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Posts Tagged ‘Lebenssinn’

Den inneren Menschen erneuern

Im 2. Korintherbrief, Kapitel 4, Vers 16 schreibt Paulus: „Darum verzagen wir nicht: Wenn auch unser äusserer Mensch verbraucht wird, so wird doch unser innerer Mensch von Tag zu Tag erneuert.“ Es ist der Eingangsvers des heutigen Predigttextes. Inmitten all der Erfahrungen, die uns oft müde und verzagt machen, lenkt Paulus unseren Blick auf das Unsichtbare, auf den Lebensgrund, die Quelle aus der wir trinken. Wir brauchen für unser Leben einen inneren Kompass, eine heitere Gelassenheit, damit wir nicht müde und verzagt werden.

Solch heitere Gelassenheit kann wachsen aus dem Vertrauen, dass unser Leben in Gottes Hand steht. Sie kann ein innerer Kompass für unser Leben sein. Und weil wir nicht alles von diesem Leben erwarten müssen und weil auch nicht alles auf uns ankommt, können wir hier und jetzt das uns Mögliche tun und uns immer wieder neu auf das Wesentliche konzentrieren. Das müssen keine grossen Dinge sein.

Am Ende der Predigt habe ich den wunderbaren Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch zitiert. Vor Jahren beendete er – wohlgemerkt auf der Kleinkunstbühne und nicht auf der Kanzel – seine Auftritte mit einer kurzen Zugabe als Schlusspunkt:

Ich sah einen Mann

mit seiner Frau

Beide schon älter

Die Frau war blind

Der Mann konnte sehen

Er fütterte sie

Das ist alles

Gute Nacht.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

Bereit sein

19. November 2011 1 Kommentar

Am Toten- und Ewigkeitssonntag gedenken wir in den evangelischen Kirchen unserer Verstorbenen. Bei uns ist es Tradition, dass die Konfirmandinnen und Konfirmanden für jeden Verstorbenen eine Kerze gestalten und diese bei der Verlesung des Namens des oder der Verstorbenen im Fürbittengebet anzünden. Immer wieder finde ich das ein berührendes Ritual. Wir erinnern uns der Verstorbenen, würdigen sie und bedenken, was sie für uns bedeutet und was wir mit ihnen verloren haben. Und wir bitten darum, dass wir trotz aller Trauer auch bereit sein können für das Leben das vor uns liegt.

In meiner diesjährigen Predigt habe ich zwei Gleichnisse aus dem Lukasevangelium ausgewählt (Lk 12,35-38.42-46). In beiden Gleichnissen geht es darum, bereit zu sein. Im ersten sind es die Knechte, die auf ihren Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist und sehr lange ausbleibt. Im zweiten Gleichnis sind es Verwalter, die von ihrem Herrn während dessen Abwesenheit eingesetzt worden sind. 

Ich lese das erste Gleichnis als ein Gleichnis für Trauernde. Wenn wir in Trauer sind, mag es uns manchmal auch so vorkommen, als stünde das Leben still, als sei Gott ganz weit weg. Trotzdem, sagt uns das Gleichnis: Seid bereit, wenn das Leben bei euch anklopft. Rechnet damit, dass die Hoffnung und die Freude in euer Leben zurückkehren. Unser Herr kommt und er kommt nicht als Herr, der sich bedienen lässt, sondern er kommt, um unsere Tränen abzuwischen, uns den Tisch zu decken, uns den Becher mit Wein einzuschenken. Ein glücklicher Mensch ist nicht der, der keine Trauer und keinen Schmerz kennt. Ein glücklicher Mensch ist im biblischen Denken derjenige, der in Trauer und Schmerz nicht ohne Hoffnung ist und der daran glaubt und daran festhalten kann, dass am Ende das Leben steht.

