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Geburtlich leben

Die Philosophin Hanna Arendt hat den Gedanken der Geburtlichkeit ins Zentrum ihres Denkens gestellt. „Der Mensch wurde geschaffen, damit ein Anfang sei. Dieser Anfang ist immer und überall da. Er ist garantiert durch die Geburt eines jedes Menschen. Mit ihrer Geburt treten ständig neue Menschen ins Leben und können durch ihr Handeln die Welt verändern. Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten: Uns ist ein Kind geboren.“ So Hanna Arendt – und die Anspielung auf die Weihnachtsgeschichte kann uns den Sinn der Weihnachtsgeschichte vor Augen führen. Wenn Hanna Arendt unser Leben vom Geborensein her denkt, dann ist sie im direkten Widerspruch zu ihrem Lehrer Martin Heidegger der die menschliche Existenz als ein „Sein zum Tode“ versteht.

Im 1. Johannesbrief lesen wir: „Wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar werden wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ Wir dürfen uns entwickeln, aus Sackgassen wieder umkehren, neue Möglichkeiten entdecken, aufstehen, wenn wir umfallen, Fehler eingestehen, ja überhaupt mutig und zuversichtlich handeln und unseren Weg gehen, weil wir Gottes Kinder heissen und auf dem Weg sind, es immer mehr zu werden.

Weihnachtlich leben im Anblick des Kindes in der Krippe, das könnte heissen, dass wir uns immer wieder auf neue Anfänge einlassen. Solche neuen Anfänge sind möglich, wo Menschen einander verzeihen und einander nicht mehr auf das festlegen, was war, sondern ausprobieren, was sein könnte. Sie sind möglich, wenn wir einander als Kinder Gottes ansehen und versuchen, die Liebe, die Gott uns erwiesen hat, weiter zu geben, auch wenn uns dies nur unvollkommen gelingen mag. Solche neuen Anfänge sind möglich, wenn wir lernen uns mit den Augen Gottes zu sehen, als Menschen im Werden, als geliebte Kinder. Solche Anfänge sind möglich, wenn wir in jedem Ende nach dem neuen Anfang suchen und so kann uns letztlich auch der Tod zu einer Neugeburt werden. „Denn dann wird offenbar, was wir sind und wir werden ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen wie er ist.“ An Weihnachten aber ist er uns gleich geworden, damit wir der Liebe Gottes vertrauen und anfänglich leben – leben als Menschen mit Zukunft und Hoffnung, leben als Menschen, die zur Liebe und zum Frieden fähig sind, leben als Menschen, die durch ihr Handeln Neues schaffen und zärtlich und behutsam sein können.

Meine ganze Weihnachtspredigt ist hier zu lesen

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Schenken und sich beschenken lassen

Wer jenseits des ewigen Lamentos über den weihnachtlichen Konsumrausch Nachdenkenswertes zum Thema Gaben und Gegengaben sucht, dem sei der Leitartikel von Uwe Justus Wenzel ind der Weihnachtsausgabe der NZZ empfohlen (leider nicht online verfügbar). Er legt dabei auf vorzügliche Weise den christlichen Kern des Weihnachtsfestes frei.

„Die Geburt des Gottessohns, die die Christenheit alljährlich feiert, ist der – wenn auch für viele nurmehr sehr mittelbare – Anlass, um Geschenke zu machen. Und doch geht es, wenn eine laientheologische Mutmassung erlaubt ist, für Christenmenschen beim Weihnachtsfest im Grunde nicht so sehr um das selige Geben als vielmehr um das selige Nehmen, um das Annehmen eines Geschenkes, das ihnen Gott mit der Menschwerdung gemacht hat: das Geschenk des – erneuerten – Lebens. Nehmen sie es an – richtiger: geht ihnen auf, dass sie es angenommen haben -, dann machen sie damit dem, der es gegeben hat, ihrerseits ein Geschenk, das des Dankes und des Glaubens. Das ist eigentlich ganz einfach und ermangelt doch nicht der Subtilität.“

Jenseits aller dogmatischen Formeln bringt er das Geheimnis von Weihnachten auf den Punkt – das Geheimnis des geschenkten Lebens, dieses so verletzlichen, nackten und bedürftigen Lebens, das wir nur dankbar annehmen können.

