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Archive for the ‘christliche spiritualität’ Category

Engel beherbergen

In unserer bernischen Landeskirche gibt es eine schöne Tradition. Am 1. Sonntag im Februar ist der sog. Kirchensonntag zur Erinnerung an die Berner Reformation im Jahr 1528. Dann soll nach Möglichkeit der Gottesdienst nicht vom Pfarrer gestaltet werden, sondern von Gemeindegliedern und Leuten, die zum Thema etwas zu sagen haben. Darin kommt der Gedanke des „allgemeinen Priestertums“ zum Ausdruck. PfarrerInnen haben zwar in unserer Kirche einen besonderen Auftrag, aber keinen geistlichen Vorrang, bilden keinen klerikalen Stand.

In diesem Jahr ist das Thema „Willkommen – Gastfreundschaft in unserer Kirche“. Dazu gibt es einen wunderschönen Vers aus dem Hebräerbrief (Heb 13,1-2):

„Die Liebe zu denen, die euch vertraut sind, bleibe! Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, aber vergesst nicht – so haben manche, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.“

Gastfreundschaft hat tatsächlich viel mit Liebe zu tun. Gastfreundschaft ist eine Haltung, die sich vermutlich nirgends deutlicher zeigt, als in unserem Umgang mit Fremdem und Fremden. Und dem Engel begegnen wir nur, wenn wir uns dem Fremden öffnen. Ich finde, das ist eine kraftvolle und weltzugewandte Engellehre. Es müssen wirklich nicht Männer (oder Frauen) mit Flügeln sein, die Engel.

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Mystik – Sehnsucht nach dem Absoluten

8. Januar 2012 2 Kommentare

Heute war eine Gruppe aus unserer Kirchgemeinde bei der Mystik-Ausstellung im Museum Rietberg in Zürich.

Als kleine Kostprobe aus dem Ausstellungskatalog zwei Passagen aus dem Beitrag von Hildegard Elisabeth Keller über Meister Eckhart:

Menschen sollen nicht daran denken, was sie tun, sondern bedenken, was sie sind. Im Handeln (im Sinne des selbstbestimmten Verfolgens von Zielen) liege kein Heil, sondern allein im Sein (im Sinne der Willenseinheit mit dem Ursprung, mit der Gottheit: man sol heilichkeit setzen ûf ein sîn. Deshalb schüttelt der Meister immer wieder den Kopf über Menschen, die ihn bitten: „Bittet für mich!“ Es ist, als ob er ihnen antworten wolle: „Was erwartest du von mir? Und was von Gott? Nimmst du ihn in einer solcherart begrenzten Weise, als wäre er ein Geschäftspartner, ist es so, „als ob du Gott nämest, wändest ihm einen Mantel um und schöbest ihn unter eine Bank“. Oder an anderer Stelle: Schaust Du Gott wie eine Kuh an? Liebst du ihn wie eine Kuh? „Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens. So halten’s alle jene Leute, die Gott um äusseren Reichtums oder inneren Trostes willen lieben; die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren Eigennutz.“ (S.76)

Und in Predigt 38 heisst es: „Wenn man mich fragte: Warum beten wir, warum fasten wir, warum tun wir alle unsere Werke, warum sind wir getauft, warum ist Gott Mensch geworden, was das Höchste war? – Ich würde sagen: darum, dass Gott in der Seele geboren werde un d die Seele (wiederum) in Gott geboren werde. Darum ist die ganze Schrift geschrieben, darum hat Gott die Welt und alle Engelsnatur geschaffen: auf dass Gott in der Seele geboren werde und die Seele (wiederum) in Gott geboren werde. (…) Alle zeit muss dort weg sein, wo diese Geburt anhebt, denn nichts gibt es, was diese Geburt mehr hindert als Zeit und Kreatur.“ (S.77)

Die Ausstellung zeigt mystische Traditionen im Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus und Daoismus. Sie zeigt sowohl das Verbindende der mystischen Traditionen dieser religiösen Traditionen, aber auch deren Unterschiedlichkeit. Vor allem aber zeigt sie, wie sehr Mystik als individuelle Erfahrung ein Stück weit frei macht von institutionellen Einengungen und dogmatischen Fesseln. Zugleich aber sind alle grossen Mystikerinnen und Mystiker in ihrer je eigenen religiösen Tradition tief verwurzelt. Die denkerische Tiefe und der hohe Preis, den viele dieser Mystikerinnen und Mystiker für ihre Erfahrungen bezahlt haben, lässt erahnen, dass es sich in vielen heutigen esoterischen Lehren lediglich um Schrumpfformen des breiten Stroms der Mystik handelt.