Auch im anderen Gleichnis geht es um einen Herrn, der abwesend ist, unterwegs auf einer langen Reise. Er setzt einen Verwalter ein über seine Güter. Was hat nun ein kluger und treuer Verwalter zu tun? Wir würden wohl erwarten, dass er die Güter seines Herrn gewinnbringend einsetzen, sie vermehren soll. Denn das Kapital muss ja Rendite bringen. Aber die Beschreibung im Gleichnis ist eine andere, sie ist überraschend: Der kluge und treue Verwalter ist der, der den Leuten zur rechten Zeit gibt, was sie brauchen. Der kluge und treue Verwalter ist nicht der, der Besitz anhäuft, sondern der, der austeilt. Der ist ein glücklicher Mensch. Am Ende des Gleichnisses taucht auch die andere Möglichkeit auf, dass der Verwalter überfordert ist und von seinem Auftrag abkommt. Weil der Herr solange ausbleibt fängt er an, das Personal zu drangsalieren, wird gewalttätig und säuft. In dieser krassen Schilderung führt uns das Gleichnis die Möglichkeit eines verfehlten Lebens vor Augen. Von einem solchen Leben, das nur um sich selber kreist, das gierig den eigenen Vorteil sucht und anderen Gewalt antut, von einem solchen Leben bleibt am Ende wirklich nichts. Doch selbst dann, denke ich, sollten wir diesem Urteil nicht das letzte Wort lassen. Denn auch einem verfehlten Leben leuchtet die Möglichkeit der göttlichen Vergebung.

Wer sind wir und wozu leben wir? Was bleibt am Ende? Und gibt es eine Hoffnung, die dem Tod standhält, die über das Ende unseres irdischen Lebens hinausreicht? Wir sind wie die Knechte, die auf ihren Herrn warten und bereit sind für das Leben, wenn er anklopft. Wir sind Verwalterinnen und Verwalter, Mitarbeiterinnen Gottes, deren Auftrag es ist, auszuteilen und weiterzugeben. Denn was bleibt, das ist das, was wir einander gegeben haben, was bleibt ist die Liebe, die sich verschenkt. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass wir dereinst die Bruchstücke unseres Lebens als ganzes sehen dürfen. In diesem Vertrauen können wir leben und das unsere tun, austeilen und weiter geben, was wir empfangen haben – aus Gottes Hand und durch die Menschen, die uns begegnen und durch die, die nicht mehr bei uns sind.

 Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

Gott sei Dank, dass es euch gibt!

18. September 2011 1 Kommentar

Gott sei Dank, dass es euch gibt! Das ist für mich die Kurzfassung des Textes aus dem 1. Thessalonicherbrief, über den ich heute im Gottesdienst gepredigt habe. In den Worten des Paulus: „Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unserm Gebet und denken ohne Unterlass vor Gott, unserm Vater, an euer Werk im Glauben und an eure Arbeit in der Liebe und an eure Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus.“

Gott sei Dank, dass es euch gibt! schreibt Paulus – und dann erzählt er den Thessalonichern die Geschichte ihres Glaubens: wir wissen, schreibt er, und meint damit auch: Wisst ihr noch? Und diese kleine, unscheinbare Frage ist so wichtig. Aus jeder Partnerschaft kennen wir das, wie wichtig es ist, sich von Zeit zu Zeit zu erzählen, wie das am Anfang gewesen ist, wie die gemeinsame Liebesgeschichte begonnen hat. Oder einander zu erinnern, was der andere einem in dieser oder jener Situation bedeutet hat, von schönen gemeinsamen Erlebnissen und beglückenden Erfahrungen. „Weisst du noch?“ – diese Frage hilft uns, einander und vor allem das Gemeinsame und Verbindende nicht aus dem Blick zu verlieren. Im Glauben ist es eigentlich genauso. Weisst du noch, wie damals das Gebet deiner Mutter am Bett dich in Frieden hat einschlafen lassen? Weisst du noch, welche Menschen für dich vorbildlich im Glauben waren? Erinnerst Du dich noch daran, wo dein Glaube dich durch eine schwierige Zeit hindurch getragen hat? Spürst du noch die Dankbarkeit, die dich bei einem Sonnenuntergang oder auf einem Berggipfel erfüllt hat, dieses Gefühl, dass du all dies einer wunderbaren Schöpferkraft zu verdanken hast? Solche Erinnerungen in unserer Glaubensgeschichte helfen uns, das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

Unser Lebenshaus bauen II

28. August 2011 2 Kommentare

Am Ende der Bergpredigt Jesu im Matthäusevangelium Kap. 7 heisst es: „Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Mann gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat.“ Unser Leben als ein Haus, das auf Felsen gebaut ist und in allen Stürmen Bestand hat – dieses Bild spricht eine tiefe Sehnsucht in uns an. Je stärker unser Leben von Erfahrungen des Wandels und der Instabilität geprägt ist, desto mehr sehnen sich viele Menschen nach Stabilität, Halt und Sicherheit. Gerade darin liegt aber auch das Gefährliche dieses Bildes. Es könnte die falsche Illusion wecken, es gäbe eine Möglichkeit, den Wandel und die Instabilität einfach aufzuhalten. Und dann bauen wir unser Lebenshaus statt auf felsigem Grund auf falschen Sicherheiten.

