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Posts Tagged ‘Lebenssinn’

Von Menschen und Göttern

17. Dezember 2010 4 Kommentare

Filmtipp: „Des hommes et des dieux“ über französische Zisterziensermönche, die in Algerien ermordet wurden. Eine hervorragende Filmkritik unter http://www.zeit.de/2010/50/Kino-Menschen-Goetter?page=all.

Ein Zitat daraus:

„Für die Mönche ist das mystische Staunen über Gottes Schöpfung gleichursprünglich mit dem Staunen darüber, dass Menschen moralische Wesen sind, die sich mit der Gnade des Bewusstseins für die Wahrheit entscheiden können. Mit anderen Worten: Die introvertierte Spiritualität, der demütige Dank an den Allmächtigen, entlässt im selben Atemzug die extrovertierte Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden. Denn Gott ist die Wahrheit, und die Wahrheit sagt: Alle Menschen sind Gotteskinder. »Du sollst nicht töten«, und wer es dennoch tut, der verfällt den heidnischen Göttern der Gewalt.“

Zum Ewigkeitssonntag

Die Dichterin Mascha Kaléko hat einmal geschrieben: „Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,/ Doch mit dem Tod der anderen muss man leben.“ Wir müssen leben damit, dass jemand einfach nicht mehr da ist. Wir müssen leben mit all den Gefühlen, die der Tod eines Menschen bei uns auslöst. Wir müssen leben mit Trauer und Schmerz, mit Enttäuschungen und vielleicht auch Schuldgefühlen. Und jeder und jede kann das letztlich nur selber tun. Wir können einander diese Aufgabe zwar erleichtern, aber wir können sie dem anderen nicht abnehmen. Trotzdem ist es gut, wenn wir einander hie und da sagen: Du musst nicht nur, du kannst und darfst leben. Und wenn der Mensch, der gestorben ist, dich wirklich geliebt hat, hätte er oder sie bestimmt gewollt, dass du auch wieder lachen und dich freuen kannst, dass du dein Leben lebst – mit dem Bild des geliebten Menschen in deiner Seele.

Im Matthäusevangelium steht das Gleichnis von den 10 Jungfrauen. Eingeladen zum grossen Hochzeitsfest gehen sie mit ihren Lampen dem Bräutigam entgegen. Das grosse Hochzeitsmahl ist ein Bild für das Himmelreich, die Gegenwart Gottes ist ein Fest. Doch der Bräutigam und damit das Fest lässt auf sich warten. Und als er um Mitternacht endlich kommt, haben 5 von ihnen keine Ölvorräte mehr. Immer schon habe ich mich über die anderen 5 geärgert, die nicht bereit sind zu teilen und ich war etwas ratlos und entsetzt über die Härte des Bräutigams, der die Tür verschliesst und sagt: Zu spät! Gilt auch hier: „Das Leben ist nicht fair“ und „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“?