Mystik der offenen Augen

3. September 2011 9 Kommentare

Diesen Titel des neuen Buches des katholischen Theologen Johann Baptist Metz finde ich wunderbar. Lesenswert ist auch eine Rezension von Jan-Heiner Tück zu diesem Buch in der Wochenendausgabe der NZZ. Daraus einige bedenkenswerte Aussagen:

„Gegen Formen neuer Religiosität, die eine Art Wellness der Seele anbieten, setzt Metz eine biblisch inspirierte Mystik der Gerechtigkeit. Mystik – das ist für ihn keine meditative Technik der geschlossenen Augen, sondern eine messianische Praxis der Nachfolge, die sich den Blick Jesu für die Armen und Leidenden zu eigen macht. Nicht um aufregende spirituelle Selbsterfahrungen geht es in dieser «Gottesleidenschaft in Mitleidenschaft», sondern um Solidarität mit den Mitmenschen. Den Liebhabern der Zenmeditation hält Metz die unbequeme Frage vor, wie sie es mit dem Einsatz für andere halten. Er mutmasst, dass fernöstliche Spiritualität das fromme Subjekt am Ende in einer subjekt- und geschichtsfernen Alleinheit aufgehen lässt, die für das Antlitz der andern keine Augen mehr hat. (…)

Für seine Mystik der offenen Augen knüpft Metz an die Psalmen, das Buch Hiob, die Klagelieder, aber auch den Verlassenheitsschrei Jesu am Kreuz an; er plädiert dafür, auch heute den Schmerz der Negativität stärker in die Gebetssprache zu integrieren. Der hohe Ton der offiziellen Liturgiesprache müsse durch mehr «Karsamstagssprache» aufgeraut werden, um Erfahrungen der Trauer, der Angst und der Schuld Raum zu geben. In der Tat können Artikulationen von Freude und Dank zur hohlen Phrase verkommen, wenn sie die Wirklichkeit von Leid und Schmerz ausblenden. Indem Metz den Blick auf die Leidenden und Übersehenen lenkt, schärft er das Bewusstsein für das, was fehlt. Sein Einspruch gegen das mitleidlose Vergessen speist sich ausser aus biografischen Erfahrungen aus dem Hunger nach Gerechtigkeit. Darin ist er im besten Sinne biblisch.“

Pfingsten – das Fest der Spiritualität

Ich mag das Pfingstfest, weil es aufmerksam macht auf den Geist Gottes, der in uns und unter uns wirkt. Einerseits gilt Pfingsten ja als „Geburtstag“ der Kirche, ist so etwas wie eine kirchliche Gründungslegende. Andererseits gilt, dass der Geist bekanntlich weht, wo er will, und sich eben nicht an die Grenzen einer Institution hält und – wo Institutionen sich verfestigen und verhärten – der lebendig machende Geist sie verlässt. Was für ein Geist ist dieser Pfingstgeist?

1. Der Pfingstgeist ist zuerst einmal der Geist des freien Wortes. Eine Gruppe von Begeisterten ergreift das Wort – ohne jegliches Amt und jegliche Autorität. Es ist ein Hauch von Speaker’s Corner in dieser Pfingstgeschichte. „Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über.“ (Mt 12,34). Pfingsten ist für mich ein urdemokratisches Fest.

2. Pfingsten ist ein Fest der Verständigung. Es ist das biblische Gegenbild zum Turmbau zu Babel. Während dort die Menschen einen gigantischen Turm bis zum Himmel bauen wollen und darüber die Fähigkeit verlieren, sich zu verständigen, sprechen sie in der Pfingstgeschichte die Sprache des Herzens und finden so zur Verständigung.

3. Pfingsten ist ein Fest der Gemeinschaft. Darum ist es eben auch der Geburtstag der Kirche. Der Pfingstgeist lässt nicht jeden in der Vereinzelung seiner Begeisterung zurück, sondern verbindet Menschen über Grenzen der Sprache, der Politik, des Geschlechts, der sozialen Gruppen und der Generationen hinweg.

4. Der Pfingstgeist ist der Geist der Freiheit. Er weht, wo er will. Keine Institution, keine Gruppierung, keine Religion kann einfach darüber verfügen. Darum kann eine Religion oder Kirche nur dann sich auf diesen Geist berufen, wenn sie Freiheit ermöglicht, die Freiheit des Wortes, der Gedanken, des persönlichen Glaubens.

5. Das hebräische Wort für den Geist ist Ruach. Es ist weiblich und bedeutet auch Wind und Atem. Mit seinem Atemhauch belebt Gott in der biblischen Schöpfungsgeschichte die Menschen. Mit jedem Atemzug bin ich als mit dem göttlichen Geist und mit allen Lebewesen verbunden.

