Archiv

Archive for the ‘Tod’ Category

Frohe Ostern

8. April 2012 1 Kommentar

All meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich ein erfülltes und gesegnetes Osterfest.

In letzter Zeit ist es in meinem Blog ziemlich still geworden. Berufliche Aufgaben und eine Weiterbildung haben mir wenig Zeit zum Schreiben gelassen – und das wird auch noch einige Zeit so bleiben. Für Interessierte sind aber meine Predigten zu Karfreitag und Ostern in meiner Predigtkiste zu lesen.

Advertisements
Kategorien:Auferstehung, Predigt, Tod

Bereit sein

19. November 2011 1 Kommentar

Am Toten- und Ewigkeitssonntag gedenken wir in den evangelischen Kirchen unserer Verstorbenen. Bei uns ist es Tradition, dass die Konfirmandinnen und Konfirmanden für jeden Verstorbenen eine Kerze gestalten und diese bei der Verlesung des Namens des oder der Verstorbenen im Fürbittengebet anzünden. Immer wieder finde ich das ein berührendes Ritual. Wir erinnern uns der Verstorbenen, würdigen sie und bedenken, was sie für uns bedeutet und was wir mit ihnen verloren haben. Und wir bitten darum, dass wir trotz aller Trauer auch bereit sein können für das Leben das vor uns liegt.

In meiner diesjährigen Predigt habe ich zwei Gleichnisse aus dem Lukasevangelium ausgewählt (Lk 12,35-38.42-46). In beiden Gleichnissen geht es darum, bereit zu sein. Im ersten sind es die Knechte, die auf ihren Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist und sehr lange ausbleibt. Im zweiten Gleichnis sind es Verwalter, die von ihrem Herrn während dessen Abwesenheit eingesetzt worden sind. 

Ich lese das erste Gleichnis als ein Gleichnis für Trauernde. Wenn wir in Trauer sind, mag es uns manchmal auch so vorkommen, als stünde das Leben still, als sei Gott ganz weit weg. Trotzdem, sagt uns das Gleichnis: Seid bereit, wenn das Leben bei euch anklopft. Rechnet damit, dass die Hoffnung und die Freude in euer Leben zurückkehren. Unser Herr kommt und er kommt nicht als Herr, der sich bedienen lässt, sondern er kommt, um unsere Tränen abzuwischen, uns den Tisch zu decken, uns den Becher mit Wein einzuschenken. Ein glücklicher Mensch ist nicht der, der keine Trauer und keinen Schmerz kennt. Ein glücklicher Mensch ist im biblischen Denken derjenige, der in Trauer und Schmerz nicht ohne Hoffnung ist und der daran glaubt und daran festhalten kann, dass am Ende das Leben steht.

Auch im anderen Gleichnis geht es um einen Herrn, der abwesend ist, unterwegs auf einer langen Reise. Er setzt einen Verwalter ein über seine Güter. Was hat nun ein kluger und treuer Verwalter zu tun? Wir würden wohl erwarten, dass er die Güter seines Herrn gewinnbringend einsetzen, sie vermehren soll. Denn das Kapital muss ja Rendite bringen. Aber die Beschreibung im Gleichnis ist eine andere, sie ist überraschend: Der kluge und treue Verwalter ist der, der den Leuten zur rechten Zeit gibt, was sie brauchen. Der kluge und treue Verwalter ist nicht der, der Besitz anhäuft, sondern der, der austeilt. Der ist ein glücklicher Mensch. Am Ende des Gleichnisses taucht auch die andere Möglichkeit auf, dass der Verwalter überfordert ist und von seinem Auftrag abkommt. Weil der Herr solange ausbleibt fängt er an, das Personal zu drangsalieren, wird gewalttätig und säuft. In dieser krassen Schilderung führt uns das Gleichnis die Möglichkeit eines verfehlten Lebens vor Augen. Von einem solchen Leben, das nur um sich selber kreist, das gierig den eigenen Vorteil sucht und anderen Gewalt antut, von einem solchen Leben bleibt am Ende wirklich nichts. Doch selbst dann, denke ich, sollten wir diesem Urteil nicht das letzte Wort lassen. Denn auch einem verfehlten Leben leuchtet die Möglichkeit der göttlichen Vergebung.