Wenn es wahr ist, dass Jesus uns hier und heute in unseren Mitmenschen begegnet, dann ist dieses Gleichnis auch eine Aufforderung, unser Zusammenleben so zu gestalten, dass wir uns um unsere Ölvorräte kümmern. Denn jeder Tod eines Menschen zeigt uns schmerzlich: die Zeit, in der wir einander Gutes tun, ein gutes Wort sagen können, die ist begrenzt. Jede Gelegenheit zur Liebe, zur Zärtlichkeit, zum Verzeihen ist unwiderbringlich und irgendwann sind alle Gelegenheiten vorüber. Ja, ich denke, dass dieses Gleichnis eine Einladung ist, die Gelegenheiten zur Liebe, zum Miteinander, zum Verzeihen und zum Neuanfang nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Seid bereit: nicht nur für den Moment, wo ihr euer Leben als Ganzes vor Gott legen werdet, sondern hier und heute in den unzähligen Gelegenheiten zur Liebe und zur Mitmenschlichkeit. Sorgt euch nicht nur um die materiellen Dinge oder um Ehre und Anerkennung. Sorgt euch vielmehr um das, was am Ende bleibt: Glaube, Hoffnung und Liebe. Auch der Tod eines lieben Menschen kann eine solche Gelegenheit sein, sich bewusst zu machen, was wirklich zählt, worauf es wirklich ankommt. Die Liebe, die wir in unseren Herzen tragen, hilft uns, das Bild des Verlorenen in unseren Herzen zu tragen und weiterzugehen in neue offene Lebensräume. Der Glaube, dass Gott unser Leben und unser Sterben umfasst, kann uns die Kraft geben, einen geliebten Menschen loszulassen ohne zu verzweifeln oder uns selber aufzugeben. Das Vertrauen auf Gottes grenzenlose Liebe kann uns befähigen zu verzeihen und ruhen zu lassen, was uns angetan wurde und es kann uns auch versöhnen mit uns selbst, wenn wir unsere Schuldgefühle unserem Gott anvertrauen. Das sind die Ölvorräte, die wir brauchen, die uns auch gegen Mitternacht, im tiefsten Dunkel unseres Lebens Licht geben. Gewiss: es gibt Zeiten in unserem Leben, wo unsere Lampen nur noch schwach glimmen, wo unser Glaube schwankt und wir kaum mehr sehen und kaum mehr glauben können. Dann dürfen wir – davon bin ich überzeugt – entgegen dem Gleichnis hoffen, dass es Menschen gibt, die uns durchtragen und uns etwas von ihren Vorräten abgeben. Und vor allem kann ich mir auch heute noch nicht vorstellen, dass der, auf den wir hoffen, jemandem so hartherzig die Tür weist, wie der Bräutigam im Gleichnis. Denn der Gott der Bibel ist ein Gott des Erbarmens und der Güte. Er will uns nicht zurücklassen in unserer Trauer. Er führt uns in neue , weite Räume und zuletzt in jenen Raum, in den uns die Verstorbenen vorausgegangen sind, wo alles Leid und alle Tränen abgewischt werden und der Tod seine Macht verloren hat.

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Wenn ich könnte …

 

Wenn ich könnte,

 gäbe ich jedem Kind

 eine Weltkarte…

 Und wenn möglich,

 einen Leuchtglobus,

 in der Hoffnung,

 den Blick des Kindes

 aufs äusserste zu weiten

 und in ihm

 Interesse und Zuneigung zu wecken

 für alle Völker,

 alle Rassen,

 alle Sprachen,

 alle Religionen!

 Dom Hélder Câmara, Der Traum von einer anderen Welt

Unser Vater

7. September 2010 1 Kommentar

Das Unser Vater – oder Vaterunser, wie es in der lutherischen und katholischen Tradition heisst – ist das wichtigste und bekannteste Gebet der Christenheit. Es geht vermutlich auf Jesus selbst zurück. Während es für viele mit dem Gefühl kirchlicher Heimat verbunden ist und Ausdruck ihres Glaubens, ist es manchen auch durch jahrhundertelangen kirchlichen Gebrauch suspekt geworden. Worte, die mehr aus Gewohnheit gesprochen werden, die sich abgenutzt haben, die vielleicht auch in manchem Widerspruch erregen. Ist die Vateranrede nicht Ausdruck eines patriarchalen Gottesbildes, dem wir heute zu Recht mit Zurückhaltung begegnen? Haben wir nicht mit Reichen unsere schlechten Erfahrungen gemacht? Sind uns nicht Worte wie „erlöse uns von dem Bösen“ eher fremd geworden und das tägliche Brot für uns Mitteleuropäer eine Selbstverständlichkeit (was ja auch hier längst nicht für alle gilt!)?

Die Sehnsucht nach etwas Ursprünglicherem, Tieferem hat mit dazu geführt, dass das sog. aramäische Vaterunser eine beträchtliche Popularität erlangt hat. Aramäisch ist die Sprache Jesu. So erweckt das aramäische Vaterunser für manche den Eindruck des Originalen, Jesuanischen. Aber natürlich ist es nichts anderes als die Rückübersetzung des griechischen Vaterunsers für den Gebrauch durch die aramäisch sprechenden Christen. Mag sein, dass der Klang eines aramäisch gesungenen Unser Vater uns innerlich berühren kann. Ein Beispiel ist das folgende Video http://www.youtube.com/watch?v=MAEIrp4MFBE, das auf You Tube fast 400’000 Mal abgerufen wurde.