Wenzel verweist auf das Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippe hier“ und meint dazu: „Christenmenschen sind im Lichte dieser Zeilen das gerade Gegenteil jener angeblich «edlen» – in Wahrheit grob undankbaren – Seelen, von denen Nietzsches Zarathustra stolz behauptet: «Sie wollen nichts umsonst haben, am wenigsten das Leben.» – Das Leben ist aber, christlich gedacht, genau das: umsonst, gratis, ein Geschenk des Himmels eben, das vom Umtausch freilich ausgeschlossen ist. Für seinen Empfang müssen seine Empfänger, für ihn können sie nichts tun.“ Und er schliesst: „Es spricht nichts dagegen, sondern alles dafür, den Dank für das Geschenk des Lebens auch durch das freigebige weihnachtliche Beschenken der Mitmenschen, nächster wie fernster, zu bezeigen.“

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Das Geheimnis des Lebens

Damit Liebe Liebe bleibt,
braucht sie immer auch das Geheimnis der Liebe.
Wenn Menschen wie ein offenes Buch füreinander sind,
geht die Liebe verloren.

Ich denke, das gilt auch für die Liebe zum Leben.
Das äusserliche Funktionieren des Lebens,
die Naturgesetze, sind eine Seite des Lebens,
eine wunderbare und zum Staunen einladende auf jeden Fall,
aber eine Seite, die nach Gesetzen und Regeln geordnet ist
und für die ich Gott nicht als Lückenbüsser brauche –
weder im Sinne des Kreationismus noch eines Intelligent Design.
Was wir in Bezug auf die Naturgesetze nicht erklären können,
darüber können wir nur schweigen.

Es gibt aber auch die Innenseite,
das Geheimnis des Lebens,
das nicht nach Gesetzen und Regeln zu erfassen ist.
Das Vertrauen, dass das Leben gut ist.
Das Staunen über die Schönheit und Vielfalt des Lebens.
Die Liebe zum Leben.
Das Wunder, dass etwas ist und nicht nichts.
Das Wunder der Liebe, der Begegnung, unserer Schaffenskraft.
Die Welt unserer Emotionen.
Das Unerwartete, Unberechenbare.

Gott steht für mich für dieses Geheimnis des Lebens,
seine Innenseite.
Die Seite desselben Lebens, die sich nicht einfach in Gesetze und Regeln fassen lässt.
Die Seite des Lebens, die Sinn entstehen lässt, Sinn, der sich jeweils mir zeigt.
Es gibt nicht einen Sinn des Lebens unabhängig von den Lebenden.
Aber es ist auch nicht so, dass ich den Sinn des Lebens mache.
Es ist wieder wie mit der Liebe:
der Mensch, den ich liebe, ist für mich der Wichtigste.
Er ist das nicht an und für sich, sondern für mich,
weil ich ihm diese Bedeutung gebe.
Sinn gibt es nicht objektiv und feststellbar,
er entsteht immer durch und in Beziehungen,
zu Menschen, zum Leben, zu Gott.
Sinnzuschreibungen entstehen aber auch nicht einfach willkürlich.
Sie entstehen, wo ich von etwas betroffen,
in meinem Innersten berührt bin.
Und das, was mich berührt, ist etwas ausser mir.
Ich kann es nicht feststellen, exakt beschreiben und erklären,
aber ich kann seiner Spur folgen
in der – manchmal schwankenden – Gewissheit,
dass ich in dieser Spur Sinn finde.

Gottes Geheimnis – unser Leben

5. Juli 2010 5 Kommentare

Gottes Geheimnis – unser Leben

Stell dir vor, das Geheimnis des Willens Gottes, das Neue und Verborgene, das er uns erkennen lässt, wäre nicht eine Lehre, die sich in Glaubenssätzen fassen lässt, sondern nichts anderes als unser Leben. Es wäre unser Leben nicht als Produkt unserer Leistungen und Taten, unserer Misserfolge und unseres Scheiterns, sondern unser Leben als Geschenk, als Fülle von Möglichkeiten zur Begegnung, zur Mitmenschlichkeit, zur Freude, zur Bewährung, zum Neubeginn, zum Staunen, zur Dankbarkeit, zum Engagement, …
Was gäbe es da heute Neues zu entdecken, zu hören und zu sehen? Welche Geheimnisse wären da zu erkunden – und welche zu wahren? Welche Entscheidungen sind zu treffen? Worüber kann ich Klarheit finden? Was gibt es nicht alles, was wir noch nicht wissen über uns selber, über das Leben, über die Menschen, denen wir begegnen und für die wir oft schnell unsere Schubladen und Urteile bereit haben? Was Gott uns zeigen will, können wir nur selber entdecken. Eines aber dürfen wir wissen – es wird am Ende heilsam und befreiend sein.

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