Wer sind wir und wozu leben wir? Was bleibt am Ende? Und gibt es eine Hoffnung, die dem Tod standhält, die über das Ende unseres irdischen Lebens hinausreicht? Wir sind wie die Knechte, die auf ihren Herrn warten und bereit sind für das Leben, wenn er anklopft. Wir sind Verwalterinnen und Verwalter, Mitarbeiterinnen Gottes, deren Auftrag es ist, auszuteilen und weiterzugeben. Denn was bleibt, das ist das, was wir einander gegeben haben, was bleibt ist die Liebe, die sich verschenkt. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass wir dereinst die Bruchstücke unseres Lebens als ganzes sehen dürfen. In diesem Vertrauen können wir leben und das unsere tun, austeilen und weiter geben, was wir empfangen haben – aus Gottes Hand und durch die Menschen, die uns begegnen und durch die, die nicht mehr bei uns sind.

 Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

Gebet für Japan

Seit etwas mehr als einer Woche verfolgen viele von uns mit grosser Anteilnahme, aber auch mit Angst und Schrecken die Ereignisse in Japan. Morgen werde ich auch den Sonntagsgottesdienst in unserer Kirchgemeinde dem Gebet für die Menschen in Japan widmen.

Die Frage der Schriftgelehrten nach einem Zeichen aus Mt 12,38-42 ist der Bibeltext für diesen Sonntag. Mit dem rätselhaften Hinweis auf das Zeichen des Jona antwortet Jesus den Schriftgelehrten. Drei Dinge sind es, die ich heute in diesem Text höre:

1. Es gibt kein Zeichen. Wer aus den Ereignissen in Japan Weltuntergangsszenarien ableiten möchte oder darin die Erfüllung apokalyptischer Prophezeiungen sieht, hat nichts verstanden. Deshalb bin ich auch froh, dass solche Deutungen in den letzten Tagen nicht zu hören waren. Was hier geschieht, fordert nicht Deutungen, sondern Mitgefühl und Anteilnahme.

2. Der Hinweis auf Jona bedeutet für mich eine Frage an unseren Lebensstil. Welche Risiken sind wir bereit einzugehen für unseren Lebensstil, unseren grenzenlosen Hunger nach billiger Energie? Ist es nicht höchste Zeit für einen Wandel unseres Lebensstils? Diese Fragen sind wichtig, auch wenn angesichts des unermesslichen Leids, die Ereignisse in Japan nicht einfach für unsere Energiedebatten eingespannt werden dürfen.

3. Das Zeichen ist der Menschensohn, also Jesus selbst in seiner Hingabe und seinem Leiden. Und das Zeichen sind wir selbst, wo wir uns berühren lassen vom Leid, wo wir solidarisch werden und uns mit Lebensmut und Hoffnung erfüllen lassen.

 

Diese Anteilnahme in Worten und Taten steht im Moment im Vordergrund. Zuhören, was die Menschen in Japan selbst zu sagen haben, ist dabei vielleicht der beste Weg. Deshalb werde ich in meiner Predigt Passagen aus dem Tagebuch der Pfarrerin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Tokio und Yokohoma Elisabeth Hübler-Umemoto weitergeben, die aus ihrem Blog aus Japan stammen. Den Hinweis darauf verdanke ich Wolfgang Vögele.