Da in unseren Breitengraden kaum jemand Aramäisch beherrscht, gelangten dazu „Übersetzungen“ in Umlauf – die bekanntesten stammen von Neil Douglas Klotz und von Joachim Ernst Berendt – die den Eindruck erwecken, das Unser Vater sei ursprünglich näher an esoterischen Lehren gewesen als an kirchlichen Lehrbildungen oder sei fast schon buddhistischen Texten verwandt. Allerdings sind diese Fassungen sehr freie Übertragungen und keinesfalls wörtliche Übersetzungen. Zwar bin auch ich des Aramäischen nicht mächtig, aber mit Hebräischkenntnissen und einem kurzen Blick ins aramäische Wörterbuch lässt sich leicht feststellen, dass der in unseren Kirchen gebräuchliche Text des Unser Vater wesentlich näher am aramäischen Text ist als diese freien Übertragungen. Und näher am ursprünglichen Gebet Jesu ist das aramäische Unser Vater auch nicht.

Fehlt uns also etwas, weil wir das Original nicht haben? Ich denke nicht, denn dieses Gebet gewinnt seine Bedeutung durch seine Kürze und Tiefe – in welcher Sprache auch immer. Aber es gewinnt diese Bedeutung nur, wenn wir es uns aneignen.

Was ich damit sagen will? Das Unser Vater, so wie wir es kennen, lenkt unseren Blick in aller Kürze und Tiefe auf das (oder den oder die …), was höher ist als alle Vernunft und es lenkt im zweiten Teil unseren Blick auf uns selbst, unsere Mitmenschen, unsere soziale Verantwortung. Mehr Nähe zu Jesus braucht es gar nicht. Aber manchmal ist uns der Blick dafür verstellt, weil uns dieses Gebet zu vertraut ist, weil wir schon erlebt haben, dass es einfach heruntergeleiert wurde oder weil wir vielleicht den Institutionen gegenüber skeptisch sind, zu deren Liturgie dieses Gebet gehört.

Allerdings kann uns die Popularität des aramäischen Unser Vater bei Menschen, die spirituell offen sind, aber keinen Zugang zum kirchlichen Christentum finden, darauf hinweisen, dass wir in unseren Kirchen dieses Suchen ernst nehmen müssen. Es geht nicht darum, kirchliche Lehren und Texte zu verteidigen, sondern danach zu fragen, wo sie unsere Existenz in ihrer Tiefe brühren, zum Leben ermutigen und helfen, mit dem Fragmentarischen und der Verletzlichkeit unseres Lebens zurecht zu kommen. Deshalb wünsche ich mir einen offenen Dialog mit anderen Religionen und den spirituell Suchenden aller Denk- und Glaubensrichtungen. Denn die christliche Tradition verfügt über reiche sprituelle Schätze. Diese zu heben kann aber nicht gelingen, in dem wir andere spirituelle Einsichten bekämpfen, sondern indem wir sie mit ihren Fragen und Antworten wahrnehmen. Es braucht aber auch die intellektuelle Redlichkeit und den kritischen Blick für das, was fragwürdig und irreführend ist. Das gilt für manches, was dem aramäischen Unser Vater unterlegt wird, aber nicht für die Fragen und Sehnsüchte, dei sich damit verbinden.

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Vertrauen

5. September 2010 1 Kommentar

24 „Niemand kann gleichzeitig zwei Herren dienen!

Entweder wird er den einen hassen

und den anderen lieben.

Oder er wird dem einen treu sein

und den anderen hintergehen.

Ihr könnt nicht gleichzeitig Gott

und dem Geld dienen!

25 Darum sage ich euch:

Macht euch keine Sorgen

um euer Leben –

was ihr essen oder trinken sollt.

Oder um euren Körper –

was ihr anziehen sollt.

Ist das Leben nicht mehr als Essen und Trinken?

Und ist der Körper nicht mehr als Kleidung?

26 Seht euch die Vögel an!

Sie säen nicht,

sie ernten nicht,

sie sammeln keine Vorräte:

Und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.

Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?

27 Mit allen Sorgen,

die ihr euch macht:

Wer von euch kann sein Leben dadurch

auch nur um eine Stunde verlängern?

28 Und warum macht ihr euch Sorgen

was ihr anzieht?

Seht euch die Wiesenblumen an:

Sie wachsen,

ohne zu arbeiten

und ohne sich Kleider zu machen.