6. Darum ist der Pfingstgeist auch der Geist der Meditation, des bewussten Atmens, der Achtsamkeit, der Präsenz im Hier und Jetzt.

7. Der Pfingstgeist ist aber auch ein kritischer Geist. Begeisterung allein kann auch ein Strohfeuer sein, kann blind machen und uns um den Verstand bringen. Drum ist es wichtig, das, was uns begeistert und erfüllt, auch der kritischen Prüfung zu unterziehen und am Massstab der Liebe und der Gemeinschaft zu messen.

8. Der Pfingstgeist ist auch ein Geist des Friedens. „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“ heisst es bei Augustin.

9. Und er ist zugleich der Geist des Wandels. Wer möchte, dass immer alles beim Alten bleibt, sollte sich besser nicht auf diesen Geist einlassen.

10. Der Geist weht, wo er will. Er hält sich nicht an Grenzen der Religion oder Konfession. Aber ich glaube, dass es zwei Dinge gibt, woran man ihn/sie erkennen kann: Der Geist lässt Menschen aufatmen und zwingt und knechtet nicht und er befähigt zu Liebe und Toleranz.

Meine Pfingstpredigt ist hier zu lesen.

 

Macht Glauben glücklich?

3. April 2011 5 Kommentare

Unter diesem Titel ist in der ZEIT ein Interview mit dem Theologen Heinrich Bedford-Strohm erschienen, das ich nur empfehlen kann. Darin sagt Bedford-Strohm u.a.: „Der Erlanger Glücksforscher Karl-Heinz Ruckriegel hat einmal verschiedene Ratschläge zum Glücklichsein gegeben, die alle die Relevanz des christlichen Glaubens unterstreichen. Etwa: Üben Sie Dankbarkeit! Dankbarkeit ist geradezu der Kern des christlichen Verhältnisses zum Schöpfer. Oder: Lernen Sie zu vergeben! Das gehört zum Kern des Vaterunsers, die Fähigkeit zur Selbstkritik und zur Erkenntnis der eigenen Schwächen. Oder: Leben Sie im Hier und Jetzt! Da denkt man gleich an die Vögel in der Bergpredigt, die weder säen noch ernten, aber ihr himmlischer Vater ernährt sie doch. Wenn also die Botschaft des Evangeliums in einer Form vermittelt wird, die den modernen Menschen berührt, dann wird Kirche zur Orientierung für das persönliche Leben heute.“

Dabei will Bedford-Strohm den Glauben keinesfalls als nützliche Strategie zum Glück verkaufen. Er hält vielmehr daran fest, dass Glauben nicht nutzenorientiert ist und die Kirche auch keine Bundesagentur für Werte sein kann. Spannend finde ich aber, wie es ihm gelingt, hier Parallelen zwischen uralten biblischen Geschichten und Glaubenseinsichten mit den Ergebnissen eines Glücksforschers in Verbindung zu bringen. Es gilt, das Schwierige leicht zu sagen – und das ist eine hohe Kunst.

Welches sind eure biblischen Motive und Geschichten, welches wären eure einfachen Sätze, die für moderne Menschen eine gute Botschaft und eine Lebenskraft sein könnten? Ich bin gespannt auf eure Gedanken und Anregungen.

Gebet für Japan

Seit etwas mehr als einer Woche verfolgen viele von uns mit grosser Anteilnahme, aber auch mit Angst und Schrecken die Ereignisse in Japan. Morgen werde ich auch den Sonntagsgottesdienst in unserer Kirchgemeinde dem Gebet für die Menschen in Japan widmen.

Die Frage der Schriftgelehrten nach einem Zeichen aus Mt 12,38-42 ist der Bibeltext für diesen Sonntag. Mit dem rätselhaften Hinweis auf das Zeichen des Jona antwortet Jesus den Schriftgelehrten. Drei Dinge sind es, die ich heute in diesem Text höre:

1. Es gibt kein Zeichen. Wer aus den Ereignissen in Japan Weltuntergangsszenarien ableiten möchte oder darin die Erfüllung apokalyptischer Prophezeiungen sieht, hat nichts verstanden. Deshalb bin ich auch froh, dass solche Deutungen in den letzten Tagen nicht zu hören waren. Was hier geschieht, fordert nicht Deutungen, sondern Mitgefühl und Anteilnahme.