Ihre Gedanken und Erfahrungen können uns einen Einblick geben, wie Menschen in Japan diese furchtbaren Ereignisse, das Leid und die Angst erleben. Was bleibt uns, die wir das Geschehen nur hilflos aus der Ferne mitverfolgen können? Mit Spenden und mit Gebeten können wir den Menschen in Japan verbunden sein. Wir können die Ereignisse zum Anlass nehmen, unseren eigenen Lebensstil und unseren Energiehunger zu überdenken und uns fragen, welche Risiken wir dafür in Kauf nehmen und unseren Kindern und Enkeln aufbürden wollen. Wir können uns besinnen auf das eigentlich Wichtige: die anderen Menschen, die Beziehungen, das miteinander Teilen von Gedanken, Gefühlen. Wir können beten um die Gegenwart Gottes, die uns Kraft und Gelassenheit gibt, uns begeben in die Obhut des Unverfügbaren. 

Widerspruch, Papst Benedikt

4. März 2011 5 Kommentare

Als Vorabdruck im Feuilleton der ZEIT v. 3.3.2011 ist ein Auszug aus dem Buch „Jesus von Nazareth. 2. Teil“ von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. zu lesen. Wie schon die Überschrift besagt, gipfeln die Erwägungen Benedikts zur Chronologie von Jesu Abendmahl in der Feststellung „Christus ist das Neue“. Er hält die johanneische Chronologie für die historisch zutreffende. Dann war Jesu Mahl mit seinen Jüngern kein jüdisches Passamahl. Vielmehr sei es ein Mahl gewesen, dass Jesus im Wissen um seinen bevorstehenden Tod mit seinen Jüngern gefeiert habe. Nach der johanneischen und laut Ratzinger auch historisch zutreffenden Chronologie, sei Jesus genau zu der Zeit gestorben als im Tempel die Passalämmer geschlachtet wurden. Daraus zieht Ratzinger weitreichende Schlüsse: „Das Wesentliche dieses Abschiedsmahles war nicht das alte Pascha, sondern das Neue, das Jesus in diesem Zusammenhang vollzog. (…) Es war Jesu Pascha.“
Auch wenn man die johanneische Chronologie für historisch zutreffend hält, lässt sie nicht derart weitgehende Schlüsse zu. Ein Hauptproblem sehe ich darin, dass hier aus historischen Argumenten vorschnell theologisch-dogmatische Folgerungen gezogen werden. Jesu Todesbewusstsein ist ein theologisches Postulat und kein historisches Faktum. Dass er für die christliche Gemeinde zum wahren Passalamm geworden ist, das ist die Deutung der christlichen Gemeinde. Implizit unterstellt Ratzinger aber, dies sei Jesu eigenes Verständnis dieses letzten Mahles gewesen, was in meinen Augen historisch unzulässig ist.
Diese Zusammenschau dogmatischer und historischer Lektüre der Evangelien war schon ein Grundproblem des 1. Teils von Benedikts Jesus-Buch. Aber hier wird diese Problematik besonders deutlich. Und sie hat Folgen: Aus Jesus, dem Juden, wird so unter der Hand ein Jesus, der seines jüdischen Kontextes beraubt, quasi zum „historischen Christus“ gemacht wird. Die Deutung seiner Person, die den Glauben der Gemeinde auf dem Hintergrund wachsender Auseinandersetzungen mit dem Judentum in der Zeit nach 70 n.Chr. spiegelt, wird in die Zeit des historischen Jesus zurückverlegt.
In meinen Augen fällt damit Ratzinger/Benedikt XVI. hinter den Stand der exegetischen Forschung und vor allem hinter den Stand des jüdisch-christlichen Dialogs zurück. Mit der Betonung des Gegensatzes von alt und neu und der Charakterisierung Jesu als das „wahre Passalamm“ kehrt das Bild einer Überwindung des Judentums durch das Christentum kaum verhüllt zurück, ein Bild , das längst überwunden schien. Es fällt schwer, darin keinen Zusammenhang mit fragwürdigen Entscheidungen dieses Papstes wie der Wiedereinführung der Fürbitte für die Juden im Karfreitagsgebet zu sehen.

