolfgang Vögele verdanke ich den Hinweis auf eine spannende Rede des Schriftstellers Martin Walser. Gerne verweise ich auf seinen Blogeintrag unter dem Titel Rechtfertigung in Harvard.

Martin Walser reflektiert in seiner Rede das theologische Zentralthema der lutherischen und reformierten Kirchen – die Rechtfertigung – und er tut es als Schriftsteller, der auf anregende Weise literarische und theologische Traditionen in einen Dialog bringt.

Das ist anregend und intelligent – auch wenn man, wie ich, in vielerlei Hinsicht einen kritischen Blick auf Martin Walser werfen mag.

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Unser Lebenshaus bauen II

28. August 2011 2 Kommentare

Am Ende der Bergpredigt Jesu im Matthäusevangelium Kap. 7 heisst es: „Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Mann gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat.“ Unser Leben als ein Haus, das auf Felsen gebaut ist und in allen Stürmen Bestand hat – dieses Bild spricht eine tiefe Sehnsucht in uns an. Je stärker unser Leben von Erfahrungen des Wandels und der Instabilität geprägt ist, desto mehr sehnen sich viele Menschen nach Stabilität, Halt und Sicherheit. Gerade darin liegt aber auch das Gefährliche dieses Bildes. Es könnte die falsche Illusion wecken, es gäbe eine Möglichkeit, den Wandel und die Instabilität einfach aufzuhalten. Und dann bauen wir unser Lebenshaus statt auf felsigem Grund auf falschen Sicherheiten.

Wir können den Grund unseres Lebenshauses nicht selber legen. Den felsigen Grund unseres Lebenshauses finden wir vor. Es ist nichts, was wir selber machen können, aber es ist auch keine Lehre oder Ideologie, in die wir uns bedingungs- und gedankenlos einfügen sollen. Ich sage das so betont, weil auch heute noch viele Menschen den christlichen Glaubensgrund mit einer feststehenden Lehre, mit einer Art Ideologie verwechseln.

Der Glaubensgrund, von dem Jesus redet, ist mehr ein Weg, der zu gehen ist, als ein Standpunkt, den wir einnehmen können. Jesus sagt: „Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Mann gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat.“ Es geht ums Hören und Tun – nicht ums Jasagen. Und das, was zu hören und zu tun ist, das sind die Worte der Bergpredigt. Es geht um die Frage: in welchem Geist, in welcher Grundhaltung können wir eigentlich gut und sinnvoll leben. Und da hat die Bergpredigt in der Tat einiges zu bieten: Sie nennt die Menschen glücklich, die wir nicht unbedingt als erstes so bezeichnen würden – die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen, die Barmherzigen, die Friedensstifter. Sie fordert auf zum radikalen Verzicht auf Gewalt und Vergeltung. Sie lädt uns ein zum vertrauensvollen Beten zu einem Gott, der sich Vater nennen lässt. Sie führt plastisch vor Augen, dass der, der sein Leben auf seinen Besitz, sein Planen und Sorgen gründet, davon abhängig wird und sich sogar zum Sklaven machen kann. Sie lädt ein zur Grosszügigkeit und Barmherzigkeit gegenüber allen Menschen und fasst all dies zusammen in der goldenen Regel: „Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um.“ Das alles mag sich nicht nach einem stabilen Felsen anhören und doch gibt es unserem Leben mehr Stabilität und Grund als so vieles, von dem wir uns gewöhnlich Halt und Sicherheit versprechen.

Was wir brauchen ist ein Grundvertrauen in das Leben, das nicht von uns selbst abhängig ist. Dafür steht in unserem Glauben Gott ein, Gott, der Liebe ist und unser aller Leben hält und trägt. Was wir brauchen ist eine Ehrfurcht vor allem Lebendigen und eine Liebe zum Leben, die sich in Barmherzigkeit und Grosszügigkeit uns selbst und andern gegenüber zeigt. Haben wir nicht schon zu oft erfahren, dass die sogenannten harten Fakten das Leben eben eher hart als stabil und verlässlich machen? Könnte es nicht sein, dass es letztlich wirklich die weichen Dinge sind, die unser Leben kostbar machen und uns Halt und Sicherheit geben, die Achtsamkeit, die Fürsorge, die Liebe und vor allem das Vertrauen, das Vertrauen in den göttlichen Grund des Lebens und das Vertrauen ineinander?

Die vollständige Predigt ist zu lesen unter http://predigtkiste.blogspot.com/2011/08/predigt-zu-matth-724-27-am-28-august.html.