Wir können den Grund unseres Lebenshauses nicht selber legen. Den felsigen Grund unseres Lebenshauses finden wir vor. Es ist nichts, was wir selber machen können, aber es ist auch keine Lehre oder Ideologie, in die wir uns bedingungs- und gedankenlos einfügen sollen. Ich sage das so betont, weil auch heute noch viele Menschen den christlichen Glaubensgrund mit einer feststehenden Lehre, mit einer Art Ideologie verwechseln.

Der Glaubensgrund, von dem Jesus redet, ist mehr ein Weg, der zu gehen ist, als ein Standpunkt, den wir einnehmen können. Jesus sagt: „Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Mann gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat.“ Es geht ums Hören und Tun – nicht ums Jasagen. Und das, was zu hören und zu tun ist, das sind die Worte der Bergpredigt. Es geht um die Frage: in welchem Geist, in welcher Grundhaltung können wir eigentlich gut und sinnvoll leben. Und da hat die Bergpredigt in der Tat einiges zu bieten: Sie nennt die Menschen glücklich, die wir nicht unbedingt als erstes so bezeichnen würden – die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen, die Barmherzigen, die Friedensstifter. Sie fordert auf zum radikalen Verzicht auf Gewalt und Vergeltung. Sie lädt uns ein zum vertrauensvollen Beten zu einem Gott, der sich Vater nennen lässt. Sie führt plastisch vor Augen, dass der, der sein Leben auf seinen Besitz, sein Planen und Sorgen gründet, davon abhängig wird und sich sogar zum Sklaven machen kann. Sie lädt ein zur Grosszügigkeit und Barmherzigkeit gegenüber allen Menschen und fasst all dies zusammen in der goldenen Regel: „Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um.“ Das alles mag sich nicht nach einem stabilen Felsen anhören und doch gibt es unserem Leben mehr Stabilität und Grund als so vieles, von dem wir uns gewöhnlich Halt und Sicherheit versprechen.

Was wir brauchen ist ein Grundvertrauen in das Leben, das nicht von uns selbst abhängig ist. Dafür steht in unserem Glauben Gott ein, Gott, der Liebe ist und unser aller Leben hält und trägt. Was wir brauchen ist eine Ehrfurcht vor allem Lebendigen und eine Liebe zum Leben, die sich in Barmherzigkeit und Grosszügigkeit uns selbst und andern gegenüber zeigt. Haben wir nicht schon zu oft erfahren, dass die sogenannten harten Fakten das Leben eben eher hart als stabil und verlässlich machen? Könnte es nicht sein, dass es letztlich wirklich die weichen Dinge sind, die unser Leben kostbar machen und uns Halt und Sicherheit geben, die Achtsamkeit, die Fürsorge, die Liebe und vor allem das Vertrauen, das Vertrauen in den göttlichen Grund des Lebens und das Vertrauen ineinander?

Die vollständige Predigt ist zu lesen unter http://predigtkiste.blogspot.com/2011/08/predigt-zu-matth-724-27-am-28-august.html.

Unser Lebenshaus bauen

17. August 2011 2 Kommentare

Wer sein Leben auf das Vertrauen gründet,

dass in allem Gottes gute Hand ihn leitet,

der wird erschüttert werden,

aber nicht fallen.

 

Wer sein Leben auf die Hoffnung gründet,

dass auf das Dunkel der Nacht ein neuer Morgen folgt,

der wird Grund zum Klagen haben,

aber er wird nicht aufgeben.

 

Wer sein  Leben auf die Liebe gründet,

die niemanden aufgibt,

der wird Enttäuschungen erleben,

aber er wird reich beschenkt werden.

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Menschen brauchen Anerkennung und Wertschätzung

14. August 2011 1 Kommentar

Menschen brauchen Anerkennung und Wertschätzung. Jeder von uns will mehr als nur eine Nummer sein.  Dafür tun Menschen viel und oft auch recht fragwürdige Dinge. Das zeigt schon eine gelegentlicher Blick in die Medien oder etwas Aufmerksamkeit im Alltag.