29 Ich sage euch:

Nicht einmal Salomo in all seiner Pracht

war so schön gekleidet wie eine von ihnen.

30 Gott macht die Wiesenblumen so schön.

Und dabei gehen sie an einem Tag auf

und werden am nächsten Tag im Backofen verbrannt.

Darum wird er sich noch viel mehr um euch kümmern.

Ihr habt zu wenig Vertrauen!

31 Macht euch also keine Sorgen!

Fragt euch nicht:

Was sollen wir essen?

Was sollen wir trinken?

Was sollen wir anziehen?

32 Um all diese Dinge

dreht sich das Leben der Heiden.

Euer himmlischer Vater weiß doch,

dass ihr das alles braucht.

33 Strebt vor allem anderen

nach seinem Reich

und nach seinem Willen –

dann wird Gott euch das alles schenken.

34 Macht euch also keine Sorgen um den kommenden Tag –

der wird schon für sich selber sorgen.

Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat.“

Matthäus 6,24-34 (Übersetzung: Basis Bibel)

Saitensprung

2. September 2010 2 Kommentare

Manchmal – nicht nur mit dem Alter – müssen Menschen erfahren, dass sie nicht mehr über ihre gewohnten Kräfte verfügen, dass Dinge, die einmal selbstverständlich waren, nicht mehr möglich sind.  Als Pfarrer bekomme ich dann gelegentlich ein resigniertes „Was bin ich denn überhaupt noch wert?“ zu hören. Es hat meist etwas sehr Destruktives und Entmutigendes, wenn wir uns mit anderen vergleichen, die Dinge besser können, wenn wir mit eigenen früheren Möglichkeiten vergleichen. Es ist ein entscheidender Unterschied, ob wir über unsere Grenzen und unsere gescheiterten Versuche klagen oder ob wir staunen können über das, was möglich ist. In einer Saemann-Kolumne hat Lorenz Marti dazu eine wunderbare kleine Geschichte erzählt, die ich hier weitergeben möchte (mit einem Dank an ihn für die Erlaubnis):

Saitensprung

   Ich habe mich einmal, lange ist’s her, mit einer Geige abgemüht. Ich war ein Kind und sollte ein Instrument spielen lernen. Die Geigenlehrerin hatte es schwer mit mir: Ich habe kaum geübt. Ich kam unvorbereitet in die Stunde und strich mit dem Bogen lustlos über die Saiten. Es tönte falsch, manchmal blieb ich auch stecken. Du musst besser üben, ermahnte mich die Lehrerin, selber eine bekannte Geigerin. Ich übte nicht besser. Ich übte gar nicht. Es war ein Fiasko. Irgendeinmal haben wir uns getrennt, die Geigenlehrerin, die Geige und ich.

   Und jetzt lese ich von einem der bekanntesten Geiger und staune: Itzhak Perlman hat unter schwierigsten Umständen zu wahrer Grösse gefunden. Er wurde 1945 in der israelischen Hafenstadt Jaffa geboren. Als Vierjähriger erkrankte er an Polio, ist seither behindert, trägt Stützen an beiden Beinen und geht an Krücken, oft unter grossen Schmerzen. Schon als Kind hatte er eine grosse Leidenschaft: die Geige. Ganz für sich alleine erprobte er die Möglichkeiten dieses Instruments. Er übte unermüdlich und brachte es so weit, dass er in die Musikakademie von Tel Aviv aufgenommen wurde. Damit begann ein kometenhafter Aufstieg. Innert weniger Jahre wurde Perlman zum grossen Star unter den Geigern. Er zog in die USA und füllt dort bis heute die Konzertsäle.

   Bei einem Konzert in New York passierte ihm einmal ein Missgeschick. Er hatte eben die ersten Akkorde gespielt, als eine Saite riss. Es wurde ganz still im Saal. Perlman wartete, schloss für einen Moment die Augen und bat dann den Dirigenten, noch einmal zu beginnen. Das Orchester setzte ein, und der gebrechliche Geiger spielte mit so viel Leidenschaft und Hingabe, dass sich das Publikum am Schluss erhob und minutenlang applaudierte. Es soll eines seiner besten Konzerte gewesen sein.