Unser Lebenshaus bauen

17. August 2011 2 Kommentare

Wer sein Leben auf das Vertrauen gründet,

dass in allem Gottes gute Hand ihn leitet,

der wird erschüttert werden,

aber nicht fallen.

 

Wer sein Leben auf die Hoffnung gründet,

dass auf das Dunkel der Nacht ein neuer Morgen folgt,

der wird Grund zum Klagen haben,

aber er wird nicht aufgeben.

 

Wer sein  Leben auf die Liebe gründet,

die niemanden aufgibt,

der wird Enttäuschungen erleben,

aber er wird reich beschenkt werden.

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Menschen brauchen Anerkennung und Wertschätzung

14. August 2011 1 Kommentar

Menschen brauchen Anerkennung und Wertschätzung. Jeder von uns will mehr als nur eine Nummer sein.  Dafür tun Menschen viel und oft auch recht fragwürdige Dinge. Das zeigt schon eine gelegentlicher Blick in die Medien oder etwas Aufmerksamkeit im Alltag.

Wer bin ich? Wo ist mein Platz? Was bin ich wert? Anerkennung und Ablehnung, die wir erfahren, Wertschätzung und Abwertung spielen eine entscheidende Rolle, wie wir all diese Fragen für uns beantworten. Jeder von uns möchte in seiner individuellen Eigenart und Besonderheit wahrgenommen und gewürdigt werden. Niemand möchte einfach eine Nummer sein – und das zu Recht! Das macht uns so empfindsam für die Erfahrung, nicht gewählt zu werden, für die Abwertung, die wir durch andere erfahren. Und das führt bei vielen dazu, dass sie das Leben als einen einzigen Existenzkampf ansehen, bei dem es gilt, sich zu behaupten, sich Anerkennung und Respekt zu verdienen und sich gegen andere durchzusetzen.

Um Erwählung und Wertschätzung geht es auch im heutigen Predigttext aus dem 5. Buch Mose. Er zeigt uns, dass bei Gott Wertschätzung nicht auf Leistung beruht, sondern auf bedingungsloser Liebe. Wir können und müssen uns Gottes Wertschätzung nicht verdienen. Als Menschen, die von Gott wert geschätzt sind, können wir uns aber bemühen, nach seinem Willen zu handeln. Und ich denke, dass das im Kern bedeutet: anderen mit Wertschätzung zu begegnen, diese Wertschätzung auch zu zeigen.

Was würde sich wohl verändern, wenn wir im Alltag nicht so sehr auf die Fehler und Schwächen unserer Mitmenschen achten würden, sondern auf ihre Stärken und Begabungen? Was würde geschehen, wenn wir uns etwas öfter die Mühe machten, jemandem zu sagen, was wir an ihm schätzen? Wieviel könnte gelegentlich ein einfaches Merci oder „Das ist eine gute Idee“ oder „schön das du bei uns bist“ bewirken? Wie oft wäre es auch möglich, zuerst zu würdigen, was gut ist, bevor wir kritisieren, was noch besser sein könnte? Wir können einander ermutigen und wir können einander entmutigen. Und manchmal ist es die schlimmste Entmutigung, dass wir einander gar nicht mehr richtig wahrnehmen oder es einander nicht zeigen. Darum: auf jedem von uns ruht Gottes wohlwollender Blick, jedem von uns gilt Gottes Anerkennung und Wertschätzung. Geben wir sie weiter. Blicken wir einander wohlwollend an und sagen einander, was wir schätzen – ohne Heuchelei, aber auch ohne falsche Sparsamkeit.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

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Atheisten sind auch bloß Menschen