Wer bin ich? Wo ist mein Platz? Was bin ich wert? Anerkennung und Ablehnung, die wir erfahren, Wertschätzung und Abwertung spielen eine entscheidende Rolle, wie wir all diese Fragen für uns beantworten. Jeder von uns möchte in seiner individuellen Eigenart und Besonderheit wahrgenommen und gewürdigt werden. Niemand möchte einfach eine Nummer sein – und das zu Recht! Das macht uns so empfindsam für die Erfahrung, nicht gewählt zu werden, für die Abwertung, die wir durch andere erfahren. Und das führt bei vielen dazu, dass sie das Leben als einen einzigen Existenzkampf ansehen, bei dem es gilt, sich zu behaupten, sich Anerkennung und Respekt zu verdienen und sich gegen andere durchzusetzen.

Um Erwählung und Wertschätzung geht es auch im heutigen Predigttext aus dem 5. Buch Mose. Er zeigt uns, dass bei Gott Wertschätzung nicht auf Leistung beruht, sondern auf bedingungsloser Liebe. Wir können und müssen uns Gottes Wertschätzung nicht verdienen. Als Menschen, die von Gott wert geschätzt sind, können wir uns aber bemühen, nach seinem Willen zu handeln. Und ich denke, dass das im Kern bedeutet: anderen mit Wertschätzung zu begegnen, diese Wertschätzung auch zu zeigen.

Was würde sich wohl verändern, wenn wir im Alltag nicht so sehr auf die Fehler und Schwächen unserer Mitmenschen achten würden, sondern auf ihre Stärken und Begabungen? Was würde geschehen, wenn wir uns etwas öfter die Mühe machten, jemandem zu sagen, was wir an ihm schätzen? Wieviel könnte gelegentlich ein einfaches Merci oder „Das ist eine gute Idee“ oder „schön das du bei uns bist“ bewirken? Wie oft wäre es auch möglich, zuerst zu würdigen, was gut ist, bevor wir kritisieren, was noch besser sein könnte? Wir können einander ermutigen und wir können einander entmutigen. Und manchmal ist es die schlimmste Entmutigung, dass wir einander gar nicht mehr richtig wahrnehmen oder es einander nicht zeigen. Darum: auf jedem von uns ruht Gottes wohlwollender Blick, jedem von uns gilt Gottes Anerkennung und Wertschätzung. Geben wir sie weiter. Blicken wir einander wohlwollend an und sagen einander, was wir schätzen – ohne Heuchelei, aber auch ohne falsche Sparsamkeit.

Die ganze Predigt ist hier zu lesen.

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Die kleinen Auferstehungsgeschichten im Alltag

23. Mai 2011 1 Kommentar

In letzter Zeit habe ich mich hier im atemhaus kaum zu Wort gemeldet, weil ich einfach zu viel zu tun hatte. Mit einer Predigt möchte ich deshalb wieder einmal ein Lebenszeichen von mir geben. Der Predigt liegt die Johannes-Fassung des wunderbaren Fischzugs zugrunde. Im Unterschied zu den anderen Evangelien erzählt das Johannesevangelium diese Geschichte ja als nachösterliche Begegnung mit dem Auferstandenen.

Sie war 32 Jahre alt und eine aufgestellte Frau. Sie führte eine glückliche Ehe und
fühlte sich von ihrem Mann geliebt und unterstützt. Gemeinsam freuten sie sich
über ihre drei Kinder. Thomas war gerade in die Schule gekommen, Tamara im Kindergarten
und im Sommer sollte es bei Tobias dann auch losgehen mit dem Kindergarten.
Beruflich hatte ihr Mann eine befriedigende Arbeit und eine halbwegs sichere
Stelle und sie selbst arbeitete noch Teilzeit und genoss es, ihren Beruf weiter
auszuüben und den Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen zu haben. Sie war
gerne Mutter, aber sie brauchte auch ihren Beruf, diese ganz andere
Beanspruchung. 32 Jahre war sie alt und eine glückliche Frau.

Doch dann kam dieser 3. Mai. Es war ein herrlicher Frühlingstag. Er wollte nur
eine kurze Spritztour mit seinem Töff machen. Doch er blieb länger als erwartet
aus und sie fing an, sich Sorgen zu machen. Und dann kamen sie und überbrachten
die schreckliche Nachricht. Ein Autofahrer hatte ihm die Vorfahrt genommen und
er war auf der Stelle tot gewesen. Fassungslos stand sie den beiden Polizisten
gegenüber. Sie brachte kein Wort mehr heraus, konnte zuerst gar nicht weinen,
wollte es nicht wahrhaben. Erst allmählich realisierte sie, was wirklich
geschehen war.