   Eigentlich ist es gar nicht möglich, ein Violinkonzert mit drei Saiten zu spielen. Itzhak Perlman wollte sich dieser Unmöglichkeit  nicht beugen. Er erfand das ganze Stück neu, veränderte es und entlockte seinem Instrument Töne, wie er sie noch nie gespielt hatte. „Wissen Sie“, meinte er am Schluss, „manchmal ist es die Aufgabe eines Künstlers herauszufinden, wie viel Musik man noch machen kann mit dem, was einem übrig geblieben ist.“ (Hervorhebung von mir)

   Auch wenn ich mit der Geige gescheitert bin, auch wenn ich sonst im Leben einiges nicht geschafft oder verloren habe – dieser eine Satz zeigt, dass das alles nicht so wichtig ist. Musik kann man immer machen. Sogar mit nur drei Saiten.

 Lorenz Marti   (erschienen in der Rubrik „Spiritualität im Alltag“ in der Zeitschrift saemann im Juni 2007)

Das zweite Buch von Lorenz Marti mit dem Titel „Mystik an der Leine des Alltäglichen“ ist kürzlich als Herder-Taschenbuch erschienen.

Im Flüstern eines sanften Windhauchs

31. August 2010 2 Kommentare

Im 1. Königebuch, Kap.19, wird erzählt, wie der Prophet Elia in eine tiefe Lebenskrise gerät. Er hat genug davon, zu kämpfen und auf der Flucht zu sein und ist des Lebens müde. Viele Menschen kennen Zeiten in ihrem Leben, in denen es ihnen ähnlich geht wie dem Propheten Elia, der da unter einem Ginsterstrauch sitzt und nicht mehr weiter weiss. Auch wenn sie nicht gerade wie Elia des Lebens müde sind, so hat doch eine tiefe Müdigkeit oder Traurigkeit ihr Leben überschattet. Vielleicht ist etwas geschehen, was sie aus der Bahn geworfen hat, eine Krankheit, ein lieber Mensch, der ihnen weggestorben ist, eine grosse Enttäuschung, gescheiterte Pläne. Oder sie wissen gar nicht so recht, warum ihr Leben in eine Krise geraten ist, ihr Glaube so zerbrechlich geworden und die Sicherheit verschwunden ist. Manchmal versteht man das Leben auch einfach nicht mehr, hat das Gefühl, in dieser Welt nicht mehr mitzukommen oder fragt sich, warum und wozu man sich abmühen soll, welchen Sinn das Ganze macht. Ob mit oder ohne äussere Ursache – für die meisten Menschen gibt es Phasen in ihrem Leben, wo sie zutiefst verunsichert sind und sich müde und kraftlos fühlen. In solchen Zeiten kann die Geschichte des Propheten Elia, sein Weg durch die Wüste, uns eine Hilfe und eine Orientierung sein. Seine Schwäche kann uns helfen in unserer Schwäche und seine Gotteserfahrung kann in uns das Vertrauen wachsen lassen, dass sich auch uns Gott wieder neu zeigen wird, dass er uns begleitet und stärkt auf dem Weg durch die Wüste.