2. Juli 2011 3 Kommentare

Wenn einer im Lead als „Indiens populärster spiritueller Lehrer“ tituliert wird, bin ich von meinem Temperament her zuerst einmal skeptisch. Aber dieses Interview in der ZEIT ist unbedingt lesenswert. Als Einstimmung ein paar Spitzensätze. Auf die Frage welcher Teil seiner Lehre auch für Atheisten passe, antwortet Sri Sri Ravi Shankar: „Jeder atmende und denkende Mensch kann von unserer Atemtechnik profitieren. Atheisten sind auch bloß Menschen. Auch sie suchen letztlich Frieden, wollen geliebt werden und lieben, sorgen sich um den Planeten. Sie glauben an sich selbst und an die Welt. Der Glaube ist der Punkt, wo Atheisten und Gläubige sich treffen.“ Spiritualität umschreibt er als „die Überzeugung, dass Gott keine abstrakte Idee, sondern eine Erfahrung des Herzens ist. Wenn Religion keine Suche ist, wenn sie sich der Vernunft verschließt und wissenschaftliches Denken ablehnt, dann verengt sie sich.“ Und auf die Gemeinsamkeiten mit einer evangelischen Theologin in einem Podiumsgespräch angesprochen, antwortet er: “ Aber natürlich ist Gott stets derselbe, egal, wie wir ihn nennen. Er ist omnipotent und omnipräsent. Er zeigt sich in der Schöpfung und in jedem Menschen, auch in Ihnen und in mir. Die äußeren Erscheinungen mögen unterschiedlich sein, aber die innere Essenz ist gleich.“ Nachdenkenswert!

Jeder Mensch ist wertvoll

Im 15. Kapitel des erzählt Jesus drei Gleichnisse vom Verlorenen. Da ist der Hirte, der 99 Schafe zurücklässt und dem einen nachgeht, das sich verlaufen hat. Von einer armen Frau erzählt er, die das ganze Haus auf den Kopf stellt, nur um eine kleine Münze wiederzufinden und sich mit ihren Freundinnen und Nachbarinnen überschwänglich freut, als sie die Münze gefunden hat. Und er erzählt die Geschichte vom Vater und seinen beiden Söhnen. Der eine ist seine eigenen Wege gegangen und hat dabei vieles falsch gemacht. Als er zurückkehrt, macht ihm der Vater keine Vorwürfe, sondern freut sich und feiert die Rückkehr mit einem Fest. Darüber empört sich der andere Sohn, der immer zuhause und für den Vater da war. Er kann sich nicht freuen über die Rückkehr des Bruders und fühlt sich ungerecht behandelt.

Diese Gleichnisse zeigen die Logik Jesu, nach der jeder und jede einzelne wichtig ist und nichts und niemand aufgegeben wird. Sie ist anders als die Logik, die wir gewohnt sind, die Logik nach der es eben hoffnungslose Fälle gibt, Opfer gebracht werden müssen und der einzelne Mensch nur ein Rädchen im Getriebe ist, die Logik, die danach fragt, ob jemand auch verdient, was er bekommt und die Beachtung und Wertschätzung auch wert ist. Dabei bleiben die Menschen auf der Strecke, besonders die , die nicht so leistungsfähig sind, die Schwierigen, die Träumer, die Unangepassten. Dem Streben nach Rendite und Effizienz werden zu oft Menschen geopfert.

Erst wenn wir genauer hinsehen, merken wir, wie fragwürdig diese Logik häufig ist. Erst wenn wir den einzelnen Menschen mit seinen Schmerzen, mit seiner Notlage, mit seinem Schicksal sehen, erkennen wir, wie unmenschlich diese Logik sein kann. In Jesu Logik kommt es auf den einzelnen Menschen an, er ist wichtig. Der Hochbetagte ist es wert, dass er die teure Operation bekommt, die ihn von seinen Schmerzen befreit. Die Behinderte ist es wert, dass sie alle mögliche Unterstützung bekommt. Der Flüchtling ist es wert, dass er Zuflucht bekommt. Der, der auf die schiefe Bahn geraten ist, ist es wert, dass wir ihm die Möglichkeit geben, wieder neu anzufangen. Der mich verletzt hat, ist es wert, dass ich auf ihn zugehe und ihm die Hand reiche.

Der Hirte im Gleichnis geht dem einzelnen verirrten Schaf nach. Und so geht Gott jedem Einzelnen von uns nach, sagt uns das Gleichnis. Und ebenso sollt auch ihr den Menschen nachgehen, euch hüten davor, andere abzuschreiben. Denn wer jemanden abschreibt, der nimmt ihm die Würde. Wer den anderen zum hoffnungslosen Fall erklärt, der nimmt ihm die Würde. Wer Menschen als Mittel zum Zweck benutzt, der nimmt ihnen die Würde. Die Würde des Menschen aber ist unantastbar.