In der ersten Zeit hatte sie viel Unterstützung und sie liess es sich auch gerne
gefallen. Ihre Welt war zusammengebrochen und niemand erwartete von ihr, dass
sie einfach funktionierte wie bisher. Ständig war jemand da, der ihr Hilfe
anbot oder zuhörte oder mit ihr Erinnerungen austauschte von früher. Aber mit
der Zeit, so dachte sie, sollte die alte Energie und Tatkraft wieder
zurückkehren. Man kann ja nicht ewig trauern. Klar, sie wusste, dass es nicht
mehr werden würde wie früher. Aber zumindest sie wollte wieder ganz die Alte
werden, dass war sie sich und ihm und ihren Kindern schuldig. Und dieses Gefühl
„Ich muss“, das wurde immer mehr zu einem ungeheuren Druck. Sie wartete auf den
Tag, an dem der Schalter wie umgekippt wäre, ihre Energie und Tatkraft zurückkehrte,
sie die alte Leichtigkeit wieder spüren könnte.

Im Gespräch mit einem guten Freund sagte sie: „Weißt du, was mich am meisten
deprimiert, das ist diese bleierne Schwere, dass ich manchmal einfach nicht mag
und mir noch die kleinsten und alltäglichsten Dinge so ungeheuer viel Kraft
brauchen. Ich spüre keine Energie, keine Kraft in mir. Alles braucht so viel
Zeit und es fällt mir oft schwer mich aufzuraffen, etwas anzupacken oder zu
unternehmen. Und ich habe das Gefühl, dass mir nichts mehr wirklich gelingt.
Und wenn mir etwas gelingt, dann habe ich oft sogar Mühe, mich wirklich daran
zu freuen. Sehnsüchtig warte ich auf den Tag, an dem ich wieder die alte Kraft
und Lebensenergie habe und manchmal zweifle ich daran, ob dieser Tag jemals
kommt.“

„Ich denke“, antwortete er, „dass ich dich ganz gut verstehen kann. Vor einigen
Jahren als es in unserer Ehe so schwierig geworden ist, ging es mir ähnlich.
Ich weiss natürlich, dass meine Ehekrise nicht zu vergleichen ist mit dem, was
du durchgemacht hast. Und wir haben wieder einen gemeinsamen Weg gefunden und
dein Mann ist tot und wird nie wieder zurückkehren. Aber was du beschrieben
hast, das habe ich in dieser Zeit auch erlebt, diese bleierne Schwere, die sich
über alles legt. Auch ich habe den Tag herbeigesehnt, wo mir einfach alles
wieder so leicht von der Hand geht wie früher. Ich war total verunsichert. Was
war ich noch wert? Ich war wütend auf Marianne, weil sie mich ständig
kritisierte und zugleich nahm mir ihre Kritik jegliches Selbstvertrauen. Ich
war wie gelähmt und erstarrt. Alles schien so hoffnungslos.“

„Genau so fühle ich mich auch oft. Und ich glaube, es tut mir gut, wenn ich das von
dir höre. Manchmal fange ich ja wirklich an zu zweifeln, ob meine Reaktion noch
normal ist. Wenn’s dir genau so gegangen ist, fühle ich mich weniger allein.
Aber Mühe macht mir diese Situation trotzdem.“