Zum Ewigkeitsonntag II

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde“ heisst es in der Offenbarung. „Und Gott selbst wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Siehe, ich mache alles neu!“

Was für eine wunderbare und tröstliche Vision: eine neue Welt ohne Leid, ohne Tränen, ohne Tod. Eine Welt, in der alles, was hier zerbrochen und unvollendet bleibt, heil und ganz ist, wo aller Streit überwunden ist, alle Schuld vergeben, aller Hader und Groll abgelegt. Eine Welt, in der uns nicht mehr genommen wird, was uns so lieb und kostbar ist, wo Krankheit und Leid nicht mehr erbarmungslos zuschlagen. Eine Welt auch, in der Menschen einander nicht mehr Leid zufügen, wo niemand mehr das Leid anderer zur Schau stellen kann, wo die Gier nach Macht, der Hass, die Intoleranz, die Zerstörung im Namen vermeintlicher Ideale keinen Raum mehr haben. Eine wunderbare Vision – oder doch nur ein schöner Traum?

Können uns diese Worte ermutigen, aufrichten, Hoffnung machen, wenn Trauer und Verzweiflung uns überwältigen beim Abschied von einem lieben Menschen oder dann, wenn beim Abschied so vieles ungesagt und ungelöst bleibt? Können wir leben und uns trösten mit der Hoffnung auf den neuen Himmel und die neue Erde oder sind das für uns nur leere, belanglose Worte – eben nur ein schöner Traum angesichts unserer Trauer, zu schön um wahr zu sein?

Jedenfalls ist es eine Utopie, eine Utopie im eigentlichen Sinn des Wortes – etwas, das in dieser Welt keinen Ort hat, etwas das wir nicht durch unser Planen und Machen erreichen und verwirklichen können. Ein neuer Himmel und eine neue Erde. Kein Fortschritt, keine kontinuierliche Entwicklung, schon gar nicht die Überwindung von Leid, Krankheit und Tod durch medizinische Forschung. „Der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen“, heisst es in der Offenbarung. Es gibt keinen Weg von hier nach dort. Solange diese Erde besteht, werden Menschen ihre Toten beweinen, werden Krankheiten und Schicksalsschläge Menschen treffen, werden Menschen einander Leid zufügen, wird es Kriege, Hass, Neid und Gewalt geben. Diesen Realismus lehrt uns die Bibel – von Kain und Abel bis hin zu den bedrückenden Bildern der Offenbarung. Und der Tod mag zwar gerecht sein, weil, wie das Sprichwort sagt, das letzte Hemd keine Taschen hat, aber er ist furchtbar ungerecht in der Auswahl seiner Opfer und er ist fast immer ungerecht für den, dem ein lieber Mensch genommen wird. Aber – noch einmal – was kann uns dann die biblische Utopie vom neuen Himmel und der neuen Erde helfen, wenn sie doch nicht von dieser Welt ist?