In den Zeiten unseres Lebens, wo wir uns müde und leer fühlen wie der Prophet Elia unter dem Ginsterstrauch, kann uns die Erinnerung ermutigen, wie Gott sich hier dem Elia zeigt und ihm aufhilft, damit er seinen Weg weitergehen kann. Nicht auf unwiderlegbare Gottesbeweise oder alles verändernde Wunder und Machterweise warten, sondern achtsam sein für die kleinen Zeichen göttlicher Zuwendung und Ermutigung – darauf kommt es an. Nicht dass plötzlich alles wieder anders wird, hell und klar, heil und unbeschwert, dürfen wir erwarten, aber dass uns jemand ein Stück Brot reicht und einen Schluck Wasser, damit wir aufstehen und ein Stück weitergehen können. „Steh auf und iss.“ sagt der Bote zu Elia. Und Elia isst und trinkt und legt sich wieder hin, um weiter zu schlafen. Und noch einmal redet der Bote zu ihm: „Steh auf und iss, denn der Weg, der vor dir liegt, ist weit.“ Er muss den Weg selber gehen und es ist ein weiter Weg. Niemand nimmt ihm diesen Weg auf wunderbare Weise ab. Aber er ist gestärkt. Jetzt kann er aufstehen und weitergehen. Doch Gott lässt ihm auch Zeit. Zweimal kommt der Bote zu Elia. Zweimal findet er Brot und Wasser neben seinem Kopf. Und kein Wort des Vorwurfes, weil er sich beim ersten Mal einfach wieder hingelegt hat. Ja, solche geduldigen und behutsamen Weggefährten, solche Botinnen Gottes, wünsche ich jedem von uns, wenn wir uns müde fühlen und nicht mehr weiter wissen. Kein Appell, doch mehr Gottvertrauen zu haben oder den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern Worte des Verständnisses, kleine Zeichen der Zuwendung und des Trostes, vor allem aber Geduld mit unserer Schwäche. Es ist grossartig, wie hier beschrieben wird, wie Elia wieder die Kraft bekommt weiter zu gehen. Nichts Ausserordentliches geschieht – nur ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser, wenige schlichte Worte, zwei Mal – und Elia spürt, dass er nicht verlassen ist. Lange noch geht Elias Weg durch die Wüste. Vierzig Tage und vierzig Nächte. Und nach diesen vierzig Tagen und Nächten sind seine Fragen noch immer nicht beantwortet. Doch dort am Berg Horeb macht er eine neue Gotteserfahrung. Er, der bisher auf göttliche Machterweise vertraut hatte, erkennt, dass Gott ihm weder im Sturmwind, noch im Erdbeben, noch im Feuer begegnet. Wir haben nicht vergessen, dass er auf dem Berg Karmel noch das Feuer als Gottesbeweis angesehen hat. Erst das Flüstern eines sanften Windhauchs lässt ihn sein Gesicht verhüllen. Es wird gar nicht ausdrücklich gesagt, dass sich Gott in diesem Flüstern zeigt. Aber dieses Flüstern eines sanften Windhauchs ist ein wunderbares Bild für die leise, schwebende, nicht festzuhaltende Gegenwart unseres Gottes. Es ist eine Einladung, sorgfältig zu achten auf die leisen Töne in unserem Leben, die kleinen Zeichen der Ermutigung am Wegesrand. Diese Bild lädt uns ein, auf die Stille zu achten und auf die Menschen, die uns begegnen wie ein Windhauch, die unscheinbaren und die behutsamen, die keine grossen Worte machen und keine grossartigen Versprechungen, die aber einfach da sind, wenn wir sie brauchen.

Manchmal mag es uns gehen wie dem Elia. Müde und leer sitzen wir da und wissen nicht so recht wie weiter. Unser Glaube ist nur noch ein kleines Flämmchen, unser Selbstvertrauen und unser Gottvertrauen nur noch ein glimmender Docht. Es gibt so Vieles, das uns ins Wanken bringen und uns aus der Bahn werfen kann. Möge dann jemand für uns da sein, der uns ein geröstetes Brot und einen Krug mit Wasser hinstellt. Ich wünsche uns, dass wir dann die Zeichen der Zuwendung, der Stärkung und des Trostes nicht übersehen, die Gott uns erfahren lässt. Warten wir dann nicht auf ein Wunder, das alles verändert, auf eine Glaubensgewissheit, die durch nichts zu erschüttern ist. Achten wir vielmehr auf die Zeichen der Stille, das Flüstern eines sanften Windhauchs. Wir müssen unseren Weg selber gehen. Aber mit Gottes Hilfe können wir ihn auch gehen. So wie Elia ihn gehen konnte, Schritt für Schritt, auch wenn er ihn noch lange durch die Wüste führte. Wir sind nicht allein. Gott geht mit uns. Er gibt uns Kraft. Darauf dürfen wir vertrauen.

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Der Weg der Liebe

  1. Korintherbrief, Kapitel 13

1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen rede, aber keine Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz, eine lärmende Zimbel. 2 Und wenn ich die Gabe prophetischer Rede habe und alle Geheimnisse kenne und alle Erkenntnis besitze und wenn ich allen Glauben habe, Berge zu versetzen, aber keine Liebe habe, so bin ich nichts. 3 Und wenn ich all meine Habe verschenke und meinen Leib dahingebe, dass ich verbrannt werde, aber keine Liebe habe, so nützt es mir nichts.