2. Der Hinweis auf Jona bedeutet für mich eine Frage an unseren Lebensstil. Welche Risiken sind wir bereit einzugehen für unseren Lebensstil, unseren grenzenlosen Hunger nach billiger Energie? Ist es nicht höchste Zeit für einen Wandel unseres Lebensstils? Diese Fragen sind wichtig, auch wenn angesichts des unermesslichen Leids, die Ereignisse in Japan nicht einfach für unsere Energiedebatten eingespannt werden dürfen.

3. Das Zeichen ist der Menschensohn, also Jesus selbst in seiner Hingabe und seinem Leiden. Und das Zeichen sind wir selbst, wo wir uns berühren lassen vom Leid, wo wir solidarisch werden und uns mit Lebensmut und Hoffnung erfüllen lassen.

 

Diese Anteilnahme in Worten und Taten steht im Moment im Vordergrund. Zuhören, was die Menschen in Japan selbst zu sagen haben, ist dabei vielleicht der beste Weg. Deshalb werde ich in meiner Predigt Passagen aus dem Tagebuch der Pfarrerin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Tokio und Yokohoma Elisabeth Hübler-Umemoto weitergeben, die aus ihrem Blog aus Japan stammen. Den Hinweis darauf verdanke ich Wolfgang Vögele.

Ihre Gedanken und Erfahrungen können uns einen Einblick geben, wie Menschen in Japan diese furchtbaren Ereignisse, das Leid und die Angst erleben. Was bleibt uns, die wir das Geschehen nur hilflos aus der Ferne mitverfolgen können? Mit Spenden und mit Gebeten können wir den Menschen in Japan verbunden sein. Wir können die Ereignisse zum Anlass nehmen, unseren eigenen Lebensstil und unseren Energiehunger zu überdenken und uns fragen, welche Risiken wir dafür in Kauf nehmen und unseren Kindern und Enkeln aufbürden wollen. Wir können uns besinnen auf das eigentlich Wichtige: die anderen Menschen, die Beziehungen, das miteinander Teilen von Gedanken, Gefühlen. Wir können beten um die Gegenwart Gottes, die uns Kraft und Gelassenheit gibt, uns begeben in die Obhut des Unverfügbaren. 

Dankbarkeit

24. Oktober 2010 4 Kommentare
„Und wenn wir Menschen nicht so blind und der Güter Gottes so überdrüssig und unachtsam wären, so wäre freilich kein Mensch auf Erden, er habe noch so viel Besitz; wenns zum Tausch kommen sollte, so nähme er kein Kaisertum noch Königreich dafür, wenn er dafür der (uns allen eigenen) Güter beraubt wäre. Denn was kann ein Königreich für ein Schatz sein im Vergleich zu einem gesunden Leibe. … Wenn die Sonne einen Tag nicht schiene, wer wollte nicht lieber tot sein? Oder was hülfe ihm all sein Gut und Herrschaft? Was wäre aller Wein und Sekt in aller Welt, wenn wir einen Tag des Wassers ermangeln sollten? Was wären alle hübschen Schlösser, Häuser, Samt, Seide, Purpur, goldenen Ketten und Edelsteine, alle Pracht, Schmuck und Hoffart, wenn wir ein Vaterunser lang die Luft entbehren sollten? – Solche Güter Gottes sind die grössten und (zugleich) die allerverachtetsten und deshalb, weil sie allgemein sind, dankt niemand Gott dafür, sie nehmen sie und brauchen diesselben täglich immer so dahin, als müsste es so sein …; fahren dieweil zu, haben was uns am Herzen liegt zu tun, sorgen, hadern, streiten, ringen und wüten um überflüssiges Geld und Gut, um Ehre und Wollust und in Summa um das, welches solchen obengenannten Gütern nicht das Wasser reichen könnte.“
aus: Martin Luther, Das schöne Confitemini (zu Ps 118), 1530
 

Sehen wir einmal von der etwas altertümlichen Sprache Luthers ab, so irritiert uns vielleicht immer noch der moralisierende Unterton. Aber ich denke, dass es viel zu kurz greift, wenn wir die wunderbaren Gedanken Luthers einfach als moralischen Appell: „Gib dich zufrieden mit dem, was du hast“ verstehen würden, zumal das leicht in eine falsche Selbstzufriedenheit umschlagen kann. Aber Luthers Vergleiche können uns helfen, die Dinge wieder ins richtige Verhältnis zu setzen. Es mag uns motivieren und antreiben, immer höhere Ziele zu erreichen, aber all dies kann nichts von dem ersetzen, was zu unseren elementaren Lebensgrundlagen gehört. Und  diese elementaren Lebensgrundlagen hat Gott allen Menschen zugedacht und es gibt keine Rechtfertigung dafür, sie zu privatisieren und anderen vorzuenthalten.

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