Wenn einem die Decke auf den Kopf fällt, dann tut es gut, wenn man aus dem Haus geht, hinaus an die frische Luft. Wenn man sich in den immer gleichen ausweglosen Grübeleien verheddert, tut es gut, wenn jemand einem auf andere Gedanken bringt, die Dinge in ein anderes Licht rückt. Ich glaube, dass die Utopie des heutigen Predigttextes genau diese Funktion hat, frische Luft in das Haus unserer Trauer hineinzubringen, die lähmenden Gedanken, die uns plagen in das Licht einer anderen Wirklichkeit zu stellen. Stell dir vor wie das wäre: eine Welt ohne Leid und Tod. Stell dir vor, keine deiner Tränen ist vor Gott vergessen, er wird sie abwischen. Stell dir vor, der Tod, die Verzweiflung, die Trauer – sie haben nicht das letzte Wort. Jenseits dieser Grenze, die für uns so unwiderruflich, so bitter und schmerzhaft ist, da ist noch etwas, oder besser gesagt, da ist noch einer, der uns erwartet, der uns trägt, der uns tröstet und hält und dessen Liebe zu uns stärker ist als der Tod. Das dürfen wir hoffen, das dürfen wir glauben. Ob es uns die Trauer leichter macht? Ob es uns geschenkt ist, die Welt und unser Leben gerade auch in dunklen Stunden in diesem Licht einer neuen Welt zu sehen, das weiss Gott allein. Erzwingen können wir es nicht, nicht bei uns selbst und nicht bei anderen. Aber wenn Gott uns dieses Licht, diese Sicht schenkt, dann verändert sich etwas, dann kann der Dank für das Gewesene stärker werden als die Trauer über das Verlorene, dann können wir loslassen, den schmerzlichen Verlust, die unüberwindbare Grenze akzeptieren, weil jenseits dieser Grenze nicht das Nichts ist, sondern die grenzenlose Liebe Gottes. In diesem Licht können auch unausgeräumte Missverständnisse, Schuld, Groll oder Hader ihre lähmende Macht verlieren, weil wir uns dem anvertrauen können, der unser Leben heil und ganz macht – nicht in dieser Welt, nicht in diesem Leben, aber dann, wenn unser Leben heimkehrt zu Gott. Wo der neue Himmel und die neue Erde in unser Hoffen und Denken einziehen, da empfangen wir die Kraft zum Loslassen, da kann neue Hoffnung und neuer Lebensmut in unseren Herzen aufkeimen und wachsen.

Den Tod können wir nicht überwinden, wir können nicht einmal diesseits der Todesgrenze eine friedliche Welt schaffen, ja oft nicht einmal in unseren engsten Beziehungen. Aber im Licht des neuen Himmels und der neuen Erde, die Gott uns verheisst, können wir mit unseren Möglichkeiten Tränen abwischen, denen die Kummer haben, verständnisvoll zuhören, einander in den Arm nehmen und trösten. Wir können das Leid nicht überwinden, aber wir können einander helfen, Schweres zu tragen, auszuhalten und behutsam wieder neue Hoffnung zu wagen. Und das ist schon ungeheuer viel. Und wir können einander vergeben und verzeihen, können Vergangenes ruhen lassen, weil wir es in Gottes Hand legen dürfen.

Siehe, ich mache alles neu, sagt der auf dem Thron. Gott macht alles neu, nicht wir. Aber er tut es. Er schenkt uns hier und jetzt neue Kraft. Und er heilt und vollendet das Ganze unseres Lebens. Darauf hoffen wir. Daran glauben wir. Davon leben wir.

Kategorien:Sterben, Tod

Zum Ewigkeitssonntag

Die Dichterin Mascha Kaléko hat einmal geschrieben: „Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,/ Doch mit dem Tod der anderen muss man leben.“ Wir müssen leben damit, dass jemand einfach nicht mehr da ist. Wir müssen leben mit all den Gefühlen, die der Tod eines Menschen bei uns auslöst. Wir müssen leben mit Trauer und Schmerz, mit Enttäuschungen und vielleicht auch Schuldgefühlen. Und jeder und jede kann das letztlich nur selber tun. Wir können einander diese Aufgabe zwar erleichtern, aber wir können sie dem anderen nicht abnehmen. Trotzdem ist es gut, wenn wir einander hie und da sagen: Du musst nicht nur, du kannst und darfst leben. Und wenn der Mensch, der gestorben ist, dich wirklich geliebt hat, hätte er oder sie bestimmt gewollt, dass du auch wieder lachen und dich freuen kannst, dass du dein Leben lebst – mit dem Bild des geliebten Menschen in deiner Seele.