4 Die Liebe hat den langen Atem, gütig ist die Liebe, sie eifert nicht.
Die Liebe prahlt nicht,
sie bläht sich nicht auf, 5 sie ist nicht taktlos,
sie sucht nicht das ihre,
sie lässt sich nicht zum Zorn reizen,
sie rechnet das Böse nicht an, 6 sie freut sich nicht über das Unrecht, sie freut sich mit an der Wahrheit.
7 Sie trägt alles,
sie glaubt alles,
sie hofft alles,
sie erduldet alles.
8 Die Liebe kommt niemals zu Fall: Prophetische Gaben – sie werden zunichte werden; Zungenreden – sie werden aufhören; Erkenntnis – sie wird zunichte werden. 9 Denn Stückwerk ist unser Erkennen und Stückwerk unser prophetisches Reden. 10 Wenn aber das Vollkommene kommt, dann wird zunichte werden, was Stückwerk ist. 11 Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, überlegte wie ein Kind. Als ich aber erwachsen war, hatte ich das Wesen des Kindes abgelegt. 12 Denn jetzt sehen wir alles in einem Spiegel, in rätselhafter Gestalt, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich ganz erkennen, wie ich auch ganz erkannt worden bin. 13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Die grösste unter ihnen aber ist die Liebe.
Übersetzung: Neuze Zürcher Bibel

Das Geheimnis des Lebens

Damit Liebe Liebe bleibt,
braucht sie immer auch das Geheimnis der Liebe.
Wenn Menschen wie ein offenes Buch füreinander sind,
geht die Liebe verloren.

Ich denke, das gilt auch für die Liebe zum Leben.
Das äusserliche Funktionieren des Lebens,
die Naturgesetze, sind eine Seite des Lebens,
eine wunderbare und zum Staunen einladende auf jeden Fall,
aber eine Seite, die nach Gesetzen und Regeln geordnet ist
und für die ich Gott nicht als Lückenbüsser brauche –
weder im Sinne des Kreationismus noch eines Intelligent Design.
Was wir in Bezug auf die Naturgesetze nicht erklären können,
darüber können wir nur schweigen.

Es gibt aber auch die Innenseite,
das Geheimnis des Lebens,
das nicht nach Gesetzen und Regeln zu erfassen ist.
Das Vertrauen, dass das Leben gut ist.
Das Staunen über die Schönheit und Vielfalt des Lebens.
Die Liebe zum Leben.
Das Wunder, dass etwas ist und nicht nichts.
Das Wunder der Liebe, der Begegnung, unserer Schaffenskraft.
Die Welt unserer Emotionen.
Das Unerwartete, Unberechenbare.

Gott steht für mich für dieses Geheimnis des Lebens,
seine Innenseite.
Die Seite desselben Lebens, die sich nicht einfach in Gesetze und Regeln fassen lässt.
Die Seite des Lebens, die Sinn entstehen lässt, Sinn, der sich jeweils mir zeigt.
Es gibt nicht einen Sinn des Lebens unabhängig von den Lebenden.
Aber es ist auch nicht so, dass ich den Sinn des Lebens mache.
Es ist wieder wie mit der Liebe:
der Mensch, den ich liebe, ist für mich der Wichtigste.
Er ist das nicht an und für sich, sondern für mich,
weil ich ihm diese Bedeutung gebe.
Sinn gibt es nicht objektiv und feststellbar,
er entsteht immer durch und in Beziehungen,
zu Menschen, zum Leben, zu Gott.
Sinnzuschreibungen entstehen aber auch nicht einfach willkürlich.
Sie entstehen, wo ich von etwas betroffen,
in meinem Innersten berührt bin.
Und das, was mich berührt, ist etwas ausser mir.
Ich kann es nicht feststellen, exakt beschreiben und erklären,
aber ich kann seiner Spur folgen
in der – manchmal schwankenden – Gewissheit,
dass ich in dieser Spur Sinn finde.