Jeder einzelne Mensch ist wichtig, jeder ist wertvoll. Egal, was er getan oder versäumt hat, egal, wohin ihn sein Schicksal oder seine Entscheidungen geführt haben. Niemanden sollen wir endgültig auf seine Geschichte, seine Fehler, sein Versagen festlegen. Und wenn einer wiedergefunden wird, wenn einer sein Glück, seinen Weg findet, dann ist das ein Grund zum Feiern. Können wir uns am Glück der anderen freuen und mit ihnen feiern, auch bei denen, wo wir manchmal das Gefühl haben, dass sie nicht besonders viel taugen? Können wir jemand zutrauen, dass er einen anderen Weg gehen kann als bisher und uns dann mit ihm freuen? Oder fragen wir dann eher: Womit hat der das verdient? Das wird sicher nicht von Dauer sein!

Statt Neid, Missgunst und Ausgrenzung laden die Gleichnisse vom Verlorenen ein zum Fest aus Freude über das Wiedergefundene. Jedes Einzelne ist in Gottes Augen ungeheuer wertvoll. Jeder Mensch hat seine unantastbare Würde und ist kostbar.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

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Pfingsten – das Fest der Spiritualität

Ich mag das Pfingstfest, weil es aufmerksam macht auf den Geist Gottes, der in uns und unter uns wirkt. Einerseits gilt Pfingsten ja als „Geburtstag“ der Kirche, ist so etwas wie eine kirchliche Gründungslegende. Andererseits gilt, dass der Geist bekanntlich weht, wo er will, und sich eben nicht an die Grenzen einer Institution hält und – wo Institutionen sich verfestigen und verhärten – der lebendig machende Geist sie verlässt. Was für ein Geist ist dieser Pfingstgeist?

1. Der Pfingstgeist ist zuerst einmal der Geist des freien Wortes. Eine Gruppe von Begeisterten ergreift das Wort – ohne jegliches Amt und jegliche Autorität. Es ist ein Hauch von Speaker’s Corner in dieser Pfingstgeschichte. „Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über.“ (Mt 12,34). Pfingsten ist für mich ein urdemokratisches Fest.

2. Pfingsten ist ein Fest der Verständigung. Es ist das biblische Gegenbild zum Turmbau zu Babel. Während dort die Menschen einen gigantischen Turm bis zum Himmel bauen wollen und darüber die Fähigkeit verlieren, sich zu verständigen, sprechen sie in der Pfingstgeschichte die Sprache des Herzens und finden so zur Verständigung.

3. Pfingsten ist ein Fest der Gemeinschaft. Darum ist es eben auch der Geburtstag der Kirche. Der Pfingstgeist lässt nicht jeden in der Vereinzelung seiner Begeisterung zurück, sondern verbindet Menschen über Grenzen der Sprache, der Politik, des Geschlechts, der sozialen Gruppen und der Generationen hinweg.

4. Der Pfingstgeist ist der Geist der Freiheit. Er weht, wo er will. Keine Institution, keine Gruppierung, keine Religion kann einfach darüber verfügen. Darum kann eine Religion oder Kirche nur dann sich auf diesen Geist berufen, wenn sie Freiheit ermöglicht, die Freiheit des Wortes, der Gedanken, des persönlichen Glaubens.

5. Das hebräische Wort für den Geist ist Ruach. Es ist weiblich und bedeutet auch Wind und Atem. Mit seinem Atemhauch belebt Gott in der biblischen Schöpfungsgeschichte die Menschen. Mit jedem Atemzug bin ich als mit dem göttlichen Geist und mit allen Lebewesen verbunden.

6. Darum ist der Pfingstgeist auch der Geist der Meditation, des bewussten Atmens, der Achtsamkeit, der Präsenz im Hier und Jetzt.

7. Der Pfingstgeist ist aber auch ein kritischer Geist. Begeisterung allein kann auch ein Strohfeuer sein, kann blind machen und uns um den Verstand bringen. Drum ist es wichtig, das, was uns begeistert und erfüllt, auch der kritischen Prüfung zu unterziehen und am Massstab der Liebe und der Gemeinschaft zu messen.

8. Der Pfingstgeist ist auch ein Geist des Friedens. „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“ heisst es bei Augustin.

9. Und er ist zugleich der Geist des Wandels. Wer möchte, dass immer alles beim Alten bleibt, sollte sich besser nicht auf diesen Geist einlassen.

10. Der Geist weht, wo er will. Er hält sich nicht an Grenzen der Religion oder Konfession. Aber ich glaube, dass es zwei Dinge gibt, woran man ihn/sie erkennen kann: Der Geist lässt Menschen aufatmen und zwingt und knechtet nicht und er befähigt zu Liebe und Toleranz.

Meine Pfingstpredigt ist hier zu lesen.