Im Matthäusevangelium steht das Gleichnis von den 10 Jungfrauen. Eingeladen zum grossen Hochzeitsfest gehen sie mit ihren Lampen dem Bräutigam entgegen. Das grosse Hochzeitsmahl ist ein Bild für das Himmelreich, die Gegenwart Gottes ist ein Fest. Doch der Bräutigam und damit das Fest lässt auf sich warten. Und als er um Mitternacht endlich kommt, haben 5 von ihnen keine Ölvorräte mehr. Immer schon habe ich mich über die anderen 5 geärgert, die nicht bereit sind zu teilen und ich war etwas ratlos und entsetzt über die Härte des Bräutigams, der die Tür verschliesst und sagt: Zu spät! Gilt auch hier: „Das Leben ist nicht fair“ und „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“?

Wenn es wahr ist, dass Jesus uns hier und heute in unseren Mitmenschen begegnet, dann ist dieses Gleichnis auch eine Aufforderung, unser Zusammenleben so zu gestalten, dass wir uns um unsere Ölvorräte kümmern. Denn jeder Tod eines Menschen zeigt uns schmerzlich: die Zeit, in der wir einander Gutes tun, ein gutes Wort sagen können, die ist begrenzt. Jede Gelegenheit zur Liebe, zur Zärtlichkeit, zum Verzeihen ist unwiderbringlich und irgendwann sind alle Gelegenheiten vorüber. Ja, ich denke, dass dieses Gleichnis eine Einladung ist, die Gelegenheiten zur Liebe, zum Miteinander, zum Verzeihen und zum Neuanfang nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Seid bereit: nicht nur für den Moment, wo ihr euer Leben als Ganzes vor Gott legen werdet, sondern hier und heute in den unzähligen Gelegenheiten zur Liebe und zur Mitmenschlichkeit. Sorgt euch nicht nur um die materiellen Dinge oder um Ehre und Anerkennung. Sorgt euch vielmehr um das, was am Ende bleibt: Glaube, Hoffnung und Liebe. Auch der Tod eines lieben Menschen kann eine solche Gelegenheit sein, sich bewusst zu machen, was wirklich zählt, worauf es wirklich ankommt. Die Liebe, die wir in unseren Herzen tragen, hilft uns, das Bild des Verlorenen in unseren Herzen zu tragen und weiterzugehen in neue offene Lebensräume. Der Glaube, dass Gott unser Leben und unser Sterben umfasst, kann uns die Kraft geben, einen geliebten Menschen loszulassen ohne zu verzweifeln oder uns selber aufzugeben. Das Vertrauen auf Gottes grenzenlose Liebe kann uns befähigen zu verzeihen und ruhen zu lassen, was uns angetan wurde und es kann uns auch versöhnen mit uns selbst, wenn wir unsere Schuldgefühle unserem Gott anvertrauen. Das sind die Ölvorräte, die wir brauchen, die uns auch gegen Mitternacht, im tiefsten Dunkel unseres Lebens Licht geben. Gewiss: es gibt Zeiten in unserem Leben, wo unsere Lampen nur noch schwach glimmen, wo unser Glaube schwankt und wir kaum mehr sehen und kaum mehr glauben können. Dann dürfen wir – davon bin ich überzeugt – entgegen dem Gleichnis hoffen, dass es Menschen gibt, die uns durchtragen und uns etwas von ihren Vorräten abgeben. Und vor allem kann ich mir auch heute noch nicht vorstellen, dass der, auf den wir hoffen, jemandem so hartherzig die Tür weist, wie der Bräutigam im Gleichnis. Denn der Gott der Bibel ist ein Gott des Erbarmens und der Güte. Er will uns nicht zurücklassen in unserer Trauer. Er führt uns in neue , weite Räume und zuletzt in jenen Raum, in den uns die Verstorbenen vorausgegangen sind, wo alles Leid und alle Tränen abgewischt werden und der Tod seine Macht verloren hat.

Kategorien:Glaube, Gott, Lebenssinn, Sterben, Tod Schlagwörter: , , , ,