Sein dürfen

8. Juli 2010 3 Kommentare

Burn-out ist ein Phänomen, das in den letzten Jahren massiv zunimmt. Die Ursachen dafür sind umstritten. Wichtige Faktoren dürften sicher die zunehmende Bedeutung der Arbeit für das Selbstwertgefühl der Menschen sein, die ständige Erreichbarkeit durch moderne Kommunikationsmittel, aber auch der Verlust von festen kollektiven Lebensrhythmen und sozialen Bindungen. Auch die abnehmende Bedeutung von Vereinen und Verbänden, Kirchen, Parteien oder Gewerkschaften spielt dabei eine Rolle, machten sie doch früher einen wichtigen Teil der Identität vieler Menschen aus. Burn-out dürfte zum Teil aber auch die Kehrseite der modernen Freiheitsgewinne sein. So heisst es in einem Beitrag zum Thema in der ZEIT: „Egal, ob Männer oder Frauen, ob Arbeiter- oder Akademikerkinder: Sie können ihr eigenes Leben führen. Sie können studieren, Karriere machen, Kinder kriegen oder es bleiben lassen. Es liegt an ihnen, und das ist das Problem. Der französische Soziologe Alain Ehrenberg hat es vor wenigen Jahren in seinem Buch Das erschöpfte Selbst beschrieben: Wo alles erreichbar, alles möglich scheint, steigen die Ansprüche. Dafür sinkt die Zahl akzeptabler Entschuldigungen. Am Ende liegt das Scheitern nur am eigenen Ich. Wenn aber jeder selbst für sich verantwortlich ist, dann muss auch jeder selbst die Last des Erfolgszwangs tragen. Und manche brechen darunter zusammen.“ (aus: Arbeiten, bis der Arzt kommt. Der Burn-out wird zur Volkskrankheit. Woran liegt das? Eine Erkundung in der Arbeitswelt, von Kolja Rudzio und Wolfgang Uchatius, in: Zeit Nr.28 v. 8.7.2010)

Es kann und darf nicht darum gehen, diese Freiheitsgewinne rückgängig machen zu wollen. Aber ich denke, dass wir dabei nicht vergessen dürfen, wie wichtig es für unser Menschsein ist, dass wir einfach sein dürfen. Wenn wir nicht begreifen, dass wir mehr sind als das, was wir aus uns machen, wenn wir nicht glauben können, dass wir nicht das sind, was wir leisten, dann laufen wir Gefahr, dass wir an unserer Freiheit zugrunde gehen. Wir brauchen Räume, wo wir einfach sein dürfen. Wir brauchen Rhythmen, denen wir uns anvertrauen, Rituale, in denen wir uns bergen können. Was bei Martin Luther die „Rechtfertigung allein aus Gnade“ war, nämlich die befreiende Erkenntnis, dass wir uns die Gnade Gottes nicht verdienen müssen, das ist heute die befreiende Erkenntnis, dass wir nicht abhängig sind von dem, was wir leisten und aus uns machen. Mit all unseren Brüchen und Begrenztheiten  dürfen wir sein, unser Leben empfangen und nicht erst herstellen. Wenn Leben Gnade ist und nicht Leistung, dann können wir auch lernen, es in seinen Grenzen anzunehmen – mit den Glücksmomenten und Erfolgen, aber auch mit den Momenten des Scheiterns und den schmerzlichen Enttäuschungen. Wenn ich begreife, dass ich Ganzheitlichkeit und Identität gar nicht erreichen kann, aber auch nicht erreichen muss, dann kann ich glauben, dass das Leben mit all seinen Licht- und Schattenseiten einfach sein darf, dass es geschenkte Existenz ist, zuerst Gabe und erst danach Aufgabe.

Wenn wir uns einüben wollen in dieses Vertrauen in das gegebene, anvertraute Leben, dann helfen uns Rituale wie Meditation, Gottesdienst oder Gebet, dann hilft uns die Verbindung mit einer Gemeinschaft, der Austausch und das Gespräch, dann hilft uns die alltägliche Sensibilität für die Botschaft unseres Herzens, für die Signale unseres Körpers und die Achtsamkeit für die leisen Töne und die unscheinbaren Dinge, die unser Leben kostbar machen.

Diese Achtsamkeit und Sensibilität macht uns nicht einfach frei von den Zwängen und Ansprüchen unserer modernen Arbeitsgesellschaft, aber sie schafft ein Gegengewicht, verleiht uns Widerstandskraft, weil wir dann spüren, dass unser Lebenssinn jenseits aller Leistungsbilanzen und Erfolge liegt, einfach in unserem Da-Sein und in der Verbundenheit mit dem Leben. „Ich danke dir, Gott, dass ich wunderbar gemacht bin; alle deine Werke sind Wunder, das erkennt meine Seele.“ (Psalm 139,14)