„Klar. Sie ist ja auch furchtbar. Ich habe in jener Zeit in einem Gottesdienst die
Geschichte gehört, wie Jesus seinen Freunden nach Ostern am See Tiberias
erschienen ist. Ich weiss nicht mehr, was der Pfarrer gepredigt hat, aber ich
weiss noch genau, wie mir durch den Kopf gegangen ist: mir geht es doch genau
so wie diesen Fischern, bei allem Bemühen bleiben meine Netze leer. Meine
Arbeit ist zäh und geht mir nicht von der Hand und mit Marianne komme ich nicht
vom Fleck. Ach, sässe doch bei mir auch einer wie Jesus am See und zeigte mir,
wo ich meine Netze auswerfen soll. Ein wunderbares Gelingen all dessen was ich
tue, das wäre es, was ich bräuchte. Aber wer erlebt heute schon Wunder. Und
genau an jenem Abend sagte Marianne zu mir: entweder unternehmen wir etwas oder
es ist aus zwischen uns; dieses Schweigen, dieses Misstrauen halte ich nicht
mehr aus. Heute würde ich sagen, dass das für mich so etwas war wie die
Begegnung der Fischer mit dem am Seeufer sitzenden Jesus. Dieser Eklat hat mich
gelehrt, meine Netze anders auszuwerfen, nicht zuzudecken, im Stillen oder
halblaut zu murren, Dinge lieber nicht ansprechen oder wahrhaben zu wollen. Es
war ein mühsamer und schmerzhafter Weg. Es war nicht einfach alles wie von
Zauberhand weggeblasen und es hätte genau so gut mit einer Trennung enden
können. Aber ich glaube, selbst dann wäre ich heute froh über jenen Abend, weil
er der entscheidende Anstoss zur Klarheit war und mir mit einem Schlag gezeigt
hat, wie viel Energie die vorherige Situation gekostet hat.“

„Wenn du die Geschichte von Jesus am See Tiberias erzählst, dann wird mir noch etwas
anderes klar: weder sollen wir auf ein Wunder warten, dass mit einem Mal alle
Schwere von uns nimmt, noch können wir den Zeitpunkt, wo sich unsere Netze
füllen, herbeizwingen. Wir können nur geduldig warten und mit offenen Augen
durch die Welt gehen. Und wahrscheinlich braucht es viel eher den Blick für die
kleinen Erfolgserlebnisse, die kleinen Schritte auf dem Weg zu neuer Kraft und
Lebensenergie. Wenn wir nur auf das grosse Wunder warten, verpassen wir die
kleinen alltäglichen Wunder.“

„Übrigens: Am Ende der Geschichte essen die Jünger mit Jesus. Sie teilen das Brot und die
Fische. Auch das erinnert mich daran, wie oft ich schon dadurch neue Kraft und
Lebensenergie bekommen habe, dass ich mit anderen bei Tisch gesessen bin oder
mit ihnen geredet oder gesungen habe. Es ist für uns wirklich nicht gut, wenn
wir alleine sind und alles mit uns selber ausmachen.“

„Wahrscheinlich ist es wirklich so: wir brauchen Vertrauen in die Menschen und wir brauchen
Vertrauen in Gott – und beides können wir nicht erzwingen. Die Jünger haben
gemerkt, dass Jesus, den sie für tot gehalten haben, bei ihnen ist, dass sie
nicht allein sind. Und dieses Vertrauen, dass ich nicht allein bin, das brauche
ich auch. Dann kann ich auch die leeren Netze, die lähmende Müdigkeit aushalten
und hoffen und vertrauen, „dass Gott den Müden Kraft gibt und Stärke genug den
Unvermögenden und dass die auf den Herrn harren, neue Kraft kriegen, dass sie
auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass
sie wandeln und nicht müde werden“. Das ist überhaupt einer meiner
Lieblingsverse aus der Bibel. Nur vergesse ich ihn manchmal, wenn ich mich so
müde fühle.“

Die Geschichte und das Gespräch habe ich natürlich frei erfunden. Aber
vielleicht entdecken sie Erfahrungen und Gefühle daraus bei sich selbst wieder.
Und ich denke, dass auch unsere Auferstehungsgeschichten heute sich wie damals
bei den Jüngern mitten im Alltag abspielen, da wo wir gefangen sind in unseren
Enttäuschungen, in schmerzlichen Erfahrungen, in lähmender Müdigkeit und wo wir
plötzlich ahnen: er ist da und er zeigt uns, wo wir unsere Netze auswerfen können,
wo sich Wege für uns auftun, die wir bisher gar nicht gesehen haben. Es sind
die kleinen Auferstehungsgeschichten im Alltag, die uns Mut machen, wenn wir
sie denn wahrnehmen und die uns mit neuer Kraft erfüllen. Und manchmal dürfen
wir entdecken, dass aus dem was zerbrochen und verloren ist, etwas Neues
hervorwachsen kann. Erzwingen lässt es sich nicht, aber hoffen und glauben und
geduldig erwarten. Darum bitten wir Gott, dass er sich uns zeigen möge in den
erfolgreichen und in den erfolglosen Fischzügen unseres Lebens und in uns den
Glauben und das Vertrauen stärke, die wir vielleicht schon verloren geglaubt
haben.